Nationalsozialismus
In meinem letzten Beitrag ging es um „Die Kirchen im Banne des Nationalsozialismus“.[1] Diesmal geht es nun um unsere eigene Organisation und um die verschiedenen weiteren freigeistige Bewegungen im Umgang mit dem Nationalsozialismus.
Außerdem werde ich in meinen Ausführungen auch auf Gruppen eingehen, die zwar kirchenfern oder auch kirchenfeindlich, aber eben nicht freigeistig eingestellt waren. Ich meine hier besonders Kulte, die das Völkische und das Germanentum pflegten, rassistisch waren und die den Formen der NS-Ideologie von vorne herein nahe standen. Diese Gruppen waren gegen Geistesfreiheit und haben die freidenkerischen, aber auch freireligiösen Gruppierungen in der Weimarer Zeit immer wieder diffamiert und auch verfolgt.
Leider hat es dann während der NS-Zeit zu einigen dieser Kulte – und das darf keinesfalls verschwiegen werden – zeitweise problematische Verbindungen gegeben, doch dazu später.
Gehen wir zum Verständnis der Zusammenhänge etwas in die Geschichte zurück. Einige wenige Passagen meines Vortrages stammen übrigens aus meinem Buch „Kritische Geschichte der Religionen und freien Weltanschauungen“.[2]
1. Die verschiedenen freigeistige Bewegungen im Kaiserreich.
Die meisten freireligiösen, freigeistigen, freidenkerischen Bewegungen sind Kinder des 19. Jahrhunderts, einige sind im 20. Jahrhundert dazugekommen.
Ich möchte kurz auf deren Entstehungsgeschichte zurückkommen, damit wir ihre weitere Entwicklung besser verstehen. Dies kann hier natürlich nur plakativ geschehen.[3]
Zur Klärung zunächst folgendes: Die großen christlichen Kirchen weisen fast von Anbeginn autoritäre Strukturen auf. Im Gegensatz dazu sind die freigeistigen Bewegungen Kinder der Aufklärung, und sie sind durchwegs auf demokratischer Grundlage entstanden, haben demokratische Verfassungen und einen entsprechenden Aufbau. An der Spitze der katholischen Kirche steht bekanntlich der Papst, der nicht von seinem Kirchenvolk gewählt ist, genauso wenig wie die von ihm ernannten Kardinäle und Bischöfe, ja sogar der kleinste Pfarrer wird nicht vom Kirchenvolk gewählt, und die gewählten kirchlichen Organe sind den eingesetzten Organen total unterworfen. In der evangelischen Kirche ist es bis heute prinzipiell nicht anders. Bis 1918, bis zum Ende des Kaiserreiches waren bekanntlich die Landesherren, in Preußen der Kaiser, oberster Dienstherr der Landeskirchen.
Die erste größere freigeistige Bewegung war die freireligiöse. Sie ist ein Kind der revolutionären Bewegung des Vormärzes, also der Zeit vor der Revolution von 1848. Sie ist durch aufgeschlossene kritische Kräfte 1844 ins Leben gerufen worden, auf dem Hintergrund eines offenen Briefes von Johannes Ronge, der sich gegen die Ausstellung des so genannten „Heiligen Rockes zu Trier“ opponierte. Man nannte sich zunächst „Deutschkatholiken“, wandte sich gegen die reaktionären Kräfte in den Kleinstaaten und gegen religiöse Bevormundung. Auf diese Gruppierung stießen fortschrittliche Leute der evangelischen Seite, vor allem die so genannten „Lichtfreunde“. Es entstanden freie Gemeinden, die sich aktiv an der Revolution von 1848 beteiligten , sich für die Trennung von Staat und Kirche einsetzten, für sozialen Fortschritt und natürlich für Demokratie. Aus diesen freien Gemeinden kamen mehrere Abgeordnete, die dem linken Flügel des ersten freien deutschen Parlaments, der verfassungsgebenden Versammlung von 1848/49 in der Paulskirche in Frankfurt angehörten an. Robert Blum war der bekannteste Führer dieses linken Flügels und einer der bedeutendsten Köpfe in der entstehenden freireligiösen Bewegung. Er wurde in Wien von kontrarevolutionären Kräften standrechtlich erschossen. Nach der Niederschlagung der ersten demokratischen revolutionären Bewegung in Deutschland wurden in der Folge die freireligiösen Gemeinden unterdrückt und vielerorts verboten. Gegen Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts konnten sie sich wieder entfalten, meist unter dem gemeinsamen Namen „Freireligiöse Gemeinde“.
Man kann feststellen, dass von Anfang an die Entwicklung nicht überall gleich verlief. So blieben die freireligiösen Gruppierungen in Südwestdeutschland stärker religiösen Vorstellungen zugetan. In anderen Gebieten, z.B. in Bayern, machten sie sich zunehmend davon frei. Hintergrund dafür waren politische und gesellschaftliche Umstände und natürlich auch die Individualität der Persönlichkeiten, die in den Gemeinden wirkten. So musste der Prediger und Sprecher Carl Scholl (1820-1907), der zunächst in Mannheim wirkte, von dort wegen seiner fortschrittlichen Ansichten weggehen. Er trat beispielsweise dafür ein, dass Frauen in den Gemeinden gleichberechtigt sein müssten, er wollte als Prediger keinen Talar anlegen, usw. Für damals eine Sensation! Er ging nach Franken, war zunächst in Schweinfurt und dann vor allem in Nürnberg tätig, wo er hohe Anerkennung genoss und hier fortschrittlich-aufklärerische Gedanken in die Gemeinschaft trug.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts machten die Naturwissenschaften riesige Fortschritte. Die Lehren Darwins wurden in der Arbeiterbewegung bekannt und verbreitet und natürlich auch von den freireligiösen Bewegungen in ihr Weltbild mit einbezogen. Allerdings bedeutete dies nicht überall, dass die „Freireligiösen“ zu Atheisten wurden.
Mehr atheistisch Gesinnte gründeten 1881 den „Deutschen Freidenkerbund“, zu dessen Gründern auch der Sprecher der Freireligiösen Gemeinde Nürnberg, Carl Scholl, gehörte.
Vor dem Hintergrund des sich stärker entwickelnden Darwinismus wurde von dem bedeutenden deutschen Naturwissenschaftler Ernst Haeckel 1906 der „Monistenbund“ gegründet, ein Verein dem viele Naturwissenschaftler angehörten.
Nachdem auch die sozialistischen Bewegungen an Bedeutung zunahmen, entstand schließlich noch 1908 der „Zentralverband proletarischer Freidenker“.
1905 entwickelte sich eine freidenkerische Freimaurerloge, die sich gegen die sonst dort üblichen religiösen Kulte und die Geheimnistuerei wandte und stark öffentlichkeitswirksam auftrat: der „Freimauerbund Zur Aufgehenden Sonne“ mit Sitz in Nürnberg. Zu den Mitgliedern zählten Leute aus verschiedenen freigeistigen Verbänden, ja auch proletarische Freidenker. Von hier kam beispielsweise Hermann Müller. Der bekannte Wissenschaftler Wilhelm Ostwald wurde dort „Ehrengroßmeister“.[4]
In allen Verbänden wandte man sich gegen die Verbindung von Thron und Altar und war meist auch antimilitaristisch eingestellt. Gemeinsam – und unter Einbeziehung weiterer Gruppen – gründete man das „Komitee Konfessionslos“, wo Leute wie Ernst Haeckel, Wilhelm Ostwald, Arthur Drews, aber auch Politiker wie Karl Liebknecht auftraten und zum Austritt aus den Kirchen aufriefen. Man startete häufiger gemeinsame Aktionen, setzte sich für die Trennung von Staat und Kirche, die Entklerikalisierung des Schulwesens und für die Gleichberechtigung der Frau ein. Man warb für die Feuerbestattung, die Verbreitung de darwinistischen Entwicklungslehre oder befasste sich mit sonstigen kultur-politischen Fragen. Für gemeinsame Arbeit hatte man zusammen mit anderen Verbänden das „Weimarer Kartell“ geschaffen.[5]
Als der 1. Weltkrieg ausbrach, fielen die meisten Mitgliederverbände der allgemeinen Propagandamaschinerie anheim und unterstützten den Kaiser und seine Kriegpolitik. Es gab in allen freigeistigen Verbänden aber auch Ausnahmen, und wir finden Kriegsgegner von Anfang an: so Karl Liebknecht vom Komitee Konfessionslos, Carl von Ossietzky [6] von den Monisten oder Otto Rühle von den Freidenkern um nur einige Namen zu nennen.
In der Kaiserzeit hatten sich auch kirchenkritische völkische Gruppierungen entwickelt, beispielsweise die Thule Gesellschaft, wie ich dies in meiner letzten Abhandlung „Die Kirchen im Banne des Nationalsozialismus“ näher ausgeführt habe. Diese Gruppen standen den freireligiösen, freidenkerischen aber auch monistischen Verbänden von Anfang an feindlich gegenüber und lehnten materialistische oder naturalistische Auffassungen entschieden ab. Auf die weitere Entwicklung dieser Verbände in der Weimarer Zeit und in der NS-Zeit komme ich noch.
2. Das Verhalten der freigeistigen Bewegungen vom ersten Weltkrieg bis zur Hitlers Machtergreifung
Je länger der Krieg dauerte, umso stärker wurden die Kräfte, welche diesen imperialistischen Krieg ablehnten. Dadurch kam es in den einzelnen Organisationen zu schweren internen Auseinandersetzungen, so auch im Weimarer Kartell. Vor diesem Hintergrund verlor z.B. der Monistenbund an Bedeutung, obwohl führende Leute dieses Verbandes zunächst den 1. Weltkrieg begeistert begrüßt hatten.
In der Weimarer Zeit von 1919 bis 1933 finden wir große Kirchenaustrittsbewegungen in Deutschland, und die Zahl der Mitglieder in freigeistigen Verbänden nahm gewaltig zu. 1910 hatte man in Deutschland nur etwa 250.000 „Dissidenten“ gezählt. ( = Menschen, die außerhalb einer staatlich anerkannten Religionsgemeinschaft standen).
„1932 gehörten schließlich zwei Millionen Deutsche keiner christlichen Religionsgemeinschaft an, das sind 3,5 % der Bevölkerung.“ [7]
Anders als heute war es damals häufig so, dass man als Dissident, also als kirchenfreier Mensch, sich entsprechenden kirchenfreien Organisationen anschloss, zumindest dem „Verein der Freidenker für Feuerbestattung“ angehörte.
In den bestehenden Verbänden wurden meist germanophile, militaristisch eingestellte Personen und Gruppen ausgeschlossen, ausgegrenzt, oder diese traten selbst aus. In den zwanziger Jahren gab es in den Freidenkerverbänden und in den freireligiösen Gemeinde dann nur wenige nationalistisch-rassistisch denkende Vertreter. Diese Entwicklung finden wir auch im Monistenbund, der zunächst mehr Mitglieder mit rassistischen und völkischen Vorstellungen hatte.
Horst Groschopp geht auf diese Entwicklung ein:
„Den endgültigen Anlass zur Trennung der völkischen Richtung von der Freidenkerei lieferten die Jahre 1921/22, als sich Sozialisten und Demokraten in der deutschen Freidenkerbewegung, unter Einschluss von Kommunisten, zunächst zum Volksbund für Geistesfreiheit (VfG) und dann zur Reichsarbeitsgemeinschaft der freigeistigen Verbände der deutschen Republik (Rag) zusammenschlossen. Die Leitung des VfG übernahm der sozialdemokratische Freidenker und Gründer des Bundes der freien Schulgesellschaften Georg Kramer (gest. 1945) aus Breslau. Die Geschäfte führte der freireligiöse Vorsteher der Leipziger Gemeinde Carl Peter. Einige Gemeinden Südwestdeutschlands um die Prediger Georg Pick und Gustav Sprenger (beide Mainz), Clemens Taesler (Frankfurt) und Arthur Drews (Karlsruhe) traten daraufhin aus dem Bund wieder aus.“[8]
Dem „Verband Freireligiöser Gemeinden Süd- und Westdeutschlands“ waren die Dachverbände angeblich zu politisch und zu wenig religiös. Auffallend ist, wie wir später sehen werden, dass gerade dort mehr Vertreter anfällig wurden für die Gedanken des NS-Regimes. Es gab dann auch viele südwestdeutsche Gemeinden, die in der NS-Zeit nicht verboten wurden.
Obwohl die genannten Verbände dem Volksbund nicht angehörten, nahm dort die Anzahl der Mitgliedsgemeinschaften zu, und so gab es 1927 beispielsweise 156 Ortsgemeinden.
Der Gemeinschaft der proletarischen Freidenker gehörten 1924 über 100.000 Mitglieder an. Im „Verband für Freidenkertum und Feuerbestattung“ waren 1929 bereits 600.000 Mitglieder.
Die verschiedenen Verbände riefen immer wieder mit Nachdruck zum Kirchenaustritt auf. Der bekannte Arbeiterdichter aus der Weimarer Zeit, Erich Weinert, schrieb in seinem Gedicht „Bist du noch in der Kirche?“:
Die Kirchenherrschaft ist eine
Gefahr,
Die mit allen Mitteln bekämpft werden muß!
Heute verbietet sie uns schon, wie ihr wißt,
Sie als das zu bezeichnen, was sie ist.
Die Geistesfreiheit, die sie irritiert,
Wird mit staatlichem Gummi hinwegradiert.
Doch wenn sie uns auch zum Schweigen zwingen -
Es gibt noch ein Mittel, legal und erlaubt,
Womit man den geistlichen Finsterlingen
Den Boden
unter den Füßen raubt:
Wenn die Millionen den
Austritt erklären,
Die innerlich nicht mehr zur Kirche gehören,
Das wär für die Reaktion ein Schlag,
Den kein Gesetz zu verhindern vermag!
Doch die, die sich jetzt nicht endgültig trennen,
die sollen sich ja nicht mehr Kämpfer nennen![9]
Gegen die sich ausbreitenden freigeistigen Verbände wetterten - oft gemeinsam - die Kirchen, die reaktionären Kräfte und die stärker werdenden Nationalsozialisten. Häufig kam es zu Schikanen und zu Verboten von Veranstaltungen.
Wie schon betont, entwickelten sich kirchenfreie und kirchenkritische Bewegungen nicht nur im linken und demokratischen Sektor. Wenn auch mit geringen Mitgliederzahlen, so bildeten sich immerhin Gruppierungen, welche auf Gedanken von Vereinigungen aufbauten, die vor dem ersten Weltkrieg ihr Unwesen trieben, wie die Thule-Gesellschaft und weitere völkische Gruppierungen. Diese hatten das Christentum mehr oder weniger abgelegt, aber dafür esoterisch-religiöse germanophile Vorstellungen entwickelt. In diesen Gruppen spielte häufig die „Vorsehung“ und das Auserwähltsein der Deutschen bzw. Germanen oder auch nur der eigenen Gruppe eine große Rolle.
Deutschtümelei, Herausstellung des Germanen als eine besondere Rasse kamen zum Ausdruck, auch in der Literatur. So fand etwa das 1922 erschienene, pathetisch esoterische Buch „Die dreizehn Bücher der deutschen Seele“ von Wilhelm Schäfer, einem reaktionär-faschistischen Dichter, rasch Verbreitung. Darin hieß es zum Beispiel:
„Ein Volk kann nur leben im Bewusstsein seiner Sendung, d.h. in der Gläubigkeit seiner Ideale, die wiederum nur in den letzten Dingen, nicht in bloßen Interessen verankert sein können...
„Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen Tun! hat uns ein Großer gesprochen: ich bin gewiss, dass unsere Sache in dieser Stunde etwas anderes sein muss als Ohmacht der Vergeltung; aber ich bin auch gewiss, dass unsere Sache die der Menschheit, dass sie Gottes Sache nur sein kann, wenn sie aus der Brunnentiefe unserer Herkunft die eigene ist. Der deutsche Gott ist uns kein Donner- und Zaubergott über den Wolken, sein auserwähltes Volk zu strafen und belohnen...“[10]
Pathetisches Gehabe finden wir immer wieder in den rassistisch ausgeprägten reaktionären Gruppen. Ein Teil huldigte direkt Göttern wie Wotan, andere vertraten ein verklärtes esoterisches Germanentum, wie der zitierte Wilhelm Schäfer.
Erich Ludendorff (1865-1935), im Ersten Weltkrieg Generalstabschef der 8. Armee, hatte nach der Niederlage Deutschlands die Dolchstoßlegende entwickelt, die dann von den Nazis u.a. aufgegriffen wurde. Er behauptete, dass der Verrat der Marxisten, der Freimaurer, der Pazifisten, der Liberalen, der Jesuiten und vor allem der Juden an der Niederlage im 1. Weltkrieg schuld gewesen sei. Ludendorff war damals eng liiert mit Hitler, der ebenfalls diese Meinung glühend vertrat. Beide beteiligten sich am Putsch von 1923. 1928 kam es dann allerdings zum Konflikt zwischen den beiden. Unter dem sektiererischen Einfluss von Frau Dr. Mathilde Spiess (1877-1966), die später Ludendorff ehelichte, entwickelte man eine Weltverschwörungstheorie, und später schuf man den „Bund deutsche Gotteserkenntnis“. Dieser wandte sich gleichermaßen gegen Juden, Christen und Freidenker. Er war eine völkisch-neuheidnische religiöse Vereinigung, die das Christentum als eine semitische Religion völlig ablehnte. Vollkommenheit sei nur durch deutsches Rasseerbgut zu erlangen.
Ebenfalls vor dem Hintergrund nationalistischer, völkischer, obrigkeitstreuer und vor allem auch antisemitischer Anschauungen des 19. Jahrhunderts (wie sie z.B. vom Historiker Heinrich von Treitschke vertreten wurden) und des angehenden 20. Jahrhunderts scharten sich nach dem 1. Weltkrieg zunächst evangelische reaktionäre Gruppen, dann aber auch nicht christlich gebundene Kreise um den Tübinger Professor Jakob Wilhelm Hauer (1881-1962). Der ehemalige Missionar lehrte nach dem 1. Weltkrieg in Marburg und in Tübingen.
Er vertrat mit Vehemenz völkisch-nationalistische und rassistische Gedanken, die er religiös verbrämte. Zunehmend fand er Anhänger. Wir finden seine Ideen dann einerseits auch bei den „Deutschen Christen“, andererseits bei den Gruppen der „Deutschen Glaubensbewegung“.
Hans Joachim Sonne schreibt dazu:
„Die Lehre des Bundes für deutsche Kirche repräsentiert die Affinität deutschchristlicher Ideen zur nichtchristlichen Deutschgläubigkeit. Viele Motive ihres Strebens nach "artgemäßer Frömmigkeit", vor allem die Aufgeschlossenheit für das allgemeine religiöse Bewusstsein und die vergleichende Betrachtung von deutschem, jüdischem und christlichem Glauben, teilt sie mit den Ansichten der völkischen Religionstheoretiker, die sich nach dem ersten Weltkrieg vehement zu Wort melden.“[11]
Und an anderer Stelle:
„Gemeinsam mit den Repräsentanten der Deutschreligion ‑ wie J. W. Hauer, M. Ludendorff und E. Bergmann ‑ preist die Deutschkirche unter Berufung auf deutsche Mystiker die göttliche Qualität der Seele.“[12]
Hauer, der bis 1933 evangelischer Theologe war, vertrat eine eindeutig esoterisch-religiöse, rassistische Haltung.1933 trat er aus der Kirche aus.
Die freigeistigen Verbände wandten sich durchwegs gegen solche Anschauungen und gegen die reaktionäre Haltung der christlichen Parteien. Vor allem warnten sie aber vor dem stärker werdenden Nationalsozialismus. Die NSDAP vertrat ja ein „positives Christentum“ und wandte sich gegen jede Form des atheistischen Materialismus.
Ein großes Problem bildete allerdings die Zerstrittenheit der freigeistigen Verbände, und so kam es dann nur noch selten zu gemeinsamen Aktionen.
Zielscheibe des Hasses der christlich-rechten und nazistischen Parteien bzw. Organisationen war vor allem der „Proletarische Freidenkerverband“, den sie für eine bolschewistische Organisation hielten.
Auf Veranlassung reaktionärer, nazistischer und kirchlicher Verbände stellte Reichspräsident Hindenburg 1931 in einer Notverordnung freidenkerische Propaganda unter Ausnahmerecht, und viele Versammlungen wurden verboten.
Die katholische Kirche hetzte mit Kardinal Faulhaber gegen die Freidenker immer schärfer. In seinem Fastenhirtenbrief vom Februar 1932 schrieb Faulhaber unter anderem: „in früheren Zeiten war es ein strafwürdiges Verbrechen nicht an Gott zu glauben“, und er forderte zum aktiven Kampf gegen die „Gottlosenbewegung“ und zu deren Verbot auf. Ähnlich waren die Artikel im nationalsozialistischen „Völkischen Beobachter“.
Unter dem Einfluss der Kirchen, der katholischen bayerischen Volkspartei, der Nationalsozialisten und weiterer reaktionärer politischer Kräfte kam es von Seiten der Brüning-Regierung bereits am 3. Mai 1932 - also ein Jahr vor Hitlers Machtantritt - zum Verbot des „Verbandes proletarischer Freidenker Deutschlands“ mit seinen 170.000 Mitgliedern. In der von Reichspräsidenten Hindenburg und Innenminister General Gröner unterzeichneten Notverordnung heißt es u.a.:
„Auf Grund des Artikels 48 Absatz 2 der Reichsverfassung wird folgendes verordnet:
§1. Die Internationale proletarischer Freidenker (Sitz der Exekutive Berlin) und die ihr nachgeordneten oder angeschlossenen kommunistischen Freidenker-Organisationen, insbesondere der Verband proletarischer Freidenker Deutschlands einschließlich der proletarischen Freidenker-Jugend, der Freidenker-Pioniere und der Frauen-Kommission sowie die Kampfgemeinschaften proletarischer Freidenker werden mit allen dazugehörigen Einrichtungen einschließlich der Verlagsbetriebe für das Reichsgebiet mit sofortiger Wirkung aufgelöst....“
In der amtlichen Erläuterung heißt es weiter:
„Durch die Auflösung dieser Organisation soll der kommunistischen Gottlosen-Propaganda, die dazu bestimmt ist, zur Vorbereitung der bolschewistischen Revolution christliche Kultur und Sitte zu untergraben, der Boden entzogen werden...“ [13]
Das Verbot wurde erlassen in einer Zeit, als in Deutschland große politische Verwirrung vorhanden war und man gerne mit Notverordnungen arbeitete.
Nicht genug: Am 13. Juni 1932 stellte im Preußischen Landtag die NSDAP-Fraktion den Antrag, auch den (bürgerlichen) Deutschen Freidenkerverband zu verbieten. Auch freireligiöse und monistische Gruppen wurden schikaniert.
Freigeistige Verbände hatten während der ganzen Weimarer Zeit vor dem Aufkommen des Nationalsozialismus gewarnt. Noch bei einer Tagung der Dachorganisation „Volksbund für Geistesfreiheit“ am 21. November 1932 wurde u.a. dazu aufgerufen „sich rückhaltlos gegen den Faschismus, gegen die Feinde der Freiheit und der Demokratie einzusetzen.“[14]
3. Die freigeistigen Bewegungen im Dritten Reich.
Schon lange vor der Machtergreifung war Hitler in auffälliger Weise auf die Kirchen zugegangen, und große Teile der Kirchenobrigkeit – gerade auch auch auf evangelischer Seite - zeigten mehr oder weniger offen Sympathie für ihn und seine Bewegung. Nach der Machtübernahme blieb dies zunächst ebenso, auch wenn es später manche Differenzen gab. In seiner Regierungserklärung vom 23. März 1933 hatte Hitler unter anderem betont:
„Die nationale Regierung wird in Schule und Erziehung den christlichen Konfessionen den ihnen zukommenden Einfluss einräumen und sicherstellen. Ihre Sorge gilt dem aufrichtigen Zusammenleben zwischen Kirche und Staat. Der Kampf gegen eine materialistische Weltauffassung und für die Herstellung einer wirklichen Volksgemeinschaft dient ebenso sehr den Interessen der Deutschen Nation wie denen unseres christlichen Glaubens.“[15]
Hitler ging dann direkt auf die beiden großen christlichen Kirchen zu: Bereits am 20. Juli 1933 kam es zum Abschluss des Reichskonkordates zwischen dem Heiligen Stuhl und dem Nazi-Regime. Auch zur Evangelischen Kirche pflegte man beste Kontakte, vor allem natürlich zu den „Deutschen Christen“. Umgekehrt kam es aufgrund Hitlers Ablehnung des „Materialismus“ zum Verbot aller atheistischen Organisationen - vorneweg des Freidenkerverbandes –, dem dann Verbote von Organisationen des mehr freireligiösen Raumes folgten.
In einer Verordnung vom 5.3.1933, die vom Reichskommissar für das Land Sachsen erlassen wurde, „wird die Vorbereitung und Veranstaltung kommunistischer und sozialdemokratischer Jugendweihen mit sofortiger Wirkung verboten“[16].
Bereits am 17. März 1933 wurde der Freidenkerverband zerschlagen, der Feuerbestattungsverein in eine Versicherung umgewandelt. Führende Köpfe der Bewegung ließ man verhaften, manchen gelang die Flucht ins Ausland, andere landeten im KZ. Einige passten sich dem neuen Regime an. Dem Vorsitzenden, Max Sievers, gelang es nach einigen Wochen Haft, nach Frankreich zu fliehen. Er wurde aber später, nach der Besetzung, dort gefangen genommen und vom Volksgerichtshof unter Roland Freißler 1944 zum Tode verurteilt. Ein paar Zeilen aus den Ausführungen Freißlers in der Verhandlung:
„Wenn... Sievers meint, sein Verschulden bestehe darin, dass er anders ist als der Nationalsozialismus, so ist das völlig gleichgültig. Auch das ist ein Verschulden, wenn man diesem Anderssein gegen den Nationalsozialismus Ausdruck verleiht... Eine andere politische Weltanschauung, noch dazu feige vom Ausland her und mit Unterstützung des Auslandes mit den Mitteln der Gewalt und der Zersetzung unserer Wehrmacht propagieren, zu organisatorischem Zusammenschluss um der Erreichung dieses Ziels aufrufen, uns die Welt als Feinde auf den Hals hetzen, indem man uns als Friedensstörer, Kriegstreiber und kulturlose Barbaren hinstellt, das ist ein solcher Verrat am deutschen Volke, dass er nur mit dem Tode gesühnt werden kann.“[17]
Mit den freireligiösen Gemeinden ging man etwas anders um, da man sich ja offiziell in Religionsfragen zur religiösen Neutralität des Staates bekannte und diese Gemeinden sich weniger politisch engagiert hatten. Trotzdem: nach der Machtergreifung kam es zu einer Menge Durchsuchungen und Beschlagnahmungen. Eine Verhaftungswelle folgte, und viele Vorstandsmitglieder kamen zunächst in Schutzhaft, einige später ins KZ. 15 örtliche Verbände wurden verboten, in anderen Orten Veranstaltungen untersagt, so auch der Jugendunterricht. Zuschüsse wurden gestrichen.[18]
Im „Volksbund für Geistesfreiheit“ waren nach dem Verbot der Freidenker ja nur noch die freireligiösen Verbände. Die Geschäftsräume des Volksbundes wurden von der SA zwar zerstört, die Vereinigung durfte aber weiter bestehen.
Schon am 10. März 1933 hatte man die zentrale Zeitschrift „Geistesfreiheit“ verboten.
Als Beispiel für verfolgte Gemeinden sei hier näher auf Nürnberg eingegangen:
In Nürnberg wurde der zur freireligiösen Bewegung gehörende und 1927 umbenannte Bund für Geistesfreiheit bald nach der Machtübernahme schwer verfolgt. Der 1. Vorsitzende, Richard Schramm, kam in Schutzhaft, später ins KZ Dachau. Andere Vorstandsmitglieder wurden ebenfalls in Haft genommen wie Andreas Staudt oder mussten fliehen wie der Journalist Wilhelm Riepekohl (nach dem Zweiten Weltkrieg zeitweise Vorsitzender) oder wurden zumindest schikaniert.
Am 9. April 1933 hatten Eltern in Nürnberg eine Familienzusammenkunft mit Jugendweihecharakter für 118 Kinder organisiert. Diese Veranstaltung wurde mittels eines Überfallkommandos gestört und konnte nur bedingt zu Ende geführt werden.
Das von fortschrittlichen Kräften und vom Bund für Geistesfreiheit 1930 für Ludwig Feuerbach errichtete Denkmal auf dem Rechenberg wurde unter dem Beifall der NS-Organisationen und der Kirchen am 1. Juli 1933 zerstört. (Es konnte nach dem Krieg vom Stadtrat, gegen den Widerstand der CSU, an seinem alten Platz wieder errichtet werden). Im Rathaus erklärte damals der Nazi-Oberbürgermeister Liebel unter anderem:
"Auf der einen Seite trägt das Denkmal die Inschrift ‚Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde’. Wir sind der Auffassung: Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde." [19]
Zur Beseitigung des Denkmals wurde das Geld der Ludwig-Feuerbach-Stiftung missbraucht.
Der Bund für Geistesfreiheit Nürnberg konnte trotz der Verfolgungen zunächst weiter bestehen, nachdem ihn nazistische Kräfte mehr oder weniger gleichgeschaltet hatten.
Der NS-Staat hatte natürlich auch Interesse, nichtchristlichen Organisationen in seinen Bann zu ziehen, soweit sie nicht ausgesprochen atheistisch-materialistisch eingestellt waren. Man bemühte sich solche Organisationen gleichzuschalten und die Mitglieder für das neue System zu gewinnen. In Nürnberg und anderswo ging man ähnlich vor wie bei Arbeitersportvereinen, Arbeiterchören, Genossenschaften u.a. Wie das geschah, darüber haben viele Organisationen genaue Unterlagen, die man in die Gegenwart herüberretten konnte. Allerdings gibt es diesbezüglich kaum Unterlagen über den Bund für Geistesfreiheit. Mit Sicherheit verlief es aber hier ähnlich:
1. Man überfiel die Geschäftsstellen, vernichtete und beschlagnahmten Unterlagen, das Geld sowieso.
2. Vorstandsmitglieder, die Widerstand leisteten oder als Gegner bekannt waren, wurden verhaftet, in „Schutzhaft“ genommen, misshandelt und terrorisiert. Man beraubte sie ihrer Arbeitsplätze beraubt oder schikanierte sie sonst irgendwie. So mancher Freidenker oder auch Freireligiöse kam in ein Konzentrationslager.
3. Viele Veranstaltungen wurden gebrandmarkt oder auch verboten und die öffentlichen Zuschüsse gesperrt.
4. Stramme NS-Mitglieder und Funktionäre wurden in die Verbände eingeschleust oder auch, ohne dass eine Mitgliedschaft vorlag, von der Partei in Führungsgremien eingesetzt. Das Führerprinzip wurde eingeführt.
5. Soweit man NS-Angehörige oder auch Spitzel schon vorher in diesen mehr oder weniger antifaschistischen Organisationen hatte, wurden diese natürlich in die Arbeit mit einbezogen.
6. Vorwiegend unpolitisch Denkende – und die gab es in all den Organisationen natürlich oft (weil sie Sport treiben, in einem Gesangverein sein wollten oder eben wie beim bfg an Religions- und Weltanschauungsfragen interessiert waren bzw. unter Gleichgesinnten sein wollten) kamen jetzt mehr zum Zuge.
7. Gegner der neuen Richtung wurden als Volksverräter gebrandmarkt und aus den Organisationen entfernt. Ähnlich erging es natürlich auch den Juden in den Verbänden.
8. Hauptamtliche Kräfte – die ja Wissen und Erfahrung mitbrachten – hat man einerseits eingeschüchtert, anderseits ihnen die Möglichkeit gegeben sich anzupassen. Dann konnten sie in ihren Verbänden beruflich weiterarbeiten und dadurch ihre wirtschaftliche Existenz erhalten. Wer nicht mitmachte, wurde entfernt.
9. Auch Mitglieder, die mit der neuen Entwicklung nicht einverstanden waren, haben oft mitgemacht, schon aus Interesse an ihrer Vereinigung und weil sie sich mit Gleichgesinnten weiter treffen konnten, ja gelegentlich auch, um Widerstand zu organisieren.
10. Nach erfolgter Gleichschaltung hat man dann die dem Regime zugewandten Verbände unterstützt, gelegentlich auch mit Geld.
Die Gleichschaltung der geschwächten nicht verbotenen Organisationen gelang dem neuen terroristischen Staat häufig - wenn auch nicht überall oder nicht immer so wie man es erwartete. Daraus wird verständlich, dass trotz der äußeren Gleichschaltung des Bundes für Geistesfreiheit dieser dann Ende 1934 dennoch verboten wurde.
Später, nach 1937, versuchten auch in Nürnberg einige ehemalige Mitglieder eine stärker religiös orientierte Gruppe zu gründen, die „Gemeinschaft Deutsche Volksreligion“, aber mit geringem Erfolg.
Noch vor dem Verbot hieß es in einem hektographierten Flugblatt, das aus dem Frühherbst 1933 stammen dürfte und nicht namentlich unterzeichnet ist, unter der Überschrift „Aufklärung über den Bund für Geistesfreiheit (Freireligiöse Gemeinde) Nürnberg“:
„In der letzten Zeit ist der Bund für Geistesfreiheit (Freireligiöse Gemeinde) Nürnberg öfters als eine sozialistische, marxistische oder wenigstens als eine mit solchen Organisationen verwandte Organisation bezeichnet, ja, wie die Streichung der städtischen Zuschüsse zu seinem Unterricht und die Entziehung des städt. Katharinensaals zur Abhaltung seiner Jugendweihe beweisen, sogar als eine solche Organisation behandelt worden. Der Bund für Geistesfreiheit erklärt hierdurch, dass eine derartige Bezeichnung und Behandlung von durchaus irrigen Voraussetzungen ausgeht...“ [20]
Das Flugblatt zeigt, dass einige Mitglieder, die vorher kaum in Erscheinung getreten waren, sich dem Gleichschaltungsmechanismus des NS-Regimes unterwarfen und alles Freigeistige entfernten. Dem Verband wurde wieder der hier längst abgelegte Name „Freireligiöse Gemeinde“ gegeben. Die Masse der Mitglieder und der ehemaligen Funktionäre machte aber da bereits nicht mehr mit, zog sich lieber ganz aus der Verbandsarbeit zurück, und etliche traten auch aus. Wir hören dann auch nur noch ganz wenig von der Nürnberger Organisation.
In der Nachbarstadt Fürth verlief die Entwicklung ähnlich. Auch von dort haben wir ein Flugblatt. In ihm wird die Gleichschaltung ersichtlich. Wir erfahren, dass der „Bund freireligiöser Gemeinden“ nun „Bund der Gemeinden deutschen Glaubens“ heiße und Dr. Hauer Vorsitzender sei. Unterschrieben ist das Flugblatt – auch hier ohne Namen - mit „Die Vorstandschaft“.
Gelegentlich wird zwar gesagt, so von Georg Batz – der sich ausgiebig mit dieser Thematik beschäftigt hat - dass es aus jener Zeit mehr Material auch aus unserem Raum gäbe, doch besitzen wir leider kaum noch etwas anderes und es wurde uns auch nicht mehr darüber zur Verfügung gestellt.
Im Dezember 1934 wurde der „Bund für Geistesfreiheit“ in Nürnberg verboten und in anderen Städten ebenfalls. Auch die „Freireligiöse Landesgemeinde Bayern“ wurde damals verboten. Die „Freireligiöse Gemeinde München“ konnte, allerdings unter schwierigen Umständen, weiterexistieren.
1933 verbot man die Freireligiöse Bewegung in der Pfalz und weitere Organisationen.
Gleichgeschaltet oder zumindest dem Regime angepasst, konnte wie gesagt ein Teil der freireligiösen Gemeinden während des Nationalsozialismus weiter bestehen. Vor allem die südwestdeutschen Gemeinden, die im „Verband Freireligiöser Gemeinden Süd- und Westdeutschlands“ organisiert waren, existierten weiter. Sie waren ja von je her religiöser ausgerichtet und wenig politisch aktiv.
Bereits 1933 suchten Vorstandsmitglieder des Volksbundes und einiger freireligiöser Gemeinden Kontakt zur völkischen „Deutschen Glaubensbewegung“, die von Dr. Jakob Wilhelm Hauer geleitet wurde. Dieser war kurz vorher aus der evangelischen Kirche ausgetreten. Hauer hatte enge Kontakte zur NS-Führung. Auch wenn er in vielen Punkten dem Nationalsozialismus huldigte, wurde er lange Zeit nicht Parteimitglied. Er vertrat eigenwillige Standpunkte, die ihn auch in Widerspruch zum NS-Regime brachten. Vor allem in der Rassenfrage vertrat Hauer teilweise eine andere Auffassung als die Partei. Für ihn hat sich dann nach dem Krieg auffallenderweise der berühmte jüdische Gelehrte Martin Buber eingesetzt.[21]
Hauer schrieb über die Deutsche Glaubensbewegung:
»Wir stehen in einem Deutschen Glauben, der seine Richtkräfte aus dem religiösen Erbgut des deutschen Volkes nimmt, dessen schöpferische religiöse Kraft durch mehr als ein Jahrtausend hindurch lebendig geblieben ist. Wir alle bekennen uns dazu, dass wir in der göttlichen Wirklichkeit wurzelnd mit unserm deutschen Ursprung vor ihr und unserm Volk Pflicht und Verantwortung tragen für einen deutschgeborenen Glauben...«[22]
Dass Hauer auf die freireligiöse Bewegung zuging, hatte auch einen pragmatischen Grund: Da die Freireligiösen den Status einer „Körperschaft des öffentlichen Rechts“ besaßen, ging man davon aus, dass man über die Vereinigung diesen erhalten würde.
Die weitere Entwicklung der freireligiösen Bewegung verlief in Teilen Deutschlands problematisch. Es gab Annäherung zum NS-Regime, ja es gab sogar stramme Nazis, allen voran Dr. E. Bergmann, der aus dem völkisch-rassistischen Lager auf die freireligiöse Bewegung gestoßen war und in der „Deutschgläubigen Bewegung“ das Sagen hatte.
Man versuchte auch den Dachverband „Volksbund für Geistesfreiheit“, weiter aufrechtzuhalten: Zunächst wurde am 21. Mai 1933 eine Bundesversammlung nach Leipzig einberufen. Allerdings erschienen nur 23 Delegierte, obwohl es über hundert Gemeinschaften gab! Dies zeigt uns, wie misstrauisch man in vielen Gemeinden gegenüber der neuen Entwicklung geworden war, bzw. dass vielerorts aufgrund von Verfolgungen, Verboten, durch Wegfall führender Kräfte oder durch Selbstauflösung die ganze Freireligiöse Bewegung tief erschüttert war. Aus Gründen der Anpassung beschloss man auf dieser Tagung, die Organisation in „Deutscher Freireligiöser Bund“[23] umzubenennen. Dies ist typisch: Ursprünglich war der Volksbund ja Dachorganisation für die verschiedenen freigeistigen Verbände. Dadurch, dass die meisten verboten waren, blieben nur noch die stärker religiösen übrig, vor allem also der „Bund freireligiöser Gemeinden“. Einige völkische Gruppen, die in der Weimarer Republik von den Verbänden des Volksbundes entschieden abgelehnt worden waren, kamen nun dazu. Das Ganze bekam einen zunehmend religiösen Charakter, ja man näherte sich wieder freien protestantischen Anschauungen; der Charakter als Weltanschauungsverband trat zurück.
Im Mai 1934 kam es bei einer einwöchigen Diskussion zwischen der Deutschen Glaubensbewegung und Vertretern der Freireligiösen Bewegung nicht zu einem Zusammenschluss, weil Hauer verlangte, dass in der Organisation das Führerprinzip eingeführt wird:
„Außerdem wünschten die Völkischen Garantien dafür, dass die Freireligiösen
1. keine Juden aufnehmen,
2. wirklich im Deutschen Glauben stehen,
3. das Dritte Reich bejahen.
In all diesen Punkten konnte keine Übereinstimmung erzielt werden. Die Freireligiösen sahen sich außerstande, hier ihre Zustimmung zu geben.“[24]
Die Deutsche Glaubensbewegung bestand dann alleine weiter. Aus dem Kreis der Freireligiösen schlossen sich einige Gruppen und Einzelpersonen dieser Bewegung an, so dass sie doch eine gewisse Beachtung erlangte. Man bejahte mehr oder weniger das NS-Regime.
Es war übrigens der Geschäftsführer der Freireligiösen Bewegung, Carl Peter, der sich damals auch gegen den Zusammenschluss wandte.
Friedrich Zipfel schreibt über die Entwicklung:
„Bezeichnend ist es, dass im SD‑Bericht <Bericht des Staatssicherheitsdienstes> von 1934 die „Deutsche Glaubensbewegung“ als Annex zur „evangelischen Bewegung“ aufgeführt war, dass sie aber ‑ zusammen mit den anderen völkischen Gruppen ‑ 1938 mit den Sekten in einer Rubrik zusammengefasst wurde.“ [25]
Manche antinazistischen freireligiösen Anhänger glaubten zunächst weiter wirken zu können. Dies wird in einem geheimen Schreiben der SS-Führung bestätigt. Darin heißt es:
„Gelegentlich haben sich wohl marxistische Elemente in den übernommenen freireligiösen Gemeinden befunden; sie sind von Prof. Hauer schnellstens wieder entfernt worden.“[26]
Die Gleichschaltung und Umwandlung der Freireligiösen Bewegung erinnert in vielen Punkten an das Vorgehen der Nazis bei der Aus- und Gleichschaltung der freien Gewerkschaften und deren Umwandlung in die „Deutsche Arbeitsfront“.
Die Freireligiöse Bewegung wurde dann aber trotz der Anpassungsbemühungen in verschiedenen Orten und Gebieten weiter verfolgt. In Preußen hat sie Hermann Göring, der damals u.a. preußischer Ministerpräsident war, am 20. November 1934 verboten und das Vermögen eingezogen. Mitunterzeichnet war die Verordnung von dem damals noch katholischen Reichsführer der SS Heinrich Himmler.
Aus dem Wortlaut der Begründung:
„Im Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands haben in neuester Zeit in auffallend zunehmendem Maße Anhänger ehemaliger kommunistischer und marxistischer Parteien und Organisationen in der Hoffnung Aufnahme gefunden, in diesen rein religiösen Vereinigungen einen sicheren Unterschlupf zu haben, der ihnen den getarnten politischen Kampf gegen das heutige Regierungssystem und die nationalsozialistische Bewegung ermöglicht.
Der Bund leistet mithin dem Kommunismus Vorschub und steht im Begriff, sich zu einer Auffangorganisation für die verschiedenen staatsfeindlichen Elemente zu entwickeln. So ist festgestellt worden, dass eine große Anzahl ehemaliger Funktionäre der marxistischen Parteien und ihrer Nebenorganisationen im Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands Aufnahme gefunden hat und sogar in Ortsgruppen Führerstellen bekleidet.“[27]
Im November 1934 wurde auch die freireligiöse Monatsschrift „Deutsche Glaubenswarte“, vormals „Geistesfreiheit“, verboten.
Helmut Kober, Dortmund, bekannter Antifaschist und ehemaliger Landessprecher der Freigeistigen Landesgemeinschaft Nordrhein-Westfalen meinte: Die Vertreter der Kirchen triumphierten über die Verbote freigeistiger Gruppen. Der deutsche Klerus forderte nun auch die Auflösung der neuen völkischen Gruppierungen. In einer Denkschrift der deutschen Bischöfe an Hitler, vom 20. August 1935, heißt es u. a.:
„Wir bitten Sie, Herr Reichskanzler, bei ihrer Liebe zum deutschen Volk, diesen planmäßigen Versuchen, das deutsche Volk zu entchristlichen, mit der in Deutschland einzigartigen Autorität Ihrer Person ein Ende zu machen. Ihre Regierung hat mit fester Hand die Gottlosenverbände der früheren Zeit aufgelöst, kann also nicht dulden, dass die alten Freidenker und Gottlosen in diesen neuen heidnischen und halbheidnischen Bewegungen neu auftauchen.“
Die bischöfliche Denkschrift schließt mit den Worten:
„Wir bitten den allmächtigen Gott, dass er das Leben unseres Führers und Reichskanzlers in Seinen Schutz nehmen und zu Ihren großen staatsmännischen Zielen, im besonderen zur Beschaffung von Arbeit, zur Erhaltung des europäischen Friedens, zur Festigung der inneren Einheit unserer Volksgemeinschaft, Seinen allmächtigen Segen gebe. Mit dem Gruß der Ehrfurcht. Fulda, 20. August 1935.“[28]
In verschiedenen politischen Prozessen wurde die frühere Zugehörigkeit zu einer freigeistigen Vereinigung als strafverschärfend gewertet. So beispielsweise im Prozess gegen den Nürnberger Heinrich Ruff (Urteil des Landgerichtes München vom 22.1.35), weil er dem Bund für Geistesfreiheit Nürnberg – Freireligiöse Gemeinde angehört hat.
Im übrigen: Es ist auffallend, wie stark in dieser Zeit der Staat eingriff, wenn christliche Anschauungen kritisiert wurden. Zum Beispiel heißt es in einem Strafbefehl vom 25.11.1935:
„Am 22.11.1935 wurde... davon gesprochen, dass am 8.12.1935 der Feiertag „Maria Empfängnis“ sei. Sie sagten darauf so laut, dass auch unbeteiligte Arbeitskameraden es hören konnten: Am 8. Dezember ist Maria Empfängnis, da hat sie ja über ein Jahr getragen.“ Dieser Satz enthält nach seinem Wortlaut und Inhalt eine Verächtlichmachung der katholischen Lehre von der Jungfräulichkeit der Gottesmutter.
Diese Handlung erfüllt den Tatbestand eines Vergehens wider die Religion gem. § 166 27b R.Str.G.B....“[29]
Im Jahr 1935 kam es durch den NS-Führer Mutschmann zum Verbot der Freireligiösen Gemeinden in Sachsen. Weitere Verbote folgten, und so beschloss am 6. Juni 1935 der Rest der im „Bund freireligiöser Gemeinden Deutschlands“ verbliebenen Gemeinden, dass diese Dachorganisation sich auflösen sollte. Ein Teil der Gemeinden war in der Deutschen Glaubensbewegung aufgegangen, andere blieben selbständig oder lösten sich auf. Über die weitere Entwicklung schreibt Dr. Ulrich Nanko:
„Doch auch die Deutsche Glaubensbewegung war letztlich nur ein vorübergehendes Phänomen: Ab 1936 versank sie in der Bedeutungslosigkeit. 1937 gründete der einstige Geschäftsführer des Bundes freireligiöser Gemeinden Deutschlands <Carl Peter> zusammen mit Ernst Bergmann und Ludwig Fahrenkrog die „Gemeinschaft Deutsche Volksreligion.“[30]
Der engagierte Nationalsozialist Prof. Ernst Bergmann wurde zum Präsidenten der Gemeinschaft bestimmt.
Diese Organisation versuchte, eine größere Anzahl Gemeinden ins Leben zu rufen und auch Jugendweihen im nationalsozialistischen Sinne aufzubauen. Die meisten Ortsgemeinschaften blieben aber ohne Bedeutung. So muss es zum Beispiel auch eine Gruppe in Nürnberg gegeben haben. Über größere Aktivitäten ist aber mir und anderen Freunden nichts bekannt, und es gab auch kaum Mitglieder aus diesem Kreis, die nach dem Krieg in dem wiedergegründeten „Bund für Geistesfreiheit“ mitwirkten.
Am ehesten überstanden, wie schon gesagt, die Freireligiösen Gemeinden in Südwestdeutschland die NS-Jahre. 1934 hatte sich der Südwestdeutsche Verband in Freie Religionsgemeinschaft umbenannt, um einem Verbot zu entgehen. Unabhängig davon gab es aber auch dort Verbote und Verfolgungen in kleinerem Rahmen.
Verbliebene freireligiöse Verbände passten sich dem Regime immer mehr an, ja es gab welche, die dem Nazireich zujubelten und sich ähnlich verhielten wie kirchliche Verbände. So heißt es in der Zeitschrift „Freie Religion“ vom April 1936:
„Das Ostergeschenk des deutschen Volkes
Mit besonderer Osterfreude ist im Jahre 1936 die Seele des deutschen Volkes erfüllt. Nicht nur draußen in der Natur ist der Bann des Winters gebrochen, auch unser Volk feiert seine Erlösung von winterlicher Verknechtung, seine Auferstehung zu Freiheit und Ehre. Der Führer hat in hinreißender heroischer Haltung, verbunden mit großzügiger Friedensgesinnung die befreiende Tat vollbracht, das deutsche Volk hat sich hinter ihn gestellt und ihm die letzte Rechtfertigung seines Werkes gegeben...
Heil der Welt!
Heil unserem Volk!
Heil dem Führer!“[31]
Ja, auch solche Äußerungen gab es. Wenn wir so etwas lesen, dürfen wir eben nicht vergessen, dass der größte Teil der freigeistigen, freidenkenden und freireligiösen Bewegungen verboten war und die Zahl der Mitglieder nur noch einen Bruchteil derjenigen ausmachten, die vor 1933 in den Organisationen waren! Natürlich gab es unter den Übriggebliebenen auch Mitglieder, die relativ unpolitisch eingestellt waren, sich nicht weiter aktiv beteiligten - so wie andere in ihren Kirchen geblieben waren und sich wenig Gedanken machten. Natürlich waren auch neue, nazistisch eingestellte Mitglieder dazu gekommen, und manch einer der früheren Mitglieder hatte sich vom neuen System einlullen lassen.
Es war eine schwere Zeit und, wie gesagt, ging es auch öfters um existentielle Bedürfnisse, um Arbeitsplätze, so bei den Geschäftsführern, Predigern oder Sprechern.
Für mich persönlich ist hier der Fall Carl Peter symptomatisch:
Carl Peter war vor dem NS-Regime ein braver, demokratisch eingestellter, engagierter Geschäftsführer des „Deutschen Volksbundes für Geistesfreiheit“. Nach der Machtübernahme wurden seine Büroräume verwüstet und er vorübergehend verhaftet. Nachdem sich das NS-Regimes gefestigt hatte, wollte er seine Organisation und seine Stelle weiter am Leben erhalten. Er passte sich an, verstrickte sich zunehmend in Widersprüche und leistete dadurch Dienste für nazistische Kräfte, ohne dass er letztlich dem neuen Regime selbst zugetan war. Vor allem seine Verstrickungen als Geschäftsführer in der „Gemeinschaft Deutsche Volksreligion“ fallen auf. Als Schrift- und Verlagsleiter gab er nämlich rassistische und andere faschistische Texte heraus. Nach dem 2. Weltkrieg finden wir Carl Peter in antifaschistischen Kreisen, und obwohl er in der DDR lebte, wurde er wegen seines Verhaltens während der NS-Zeit nicht belangt, ja er wurde sogar Mitglied der SED. Carl Peter war sicherlich auch Opportunist und hatte beruflich existentielle Interessen am Ball zu bleiben. 1951 begründete Peter sein Verhalten und schrieb über die NS-Zeit folgendes:
„Die Vorstände der Bundesgemeinden waren nach dem Einbruch der Nazis von der Bundesleitung angewiesen worden, die Zeitumstände nicht aus dem Auge zu lassen und keinen Grund zur Auflösung der Gemeinden zu bieten. Da die Bundesleitung, wie auch sämtliche Bundesgemeinden, nachgewiesenermaßen nazifeindlich waren und die Bundeszeitschrift DIE GEISTESFREIHEIT ihre nazifeindliche Stellung noch im März 1933 geäußert hatte, musste notgedrungen Zurückhaltung geübt werden, die in einigen Fällen unvermeidbar zur Tarnung führen musste. So, wenn die Gestapo in Berlin verlangte, dass die Funktionäre der Gemeinden sich über ihre Stellung zum Dritten Reich äußern sollten. Das war eine Lebensfrage nicht nur für die Freireligiöse Bewegung, sondern in vielen Fällen auch für die Person. Es mag sein, dass diese Frage nicht immer geschickt beantwortet wurde, aber aus einer Notlüge nazifreundliche Gesinnung zu schließen, wäre grundfalsch.“[32]
Ich halte Peters Verhalten trotzdem für äußerst problematisch. Unpassend finde ich auch, dass er in manchen freireligiösen Gemeinden nach dem Krieg hoch geehrt wurde, ja dass sogar ein Haus nach ihm benannt wurde.
Während der NS-Zeit gab es noch verschiedene völkische, kleinere kirchenfreie, ja antikirchliche Organisationen, die einen nationalistischen Blut- und Boden-Kult vertraten, sich nicht der „Deutschen Glaubensbewegung“ anschlossen, und es entstanden auch ganz neue Gruppierungen. Alfred Rosenbergs Machwerk „Der Mythus des 20. Jahrhunderts“ hatte großen Einfluss auf verschiedenste völkische Gruppierungen.
Eine geringe Rolle spielte die auf der so genannten „Deutschen Gotterkenntnis“ aufbauende Einstellung des Ehepaares Erich und Mathilde Ludendorff. Das militaristisch-faschistische Verhalten des ehemaligen Generals war getragen von blindwütigem Hass gegen das Judentum, den katholischen Glauben und vor allem gegen die Freimaurer. 1937 kam es wieder zur „Versöhnung“ zwischen Hitler und Ludendorff.
Vereinigungen, welche germanische Kulte hegten, waren durchwegs dem Nazireich wohlgesonnen, ohne dass sie die Sympathie Hitlers genossen. Sie wurden auch von anderen großen Naziführern nicht recht ernst genommen.
Hitler selbst ging davon aus, dass nur seine Partei das wahrhaft Völkische vertreten könne, und er hat bereits in „Mein Kampf“ gegen „Konkurrenten“ festgestellt:
„Nicht minder gefährlich sind dabei alle diejenigen, die als Scheinvölkische sich herumtollen... Sie sind im günstigen Falle unfruchtbare Theoretiker, meistens aber verheerende Schwadroneure und glauben nicht selten, durch wallenden Vollbart und urgermanisches Getue die geistige und gedankliche Hohlheit ihres Handelns und Könnens maskieren zu können.“[33]
Die Bedeutung der katholische Kirche hat er hingegen in seinem Buch herausgestellt und den hierarchisch strukturierten Apparat der Katholischen Kirche als vorbildhaft beurteilt.
Manche der kleinen völkischen Grüppchen fanden auch nach der Niederschlagung des NS-Regimes Zuspruch, dies bis in die Gegenwart.
4. Die freigeistigen Bewegungen nach dem 2. Weltkrieg.
Vergessen wir nicht: Nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus, nach Beendigung des 2. Weltkrieges, waren es vor allem die Kirchen die ihren Apparat in die neue Zeit herübergerettet hatten und auch vom Ausland Unterstützung bekamen. In ihrem Apparat blieben die gleichen Personen, die Hitlers Krieg zugejubelt hatten, Antisemitismus und Rassismus unterstützt hatten. Ich erinnere dazu an meine Ausführungen in „Die Kirchen im Banne des Nationalsozialismus“. Nur ganz wenige neue, demokratisch gesinntere Persönlichkeiten kamen dazu, und es dauerte lange, bis in die Kirchen ein neuer Geist einzog.
Wie war es mit den freigeistigen Verbänden?
Diese hatten es viel, viel schwerer, und wir können feststellen, dass noch nach Jahren die Anzahl ihrer Mitglieder nur einen Bruchteil betrug gegenüber damals in der Weimarer Zeit. Das ist bis heute so geblieben. Es ist die eindeutige Folge der Hetzkampagnen der Kirchen im Verbund mit dem NS-Regimes: beide wollten ja den Materialismus, den Unglauben ausrotten. Allerdings war es ein Pyrrhussieg: Obwohl die Mitgliederzahlen der kirchenfreien Verbände gering sind, ist der Anteil der Menschen, die in der BRD nicht mehr den Kirchen folgen immens gestiegen, ebenso wie die Zahl derjenigen, welche ohne Glauben sind. Waren vor 1933 etwa 3 Millionen Menschen in Deutschland nicht in einer der beiden großen Kirchen, so ist es heute etwa ein Drittel der Bevölkerung, und über 20 Millionen Menschen in der BRD gehören keiner religiösen Gemeinschaft mehr an. Darunter sind viele, die keinen religiösen Vorstellungen mehr folgen, ja vom religiösen Glauben nichts mehr wissen wollen. Viele Ideen, welche in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von freigeistiger Seite vertreten wurden, sind inzwischen Wirklichkeit – wenn auch andere noch auf ihre Verwirklichung warten. Neue Erkenntnisse haben die Richtigkeit unserer Vorstellungen bewiesen und die Denkweisen mancher Dunkelmänner entlarvt.
Doch zurück zu den Verbänden im freigeistigen Raum, zunächst zur freireligiösen Bewegung: Im freireligiösen Raum hatte ja ein Teil der Gemeinden, vor allem in Südwestdeutschland - aber nicht nur hier - überlebt, und diese verhielten sich ähnlich wie die Kirchen und nahmen nach dem Krieg alsbald die Arbeit wieder auf. An der Spitze blieben auch hier zunächst meist die vorhandenen Geschäftsführer, Prediger, Pfarrer oder Sprecher und machten die Arbeit weiter. Politisch waren sie unterschiedlich eingestellt: Einige wenige behielten ihre rassistisch-nationalistische Einstellung, viele andere waren froh, dass das NS-Regime vorbei war und sie wieder frei arbeiten konnten.
Dadurch, dass viele Gemeinden verboten waren, kam es vielerorts erst langsam zu Wiedergründungen, und an deren Spitze waren dann oft Antifaschisten, welche vorher verfolgt waren. So finden wir nun bewährte Antifaschisten an der Spitze von Landesgemeinschaften und Ortsgruppen, und vor allem auch als Geschäftsführer. Dadurch gab es unterschiedliche Überzeugungen in der freireligiösen Bewegung, was auch zu Spannungen in der Organisation führte. So kann ich mich erinnern, dass gerade wir in Bayern bereits in den 50er Jahren stark gegen den zweifellos engagierten Landessprecher aus Niedersachsen, Dr. Dietrich Bronder , opponierten und ihm in Einzelfragen eine faschistische Einstellung vorwarfen, obwohl er sich damals als Demokrat gab und zum Beispiel den engagierten linken Philosophen Bertrand Russel als besonders bedeutende Persönlichkeit für unsere Bewegung herausstellte. In seinem Landesverband brauchte man noch lange Zeit, um ihn zu durchschauen, wobei festzustellen ist, dass Bronder sich gewandelt hat. Sicherlich zeigte er erst im Alter eine eindeutig nazistische Einstellung, besonders seit er nicht mehr im BFGD tätig war und sich zeitweise der CDU als Mitglied anschloss.
Unter vielen eindeutig demokratisch gesinnten Freunden gab es weitere, die ein problematisches Weltbild hatten. Allerdings man muss sich die Nachkriegssituation bewusst machen: Viele junge Menschen waren im NS-Regime erzogen worden, waren mit rassistischen Gedanken voll gepfropft worden und verblendet. Nach dem Krieg machten die meisten von ihnen einen echten Wandel durch, gerade auch durch das Einwirken bewährter Antifaschisten. Natürlich gab es auch reine Wendehälse und auch Unbelehrbare. Was in dem Einzelnen wirklich vorging, war ja schwer zu durchschauen. Besonders schwierig war die Problematik des Rassismus, zumal ja auch die meisten Besatzungsmächte nicht gerade antirassistisch eingestellt waren: nehmen wir nur das koloniale Denken der Engländer oder den Rassismus vieler Amerikaner gegen die Schwarzen. Nachdenken war angesagt, und so finden wir bei Persönlichkeiten wie Gerhard von Frankenberg, der einerseits während des NS-Regimes schwere Verfolgung erleiden musste, aber andererseits als Naturwissenschaftler auch einige problematische rassistische Ideen vertrat. Er hat dann einen echten Wandel zum Humanismus vollzogen und in Fragen des Rassismus seine Haltung geändert. Dr. Karl Becker, den langjährigen Sprecher und Geschäftsführer der Landesgemeinde Württemberg, als Nazi zu bezeichnen wäre genauso unsinnig. Er zeigte sich nach dem Krieg als engagierter Antimilitarist, indem er zum Beispiel das weit verbreitete Gedichtbändchen „Sag nein zum Krieg“ herausgab. Darin schrieb er im Vorwort:
„Die vorliegende Arbeit soll dazu beitragen, dass wir die Schrecken des Krieges in uns wach halten, um neues Unheil zu verhüten.“[34]
Ich habe nie die freireligiösen Einstellungen von Becker vertreten, doch der Respekt vor seinem Engagement, wie auch der vor vielen anderen freireligiösen Persönlichkeiten, verlangt eine ehrliche Einschätzung ihrer Persönlichkeit. Unabhängig davon gab es in manchen Ortsgemeinschaften nach wie vor Mitglieder, ja Führungskräfte, die faschistisches Gedankengut weiterhin vertraten. Insofern hat unser Freund Gerhard Rampp, Augsburg, recht wenn er sagt, dass es in der freireligiösen Bewegung noch etliche Probleme gibt, die aufgearbeitet werden müssen.
Vielerorts gab es große Schwierigkeiten bei der Wieder- und Neugründung freireligiöser Verbände. Ältere aktive Gesinnungsfreunde waren gestorben, umgezogen oder vertrieben, und neue fanden sich nur schwer. Mancher war nach dem Krieg noch in Gefangenschaft. Ich komme wieder, da ich hier die Situation besser kenne, auf das Beispiel Nürnberg.
Der Bund für Geistesfreiheit Nürnberg (Freireligiöse Gemeinde) wurde nach dem 2. Weltkrieg durch die emsige Tätigkeit des ehemaligen Vorsitzenden Richard Schramm - der während des NS-Regimes Jahre der Verfolgung und auch KZ-Aufenthalt erdulden musste - am 26 April 1946 wieder ins Leben gerufen. Schramm schaffte es dann auch noch, dass 1947 die „Freireligiöse Landesgemeinde Bayern“ wieder entstehen konnte (sie wurde später zunächst in „Freigeistige Landesgemeinschaft“, dann in „Bund für Geistesfreiheit Bayern“ umbenannt).
Der Bund für Geistesfreiheit (bfg) Nürnberg legte nach einigen Jahren die Ergänzung „Freireligiöse Gemeinde“ ganz ab, da er sich als Organisation sowohl freireligiöser, freigeistiger wie freidenkender Menschen fühlte (so hieß es auch in der Satzung). In den ersten Jahrzehnten nach der Wiedergründung waren in der Vorstandschaft überwiegend bewährte Antinazis. Mehrere waren in der NS-Zeit verfolgt worden und auch im KZ gewesen. Engagierte Antinazis waren auch in der Geschäftsführung tätig (über Jahrzehnte Hermann Kraus). Früh engagierte sich der bfg gegen die Militarisierung und war in der antifaschistischen Bewegung aktiv tätig. Vor allem war die Organisation auf kulturpolitischem Gebiet tätig. Sie führte größere Veranstaltungen gegen den Nationalsozialismus , erinnerte z.B. an den Tag der Bücherverbrennungen in der NS-Zeit und war stets an Veranstaltungen gegen rechts extreme Bewegungen beteiligt.
In den meisten Ortsgemeinschaften Bayerns war es im Prinzip nicht anders – so erleben wir ja auch heutzutage in Fürth, dass hier der bfg das „Bündnis gegen Rechts“ mit organisiert und in diesem Jahr auch aktiv wurde gegen den Aufmarsch der NPD in Fürth, der dann verhindert werden konnte. Ähnlich ist es in anderen Städten bei den anderen örtlichen Gruppen des Bundes für Geistesfreiheit in Bayern.
In der Nachkriegszeit gab es jedoch auch Ausnahmen. So hat die freireligiöse Landesgemeinschaft Bayern eine Ortsgemeinschaft ausgeschlossen, weil der 1. Vorsitzende sich nazistisch verhielt und man keine Möglichkeit hatte, die Situation zu ändern.
Aufgrund inhaltlicher wie auch formaler Gründe traten im Laufe der Jahre die meisten Landesgemeinschaften aus dem „Bund freireligiöser Gemeinden Deutschlands“ aus. Neue Formen der Verbindung entstanden. Wir, der Bund für Geistesfreiheit Bayern, sind unabhängig. Wir gehören allerdings dem „Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e. V. (DFW)“ an.
Doch schauen wir nun nach den anderen kirchenfreien Organisationen:
Der Deutsche Monistenbund war schon vor der Machtergreifung nur noch ein kleiner Verband. Nach dem Krieg fanden sich zwar inzwischen älter gewordene Mitglieder wieder zusammen, und man erwarb sich besonders auf publizistischem Gebiet einen gewissen Namen. Aber es ging nur langsam voran, und heute ist es nicht anders.
Schwer tat sich die Freidenkerbewegung nach dem Krieg, obwohl sie klar im NS-Reich verfolgt wurde und eindeutig antifaschistisch war. Von den verschiedenen Besatzungsmächten wurde das Wiederaufleben der Arbeit behindert: im Westen vor allem, weil man ja allgemein gegen atheistische Haltungen war und man die Kirchen stärken wollte, im Osten, weil man es sich mit den Kirchen nicht verderben wollte. Die an Bedeutung gewonnenen Kirchen und die reaktionär-kirchlich orientierten Parteien versuchten Wiedergründungen zu verhindern, und so dauerte es lange bis eine Gesamtorganisation sich wieder bilden konnte. Anfänge haben wir auf örtlicher Basis allerdings schon Ende 1945, so in Hamburg. Der „Deutsche Freidenkerverband“ konnte aber erst 1951 auf Bundesebene wieder entstehen. Seine Bedeutung war durch die Zerschlagung im Hitlerfaschismus und wegen der Unterdrückung in der neu entstanden BRD wesentlich geringer als in der Weimarer Zeit.
Sie hatte ihre Wurzeln bei den Freien Protestanten vor der NS-Zeit; im Untertitel nannten sie sich bereits damals Deutsche Unitarier. Nach dem Krieg entstanden verschiedene unitarische Ortsgemeinden. Man kann feststellen, dass in diesen sich ehemalige Mitglieder der „Deutschen Glaubensgemeinschaft“ wieder fanden, ebenso auch Leute, welche völkische Anschauungen vertreten hatten. Allerdings nicht überall: Wir finden frühzeitig auch Ortsgemeinschaften, die demokratisch aufgeschlossen waren, was intern zu Konflikten führte. Der Einfluss der völkischen Vertreter war besonders in den Anfangsjahren groß, und so finden wir in Artikeln des Mitteilungsblattes „Glaube und Tat“ faschistische und rassistische Meinungen, beispielsweise auch äußerst fragwürdige Artikel von J. W. Hauer. In den Vorständen der Vereinigung wirkte Frau Dr. phil. Sigrid Hunke aktiv mit und noch andere Personen des extrem-rechten Spektrums. Davon haben sich die meisten freigeistigen Verbände mit Recht distanziert. Es ist allerdings auch festzustellen, dass im Laufe der Jahrzehnte ein Wandel in der Organisation stattgefunden hat. Aufgrund dieser Entwicklung sind dann später rechtsextreme Vertreter ausgeschieden und haben ihren eigenen Verein gegründet. Die Deutschen Unitarier haben sich sicherlich gewandelt und wir finden in der Organisation heute andere Auffassungen vor als noch vor wenigen Jahrzehnten, gerade auch hinsichtlich der Ausländerproblematik und weiterer Menschenrechtsfragen. Natürlich gibt es in der Vereinigung noch Klärungsbedarf bei der ein oder anderen Frage. Das ist eine Sache für sich.
Der Vollständigkeit halber möchte ich noch erwähnen, auch wenn es mit dem heutigen Thema wenig zu tun hat, dass noch weitere freigeistige Organisationen gegründet wurden:
Ohne den Ballast vergangener Zeiten entstand 1976 der „Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten e.V. (IBKA)“; verbunden mit dieser Organisation ist die Zeitschrift MIZ. Von Anfang an bis heute handelt es sich dabei um eine fortschrittliche, eindeutig antifaschistische, kirchenkritische Organisation. Das Schwergewicht ihrer Tätigkeit ist das Eintreten für eine klare Trennung von Staat und Kirche, ihr Einsatz für Religions- und Weltanschauungsfreiheit, sowie das Aufdecken der „Kriminalgeschichte“ der Religionen.
1993 hat sich aus dem ehemaligen Berliner Freidenkerverband der „Humanistische Verband Deutschland“ entwickelt. Er setzt sich stark für kulturpolitische, aber auch soziale Belange ein und hat geeignete Einrichtungen geschaffen. Inzwischen haben verschiedene ehemalige Landesverbände der Freireligiösen sich ihm angeschlossen.
In der ehemaligen DDR kam es erst 1989 unter der veränderten politischen Lage und unter dem Einfluss der SED zu Gründung vom Verband der Freidenker (VdF).
Er verlor nach der Wende an Bedeutung. Verschiedene Landesverbände schlossen sich dann dem Deutschen Freidenkerverband der BRD an.
In Brandenburg machten sich die Freidenker unabhängig: Hier entwickelte sich der Humanistische Freidenkerbund Brandenburg e.V., der sich gerade in den letzten Jahren im Zusammenhang mit der Errichtung des LER-Unterrichtes dort stark gemacht hat.
1949 entstand als Sammelbecken wieder der Dachverband „Deutscher Volksbund für Geistesfreiheit“. Bei der Gründung am 8. Oktober 1949 gehörten ihm an: der „Bund freireligiöser Gemeinden Deutschlands“, der „Deutscher Freidenkerverband“, der „Monistenbund“, die „Deutschen Unitarier“ und einige kleinere Verbände mit zum Teil problematischen Zielen, wie die „Germanische Glaubensgemeinschaft“, einschließlich einiger problematischer Persönlichkeiten. Unabhängig davon steht in der gemeinsamen Präambel der ersten Satzung ein klares Bekenntnis gegen den Rassismus. So heißt es dort:
„Er (der Volksbund) lehnt jede Rassenfeindschaft ab und tritt für den Gedanken des Völkerfriedens ein.“[35]
Aufgrund der Tatsache, dass doch extrem unterschiedliche Verbände mitwirkten, kam es im Laufe der Zeit zu Austritten von Organisationen – aber dafür kamen andere hinzu. Der heutige „Dachverband Freier Weltanschauungen“ ging aus diesem „Deutschen Volksbund für Geistesfreiheit“ hervor, und ihm gehören heute wichtige freigeistige und freireligiöse Organisationen an. Leider sind aber andere namhafte Verbände wie der „Deutsche Freidenkerverband“, der „IBKA“ und der „ Humanistische Verband“ nicht dabei.
5. Fazit: Vergleich zwischen dem Verhalten der Kirchen und den freigeistigen Verbänden gegenüber dem Nationalsozialismus
Fassen wir zusammen: Vergleichen wir die Situation, das Verhalten und Auftreten kirchlicher Verbände auf der einen und das der freigeistigen Verbände auf der anderen Seite, so werden doch gewaltige Unterschiede sichtbar:
1. Weimarer Zeit.
Kirchen: Die beiden großen Kirchen waren besonders in der Zeit vor dem NS-Regime reaktionär und der Demokratie der Weimarer Zeit gegenüber oft feindlich eingestellt, sie waren ja selbst hierarchisch undemokratisch aufgebaut. Auch wenn sie vor der Machtergreifung nicht unbedingt dem Nationalsozialismus huldigten (obwohl dies große Teile vor allem der ev. Kirche taten), so teilten sie mit diesem viele Anschauungen: Sie waren meist nationalistisch, antisemitisch, antisozialistisch und militaristisch eingestellt, wandten sich vehement gegen den Atheismus und waren häufig wissenschafts- und bildungsfeindlich.
Freigeistige Verbände: Die freigeistigen Verbände, sowohl die bürgerlichen wie proletarischen Freidenkerverbände, aber auch die Freireligiösen und der Monistenbund waren republikanisch eingestellt, wandten sich deutlich gegen den aufkommenden Nationalsozialismus, dachten meist internationalistisch, standen für eine moderne Bildung auf wissenschaftlicher Grundlage und propagierten den Darwinismus. Unter sich waren sie aber auch häufig zerstritten.
2. Machtergreifung.
Die Kirchen: Bei der Machtergreifung standen die beiden großen Kirchen dem neuen System überwiegend positiv gegenüber und ließen sich leicht integrieren. Ja, es kam bald zum Abschluss des Reichskonkordats mit Hitler. Auch mit der evangelischen Kirche gab es eine Vielzahl von Vereinbarungen.
Freigeistige Verbände: Unterstützt von den Kirchen und Nationalsozialisten wurde bereits 1932 die engagierteste antinazistische freigeistige Bewegung, der „Proletarische Freidenkerverband“ mit seinen 170.000 Mitgliedern, verboten. Der bürgerliche Freidenkerverband wurde kurz nach der Machtergreifung ebenfalls verboten und der Feuerbestattungsverein in eine Versicherung umgewandelt. Vielerorts wurden die Büros der Freireligiösen Verbände von Nazischergen zerstört, örtliche Gemeinden und Landesgemeinden aufgelöst, engagierte Verantwortliche verhaftet, in Schutzhaft oder auch in Konzentrationslager gebracht. Soweit Gruppen noch weiter wirken konnten, gab es Verbote von Veranstaltungen oder viele hinderliche Auflagen. Man musste von materialistisch-atheistischen Haltungen abrücken, religiöse Anschauungen stärker vertreten und sich dem neuen Regime anpassen.
3. Aufbau und Umgang mit den Verantwortlichen in der NS-Zeit, Haltungen.
Kirchen: Die kirchlichen Apparate blieben relativ intakt, trotz der Stärkung der „Deutschen Christen“ innerhalb der evangelischen Kirche. Bischöfe und die meisten Pfarrer blieben. Nur wenige Verantwortliche wurden verfolgt. Kein einziger Bischof landete beispielsweise im KZ. Zwar stieg die Zahl der Kirchenaustritte, aber dies lag an der allgemeinen Entwicklung, hatte schon vorher begonnen und setzte sich nach der NS-Zeit verstärkt fort. Dem Führer Adolf Hitler wurde in Zeitschriften und Predigen immer wieder gehuldigt, der Antisemitismus weitgehend begrüßt, völkische und rassistische Töne wurden immer lauter und vor allem Hitlers Krieg bejubelt.
Fast alle hohen Nazifunktionäre waren und blieben bis zuletzt in einer der beiden Amtskirchen und wurden auch kirchlich bestattet.
Freigeistige Verbände: Während des ganzen NS-Regimes nahmen Schikanen, Verhaftungen und Verfolgungen ehemals aktiver Funktionäre immer mehr zu. Bei den weiter bestehenden Verbänden kam es zu Namensänderungen, und die Satzungen mussten geändert werden. Alles was an freie Einstellungen erinnerte, wurde ausgetilgt. So wurden Namen der Organisationen, wie der des „Volksbundes für Geistesfreiheit“ oder des „Bundes für Geistesfreiheit“ geändert, ebenso die der Zeitschriften, soweit sie nicht ganz verboten wurden. Ihre Inhalte bekamen einen ganz anderen Charakter. Die meisten Verantwortlichen in den Organisationen wurden ausgetauscht und durch Personen ersetzt, die dem NS-Regime wohlgesinnt waren, obwohl diese vorher mit der Freireligiösen Bewegung kaum etwas im Sinn hatten: z.B. Prof. Hauer oder der stramme Nazi Prof. Bergmann. Mit den ursprünglichen Zielen der Bewegung hatte das alles nicht mehr viel zu tun. Die zusammengeschrumpften oder auch neu entstandenen Gruppierungen huldigten dem NS-Regime, ähnlich wie die Kirchen. Die Mitgliederzahlen sanken rapide, auch wenn andererseits neue Mitglieder aus völkischen Gruppen dazu kamen.
Es gab keinen einzigen hohen Naziführer, der aus einem freigeistigen Verband gekommen oder jemals einem beigetreten wäre.
4. Nachkriegszeit:
Die Kirchen: Die Kirchen waren die Organisationen, welche sich nach dem Kriege am schnellsten wieder organisieren konnten.[36] Ihr Organisationsaufbau wurde aus der NS-Zeit herübergerettet, und die meisten hohen Würdenträger blieben auf ihren Posten. Es dauerte lange, bis hier demokratischere Kräfte stärker Einfluss nahmen. Die Anzahl der Mitglieder hatte sich dort gegenüber der Weimarer Zeit etwas reduziert.
Freigeistige Verbände: Die meisten Organisationen mussten neu anfangen, wenn man von Freireligiösen Gruppierungen, vor allem aus Südwestdeutschland, absieht. Die neu entstandenen Organisationen erreichten bei weitem nicht mehr die Mitgliederzahlen der Weimarer Zeit. Das ist gewissermaßen ein Sieg des NS-Regimes und der kirchlichen Propaganda. Allerdings ist es ein Pyrrhussieg: Die Kirchenaustrittsbewegung heute und die Entkonfessionalisierung zeigen dies deutlich.
In letzter Zeit wurden die freigeistigen Verbände sowohl von reaktionärer kirchlicher und politischer Seite wie auch von einigen sogenannten linken Gruppierungen und Personen (z.B. Peter Kratz) diffamiert: sie hätten sich (im Gegensatz zu den Kirchen) zu sehr mit dem NS-Regime eingelassen – obwohl eindeutig das Gegenteil der Fall ist. Dabei ist diese Allianz von Rechts und Links für mich erschreckend. Die vielen Widerstandskämpfer die freidenkerisch, monistisch oder freireligiös eingestellt waren, haben eine solche Diffamierung nicht verdient!
Ein großer Teil der Antifaschisten war ja aus den verschiedensten freigeistigen Bewegungen gekommen und hatte sich auf Grund ihrer Weltanschauungen gegen das Hitlerregime gestellt. Viele wurden ermordet oder mussten schwere Verfolgungen erleiden. Stellertretend möchte ich hier nur einige Namen nennen, obwohl es viele weitere gibt: Der Monist Carl von Ossietzky (berühmter Friedensnobelpreisträge, im KZ fast zu Tode gequält), Freidenker wie Karl Liebknecht (schon 1919 von faschistischen Reaktionären ermordet), Max Sievert (Vorsitzender des bürgerlichen Deutschen Freidenkerverbandes, vom NS-Regime zum Tode verurteilt), der bedeutende Freidenker und kritische Jurist Prof. Wolfgang Abenroth, der bekannte Pädagoge Otto Rühle (der ins Exil ging), Leo Müffelmann (liberaler Freigeist aus der kirchenfreien Loge “Zur aufgehenden Sonne“ ), Freireligiöse wie Richard Schramm (Vorsitzender des Bundes für Geistesfreiheit Nürnberg), Helmut Kober (später dann Geschäftsführer der Freigeistigen Landesgemeinschaft NRW), Anton Rosinke (Mitarbeiter aus NRW, er wurde ermordet), der Iggelbacher Gemeindevorsteher Schneider und so viele andere Persönlichkeiten oder auch einfache Menschen, die getreu ihren freigeistigen Anschauungen gegen den Hitlerfaschismus kämpften und verfolgt wurden.
Es wird Zeit, dass die Geschichte der freigeistigen Bewegung wissenschaftlich von Historikern und anderen Fachkundigen - ohne Polemik - von Grund auf bearbeitet wird. Hier gibt es noch viel zu tun! Auch wenn es eine mühevolle Arbeit ist: Für uns als Mitglieder gilt es, die alten Unterlagen und Akten zu sichten und die Dokumente ohne Hemmungen zu veröffentlichen.
[2] Helmut Steuerwald: „Kritische Geschichte der Religionen und freien Weltanschauungen – Eine Einführung“, Angelika Lenz Verlag, Neustadt am Rübenberge, 1999
[3] Näheres dazu in meinem obengenannten Buch.
[4] Kurt Groschopp. „Dissidenten, Freidenkerei und Kultur in Deutschland“, Dietz Verlag Berlin, 1997. S.302.
[5] Näheres zu dieser Entwicklung in Kurt Groschopp: „Dissidenten, Freidenkerei und Kultur in Deutschland“, Dietz Verlag Berlin, 1997.
[6] Die Tätigkeit im Monistenbund des von den Nazis schwerst verfolgten Friedenskämpfer und Nobelpreisträger Carl von Ossietzky wurde lange verkannt. Näheres dazu in der von der Universität Oldenburg herausgegebenen Schrift anlässlich eines Symposiums zum 100. Geburtstag 1991. Siehe darin den Beitrag von Dieter Fricke: „Ossietzky und der Monismus“ <Internet: http://docserver.bis.uni-oldenburg.de/>
[7] Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands (Herausgeber): „Die Freireligiöse Bewegung - Wesen und Auftrag“, im Selbstverlag 1959, S. 79.
[8] Horst Groschopp: „Dissidenten. Freidenkerei und Kultur in Deutschland”, Dietz Verlag, Berlin 1997. S. 410/411.
[9] Kahl, Joachim / Wernig, Erich (Hrsg.): „Freidenker - Geschichte und Gegenwart“, Pahl Rugenstein, Köln 1981. ISBN 3-7609-0611-7. S. 199.
[10] Wilhelm Schäfer: „Die dreizehn Bücher der deutschen Seele“, Georg Müller, München 1923. S. XIII u. XXVII/XXVIII.
[11] Hans-Joachim Sonne: „Die politische Theologie der Deutschen Christen. Einheit und Vielfalt deutsch-christlichen Denkens, dargestellt anhand des Bundes für deutsche Kirche der Thüringer Kirchenbewegung „deutsche Christen“ und der Christlich-deutschen Bewegung. Vandenhhoeck & Ruprecht , Göttingen 1982. S. 30
[12] Dgl. S. 31
[13] Abgedruckt in: „Neue Zeitung“, München 6. Mai 1932. S 1.
[14] Kober, Helmut: „Die Freigeistige Bewegung im NS-Staat“, Zeitschrift „Der Humanist“, Verlag Humanitas Ludwigshafen/Rhein, Juli und August 1979, S. 223.
[15] Kober, Helmut: „Die Freigeistige Bewegung im NS-Staat“, a.a.O. S. 225.
[16] Zitiert in: Joachim Chowanski, Rolf Dreier: „Die Jugendweihe. Eine Kulturgeschichte seit 1852.“, edition ost, Berlin 1999?, S. 42.
[17] Kahl, Joachim / Wernig, Erich (Hrsg.): „Freidenker - Geschichte und Gegenwart“, a.a.O. S. 60.
[18] Kober, Helmut: „Die Freigeistige Bewegung im NS-Staat“, Zeitschrift „Der Humanist“, Verlag Humanitas Ludwigshafen/Rhein, Juli und August 1979, S. 227.
[19] Diese und weitere Angaben dazu in: Dr. phil. Franz Bohl (Hg.): „100 Jahre Kampf um Ludwig Feuerbach“, Bund für Geistesfreiheit Nürnberg 1955. S. 30.
[20] Flugblattkopie von Georg Batz erhalten.
[21] Näheres dazu: Heinz Eduard Tödt: „Komplizen, Opfer und Gegner des Hitlerregimes“, Chr. Kaiser Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1997. S. 186.
[22] Zitiert bei: Heinz Eduard Tödt: „Komplizen, Opfer und Gegner des Hitlerregimes“, Chr. Kaiser Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1997. S. 185.
[23] Nach: Bund Freireligiöser Gemeinden Deutschlands (Herausgeber): „Die Freireligiöse Bewegung - Wesen und Auftrag“, a.a.O., S. 84 ff.
[24] Kober, Helmut: „Die Freigeistige Bewegung im NS-Staat“, Zeitschrift „Der Humanist“, Verlag Humanitas Ludwigshafen/Rhein, Juli und August 1979, S. 228.
[25] Friedrich Zipfel: „Kirchenkampf in Deutschland 1933-1945. Religionsverfolgung und Selbstbehauptung der Kirchen in der nationalsozialistischen Zeit“ Mit einer Einleitung von Hans Herzfeld. Walter de Gruyter & Co, Berlin 1965. S. 212. Ausführlicher Bericht im Dokumentenanhang des Buches.
[26] Zipfel, Friedrich: „Kirchenkampf in Deutschland 1933-1945“, Walter de Gruyter & Co., Berlin 1965.
[27] Kober, Helmut: „Die Freigeistige Bewegung im NS-Staat“, Zeitschrift „Der Humanist“, Verlag Humanitas Ludwigshafen/Rhein, Juli und August 1979, S. 228.
[28] Helmut Kober: „Die freigeistige Bewegung im NS-Staat“ in „Der Humanist“, August 1979,
[29] Faksimile des Strafbefehls in: „MIZ – Materialien und Informationen zur Zeit“ Nr.1/01. S.17.
[30] Ulrich Nanko: „Gescheiterte Gleichschaltung der Freireligiösen 1933/34“ in „humanismus aktuell“, Heft 5 November 1999. Herausgegeben von der Humanistischen Akademie Berlin.
[31] Aus den Hompageseiten von Peter Kratz http://home.snafu.de
[32] Zitiert in „Wege ohne Dogma“, Nr. 3, 1998. Aufsatz von Dr. Holger Behr. S. 52/53.
[34] Dr. Karl Becker: „Sag nein zum Krieg“, Verlag der Freireligiösen Landesgemeinde Württemberg, 1961?. S. 5.
[35] „Die Gründung des Deutschen Volksbundes für Geistesfreiheit in Wiesbaden am 8. Oktober 1949. Der Menschheit Würde ist in Eure Hand gegeben“, Port Verlag Urach und Stuttgart. S. 3.
[36] Dies habe ich näher in meinem Vortrag „Die Kirchen im Banne des NS-Regimes“ erläutert.