Helmut Steuerwald

 

 

Kampf der Kulturen

oder

Integration, Völkerverständigung und Humanismus

Die Zunahme des politisch-religiösen Fanatismus in der Welt von heute und die humanistische Alternative

 

 

Jahresbeginnfeier 2005

Bund für Geistesfreiheit (bfg) Schweinfurt

Am Sonntag, dem 2. Januar um 10:30 Uhr

in der Diele des Rathauses der Stadt Schweinfurt


Sehr geehrte Gäste, liebe Freunde! Zunächst wünsche auch ich allen Anwesenden ein gutes, friedliches Neues Jahr!

Besonders begrüßen möchte ich die Jubilare. Sie haben durch jahrzehn­telanges Wirken und Vorleben Ideale einer aufgeklärten Gesellschaft vertreten.

Ein neues Jahr nimmt seinen Anfang. Mit frommen und weniger from­men Sprüchen wurde es von Politikern eingeleitet. Doch bereits Erich Kästner - sie hörten schon ein Gedicht von ihm - sagte vor über 70 Jahren:

Man soll das Jahr nicht mit Programmen

Beladen wie ein krankes Pferd.

Wenn man es allzu sehr beschwert,

bricht es zu guter Letzt zusammen.

....

Es nützt nichts, und es schadet bloß,

sich tausend Dinge vorzunehmen.

Lasst das Programm! Und bessert euch drauf los![i]

Tatsache ist doch, dass wir einerseits mit bestens anmutenden Vorsätzen an das Neue Jahr herangehen, aber anderseits sehen - wie die Praxis zeigt - dass vieles, ja immer mehr Dinge für einen gro­ßen Teil der Menschheit sich negativer auswirken – auch für zahlreiche Menschen bei uns in Deutschland. Die Armut in der Welt, die Zerstörungen von Natur und Umwelt nehmen zu, Kriegsgefahren bedrohen alle, die Bildungsmisere wird in den meistern Ländern - auch bei uns - größer. Tatsache ist auch, dass die Schere zwischen Arm und Reich überall immer größer wird. Das schafft Hass! Die Empörung gegen die ungerechte Verteilung der Güter dieser Erde wächst.

Ohne eine Abkehr von der globalisierten, unmenschlichen, nur am Profit orientierten scheinliberalen Wirtschaftsordnung wird sich religiöser und politischer Fanatismus mit Terroranschlägen, grausamen Morden und Kriegen weiter verschärfen.

Die zunehmende Ungerechtigkeit auf dieser Welt führt eben dazu, dass Menschen fanatisch werden. Menschen, die keinen Ausweg mehr sehen ihre Lage zu verbessern - beispielsweise keine Hoffnung mehr haben im Diesseits satt zu werden und ein menschenwürdiges Le­ben führen zu können, diese Menschen werden fanatisiert, werden fundamenta­listischen Gruppierungen in die Arme getrieben. Sie sind fähig Selbstmordattentate zu verüben, im Glauben, sich und ihren Familien damit in einem gedachten Jenseits Erlösung zu bringen.

Die gewachsenen Spannungen in der Welt werden von religiös-fanatischen Gruppen missbraucht, um ihr eigenes Süppchen zu kochen. Und zwar sowohl im Islam, wie im Chris­tentum als auch in anderen Religionen. Diese Gruppierungen nehmen sich häufig der Ärmsten an (das sollten wir nicht verkennen), zeigen sich aber aggressiv gegenüber anderen religiösen oder auch nichtreligiösen Menschen. Sie suchen die Schuld nur beiläufig im allgemeinen wirtschaftspolitischen Geschehen. Besonnene religiöse oder nichtreligiöse Vereinigungen versucht man zurückzudrängen, wie es besonders durch fundamentalistische christliche Gruppen in den USA geschieht. Ähnliches passiert auch in Ländern des Islam, im Judentum und im Hinduismus.

Durch die gegenwärtige wirtschaftliche Entwicklung werden die Bildungschancen für ärmere und einfachere Menschen in vielen Ländern schlechter. Auch bekommt die vermittelte Bildung immer mehr eine technokratische, einseitig auf die Wirtschaft ausgerichtete Prägung. Die einseitige Bildung macht die Menschen unkritischer und in der Folge leichter manipulierbar. Fernsehen und Presse und die dahinter stehenden internationa­len Medienkonzerne samt Agenturen, die mit geschulten psychologi­schen Kräften arbeiten, sorgen für eine entsprechende Beeinflussung.  Dies gelingt um so leichter, je niedriger der allgemeine Bildungsstand ist. Durch fehlendes Wissen fallen die Men­schen den unterschiedlichsten Glaubens­vorstellungen und Phantastereien zum Opfer. Wirkliche Information kommt meist nicht zum Tragen. Zusammen­hänge werden häufig nicht geklärt, und es wird einseitig informiert – auch in demokratischen Ländern. Das soll nicht heißen, dass es unter Berichtserstattern und Journalisten keine kriti­schen Einstellungen gibt, aber deren Beiträge findet man zu den Hauptsendezeiten im Radio oder Fernse­hen selten, am wenigsten bei Privatsendern, und die wenig anspruchsvolle Boulevardpresse bringt sie überhaupt nicht. Schon sorgt die Angst um den Arbeitsplatz bei vielen Journalisten dafür, dass die „Schere im Kopf“ funktioniert und folglich kritische Berichtserstat­tung nicht mehr zustande kommt. Demokratie wird vielerorts häufig zur Farce. Denken wir nur an die Berichtserstattung über den Irakkrieg in den USA. Unpatriotisch galt und gilt auch heute noch, wer sich nicht auf Bush-Krieger-Linie einschwören ließ. Der Präsident hatte ja be­tont: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns". Für ihn ist dieser Krieg ein „Kreuzzug", ein „Krieg gegen das Böse", gegen das Gottlose. Journalisten, die sich nicht unterwarfen und kritisch über Hintergründe berichteten, wurden ent­lassen, galten als unpatriotisch, gottlos, ja als Vaterlandsverräter. Demo­kratie wird dadurch – wie gesagt – zur Farce, die Regierung der USA zu einer religiös verbrämten Oligarchie, in der vor allem die Finanz-, Waffen- und Ölmagnaten, aber auch ausgewählte religiös-fundamentalistische Kreise das Sagen haben. Diese stärker gewordenen religiös­-fundamentalistischen Gruppierungen haben in den USA mehr denn je Einfluss auf die Politik. Präsident George W. Bush steht diesen Gruppen nahe, wird von ihnen hofiert. Bush selbst sagt ja, er sei einer der "Wiedergeborenen". Ob­wohl die fundamentalistischen Gruppen eine Minderheit bilden, ent­scheiden sie im Einklang mit den Wirtschaftsbossen die Politik der USA. Für sie gelten die USA als das von "Gott auserwählte Land", und mit Begrif­fen wie Patriotismus versucht man die Menschen einzuschwören auf an­gebliche gemeinsame Ziele im Kampf gegen das Böse, gegen den Teufel, den Antichrist. Ja, man ist bereit Kreuzzüge zu führen.

Politik sollte in einer Demokratie die Wirtschaft unter Kontrolle halten können und vor allem Auswüchse verhindern. Wir erleben aber immer mehr, dass die Wirtschaft die Politik im Griff hat. Wir spüren im­mer mehr eine Oligarchie, genauer eine Plutokratie: die Herrschaft einer kleinen wirtschafts- und finanzstarken Oberschicht über die Mas­se des Volkes. Sicherlich sehen wir dies an erster Stelle in den USA, aber auch bei uns. Demokratie wird dadurch immer mehr zur Farce, ein Grund, warum sie von vielen Menschen nicht mehr erst genommen wird.

Die reiche Oberschicht in den USA unterstützt wirtschaftlich und psychologisch massiv konservative, religiös-fundamentalistische Gruppierun­gen und sorgt dafür, dass religiöse Extremistengruppen medienwirksame Auftritte erhalten. Diese Leute haben der Regierung Bush mit der billigen Patriotismus-Parole zum Sieg verholfen. Sie unterstützen vor allem auch die Kriegspolitik. Susan Sontag, die vor ein paar Tagen verstorbene amerikanische, humanistisch denkende Schriftstellerin warnte die Nation immer wieder vor kraft­meierischem Patriotismus, der das kritische Denken verbietet.

Auch bei uns in Deutschland versucht man mit dem billig angewandten Begriff "Patriotismus" - nicht zu unrecht spricht der bekannte Kirchenkritiker Karlheinz Deschner vom "Patrioidiotismus" - Menschen zu ködern. Weil wir eine natürlich gewachsene Heimatliebe haben, will man uns mit einem oft dümmlichen, intoleranten und inhumanen, nationalistischen oder pseudoreligiö­sen Patriotismus einzulullen. Damit verbunden ist auch der verwaschene Begriff der "Leitkultur". Mit solchen Begriffen wird man den Problemen unserer Zeit nicht gerecht! Erst recht leitstet man damit keinen Beitrag zur Integration der Ausländer.

Was soll dieser Begriff "Leitkultur" überhaupt?  Welche Leitkultur ist es?

Ist es das "Christentum", das diese "Leitkultur" verkörpert, uns als Patrioten erscheinen lässt? Mit Kreuzen in den Gerichtssälen und Schulen? Ist es die deutsche Geschichte mit Eroberungen, Kreuzzugskriegern, Zwangschristianisierun­gen, mit Hexenverfolgungen, allgemeiner Unterdrückung der Frauen, mit der Verfolgung und Intoleranz gegenüber Andersdenkenden – zum Beispiel immer wieder gegenüber den Juden?  - Da ist die Unterdrückung anderer Völker, sind zwei Weltkriege und das NS-Regime, das Millionen Menschen – meistens Juden – ermordet hat. Die Angehörigen der Deutschen Wehrmacht trugen in beiden Weltkriegen, im kaiserlichen wie in dem vom NS-Regime geführten, am Koppelschloss ihrer Gürtel den Ruf "Gott mit uns". Womit natürlich der christliche Gott gemeint war. Ist das unsere Leitkultur?

Andererseits hat Deutschland natürlich auch hervorragende kulturelle Entwicklungen erlebt – wenn auch meist gegen staatliche und kirchliche Obrigkeit. Natürlich ist unser Deutschland auch das eines Lessing, Goethe, Heine und Schiller, das von Bach, Beethoven oder Mozart, von Kant und Feuerbach, Marx und Engels, Tucholsky und  Ossietzky und einer Vielzahl weiterer bedeutsamer, hu­manistisch denkender Persönlichkeiten. Doch stan­den diese  fast immer im Gegensatz zur offiziellen Kultur, wenn man so will zur "Leitkultur". Es ist z.B. kaum vorstellbar, dass etwa die CDU-CSU in ihre Christliche-Werte-Diskussion Goethe mit einbezieht. Sagte dieser doch über die christlichen Kirchen:

"Glaubt nicht, dass ich fasele, dass ich dichte;

Seht hin und findet mir andre Gestalt!

Es ist die ganze Kirchengeschichte

Mischmasch von Irrtum und Gewalt.“[ii]

Oder:

Die Kirche hat einen guten Magen,

Hat ganze Länder aufgefressen,

Und doch nie sich übergessen;

Die Kirch' allein, meine lieben Frauen,

Kann ungerechtes Gut verdauen.“[iii]

Dies nur als Beispiel.

Mit Begriffen wie Leitkultur oder Patriotismus sollte man nicht die Gefühle der Menschen missbrauchen, um sie besser manipulieren zu können.

Natürlich lieben wir unsere Heimat. Sie ist dort, wo ich mich wohlfühle, wo ich Wurzeln habe, Sprache und Kultur gelernt habe. Dort habe ich Men­schen, die mir nahe stehen, unabhängig von ihrer Hautfarbe, eigenen Kulturgeschichte oder religiösen Anschauung – soweit diese auf Toleranz gegründet ist. Heimat ist, wo ich Menschen vorfinde, mit denen ich sprechen, gemeinsame Interessen pflegen oder gemeinsam etwas tun kann, wo ich helfe und Hilfe bekomme, wo kultureller Austausch stattfindet. Und zwar unabhängig von der Nationalität. Ausländer, besonders solche, die schon lange hier sind, welche die deutsche Staatsangehörigkeit haben oder haben wollen, sollen dieses Land ebenfalls lieben können; sollen sich hier wohlfühlen, es als erste oder zweite Heimat empfinden.

Den Begriff "Integration" an die Stelle von "multikulturelle Gesellschaft" setzen zu wollen, halte ich für absurd. Nach meiner Auffassung entwickelt sich beides gleichzeitig. Natürlich müssen wir uns viel stärker dafür einsetzen Ausländer zu integrieren: Ausländische Mitbürger sollen die deutsche Sprache erlernen, unsere Geschichte und Kultur erfassen.

(Beim Mittragen unseres kulturellen Erbes hapert es ja leider auch bei vielen deutschen Mitbürgern.) Ausländer müssen selbstverständlich - wie wir alle - das Grundgesetz einhalten. Grundrechte wie die Gleichberechtigung der Frau, das Recht auf Schulbildung oder auch das Recht auf Religionsfreiheit muss selbstverständlich auch für sie gelten, soweit dabei Menschenrechte nicht verletzt und die Verfassung einhal­ten wird. Ähnliches gilt für andere Rechte und Pflichten. Ausländer müssen ohne Angst hier leben können, wenn sie ohne Wenn und Aber ihre verfassungsmäßigen Rechte und Freiheiten in Anspruch nehmen. Natürlich ist hier bei uns kein Platz für fundamentalistische und terroristische Anschau­ungen. Das sagen wir aber nicht nur Anhängern des Islam, es gilt ebenso für das Christentum und andere Religionen.

Ausländer haben - unabhängig von der Frage der Integration - ein kulturelles Erbe aus ihrer Heimat mitgebracht, dass sie pflegen und auch weiter vermitteln. Dabei erleben wir das Multikulturelle: Was haben wir Deutsche nicht schon alles aus anderen Völkern angenommen - ja auch das macht "deutsche Kultur" aus. Schauen wir z. B. das Konglomerat unserer Sprache an: Sie enthält altgermanisches und keltisches, lateinisches, griechisches und hebräisches Wortgut. Später kamen russische, französische oder italienische Begriffe hinzu, und in den letzten 50 Jahren vor allem englische – gelegentlich auch schon türkische. Alles ist durchmischt, so dass nur Sprachwissenschaftler den Ursprung eines Wortes noch erkennen können.

Wie habe ich neulich im Internet gelesen:

Dein Christus: ein Jude,

Dein Auto: ein Japaner,

Deine Pizza italienisch,

Deine Demokratie griechisch,

Dein Kaffee brasilianisch,

Dein Urlaub türkisch,

Deine Zahlen arabisch,

Deine Schrift lateinisch.

Und Dein Nachbar nur ein Ausländer?

So ist das mit der Multikultur. Uns können andere Kulturen bereichern, so wie wir Deutsche als Auswanderer im Laufe der Jahrhunderte auch andere Kulturen bereichert haben, ob in Russland, Amerika oder sonst- wo. Es ist auffällig, dass ausgerechnet reaktionäre Kreise - die sich bei uns gegen das Multikulturelle wenden - im Ausland das Deutschtum betonen, sich dort für deutsche Minderheiten, deutsche Kolonien, deutsche Kirchengemeinden einsetzen.

Die Völker dieser Welt können und müssen voneinander lernen, be­sonders in einer globalisierten Welt. Integration und multikulturelle Ver­hältnisse sind kein Widerspruch - beides gehört zusammen wie zwei Seiten einer Medaille. Kein Kampf der Kulturen sondern ein Miteinander ist wichtig. Dabei gilt es, das Positive aus der Ver­gangenheit und Gegenwart der jeweiligen Kulturen herauszustellen und zu pflegen. Für uns Deutsche heißt das aber auch, dass wir uns mit unserer kulturellen Vergangenheit befassen, und dass diese in den Schulen hinreichend vermittelt wird.

Wichtig für alle Erdenbewohner ist die Einhaltung der Menschen­rechte, ist die Achtung der Würde des Menschen. Die in der "Charta" der Vereinten Nationen verankerten Rechte sind viel­fältig. Mit dabei ist Religionsfreiheit - und das ist gut so. Nur: Dieses Recht darf nicht über andere Rechte und Freiheiten gestellt werden. Wir können deshalb nicht dulden, auch auf Grund unseres Grundgeset­zes nicht, dass Frauen weniger Rechte haben als Männer, wie das von engstirnigen Islamisten, aber auch von engstirnigen Christen gehand­habt wird. Wir können auch nicht hinnehmen, wenn Fremdenhass geschürt oder An­dersgläubige diffamiert werden. Eine Bevorzugung bestimmter Glaubens­richtungen darf es einfach nicht geben. Die Privilegien der Kirchen müssen be­seitigt und eine klare "Trennung von Staat und Kirche" geschaf­fen werden; ohne sie kommt es zu gesellschaftlichen Spannungen. Es kann na­türlich auch nicht sein, dass Islamisten Nichtgläubige diffamieren – ganz gleich, ob es sich dabei um Christen, Juden, Atheisten oder Muslime mit abweichender Einstellung handelt. Hassprediger jeglicher Couleur sind zu bekämpfen. Berechtigte Kritik an Religionen und Weltanschauungen, vor allem an deren Institutionen, muss freilich erlaubt sein; sie sollte stets sachlich sein und auf die Menschenwürde bedacht.

Wir machen uns Gedanken, ob die vom Islam geprägte Türkei der EU beitreten kann oder nicht. Entscheidend dabei ist, wie es dort um die Menschenrechte steht. Wir sind uns im Klaren, dass sich da noch manches ändern muss. Bedenken wir: Die Türkei hat ein schweres Erbe hinter sich, sie ist bemüht moderner zu werden und den Menschenrechten Gewicht zu verleihen. Manches hat sich bereits gebessert - auch wenn es noch viel zu tun gibt. Unsere Aufgabe ist m. E. das Land zu unterstützen, damit es den Richtlinien der EU gerecht werden kann. Machen wir uns nichts vor: Die USA  z.B. - die uns immer wieder als "Musterland" der Demokratie präsentiert werden – würden die EU-Kriterien keinesfalls erfüllen. Dort werden die Menschenrechte derzeit missachtet. Die Bush-Administration benützt die Folter, und auf Guantanamo werden Menschen festgehalten, denen man jegliche Men­schenrechte verweigert. Von allen Ländern der Erde wenden die Vereinigten Staaten mit am häufigsten die Todesstrafe an. Das Kioto-Abkommen wird ignoriert, ja mit Füßen getreten. Zwar ist die Pressefreiheit gesetzlich verankert, aber praktisch total unterminiert. In den USA sitzen heutzutage etwa 2 Millionen Menschen in Gefängnissen, darunter eine Vielzahl Jugendliche, ja sogar Kinder. Prozentual auf die Bevölkerung umgerechnet sind das mehr Gefangene als es zum Beispiel in der Sowjetunion unter Stalin waren. Das ist eine grausam hohe Zahl. Diese Menschen sind natürlich keine politischen Gefangenen; die meisten hat man wegen kleiner Wirtschaftsvergehen bestraft. Auffallend hoch ist dabei der Anteil der Farbigen, da diese oft wegen Bagatell-Delikten meist viel schärfer bestraft werden als die Weißen.

Und in Deutschland? Bei uns sind unter der jetzigen Regierung – und das muss uns in Erstaunen setzten – die Unterschiede zwischen Arm und Reich stark gewachsen. Besonders schlimm ist auch, dass die Kinder- und Jugendarmut in den letzten Jahren gewaltig zugenommen hat. Zudem haben sich die Bil­dungschancen für die Ärmeren wesentlich verschlechtert. Anderseits: Millionäre und Multimillionäre samt deren Vermögen ­nehmen ständig zu. Hinter den USA ist Deutschland da inzwischen auf Platz 2 in der Welt gerückt - und das angesichts des geringen Wirtschaftswachstums. Von diesen heutigen Reichen besitzt also jeder tausend Millionen Dollar. Muss das sein?

Für diese Entwicklung sind sicherlich internationale Zusammenhänge, Globalisierungsgründe mit ausschlaggebend. Trotzdem - so etwas dürfte  unter einer sozialdemokratischen Regierung nicht passieren. Dass es bei einer konservativen Regierung nicht besser wäre, sollte uns allerdings auch klar sein.

Es wird Zeit, dass wir umdenken. Nicht die Wirtschaftsinteressen einiger Weniger, aber auch nicht die religiösen Vorstellungen einiger fanatisierter Gruppen - oft fällt beides zusammen - dürfen die Weltpolitik oder auch unsere Politik bestimmen.

Die Zeitalter des Humanismus und vor allem das der Aufklärung haben Tole­ranz, Menschenwürde, haben die Menschrechte, haben den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit gefordert. Tun wir alles, damit diese Ziele nach Jahrhunderten endlich voll zum Tragen kommen. Die schlim­men Gegensätze zwischen Arm und Reich zwischen den Län­dern und in den Ländern selbst müssen beseitigt werden. Verstand und Vernunft, Kritikfähigkeit, Menschlichkeit müssen in den Mittelpunkt unseres Denkens und Handelns gestellt werden. Wissen statt Glauben muss ver­mittelt werden durch eine umfassendere Bildung.

Ein besseres Leben kann es nur in einer friedlichen Welt geben, in einer Welt mit Toleranz, in einer Welt, in der die Gegensätze abgebaut werden.Tun wir alles dafür! Solidarität ist weltweit gefragt - nicht nur bei Ka­tastrophen wie den uns alle schockierenden, schlimmen Überflutungen vor einer Woche. Selbstverständlich: Die Opfer dieser einmali­gen Flutkatastrophe müssen dauerhaft unterstützt werden. Wir müssen mithel­fen, dass diese Menschen wieder bzw. überhaupt ein dauerhaft menschenwürdiges Leben erhalten. Helfen wir auch, dass es auf dieser Erde überall menschlicher zugeht. Krieg und Armut müssen weltweit zurückgedrängt werden.

Das Jahr 2004 stand gerade für uns freigeistige Menschen in Erinne­rung des 200. Geburtstages des großen aufklärerischen Phi­losophen Ludwig Feuerbach. Seine Ideen sind gerade auch für die Gegenwart von Bedeutung. Sie sind wichtige Bausteine, wenn es darum geht, unsere Welt humaner zu gestalten. Zum Schluss möchte ich Ihnen deshalb zwei Zitate des Philosophen mit auf den Weg ge­ben:

"Ich will heißt: Ich will glücklich sein. Den Glückseligkeitstrieb des Menschen heißt den Willen des Menschen unterdrücken... Nur die auf den Glückseligkeitstrieb - freilich nicht einiger, sondern aller ­gegründete Freiheit ist eine volkstümliche und darum unwidersteh­liche Macht.“[iv]

Und ein weiterer Ausspruch Ludwig Feuerbachs:

"... und wünsche nur, dass ich die... Aufgabe nicht verfehlt habe,... Sie aus Gottesfreunden zu Menschenfreunden, aus Gläubigen zu Denkern, aus Betern zu Arbeitern, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits, aus Christen, welche ihrem eigenen Be­kenntnis und Geständnis zufolge ,halb Tier, halb Engel' sind, zu Menschen, zu ganzen Menschen zu machen."[v]

 



[i] Erich Kästner: Gesammelte Schriften, Büchergilde Gutenberg, Frankfurt am Main, ©Atrium Verlag Zürich, 1958. Band l Gedichte, S. 313, Aus: „Spruch für die Silvesternacht"

[ii]Goethe: "Werke, 4. Band", G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung, Berlin, 1881, S. 220 (aus: "zahme Xenien")  

[iii] Goethe: "Werke, 5. Band", G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung. Berlin.1881. S. 101.

[iv]Zitiert in: ,Aufklärung und Kritik", 1/2004, S .175. Aus dem Aufsatz von Alfred Kröner M.A. (Oberasbach):"Ein Philosoph wird zu Grabe getragen.“

[v] Zitiert in: Hermann Kraus (Zusammenstellung): "Ludwig Feuerbach - Kurzgefasste Zitatenauslese ABC Praxis und Theorie des atheistischen Humanisten für das 20. und 21. Jahrhundert", 3. Auflage 2001, Eigendruck, S. 9/10 (Zitiert aus „Vorlesungen über das Wesen der Religion“).