Zum Jahreswechsel 2001-2002

(Vortrag von Prof. Dr. Herbert Wiener am 30. 12.2001, Rathausdiele Schweinfurt)

Herr Vorsitzender, liebe Gesinnungsfreundinnen und –freunde,

meine sehr verehrten Damen und Herren, ich freue mich, dass die Schneestürme der Weihnachtszeit mit der damit verbundenen Eisglätte Sie nicht daran gehindert haben, an der heutigen Feier teilzunehmen. Ich will versuchen, Sie mit meinem Beitrag zum Thema

Globale Wirtschaft, globale Bedrohung, globaler Zukunftsglaube?"

mit einigen aktuellen Theorien und Erkenntnissen vertraut zu machen, die meines Erachtens für unser Überleben in einer demokratischen und menschlichen Welt von Bedeutung sein werden. Was für uns von Bedeutung zu sein hat, sagen uns ja die Medien. So stand in den Zeitungen der letzten Tage unter anderem zu lesen:

- das die Einführung des EURO nicht zu einer Halbierung des Geldwertes führt, wie von vielen, vor allem älteren Menschen befürchtet wird,

- dass der Nationalspieler Ballack für insgesamt ca. 100 Millionen Mark den Bundesligaarbeitsplatz Bayer Leverkusen mit Bayern München vertauscht, eine Nachricht die sicher die Mehrheit der Bundesdeutschen, wenn nicht sogar Europäer, für berichtenswert hielt,

- dass der Hauptverband des deutschen Einzelhandels mit dem Weihnachtsgeschäft zufrieden war, - eine Aussage die umso bemerkenswerter erscheint, als der gleiche Verband noch wenige Wochen zuvor vehement das Klagelied vom sterbenden Einzelhandel gesungen hat. Gefragt waren einer Untersuchung zufolge insbesondere friedliche Weihnachtskantaten , sowie alle möglichen Produkte von Harry Potter.

- In diesem Zusammenhang war auch zu lesen, dass der gleichnamige Film und dazu „Der Herr der Ringe" in den Filmpalästen Riesenerfolge feierten, weil sie sozusagen das Sehnen der kleinen und großen Kinder nach Zauberei und Wundern inmitten einer entzauberten elektronischen Welt befriedigten.

- Und die undurchdringliche Kosmologie des Astrophysiker Stephen Hawkins mit Bildern, Filmen und Theorien von schwarzen Löchern, roten Riesen, weißen Zwergen, Supernovas und Quasaren erwies sich gar als Nummer Eins für die zeitgenössischen Sinnsucher. Albert Einstein hätte seine Freude gehabt.

- Am vergangenen Donnerstag, war zu lesen, dass der Terrorangriff auf das World Trade Center jetzt knapp über 3000 Menschen das Leben gekostet hat und das jede Familie, die ein Opfer zu beklagen hatte, eine finanzielle Entschädigung von 3,5 Mio. DM erhält, - viel Geld zwar, aber davon wird das Opfer auch nicht mehr lebendig.

- Auf der gleichen Seite war sinnigerweise ein Bericht der Unicef, des Kinderhilfswerks der vereinten Nationen abgedruckt. Danach sterben jährlich mehr als 10 Mio. Kinder unter 5 Jahren an den Folgen von Krankheit, Hunger und Gewalt – rund 600 Mio. Kinder, - das ist mehr als die Bevölkerung von ganz Europa einschließlich Russland, - leben weltweit in Hunger und extremer Armut.

- Dem Bericht zufolge gibt übrigens Deutschland statt der von der UN-Vollversammlung vereinbarten 0,7 % des Bruttosozialprodukts nur knapp ein Drittel, nämlich 0,27% für Entwicklungshilfe aus. Unicef-Direktor Woodhouse: „eines der reichsten Länder liegt damit in der unteren Hälfte der Staaten."

- Beherrschendes Thema in den Medien war aber neben den Börsennotizen die Berichterstattung über den so genannten „Krieg gegen den Terrorismus".

Ich möchte mit positiven Ansätzen beginnen:

- der Angriff der islamischen Fundamentalisten der Al-Qaida unter Osama Bin Laden auf das WTC in New York, auf das Pentagon in Washington und der gescheiterte Angriff auf die Kommandozentrale der Air Force 1 in Camp David haben zu einem Bewusstseins-Quantensprung der Führungskräfte über die Vernetztheit und auch Verletzlichkeit der globalisierten Welt geführt,

- die multiplikative Medien-Wirkung der kollabierenden Kathedralen des globalen Welthandels hat die weltweit Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft so tief getroffen, dass erstmals in der Erdengeschichte eine einvernehmliche Absprache aller maßgeblichen Kräfte, von USA über Europa, Russland, Japan, China und sogar fast aller islamischen Staaten über ein gemeinsames Handeln als Reaktion auf den Terrorangriff erfolgte

- Damit ist auch der Weg aufgezeigt, wie man im Rahmen der UNO weltweit von der Reaktion zu den Ansätzen einer Prävention und abgestimmten Vorgehensweisen gegen künftigen Terrorismus gelangen könnte.

- Positiv ist auch die Beendigung des menschenfeindlichen, insbesondere frauenfeindlichen Taliban-Regimes in Afghanistan zu sehen, ebenso die Tatsache, dass es den Amerikanern bis jetzt weitgehend gelungen ist, zu verhindern, dass der von Bin Laden zum Djihad = Heiliger Krieg erklärte Terrorangriff auf die USA „als Behüter des Weltjudentums" von den islamischen Staaten als Religionskrieg angesehen wird.

Aber auch die kritischen Hinweise auf diese neuartige Form eines Krieges dürfen nicht verschwiegen werden:

- Was ist alles unter Terrorismus zu verstehen? Kampf von Gruppen oder von Staaten, auf nationaler Ebene oder nur international – oder beides?

- Sind es religiöse Fanatiker wie die Hindus auf Ost-Timor, die Hamas-Anhänger in Palästina oder islamischen Fundamentalisten der Al-Quaida, die sich gegen die westlich geprägte Weltordnung zur Wehr setzen und eine islamisch definierte Zivilisation an ihre Stelle setzen wollen?

- Sind es wirtschaftskriminelle Personen oder Unternehmen oder gar ganze Staaten wie der Begriff " Schurkenstaaten", den Präsident Bush gebraucht, um die amerikanische Raketenabwehr zu begründen? Gehört Somalia auch dazu, weil es Terroristen ausbildet, die von sich behaupten, Freiheitskämpfer zu sein?

- Wurde nicht auch der ANC mit dem heutigen Präsidenten und Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela vom früheren Südafrika als Terrororganisation bezeichnet? Galt gleiches nicht für die Friedensnobelpreisträger Arafat und Begin?

- Ist der Terrorismus die Antwort auf die ökonomisch, sozial und ökologisch ungeregelte Globalisierung? Namhafte Politikwissenschaftler und Islam- Kenner wie Prof. Tibi von der Harvard-Universität oder Prof. John Kelsay bestreiten, dass es hier um den Kampf der Armen gegen die Reichen geht:

- In der Begegnung zwischen dem Westen und dem Islam geht es nach ihrer Auffassung um den Zusammenprall zweier weltanschaulich völlig unterschiedlicher Vorstellungen von einer Konzeption für Frieden, Ordnung und Gerechtigkeit für unser Zeitalter. Die Auswüchse der Globalisierung verschärfen beim größeren Teil der Welt den Eindruck, dass die westliche Ordnung nicht in der Lage ist, ihre Probleme zu lösen.

Was kann also der Westen tun, um den Wirtschaftskonflikt nicht zu einem Religionskonflikt werden zu lassen?

Nach Auffassung namhafter Gesellschaftswissenschaftler, Gewerkschafter und verantwortlicher Unternehmer sind drei Dinge unerlässlich:

1. muss der Kampf gegen den Terrorismus zielgenau geführt werden, d.h. an die Stelle unter Führung der UNO treten, - insbesondere kleine und schwächere Staaten dürfen nicht den Eindruck haben, dass die großen Staaten, insbesondere die USA, sie mit dem Vorwand der Bekämpfung des Terrorismus politisch bedrohen könnten.

2. muss an die Stelle der oftmals sehr teuer bezahlten Reaktion – für die die Bürger unter dem Eindruck eines Terroraktes bereit sind viel Geld auszugeben, - die nachhaltige Prävention treten. Dies bedeutet wirtschaftliche Unterstützung der ärmeren Länder, insbesondere Arbeit und Bildung für die Jugend.

3. im Welthandelsrecht müssen soziale und ökologische Standards definiert werden, es darf nicht durch die Globalisierung tendenziell zu einer weltweiten Nivellierung auf niedrigstem Niveau führen . Vor allem sind demokratisch kontrollierte Regeln für die globalen Finanzmärkte erforderlich. Gestreuter Wertpapierbesitz = Kapitalbesitz ohne soziale Verantwortung. Der Verfassungsgrundsatz „Eigentum verpflichtet" muss wieder in Kraft gesetzt werden.

Lassen Sie mich kurz die Überlegung vertiefen: Führt die Globalisierung der Wirtschaft auch zu einem Religionskampf Westliche Welt: islamische Welt?

Wenn man den Islam-Experten glaubt, wird der fundamentalistische Islam solange Zulauf haben, solange sich seine Betonung des stammesübergreifenden Gemeinwesens (UMMA) angesichts zunehmender Missstände in Wirtschaft und Bildung rechtfertigt. Islamische Staaten mit fortgeschrittener Marktwirtschaft zeigen, dass auch sie territorialen Grenzen, individuellen Rechten und privater Religiosität Platz einräumen.

Aber die unausweichlichen bevorstehenden Veränderungen in der Wirtschaft werden sich auf die politischen, gesellschaftlichen und ethischen Bereiche auswirken. Hier liegt auch die Aufgage der freigeistigen Gesinnungsgemeinschaften. Wir müssen auf diese Veränderungen gewappnet und in der Lage sein, eine ethische Orientierung anzubieten, in der sich alle Menschen dieser Welt wiederfinden können.

Um auf die globalen Veränderungen in der Wirtschaft, auf die Bedrohungen und ihre Vorbeugung einige Antworten zu finden, will ich auf eine Zeit zurückblicken, die den älteren Menschen auf der Welt, insbesondere aber in Deutschland, noch sehr nachdrückliche in Erinnerung ist: Die Zeit der Weltwirtschaftskrise 1929 und ihre Folgen...

Als sich unser Jubilar Max Kieling im Jahre 1926 entschloss, dem Bund für Geistesfreiheit beizutreten, der damals noch einen anderen Namen trug, hatte man in der Weimarer Republik gerade die Hoffnung gefasst, dass sich nun alles zum besseren wenden würde. Deutschland wurde von einer großen Koalition unter Führung des sozialdemokratischen Reichskanzlers Hermann Müller aus Franken regiert. Die NSDAP hatte schon keinen Zulauf mehr, als im Jahre 1929 der Amerikaner Young für die Alliierten Siegermächte einen Plan vorlegte, nach dem Deutschland auf die Dauer von knapp 60 Jahren, also bis zum Jahr 1989, Reparationsleistungen zu zahlen hatte. Der damalige Außenminister Stresemann stimmte mit Billigung der Reichsregierung diesem Plan zu, die Kommunisten und rechten nationalen Kräfte lehnten ihn ab. Der Pressezar Hugenberg und der reaktionäre Frontkämpferbund „Stahlhelm" organisierten dagegen einen Volksentscheid, dem zwar nur 14% der Wähler zustimmten, der aber die politischen Emotionen wieder wachrüttelte und zu einem massiven Rechtsruch führte.

Als Heidi Eichner 1961, vor 40 Jahren, unser Mitglied wurde, war Deutschland geteilt, aus der „Ostzone" wurde die Deutsche Demokratische Republik, und die Bundesrepublik lehnte sich fest an den Westen an. Im Westen konnte sich die Wirtschaft frei entfalten, im Osten wurde sie unter Missbrauch des Begriffes „sozialistisch" so gesteuert, wie das in ähnlicher Form auch bei den von religiösen Fundamentalisten regierten Ländern zu beobachten ist. Das Ausland bezeichnete den wirtschaftlichen Aufstieg der Bundesrepublik in diesen Jahren als „Wirtschaftswunder".

Und wieder eine andere Zeit war es, als vor 25 Jahren Gertrud Schmidt sowie Hannelore und Robert Schott unserem Bund beitraten. Im Jahre 1976 regierte der allseits anerkannte Bundeskanzler Helmut Schmidt und die deutsche Wirtschaft hat nach der Kohle- und Stahlkrise nun eine weltweite Energiekrise zu bewältigen. Das von islamischen Staaten beherrschte OPEC-Kartel hatte drastische Förderkürzungen mit entsprechenden Ölverteuerungen durchgesetzt. Das Buch „Die Grenzen des Wachstums" zeigte erstmals auf, dass die Erde global betrachtet werden muss und ihre Vorräte an Energie und Gütern endlich sind.

 

Nun wird sich mancher unter uns, verehrte Zuhörer, fragen, was dieser geschichtliche Rückblick mit dem Thema meines Vortrages zu tun hat.

Es sind drei Gründe:

Zum Ersten möchte ich auf die Verhältnisse in einer Zeit hinweisen, in der unser Gesinnungsfreund Max Kieling den Mut hatte, sich zur freigeistigen Bewegung zu bekenn.

Zum Zweiten möchte ich auf die Macht der Presse und den Einfluss internationaler Wirtschaftsvorgänge aufmerksam machen: damals beherrschte der Führer der deutsch-nationalen Bewegung, Hugenberg, mit seinen Zeitungen die öffentliche Meinung. Deprimierend für viele Demokraten der damaligen Zeit, war, wie willig die große Mehrheit des deutschen Volkes auf primitivste Parolen der Ausländer- und Judenfeindlichkeit hereinfiel. Ebenso vergleichbar waren die Ereignisse der New Yorker Börse mit ihren Folgen für die Weltwirtschaft.

Zum Dritten verwiese ich auf die Erkenntnis der 70er Jahre, dass die Öl- und Rohstoffvorräte der Welt begrenzt sind. Auch heute wird versucht, die Angst vor Veränderungen zum Festhalten am internationalen Sozial- und Umweltdumping zu missbrauchen. Statt der Bevölkerung der Schwellenländer eine Perspektive der entwickelten Industriestaaten mit einem höheren Lebensniveau zu bieten, wird versucht, mit massiver Unterstützung der beherrschten Medien eine Rückkehr zu den Verhältnissen der Schwellenländer vorzubereiten. Dies ist fruchtbarer Nährboden für jede Art des Terrorismus.

In Zeiten der Zukunftsangst und der Veränderungen spielt die geistig-ethische Orientierung der Menschen eine sehr wichtige Rolle. Im Vergleich zur damaligen Zeit geht es nicht mehr um bayerisch-katholische und preußisch-evangelische Glaubenskämpfe, sondern um den Kampf des fundamentalistischen Islam um die globale Vormachtstellung in der Welt.

Die Ziele und Aufgaben unseres Bundes bestehen präventiv unverändert weiter:

- ein menschenwürdiges und selbstbestimmtes Leben für die Menschen aller Völker, Rassen und Nationen dieser Erde zu erreichen,

- die frei Entfaltung aller Weltanschauungen und politischen Systeme zu fördern, soweit ihnen nicht totalitäres Denken und Unterdrückung anderer zugrunde liegen,

- und die natürlichen Lebensgrundlagen für Menschen, Tiere und Pflanzen für uns und unsere Nachkommen zu erhalten.

Ich danke den Jubilaren und Jubilarinnen für ihren Einsatz und wünsche uns allen weiterhin kleine aber kontinuierliche Schritte hin zu Verbesserung unseres globalen Zusammenlebens.