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Humanistentag 2014: „Lieber Heidenspaß statt Höllenqual! – Aktionen zum Katholikentag“

Zuletzt aktualisiert von Poldi am 1. Juni 2014 - 2:15

Interviews mit dem Polit-Aktivisten David Farago (Giordano-Bruno-Stiftung) und dem Künstler Wolfgang Sellinger („Galerie der Kirchenkritik“)

Vom 28. Mai bis 1. Juni 2014 veranstaltet der Bund für Geistesfreiheit (bfg) Bayern, eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, den „Humanistentag 2014“ in Regensburg – als Alternative zum Katholikentag. Ein wesentlicher Teil des Humanistentags sind öffentliche Aktionen in der Innenstadt, um ins Gespräch mit den Gästen des 99. Deutschen Katholikentags zu kommen. Der Polit-Aktivist David Farago aus der Bertolt-Brecht-Stadt Augsburg ist auf einem selbst gebauten Wagen mit der Aktion „11. Gebot: Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen“ (www.11tes-gebot.de) am Regensburger Dom unterwegs. Der Künstler Wolfgang Sellinger aus der alten Bischofsstadt Eichstätt präsentiert an der Ecke Schwarze-Bären-Straße/Kapellengasse seine „Galerie der Kirchenkritik“ (www.galerie-der-kirchenkritik.de).

Frage: Herr Farago, als stellvertretender Landesvorsitzender des Bund für Geistesfreiheit (bfg) und Regionalgruppen-Koordinator der Giordano-Bruno-Stiftung sind Sie auf dem Katholikentag mit einer eigenen Aktion unterwegs. Was hat es damit auf sich?

David Farago: Ich bin kein Mensch der großen Theorien und der tiefschürfenden philosophischen Debatten, das überlasse ich gerne anderen, die das besser können. Mir liegen die praktischen politischen Aktionen, einfach auf die Straße zu gehen und mit den Menschen ins Gespräch zu kommen – gerne auch über Provokationen, denn die sorgen automatisch für Debatten.
Zum Katholikentag wollte ich zusammen mit einigen Aktiven der Giordano-Bruno-Hochschulgruppe Trier eine direkte politische Forderung stellen und als wir uns mit der Finanzierung solcher Großveranstaltungen beschäftigte, war schnell die Idee geboren: „Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen“. Alleine der jetzige Katholi-kentag verschlingt 3 Millionen Euro, davon 700.000 Euro der Stadt Regensburg. Trotzdem verlangt die Kirche in Regensburg 79 Euro Eintritt für den gesamten Katholikentag, immerhin noch 25 Euro pro Einzelveranstaltung. Bei dem milliardenschweren Vermögen der römisch-katholischen Kirche in Deutschland hätte sie den Katholikentag aus der „Portokasse“ bezahlen können. Doch es geht auch anders: Der Humanistentag bekommt keine staatlichen Mittel und verlangt keinen Eintritt. So sollte auch die Kirche sich verhalten.
Die Figur haben wir direkt vor den Dom „gepflanzt“, um beim Katholikentag Diskus-sionen auszulösen. Wir wollen sie auch beim nächsten Kirchentag in Stuttgart 2015 und beim 100. Deutschen Katholikentag in Leipzig 2016 einsetzen. Vorfinanziert wurde die Aktion „11. Gebot“ über die Giordano-Bruno-Stiftung (www.giordano-bruno-stiftung.de), die sich damit am Humanistentag beteiligt. Wir freuen uns aber über Spenden unter dem Stichwort „Humanistentag 2014“ an Kreissparkasse Rhein-Hunsrück, Internationale Kontonummer IBAN: DE40 5605 1790 0002 2222 22, Internationale Bankleitzahl BIC: MALADE51SIM.

Frage: Wie ist die Resonanz der Katholikentags-Gäste auf Ihre Aktion?

David Farago: Selbstverständlich gibt es die üblichen Reaktionen von Fundamenta-listen, die mit „furchtbaren Höllenqualen“ drohen. Doch ich hätte mit sehr viel mehr Kritik gerechnet, es gibt nur wenige Beschimpfungen und Beleidigungen. Viele Priester und Patres haben sogar Fotos gemacht, hielten die Aktion für einen Teil des Katholikentags. An den hohen Eintrittspreisen stoßen sich nämlich viele Besucherinnen und -Besucher, insbesondere wenn wir über die 3 Millionen Euro an Staatszuschüssen berichten.
Auf Flugblättern informieren wir allgemein über die Kirchenfinanzierung in Deutsch-land und bemerken hier einen großen Aufklärungsbedarf bei den Gläubigen. Nur wenige Menschen wissen beispielsweise, dass die Bischofsbesoldung in Deutschland aus Staatsmitteln getragen wird. Pro Jahr fließen so rund 500 Millionen Euro Steuergelder an die Kirchen, in Bayern alleine gingen schon im Jahr 2011 rund 62 Millionen Euro an Bischöfe, Weihbischöfe und die Domkapitel. Inzwischen dürfte der Geldbetrag noch höher liegen. Wir sind der Meinung, dass die Kirchen sich selbst finanzieren sollen. Über weitere Aktive, die sich an den Aktionen beteiligen, freuen wir uns natürlich.

In der Bildmitte steht David Farago auf seinem Wagen. Die beigefügten Fotos von Herbert Baumgärtner können bei Nennung des Fotografen im Zusammenhang mit diesem Interview frei genutzt werden.

Die beigefügten Fotos von Herbert Baumgärtner können bei Nennung des Fotografen im Zusammenhang mit diesem Interview frei genutzt werden.
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Frage: Herr Sellinger, was ist die „Galerie der Kirchenkritik“ und wann haben Sie damit begonnen?

Wolfgang Sellinger: Im Jahr 2010 habe ich ein „Kirchenaustrittsbüro“ in der katholischen Bischofsstadt Eichstätt gegründet, wo Menschen sich zum Kirchenaustritt beraten lassen konnten. Auf Antrag und bei Nachweis des Austritts habe ich den Kirchenaustritt sogar bezahlt, das kostet in Eichstätt 36 Euro. Die Aktion lief gleich sehr erfolgreich an, bereits 2011 verzeichnete das Bistum Eichstätt prozentual die höchste Steigerungsrate an Kirchenaustritten in Bayern. Das führe zumindest teilweise auf das „Kirchenaustrittsbüro“ zurück.
Ab 2012 habe ich meine künstlerischen Talente genutzt und die „Galerie der Kirchenkritik“ eröffnet. An und in einem Gebäude zwischen Dom und Bischofssitz habe ich großformatig kirchenkritische Motive aufgehängt, meistens eine Mischung aus Fotografie oder Zeichnung und einem deftigen, provokativen Spruch. Das hat mir über 70 Anzeigen bei der Polizei gemäß „Blasphemie“-Paragraphen 166 des Strafgesetzbuches eingebracht, allerdings ohne eine Verurteilung. Die Kriterien dafür liegen sehr hoch, weil in der Regel der Grundgesetz-Artikel 5 Absatz 3 zur Freiheit der Kunst als höherrangig angesehen wird gegenüber dem mittelalterlichen Blasphemie-Paragraphen.
Oft werde ich gefragt, warum ich mir das antue. Die Antwort ist einfach: Wenn von über 80 Millionen Deutschen sich sonst niemand an solche konfrontative Kirchenkritik wagt, dann muss ich es eben machen. Und kein Ort ist geeigneter als Eichstätt: Wir haben in unserem kleinen Ort 15 Kirchen, 6 Klöster und eine katholische Universität, die zu 85 Prozent vom Staat finanziert wird. Es gibt meines Wissens überhaupt nur noch eine weitere katholische Universität in Europa, nämlich die „Kaderschmiede“ des Vatikans, die „Gregoriana“ in Rom. Bei so starker katholischer Präsenz in Eichstätt müssen die christlichen „Religioten“ eine „Galerie der Kirchenkritik“ ertragen, ob mit oder ohne Schmerzen.

Frage: Wie reagieren die Passantinnen und Passanten in Regensburg auf Ihre provokative Kirchenkritik?

Wolfgang Sellinger: Trotz des Dauerregens der ersten zwei Tage halten sich viele Leute in der Stadt auf, vermutlich gibt es viele „Festbucher“, die ihr in den Katholikentag investiertes Geld „abarbeiten“ wollen. Bisher hatte ich erst drei wirklich unsympathische Begegnungen mit „Turbo-Christen“, die alleine schon von der Tatsache beleidigt waren und aggressiv reagierten, weil wir nicht für die Kirche Stellung beziehen. Ansonsten hört man öfter die Frage, ob wir nur provozieren wollten oder auch Argumente hätten, was wir gerne mit einer Sachdiskussion aufgreifen. Viele sind auch einfach nur amüsiert.
Diese Provokation ist wichtig. Denn als aktives Mitglied im bfg Neuburg/Ingolstadt stelle ich immer wieder fest, dass die meisten unserer Mitglieder des „Bund für Geistesfreiheit“ (bfg) zwar gerne debattieren und sich über die Zustände beschweren. Doch Änderungen erreicht man nach meiner Überzeugung nicht mit „Altherrenstammtischen“ oder mit langweiligen Infoständen, sondern nur durch mutige Aktionen. Wir müssen dort sein, wo die Kirche selbst sich öffentlich darstellt und Präsenz zeigen. So kommt man auch gerade mit der jüngeren Generation ins Gespräch und kann wirkungsvoll Kirchenkritik betreiben.
Ich bin beispielsweise zweimal im Jahr mit der „Galerie der Kirchenkritik“ beim Münchner Straßenfestival „Corso Leopold“ mit über 100.000 Besuchern und mache dabei sehr positive Erfahrungen. Zuletzt war ich bei der Bischofskonferenz in Trier präsent, und auch dort war unser Stand ein großer Erfolg. Gerade in modernen Medien wie dem Internet sollten wir als Bewegung der Humanisten und Freidenkern verstärkt Flagge zeigen. Es gibt bisher nur wenige Seiten in hoher Qualität, die auf künstlerische Art und Weise Kirchenkritik betreiben. Bei mir kann man bequem und themenorientiert durch eine virtuelle Galerie blättern, fast wie wenn man durch eine reale Kunstgalerie wandert. Alle kirchenkritischen Geister sind herzlich eingeladen, sich unter www.galerie-der-kirchenkritik.de umzuschauen!

Mehr Informationen:

www.humanistentag2014.de

Kontakt:

- Erwin Schmid, Vorsitzender des bfg Bayern, E-Mail: vorsitzender(at)bfg-bayern.de
- Michael Kraus, Pressesprecher des Humanistentag 2014, Tel. 0151-12411239, E-Mail: bfg_regensburg(at)yahoo.de

Das Interview gibt es auch als PDF-Datei zum Download