Helmut
Steuerwald
Mensch sein
unter Menschen Jugend- und Frühlingsfeier
Jugendfeier fürDavid
F.
Bund
für Geistesfreiheit (bfg) Schweinfurt
Sonntag, 9. April 2006 Diele
des Alten Rathauses der Stadt Schweinfurt <Wofür ich bin> Was
schert mich das schönere Jenseits? Ich
bin für ein bessere Diesseits. Ich
pfeife aufs ewige Leben. Ich
kämpfe ums Überleben. Ich
glaube nicht Ich
denke, ich
bete nicht, ich
tu was. Ich
suche nicht Die
Erlösung vom Übel, ich
suche die Lösung der
akuten Probleme. Dafür
krieche ich Nicht
zu Kreuze, dafür
setze ich mich aufrecht
ein.[1] Sehr
geehrte Gäste, liebe
Gesinnungsfreundinnen und Gesinnungsfreunde! Lieber
David, einziger Teilnehmer an der Jugendfeier in diesem Jahr! Ich begrüßte Sie alle mit dem Gedicht „Wofür ich bin“ von der vor wenigen Jahren verstorbenen freigeistigen Dichterin Kriemhild Klie-Riedel. Im Gedicht wird der Unterschied unserer Weltanschauung gegenüber religiösen Glaubensrichtungen aufgezeigt. Wir gestalten auch unsere Feiern anders und sind dem Diesseits verpflichtet. Wir
begehen hier die traditionell gewordene Frühlingsfeier, heute verbunden
mit der Jugendfeier für David, den ich nochmals besonders begrüßen möchte. Jugend
und Frühling gehören ja zusammen, Frühling des Lebens mit Wachstum,
Neugestaltung – und mit Wünschen und Erwartungen. Lassen
Sie mich zunächst auf die Jugendfeier oder auch Jugendweihe eingehen,
wie sie nach altem Brauch ebenfalls genannt wird. Es ist eine Tradition,
die weit über 100 Jahre zurückgeht, dass nämlich Jugendliche ohne
religiöse Bindung an Jugendweihen oder Jugendfeiern teilnehmen können.
Die Tradition reicht bis in die Zeit des Vormärzes, also bis in die
Tage vor der bürgerlichen Revolution von 1848 zurück. Damals entstand
u. a. die freireligiöse,
freigeistige, freidenkerische Bewegung. In den ersten Jahren hießen
Jugendfeiern in Anlehnung an die Kirchen oft noch Konfirmationen. In
Schweinfurt dürfte es seinerzeit auch
so gewesen sein (obwohl wir keine genauen Unterlagen besitzen),
als die hiesige Freie Gemeinde - heute Bund für Geistesfreiheit - sich
1849 entwickelte und ihr berühmt gewordener Sprecher Carl Scholl, ein
bekannter Feuerbachianer und später auch guter Freund Ludwig Feuerbachs
hier wirkte. Unsere Gemeinschaften waren schon damals von der
Philosophie der Aufklärung stark beeinflusst, vor allem eben auch von
dem deutschen Philosophen Ludwig Feuerbach. So hieß es zu solch einer
Feier bereits 1851 in einer Schrift: Die
Freie Gemeinde kann "nicht alljährlich eine Anzahl Schäflein in
ihre Hürde einzuführen trachten, sondern nur offen lassen ihre Pforte
dem freien Eintritt des freien Menschen...
Sie kann das nicht ... , weil sie nicht Gläubige und nicht
Diener, sondern Denkende und Freie, weil sie nicht fangen, sondern überzeugen
will."[2]
Dieser
Haltung sind wir bis heute treu verbunden. Wir denken nicht daran zu
missionieren – wir wollen keine Gläubigen – wir wollen selbstständig
denkende, verantwortungsbewusst handelnde Menschen in unseren Reihen und
nehmen solche Menschen gerne auf. Unsere Weltanschauung baut auf
Verstand und Vernunft auf, und es ist sicherlich nicht immer ganz leicht
in freigeistigen Organisationen mitzuwirken, da wir keine Dogmen kennen. Unsere
Jugendfeiern beziehungsweise Jugendweihen haben durch den
Hitlerfaschismus an Bedeutung verloren und lebten danach auch bei uns im
Westen nur beschränkt wieder auf - wenn man von Großstädten wie
Hamburg und Berlin absieht, wo sie immer Bestand hatten. In der
ehemaligen DDR war das anders, allerdings hatten die Jugendweihen dort
einen ganz anderen Charakter. Sie hatten z. T. problematische Züge,
wurden vom Staat unterstützt, ja waren mit staatstragend. Nach dem
Zusammenbruch der DDR blieben sie aber als selbstständige, unabhängige
Feiern erhalten, bekamen eine neuen Charakter, eine andere Gestalt und
haben bis heute große Bedeutung für nicht-religiöse Menschen. So
nahmen zum Beispiel im von der CDU regierten Sachsen im Jahr 2004 nur 12
% an der ev. Konfirmation teil, 3 % an der katholischen Kommunion, aber
60 % aller Jugendlichen im entsprechenden Alter nahmen an Jugendweihen /
Jugendfeiern teil, und zwar trotz massiver Gegenwehr der staatlich
unterstützten Kirchen. Die restlichen 25 % wollten keine öffentlichen
Feiern. Wir
in Bayern stehen da hinten an: Feiern gibt es vor allem in Nürnberg mit
ca. 50 Jugendlichen pro Jahr, in München und in ein paar wenigen
anderen Städten. Unabhängig davon ist festzustellen: Die Menschen,
die keiner Kirche angehören oder überhaupt keine Religion haben,
nehmen weltweit gewaltig zu. Heute sind das etwa 20 % der Weltbevölkerung.
(Trotz der Zu-nahme von religiösem Fanatismus.) Tatsache ist, dass
vor gut 100 Jahren nur etwa 1 % der Weltbevölkerung kirchen-
oder religionsfern waren. In gut 100 Jahren also eine Zunahme um das
20-fache! Bei
uns in Deutschland ist diese Zunahme ebenfalls erkennbar. Die
Kirchenfreien machen heute mehr als 1/3 der Bevölkerung aus. Wir haben
Bundesländer wie Brandenburg, wo etwa 80 % keiner Kirche angehören. Die
Kirchenaustrittswellen gehen nicht einmal an Bayern vorbei. Der
Prozentsatz der Konfessionslosen stieg hier von 3,5 % im Jahr 1970 auf
18,2 % im Jahr 2004. Welch ein gewaltiger Zuwachs! Nun, unsere Regierung
und unsere Medien in Bayern versuchen vor dieser Tatsache die Augen zu
verschließen. Den konfessionslosen Menschen wird nicht mehr Bedeutung
in Politik oder Medien eingeräumt als vor 30 Jahren. Das muss anders
werden! Wir sollten auch unsere Jugendfeiern in Bayern bekannter und attraktiver machen, sie öffnen für alle Jugendlichen, die keiner Konfession angehören. Es ist ein guter Brauch, für und mit Jugendlichen zu feiern, schon weil es die Generationen untereinander verbindet. Wenn Jugendliche ins Erwachsenenalter eintreten, ist es auch heute sinnvoll, ihnen zu Ehren eine Feier zu gestalten. Als Jugendlicher mit 14 Jahren hat man nun auch vor dem Gesetz mehr Pflichten und Verantwortung. So beginnt mit diesem Alter auch die Strafmündigkeit , d. h. man wird für Schäden, die man anrichtet zivilrechtlich verantwortlich gemacht. Vor allem beginnt aber mit 14 die volle Religions- und Weltanschauungsmündigkeit. Mit 14 kann man selbständig entscheiden - auch gegen den Willen der Eltern - ob man aus der Kirche austreten, seinen Glauben wechseln oder auch in die Kirche eintreten will, was von aufgeklärten kritischen Jugendlichen allerdings kaum zu erwarten ist. Mit
der Jugendfeier wollen wir mit den Jugendlichen feiern, dass sie zu
erwachsenen Menschen heranreifen, dass man von ihnen mehr Verantwortung
erwartet und sie nun auch mehr Rechte haben. Wir wünschen dir mit dieser Jugendfeier, lieber David, auf deinem sehr persönlichen Weg viel Erfolg! Dein Weg wird nicht leicht sein. Wir wissen, was das Leben junger Menschen schwieriger macht: eine rücksichtlose, freie globalisierte Marktwirtschaft mit mangelnden Ausbildungsplätzen und hoher Arbeitslosigkeit; immer höheren Kosten und andere Barrieren beim Studium und in der Fortbildung. Hinzu kommen Überflutung und Überreizung durch kommerzialisierte oberflächliche Medienanbieter, die nur darauf aus sind Geld zu machen. Mit zum Teil grausamen und rücksichtslosen Computerspielen - auch auf Handys - und entsprechenden Filmen lenken diese Medien von der Wirklichkeit des Lebens ab, erziehen zur Brutalität und Rücksichtslosigkeit. Lieber David: Sei wachsam, sei kritisch, lass dir nichts vormachen! Weder von Politikern noch von Anbietern, die nur knallharte Wirtschaftinteressen verfolgen. Sie wollen nur an dein Geld und das deiner Familie. Jugendliche werden zunehmend vor allem von der Wirtschaft, aber von der Politik und durch religiöse Machenschaften missbraucht. Sei besonders auch gegenüber den Medien kritisch, die dich immer mehr abhängig, ja süchtig machen wollen und dir den Realitätssinn nehmen. Phantasie ist sicherlich etwas Schönes, etwas Wichtiges im Leben – keine Erfindung entsteht ohne Phantasie. Bleibe trotzdem am Boden der Tatsachen, sehe den Realitäten des Lebens ins Auge, und lass dir nichts vormachen! Du bekommst im Leben selten etwas geschenkt, das meiste musst du dir erkämpfen durch Arbeit, mit Studium und Wissen, durch Fleiß und Zähigkeit. Benutze dabei nicht die Ellenbogen, sondern zeige dich solidarisch. Gemeinschaftssinn ist etwas Schönes, Wertvolles, ob in Jugend-, Sport-, Familien- oder Freundesgruppen. Suche die Schönheiten des Lebens in der Wirklichkeit selbst, da findest du sie auch. Vergiss aber dabei nicht, dass es viele Menschen um dich gibt, die selbst Probleme haben – Menschen die dir liegen oder auch nicht. Zeige dich trotzdem solidarisch, wirke mit anderen dafür, dass es wieder besser wird. Dass es menschlicher, friedlicher zugeht auf unserer Erde. Fordere von dir viel – gehe wachen Auges durchs Leben, lasse dich nicht einlullen. Lerne, nimm Neues auf – aber sei dabei kritisch! Zeige Ver-stand aber auch Gefühle, sei warmherzig in dieser oft so kalten Welt! Du weißt es selbst: Immer mehr junge Menschen fallen dadurch auf, dass sie keine eigenständige Meinung haben. Äußerlich verhalten sie sich zunächst übertrieben angepasst, werden zu „Jasagern“ oder auch apathisch. Meist leben sie in Angst und unter Leidensdruck. Nicht im Widerspruch dazu, sondern genau deshalb geschieht es dann, dass Hass sich aufstaut und es zu Aggressionen kommt. Solche junge Menschen fühlen sich dann in Banden stark, in Gangs, in rechtsradikalen Gruppen, auf der Straße, gegenüber Schwächeren, oder auch da, wo sie glauben, nicht erwischt zu werden. Nicht selten kommt es dann zu sinnloser Zerstörungswut und kriminellen Handlungen. Beispiele hierfür gibt es genug – nicht nur an Berliner Schulen. Kann so ein Leben erstrebenswert sein? Lieber David: Handle anders. Zeig was an positiven Kräften in dir steckt! Das Leben kann echt schön sein, ja es kann ganz toll sein. Du musst es nur richtig anpacken. Stell dir selber Aufgaben, die dich befriedigen, die dir auch Freude machen, aber auch anderen Freude bringen. Sei vergnügt und voll Frohsinn, aber natürlich nicht auf Kosten von anderen. Du wirst sehen wie schön das Leben sein kann, wenn man sich engagiert für eine gute Sache. Der kritische Philosoph Michael Schmidt-Salomon hat im letzten Jahr 10 Angebote des evolutionären Humanismus herausgestellt und sie zur Diskussion gestellt. In diesen 10 Thesen ist viel Sinnvolles und Nachdenkenswerte für alle freigeistigen Menschen, für uns alle und natürlich auch für Dich, lieber David. Ich möchte seine Angebote kurz nennen und sie Dir mit auf den Weg geben:
Wir alle wünschen Dir, lieber David, ein gutes, sinnvolles, schönes, erfolgreiches Leben in einer friedlichen Welt. Soweit zu deiner Jugendfeier. Jugend, Frühling, neue Hoffnungen gehören zusammen, und dies nicht nur im übertragenen Sinne. Unsere Aufgabe als freigeistige, als humanistisch denkende Menschen ist es, uns mit der Jugend zu solidarisieren, Gemeinschaftsgeist zu entwickeln, ohne erhobenen Zeigefinger Hilfen zu geben. Es geht auch darum, die Jugend zu fordern ohne zu überfordern. Unterforderung ist für die Erziehung genau so schlimm wie Überforderung. Geben wir den Jugendlichen echte Hilfen, damit sie ein sinnvolles, selbständiges, humaneres Leben führen können. Wir alle freuen uns nach diesen langwährenden kalten Monaten auf einen schönen Frühling, einen schönen Sommer. Wir hoffen auf eine gute Zeit für jeden Einzelnen wie für alle anderen Menschen. Es soll ja laut Wirtschaftsprognosen aufwärts gehen in Deutschland - doch trifft das auch auf die große Mehrheit des Volkes zu? Auf die arbeitenden einfachen Menschen, auf die Arbeitslosen, auf die Jugendlichen, auf die Rentner? Schön wäre es! Aber täuschen wir uns nicht: Ein wirklich neuer Frühling für unsere Welt steht nicht bevor. Kriege, Unmenschlichkeit, Not und Armut, Arbeitslosigkeit, mangelnde Bildungsmöglichkeiten bei so vielen ― und unendlicher Reichtum bei einigen wenigen. Das beherrscht weiter unseren Alltag. Unsere Aufgabe als freigeistige Menschen und Humanisten ist es, gegen Missstände und vor allem für Frieden zu wirken. Unsere Welt muss humaner gestaltet werden, wenn sie nicht dem Untergang geweiht sein soll. Die zunehmenden Gegensätze zwischen Arm und Reich sind der Hauptgrund für Brutstätten des Terrorismus. Sie fördern den Fanatismus, den Hass gegen die Ungerechtigkeit. Wir hören immer wieder von „oben“, dieser „Futterneid“ sei primitiv. Angeblich würde es ja den Unteren besser gehen, wenn es auch den Oberen wirtschaftlich gut gehe. Dies ist eine ungeheuere Lüge, die nur dazu dienen soll, die gegenwärtige unmenschliche, globalisierte schein-liberale Wirtschaftsordnung zu zementieren. Nur ein Beispiel: Wir haben alle gehört vom Gehalt des Bundesbankdirektors Josef Ackermann mit jährlich fast 12 Millionen Euro. Was er so nebenbei noch mitnimmt aus Aktiengewinnen, Nebenjobs u.a. ist unbekannt. Dabei gehört der gute Mann nicht einmal zu den reichsten Bürgern unseres Landes. Wir haben viele Tausende andere Vorstandsmitglieder und Aufsichtsräte mit ähnlichen Gehältern, bzw. ähnlichen Einnahmen in Deutschland. Ackermann ist beileibe kein Einzelfall. Die Gehälter von Ackermann und seinesgleichen sind in den letzten Jahren gewaltig gestiegen, 10 % und mehr pro Jahr sind keine Seltenheit. Dafür werden ja in diesen Firmen die Arbeitsplätze gestrichen, es werden längere Arbeitszeiten verlangt. Aber wie gesagt, ja keinen Futterneid. Bleiben wir beim Beispiel Ackermann. Denken wir spaßeshalber folgendes: Rationalisieren wir den Posten von Ackermann weg, und die anderen Vorstände übernehmen seine Arbeit mit bei gleichem Gehalt. Für das Monatsentgelt eines Ackermann könnte man immerhin 500 Arbeitsplätze schaffen bei einem Gehalt von je 2.000 Euro monatlich. Aber nach der Denkweise der Wirtschaftsbosse ist ja die Stelle Ackermann wichtiger als 500 Arbeitsplätze. Nun, wenn man die Gehälter aller Vorstände und Aufsichtsräte der Großkonzerne sagen wir mal um 50 % kürzen würde, dann könnte man damit Hunderttausende Arbeitsplätze bezahlen. Trotzdem würden diese Spitzenpersonen der Wirtschaft immer noch so viel verdienen, dass sie superreich blieben. Aber es heißt ja immer wieder: nur kein Futterneid. Das ändern zu wollen geht natürlich nicht, denn, wie unsere Wirtschaftfachleute immer wieder betonen, sind in Deutschland Direktoren und Vorstände immer noch unterbezahlt gegenüber anderen Ländern, etwa den USA. Sie sollen doch auf gleicher Augenhöhe wirken können. Man macht sich so seine Gedanken: Unsere Spitzenpolitiker verdienen nach unser Auffassung doch recht viel, ja zuviel. Nehmen wir unsere Bundeskanzler bzw. nun unsere Bundeskanzlerin mit einem Monatsgehalt von ca. 17.000 €, das ist eine ganz schöne Menge. Aber nur keinen Futterneid: Denn wie gesagt, Ackermann bekommt monatlich eine Million, da sind die paar Euros, die ein Bundeskanzler verdient nur Peanuts; sie machen ja nicht einmal 2 % des Gehalts eines Ackermann aus. Geld regiert die Welt, sagt man. Dann fragt man sich schon, wer die Politik im Land bestimmt. Die Politiker oder die Wirtschaftsbosse? Haben wir eine Demokratie oder eine Plutokratie? Es wird höchste Zeit, dass die Schere zwischen Arm und Reich sich nicht noch weiter öffnet, sondern schließt, dass nämlich Reichtum zur Verantwortung für Staat und Gesellschaft herangezogen wird. Deutschland ist in wenigen Jahren vom 5. Platz der Milliardäre – also der Menschen die mindestens 1000 Millionen Dollar besitzen – auf den 2. Platz gerückt. Ist das der wirtschaftliche Fortschritt? Nein, wir müssen dafür sorgen, dass es in der Welt, dass es in Politik und Wirtschaft wieder menschlicher zugeht - vor allem natürlich auch bei uns in Deutschland. Andernfalls gehen wir einer katastrophalen Entwicklung entgegen. Vorboten gibt es genug. Der weltweite Terrorismus hat sicherlich mehrere Ursachen, zu allererst geschieht er vor einem wirtschaftlichen Hintergrund. Not und Elend, Arbeitslosigkeit, die Bildungsmisere, Familienfeindlichkeit der Gesellschaft, die Perspektivlosigkeit und die Unsicherheit gegenüber der Zukunft, mit der unsere Jugend leben muss, sind Brutstätten für Gewalt und Chaos. Tun wir alles, dem entgegenzuwirken, damit es wieder humaner wird. Verdammen wir fanatisches, starres Denken in Wirtschaft, Politik und natürlich erst recht bei religiösen Anschauungen. Als freigeistiger Verband liegt ja auf letzterem unser Schwergewicht. Ich möchte hier klarstellen: Wir freigeistigen Menschen haben nichts gegen religiöse Überzeugungen, soweit sie human sind. Wir haben nichts gegen die Gläubigen, wir haben auch nichts gegen religiöse Vereinigungen, soweit sie nicht irgendwelche Sonderrechte haben oder fordern. Wenn beispielsweise in Brandenburg mit der katholischen Kirche ein Konkordat abgeschlossen wird, mit einer Kirche mit nicht einmal 80.000 Angehörigen, und diese jährlich 1,2 Millionen Euro vom total verschuldeten Staat zugeschustert bekommt, während die nichtkirchlichen Verbände leer ausgehen, so ist das keinesfalls einzusehen. Vor allem dann nicht, wenn man weiß, dass in Brandenburg 80 % der Bevölkerung kirchenfrei sind. Die nichtgläubigen Bürger, Steuerzahler, sollen das Geld auch dafür aufbringen, dass sie wieder re-missioniert werden sollen. Wie pervers! In Bayern stiftet der Staat 1 Million Euro, um den Kauf des Geburtshauses von Benedikt XVI. mit zu finanzieren. Könnten die Bistümer den Kaufpreis nicht selber aufbringen? Für dringende neue Lehrerstellen fehlt das Geld. Pisa lässt grüßen! Ja, wir haben sehr viel gegen das Machtinstrumentarium, über das die großen Kirchen verfügen und werden weiter für Trennung von Staat und Kirche kämpfen. Natürlich haben wir auch nichts gegen Muslime, soweit sie die Menschenrechte und unser Grundgesetz einhalten. Wir haben allerdings etwas gegen fanatische Islamisten, die die Scharia einführen und damit Staat und Gesellschaft zu beherrschen suchen, den Einzelnen von ihren Glaubensvorstellungen abhängig machen möchten und zum Beispiel einen Religionswechsel mit dem Tode bestrafen wollen. Mensch sein unter Menschen bedingt Toleranz gegen unterschiedliche Glaubensrichtungen, aber vor allem auch Toleranz gegenüber Nichtgläubigen. Verstand und Vernunft sind bei uns gefragt, Menschlichkeit. Wir vom Bund für Geistesfreiheit versuchen seit Bestehen unserer Bewegungen, auf dem Hintergrund des Humanismus und der philosophischen Aufklärung ein menschliches Leben zu gestalten. Dadurch, dass wir nicht an ein Jenseits glauben, ist uns aufgegeben d i e s e Welt menschlicher zu gestalten. Tun wir, jeder auch für sich, unser Möglichstes dafür! Die Dichterin Kriemhild Klie-Riedel – die ich am Anfang schon zitierte - drückt das im einem anderen Gedicht so aus:
Denkende
Menschen sind fast immer "kritisch denkende" Menschen. Und
solche fragen nicht nur. Sie hinterfragen und stellen auch in Frage und
wollen auch als Konsequenz Veränderungen. Dadurch machen sie sich oft
unbeliebt und fordern den Widerstand jener Kräfte heraus, die das
Althergebrachte erhalten wollen. Das können Staaten, gesellschaftliche
Gruppen oder auch Einzelpersonen sein. Veränderungen sind aber
notwendig, um unseren Globus menschenwürdiger zu gestalten, um
Ausbeutung und Vernichtung, um Kriege und Zerstörung unserer Umwelt zu
verhindern. Gerade für junge kritische Menschen gibt es hier viel zu
tun. Hier
möchte ich allerdings feststellen, dass kritische Anmerkungen nicht
unbedingt bedeuten, dass man etwas selbst besser kann. Kritik um der
Kritik Willen, kann auch schädlich sein. Unsere Kritik muss häufig
scharf sein und trotzdem aufbauend. Sie muss vor allem Achtung vor dem
Menschen zeigen. Sie muss menschlich sein. Die
Welt braucht viel mehr Menschlichkeit. Not, Elend und vor allem Kriege müssen
eingedämmt werden, ebenso wie die Angst vor der Zukunft. Wir wollen
Menschen sein unter Menschen in einer menschlicheren Welt. Dann wird es
einen wirklichen Frühling für die Menschen geben. Vom Eise befreit
sind dann nicht nur Strom und Bäche wie es Goethe ausdrückt, sondern
die Menschen, die Menschheit. Johann
Wolfgang von Goethe schrieb für die Frühlingszeit seinen bekannten
Osterspaziergang: Vom Eise befreit sind Strom
und Bäche Ja, der Frühling soll kommen!
Ich wünsche Ihnen allen eine gute Zeit, ein gutes Jahr - ein
hoffentlich menschlicheres Jahr - und schließe mit den letzte Worten
aus Goethes Osterspaziergang: Ich höre schon des Dorfs Getümmel, [1]
Kriemhild Klie-Riedel: „Ansichten einer ungeschminkten Frau“,
IBDK Verlag Berlin, 1989. S.22. [2]
„Die Jugendweihe“ S. 77 [3]
Michael Schmidt-Salomon: Manifest des evolutionären
Humanismus. Plädoyer für eine zeitgemäße
„Leitkultur“, Alibri Verlag, Aschaffenburg 2005. S. 156-159
(zusammengefasste Darstellung). |