Wikipedia,
Erwin-Fischer-Preis
Sendereihe 'Positionen'
des
Bundes
für Geistesfreiheit Bayern K.d.ö.R.
AutorInnen:
Monika Hendlmeier, Marie Prott
SprecherInnen: Dr.
Kerstin Pschibl,
Karl
Bierl
Eine
Sendung im Bayerischen Rundfunk, Programm Bayern II, UKW
Sonntag,
26.
Nov. 2006,
7.05 Uhr
Sprecher:
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
wir begrüßen Sie zu dieser Sendung des Bundes für
Geistesfreiheit, kurz bfg. Wenn Sie mehr über den bfg, seine
Grundsätze und Aktivitäten wissen wollen, wenden Sie sich bitte
an die Anschrift, die wir Ihnen am Ende der Sendung mitteilen.
Sprecherin:
Der
Bund für Geistesfreiheit Bayern ist Mitglied im Dachverband
freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V., kurz DFW. Ende Oktober
2006 traf sich der DFW zur Hauptversammlung in Berlin.
Dabei gab es Erfolge für die Verbandsarbeit zu vermelden.
Die Bundeswehrvereinigung und das Bundesverfassungsgericht haben
das DFW-Heft Nr. 21 in ihre Bibliotheken aufgenommen. Das Thema
des Heftes ist "Politik für einen gesellschaftlichen Konsens
oder das Ende der deutschen Demokratie". Die Broschürenreihe
entsteht aus den Beiträgen zu gleichnamigen Seminaren, zu denen
der DFW einmal jährlich einlädt. Im Januar 2007 wird es in
diesem Rahmen eine Veranstaltung zum Thema "Ethik ohne
Kirche" geben. "Für uns gibt es noch viel zu tun, denn
nach wie vor wird die Trennung von Kirche und Staat in Deutschland
ständig verletzt", sagte Vizepräsident Horst Prem. So sei
der DFW trotz hartnäckiger Bemühungen noch nicht in den
Nationalen Ethikrat aufgenommen worden und auch im "Bündnis
für Erziehung" von Familienministerin Ursula von der Leyen
nicht vertreten. "Wir müssen immer wieder wichtige
gesellschaftspolitische Themen aufgreifen und unsere
weltanschauliche Position in der Öffentlichkeit klar machen. Mit
einigen Anträgen, Aktionen und Pressebeiträgen ist uns das in
den vergangenen Jahren bereits besser gelungen", resümierte
der Präsident Dr. Volker Mueller. Als Beispiel nannte er die
Aktionen im Rahmen des Papstbesuches in Deutschland vom September
2006 und die Standpunkte des DFW zur Verfassung der Europäischen
Union.
In Zukunft wird der DFW verstärkt das Wirken kleinerer
Mitgliedsverbände fördern. "Wir haben lieber zehn aktive
als 1000 Mitglieder, die sich nur in der Kartei befinden, sonst
aber nie in Erscheinung treten", betonte Horst Prem. Nach wie
vor stehe das Ziel, die Kräfte im Dachverband zu bündeln und
gezielt einzusetzen, im Vordergrund. Das Wirken auf
internationaler Ebene will der DFW durch die Mitgliedschaft in der
Internationalen Ethischen und Humanistischen Union (IHEU) und der
Europäischen Humanistischen Föderation (EHF) ausweiten.
"Gemeinsam können wir uns so in politische Diskussionen, wie
das Schaffen einer laizistischen Verfassung für die Europäische
Union, einbringen", sagte Dr. Volker Mueller. Horst Prem
schlug vor, sich aktiv an der EU-Initiative "Citizens for
Europe to promote European Citizenship" zu beteiligen und
Vorschläge für eine integrative Werteerziehung in Europa zu
sammeln.
Für 2007 hat der Dachverband das Robert-Blum-Jahr
ausgerufen, das im kommenden September mit einem Festakt in Berlin
begangen wird. Langfristig werden zudem das 60-jährige Bestehen
des DFW und das Charles-Darwin-Jahr zum 200. Geburtstag des
Wissenschaftlers 2009 vorbereitet.
Wer näheres über den DFW wissen will, kann sich im
Internet informieren unter: www.dfw-dachverband.de.
Sprecher:
Passend zum „Totenmonat“ November möchten wir Ihnen
jetzt den Fachverband für weltliche Bestattungs- und Trauerkultur
vorstellen:
„Die Bleibenden ansprechen
Das Vergangene benennen
Der Zukunft Sinn weisen“
-lautet das Motto des 1990 gegründeten Fachverbandes.
Der Fachverband versteht sich als ein Teil der freigeistigen
Bewegung in ihrer Gesamtheit und bekennt sich zu deren
humanistischem Anliegen und deren Tradition. Er setzt sich für
das im Grundgesetz erklärte Recht auf Gewissens- und
Glaubensfreiheit ein, sowie die Wahrung der Würde der Menschen
auch im Angesicht des Todes. Er steht ein für das individuelle
Recht auf ein humanes, selbst bestimmtes Sterben, auf den selbst
bestimmten Abschied, auf eine individuell gestaltete Bestattung
und auf eine individuelle Trauer in Inhalt, Ort und Zeremonie. Er
wirkt dafür, dass Sterben, Tod und Trauer in der Gesellschaft
enttabuisiert und in den gesellschaftlichen Sinnbezügen der
Menschen nicht länger ausgeklammert werden.
Das Erleben von Sterben, Tod und Trauer lässt keinen
Menschen unberührt. Der Verlust eines Angehörigen, eines
Freundes erschüttert zutiefst. In einer solchen Situation suchen
die Betroffenen Hilfe und Beratung. Diese Unterstützung
individuell und einfühlsam zu geben, sie an der Biografie der
Gestorbenen auszurichten, sie entsprechend der Bedürfnisse der
Bleibenden zu gewähren, ist Anliegen des Fachverbandes. Mit Rat
und Tat steht er den Hinterbliebenen zur Seite, die Vergangenheit
in all ihren Facetten anzunehmen, den Abschied zu akzeptieren und
in der Zukunft einen das Leben stabilisierenden Sinn zu finden.
Weitere Informationen sowie Ansprechpartner in Ihrer
Umgebung finden sich unter www.tod-kultur.org.
Sprecherin:
Wie frei ist Wikipedia?
Wikipedia ist ein Projekt zum Aufbau einer freien Enzyklopädie
in mehr als 200 Sprachen. Jeder kann dabei mit seinem Wissen
beitragen. Seit Mai 2001 entstanden so ca. 500 000 Artikel in
deutscher Sprache.
Dabei werden die Artikel nicht von einer festen, bezahlten
Redaktion, sondern von freiwilligen Autoren verfasst. Die Seiten können
von jedem leicht und ohne technische Vorkenntnisse direkt im
Browser geändert werden.
Anders als herkömmliche Enzyklopädien ist die Wikipedia
frei. Es gibt sie nicht nur kostenlos im Internet, sondern jeder
darf sie mit Angabe der Quelle und der Autoren frei kopieren und
verwenden. Davon wird auch redlich Gebrauch gemacht.
„Gute Autorinnen und Autoren sind stets willkommen.“
steht auf der deutschen Startseite. Doch in der Realität kann
jeder mitarbeiten. Fachwissen oder andere Kompetenzen werden nicht
abgefragt, bevor man einen Artikel erstellen oder einen
bestehenden Artikel abändern darf. Dass es dabei Probleme geben
kann, findet man im Punkt „Qualität und Verlässlichkeit der
Inhalte“. Hier heißt es:
„Ein
[...] Problem stellen Interessengruppen dar, die versuchen,
insbesondere politische, religiöse und weltanschauliche
Artikelinhalte in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen. Artikel
zu umstrittenen Themen wie z. B. Sekten oder obskuren esoterischen
Theorien könnten deshalb oft nicht dem Neutralitätsgrundsatz
entsprechen.“
Auffällig ist nun, dass immer wieder Beiträge aus dem
freigeistigen Spektrum manipuliert oder gelöscht werden. Kritik
an Kirche und Religionen scheint nicht erwünscht zu sein. So
versuchten Benutzer in der Diskussion zum Artikel über Professor
Mynarek, den Ex-Theologen in die rechtsradikale Ecke zu stellen,
wo er definitiv nicht hingehört. Genauso wenig war er jemals
„Chef-Ideologe" des Humanistischen Verbandes Deutschland (HVD).
Er ist vielmehr ein wichtiger Religionskritiker und der erste
Theologe, der in Deutschland aus der Kirche ausgetreten ist –
was ihm unzählige Prozesse und Anfeindungen eingebracht hat, wie
man auch heute noch merkt.
Und auch bei anderen Artikeln gab es Probleme. Der Artikel
über die Giordano Bruno Stiftung zum Beispiel wurde im März gelöscht,
Monate später wieder aufgenommen. Angeblich wolle die GBS
„humanistischen Fundamentalismus" verbreiten und Kinder
indoktrinieren.
Bei der Diskussion rund um die Brights-Bewegung wurde die
Prominenz von Vertretern der Bewegung angezweifelt, nur weil sie
der jeweilige Benutzer nicht kannte. Ohnehin sei der gesamte
Artikel Propaganda. Die Liste prominenter Atheisten, welche man in
der englischen Wikipedia schon lange vorfinden kann, hatte auf den
deutschen Seiten keine Chance.
Kürzlich wurde der Artikel über den Humanistischen
Pressedienst in einem regelwidrigen Schnelllöschverfahren aus der
Wikipedia entfernt. Auch hier wurde die Standard-Begründung zur
Einleitung eines Löschverfahrens für Artikel zu atheistischen
Themen angewandt: „... hat bisher noch nichts Substanzielles
geleistet ...". Diese Formulierung taucht immer wieder auf.
Artikeln mit religionskritischen Inhalten wird zunächst die
Relevanz abgesprochen.
Und auch der Beitrag über den Internationalen Bund der
Konfessionslosen und Atheisten, kurz IBKA, wurde mit seltsamen
Begründungen zur Löschung vorgeschlagen.
In den Diskussionen zeigt sich fehlendes Wissen und fehlende
Toleranz gegenüber freigeistigen Themen, wie wir an einigen
Zitaten veranschaulichen wollen:
"Der
HVD ist ein kommunistischer Weltanschauungsverein, der aus der DDR
Zeit stammt und von SED Altkadern dominiert (sic!) wird. Die
Giordano Bruno Stiftung ist eine aggressive atheistische
Politsekte. Ziel dieses 'Pressedienstes' ist es, unsere christlich
abendländische Kultur zu diskreditieren.“
"Der
dubiose "Pressedienst" ist doch gerade deshalb ins Leben
gerufen worden, da die Gotteshasser immer weiter an Boden
verlieren. Total überalterte Rentnervereine, die händeringend
nach Frischfleisch gieren.“
„Ich
halte es für eine gute Idee, den IBKA zu löschen, da der Verein
wirklich unbedeutend ist. Anderenfalls wird Wikipedia mit jedem Häkelclub
überschwemmt.“
„Propaganda
von Kleinstvereinen und deren militanten Unterstützern haben in
Wikipedia nun wirklich nichts zu suchen.“
Sprecher:
Vor dem Hintergrund der aktuellen Löschdebatten auf
Wikipedia möchten wir noch einmal auf das Projekt Athpedia
aufmerksam machen. Dessen Ziel ist eine offene säkulare Enzyklopädie
ohne Edit-Wars und Online-Vandalismus.
Dabei ist Mithilfe erwünscht!
Für die Kernbereiche: „Religion und Philosphie“,
„Wissenschaft“ sowie „Politik und Gesellschaft“ werden
Autoren für qualifizierte Inhalte gesucht. Aber auch
Administratoren, die die Qualität und Objektivität neuer Artikel
überwachen, diese kategorisieren, auf Urheberrechtsverletzung überprüfen
und/oder die zugehörigen Portale pflegen.
Interessierte melden sich bitte bei info@athpedia.de.
Sprecherin:
Der bfg Bayern trauert um Lisbeth Böttcher, die kurz vor
ihrem 96.Geburtstag gestorben ist. Als langjährige Vorsitzende
des bfg Bayern und Vorsitzende des Bundes für Geistesfreiheit
Schweinfurt setzte Sie sich immer für die freigeistige Bewegung
in Deutschland ein. Als Bestattungssprecherin unserer Gemeinschaft
half Sie den Hinterbliebenen in den Stunden größter Not.
Mit Ihrer freundlichen und verbindlichen Art wird sie uns
unvergessen bleiben.
Sprecher:
Am 21. Oktober 2006 wurde bereits zum fünften Mal der
Erwin-Fischer-Preis des IBKA verliehen. Erstmalig erhielt den
Preis nicht eine Person, sondern eine Organisation: die
Nesin-Stiftung in der Türkei. Damit wird posthum das Werk des türkischen
Autoren und Humanisten Aziz Nesin geehrt.
Die Festveranstaltung fand im großen Hörsaal des
Mathematik-Gebäudes der Technischen Universität Berlin statt.
Dabei überreichte die Vorsitzende des bfg München Assunta
Tammelleo einen Scheck mit Spendengeldern in Höhe von 3.600 Euro.
Entgegengenommen wurde der Scheck von Prof. Ali Nesin, dem Sohn
von Aziz Nesin und Leiter der Stiftung.
Die Nesin-Stiftung, die auch "Kinderparadies"
genannt wird, wurde im Jahre 1972 gegründet. Das Heim ermöglicht
ca. 45 Kindern und Jugendlichen den Besuch staatlicher Schulen
oder Universitäten. In einem liebevollem Umfeld werden die Kinder
zu kreativen und kritischen Menschen erzogen.
Sprecherin:
Unsere nächste Sendung können Sie am 7. Januar hören. Die
Texte dieser Sendung erhalten Sie gegen Erstattung des Portos bei:
bfg Bayern, Postfach, 90730 Fürth. Im Internet sind wir
erreichbar unter der Adresse: www.bfg-bayern.de. Dort finden Sie
auch die Veranstaltungen der einzelnen Ortsgemeinschaften.
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