Pfarrgemeinderatswahlen, Humanistisches Bildungswerk, Angelika-Lenz-Verlag
Sendereihe 'Positionen' AutorInnen:
Monika
Hendlmeier,
Dietmar Michalke, Rainer Statz Sonntag,
23.04.2006,
7.05 Uhr Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, wir begrüßen
Sie zu dieser Sendung des Bundes
für Geistesfreiheit Bayern, kurz bfg. Wenn Sie mehr über den
bfg, seine Grundsätze und Aktivitäten wissen wollen, wenden Sie
sich bitte an die Anschrift, die wir Ihnen am Ende dieser Sendung
mitteilen. Pfarrgemeinderatswahlen in Bayern In den sieben bayerischen Bistümern fanden vor
wenigen Wochen Pfarrgemeinderatswahlen statt. In diesen Wahlen wählen
die Katholiken in ihren Pfarreien einen Laienrat, der bei der
Ausgestaltung und Verwaltung der Pfarrei mitwirkt. Was ist nun an diesen Wahlen so interessant? Es
gibt keine Parteien und auch fast keine nennenswert bekannten
Kandidaten; das jeweilige Ergebnis ist auch meist nur von örtlicher
Bedeutung. Und doch ergibt sich aus dieser Wahl eine sehr klare
und interessante Aussage, wenn man sich die Wahlbeteiligung
ansieht: wieviel Prozent der wahlberechtigten Katholiken haben
sich an diesem kirchlichen Ereignis beteiligt? Ca. 7 Mio Katholiken in Bayern waren zur Wahl
aufgerufen, an der Wahl beteiligt haben sich aber nur 17 %. Im
Erzbistum München-Freising waren es 11 % und in der Stadt München
nur 6 %. In konkreten Zahlen bedeutet das: Von 7 Millionen
Katholiken haben nur ca. 1 Million ihre Stimme abgegeben. Die Wahlbeteiligung war in den Regionen sehr
unterschiedlich. Im ländlichen Bereich ist die Beteiligung am
kirchlichen Leben erfahrungsgemäß höher: so lag die
Wahlbeteiligung auf dem Land bei etwa 13 - 14 %, in den Städten
war sie meist um die Hälfte geringer. Die Wahlbeteiligung zeigt aber auch noch eine
andere Tendenz: alle vier Jahre wird gewählt und von Wahl zu Wahl
nimmt die Beteiligung ab. Das ist seit Jahrzehnten so. Um diesem
Trend entgegen zu wirken hat man in diesem Jahr beachtliche
Anstrengungen gemacht: ·
seit vielen Monaten lief eine aufwendige Werbekampagne, wie
man sie zuvor nie gekannt hat, mit Postkarten, Plakaten, Aufrufen
und Internetunterstützung, ·
einem großen Teil der Wählerinnen und Wähler wurde eine
individuelle Wahlbenachrichtigung ins Haus geschickt mit dem
Hinweis auf die Möglichkeit, die Stimme auch schon vor dem
Wahltag abzugeben, ·
einen weiteren Erfolg versprach man sich auch von der
Herabsetzung des Wahlalters auf 14 Jahre, erstmals in diesem Jahr.
Soviel Demokratie hätte man der katholischen Kirche eigentlich
garnicht zugetraut. Und doch: der Erfolg ist ausgeblieben. Trotz
aller Bemühungen und Neuerungen lag die Wahlbeteiligung in diesem
Jahr nur bei 17 % gegenüber der letzten Wahl mit etwa 20 %
Beteiligung. Den aufmerksamen Beobachter erstaunt das nicht, denn
es gibt hier den Erfahrungssatz, dass die Wahlbeteiligung ein
Spiegelbild der Beteiligung am kirchlichen Leben, d.h. am
Gottesdienst ist. Die Beteiligung am Gottesdienst wird von den
Kirchen regelmäßig gezählt und analysiert. So sieht nicht nur
der örtliche Pfarrer, wieviele seiner Gläubigen noch zum
Gottesdienst kommen, auch die Kirchen-Oberen haben dazu exakte
statistische Zahlen. Bundesweit nehmen noch rund 14 % der
Kirchenmitglieder am kirchlichen Ritual teil - und das entspricht
auch in etwa der Wahlbeteiligung in Bayern. Und nicht nur die
prozentuale Beteiligung der Gläubigen am kirchlichen Leben lässt
in Bayern erkennbar nach, auch die absoluten Zahlen der
Kirchenmitglieder sind deutlich rückläufig. Viele Neugeborene
werden nicht getauft und werden somit nicht Mitglieder der
christlichen Kirchen; aber auch viele von denen, die formell zur
Kirche gehören, melden sich von ihrer Kirche ab: es sind ca. 100
000 Katholiken und ca. 140 000 Protestanten pro Jahr in
Deutschland. In Bayern liegen die jährlichen
Kirchenaustrittszahlen bei 34 000 Katholiken und 17 000
Protestanten. Kirchenaustritt ist offensichtlich immer noch im
Trend, aber nicht etwa, weil es einfach so Mode ist, sondern weil
viele Kirchenmitglieder sich schon lange innerlich von der Kirche
getrennt haben und nun auch den Schritt ins Rathaus machen, um
sich von der Kirchensteuer abzumelden. Über 8o % der Christen
nehmen nicht mehr am kirchlichen Leben teil; auch wenn einige
100.000 beim Papst-Besuch in Köln oder München dabei sind, ändert
das an der Grundsituation nichts, die Tendenz ist weiterhin rückläufig.
Wir werden es weiter beobachten, analysieren und berichten. Neues vom Hunanistischen Bildungswerk Bayern Im März wählte das Humanistische Bildungswerk
Bayern – kurz hbb - seinen neuen Vorstand. Der Vorsitzende
Dietmar Michalke wurde im Amt bestätigt. Die beiden
Stellvertreter sind nun Rainer Statz und Rainer Hamp. Das hbb
wurde auf Initiative des bfg Bayern im Jahre 2000 gegründet. Es
will die weltlich-humanistische Kultur und Bildung fördern. Für die begonnene Amtsperiode hat sich der neue
Vorstand viel vorgenommen: Da sollen zunächst einmal die Arbeiten
klassischer, bedeutender Vertreter des rationalen, aufgeklärten
Denkens erfasst und einer breiten Öffentlichkeit vermittelt
werden. Dabei verwundert es immer wieder viele, dass es schon vor
über 2000 Jahren Denker gab, die ein überraschend modernes Bild
der Natur entwarfen. Unter Verzicht auf transzendente Scheinbegründungen
entwarfen Philosophen wie Xenophanes, Epikur, Demokrit oder Lukrez
Lehren über die Natur, aber auch die Gesellschaft und die Moral,
die auf rationalen, hinterfragbaren Überlegungen beruhten. Das
humanistische dieser Weltanschauungen bestand darin, dass das Wohl
und Glück der Menschen in den Mittelpunkt des Handelns gestellt
wurde. Im Zeitalter der Aufklärung gab es dann unter
den französischen Materialisten viele bedeutende Persönlichkeiten
wie Denis Diderot, Paul Thiry d’Holbach oder Claude Adrien Helvétius,
ohne die unser heutiges wissenschaftliches Weltbild,
demokratisches Rechtssystem und rational begründete Ethik
undenkbar wären. Leider stehen viele ihrer Hauptwerke nicht mehr
auf Deutsch zur Verfügung. Das Humanistische Bildungswerk will
hier tätig werden, indem nach alten Übersetzungen gesucht wird
und Zusammenfassungen, Publikationen und Vorträge darüber
erstellt werden. Aber das hbb beschäftigt sich auch mit zeitgenössischen
Themen: Bioethik, Tierethik und Medizin-Ethik sind brennende
Fragen unserer Zeit. So soll noch in diesem Jahr eine
Veranstaltung zum Thema „Humanes Sterben“ stattfinden. Mit
diesen Themenschwerpunkten will sich das Bildungswerk auch in
ethische Diskussionen in unserer Gesellschaft einmischen, Impulse
für den Ethikunterricht in Schulen geben und mit anderen
Bildungseinrichtungen kooperieren und sie in Fragen des
„Weltlichen Humanismus“ beraten. Auf den schulischen
Ethikunterricht zugeschnittene Veröffentlichungen stellt das
Humanistische Bildungswerk jedem kostenlos im Internet zur Verfügung
unter www.schulfach-ethik.de. Angelika-Lenz-Verlag Wie schon in der letzten Sendung, so wollen wir
Ihnen auch diesmal einen kleinen, aber feinen Verlag vorstellen: 1991 wurde der Angelika Lenz Verlag in Neustadt
am Rübenberge gegründet. Begonnen hat der Verlag mit Übersetzungen
von Büchern des amerikanischen Autors und Präsidenten der
Internationalen Humanistischen und Ethischen Union Paul Kurtz. Das
erste Buch des Verlags trägt den Titel: „Leben ohne Religion
– Eupraxophie“. Inzwischen kann man aus über 70 Titel auswählen. Der Angelika Lenz Verlag hat es sich zur Aufgabe
gemacht, mit freigeistigen, humanistischen Autoren und Verbänden
zusammenzuarbeiten und entsprechende Materialien zu veröffentlichen,
und zwar in Form von Büchern, Broschüren und einem Lexikon. Das „Lexikon freien Denkens“ ist ein ganz
besonderes Nachschlagewerk für Freundinnen und Freunde des freien
Denkens. Die Autoren und Herausgeber möchten damit in einen
Dialog mit den Nutzern treten; es ist daher auch als Arbeits- und
Dialogbuch gedacht. Traditionelle Sichtweisen werden neben eigene,
anders geartete Sichten der Stichworte gestellt. Es umfasst auch
Stichworte, die in anderen Nachschlagebüchern gar nicht
abgehandelt werden. Dieses Lexikon erscheint seit dem Jahr 2000 in
Fortsetzungen als Lose-Blatt-Sammlung und wird in diesem Jahr
bereits zum sechsten Mal ergänzt. 11 Jahre lang wurde vom Verlag „Kristall –
Zeitschrift für Geistesfreiheit und Humanismus“ herausgebracht.
Leider musste diese Zeitschrift inzwischen eingestellt werden. Zur Zeit legt der Verlag Wert auf einen Ausbau
des Programms in Richtung freigeistiger Jugendliteratur. Das erste
Buch war ein religionskritisches Kinderbuch von Chris Brockman mit
dem Titel: „Was sind eigentlich Götter?“ Das zweite ist eine
heitere Kindergeschichte von Manja Stegemann: „Rudi Stern und
seine Abenteuer – Auf dem Weg zur Himmelstreppe“. Auch im Internet ist das Familienunternehmen
vertreten – mit einem Versandbuchhandel auf der Seite:
www.lenz-verlag.de. Unter dieser Adresse finden Sie den vollständigen
Katalog und viele Informationen zu den einzelnen Büchern. Neugierig geworden? Dann schauen Sie doch ins
Internet oder fordern das Verlagsprogramm an bei: Angelika Lenz Verlag Fasanenweg 8 31535 Neustadt Kurzmeldungen Die christlich soziale Union in Bayern gibt
nicht auf: Schon drei Mal ist sie im Bundesrat mit einem Vorstoß
gescheitert, Blasphemie härter zu bestrafen - jetzt will es der
CSU-regierte Freistaat wieder wagen. Bis zur Sommerpause soll die
bayerische Justizministerin einen entsprechenden Gesetzentwurf
ausarbeiten, sagte Ministerpräsident Edmund Stoiber dem "Münchner
Merkur". Geändert werden soll der Paragraf 166 des
deutschen Strafgesetzbuches. Darin sind nur dann Geld- oder Gefängnisstrafen
bis zu drei Jahren vorgesehen, wenn durch Beschimpfungen oder Verhöhnungen
religiöser Symbole und Bekenntnisse der "öffentliche
Friede" gestört wird. Diesen Zusatz will die CSU streichen
lassen. Bislang sind viele Klagen gegen mutmaßliche
Gotteslästerer eben wegen jenes Zusatzes abgelehnt worden. Sollte
er gestrichen werden, könnte ein Staatsanwalt wesentlich
schneller und einfacher Ermittlungen einleiten. Zuletzt hatten im
Jahr 1998 Abgeordnete der Unionsparteien vergeblich versucht, das
Gesetz zu verschärfen. Wir vom bfg Bayern fordern dagegen die
ersatzlose Streichung des anachronistischen Paragrafen 166! Ein Gerichtsverfahren in Italien um die Existenz
Gottes geht auf einer höheren Instanz weiter. Zwei Rechtsanwälte
wollen den Fall nun vor den Europäischen Gerichtshof für
Menschenrechte in Straßburg bringen. Der Fall hatte vor mehreren
Monaten im mittelitalienischen Dorf Bagnoregio begonnen, wo ein
pensionierter Landwirt und Atheist einen katholischen Pfarrer
verklagt hatte, weil dieser die Existenz Jesu Christi vertreten
und damit - so die Anklage - die Gutgläubigkeit der Menschen
ausgenutzt habe. Ein Gericht in Viterbo bei Rom hatte den Fall im
Januar zu den Akten gelegt, nachdem der italienische Pfarrer, der
vor Gericht die Existenz Jesu beweisen sollte, der Verhandlung
ferngeblieben war. Hier noch ein Terminhinweis: Die Mitglieder und Freunde des bfg Bayern
treffen sich alle zwei Jahre zu einer großen Hauptversammlung.
Dabei geht es um Grundsatzfragen und Neuwahlen, um neue Ideen und
Projekte. In diesem Jahr findet dieses Treffen am 20. und 21. Mai
in Gauting bei München statt. Höhepunkt ist eine Festveranstaltung in der Münchener
Universität am 21. Mai um 10.00 Uhr. Diese Veranstaltung ist
offen für jedermann. Das Thema der Veranstaltung lautet:
WELTLICHER HUMANISMUS. Zu diesem Thema gab es in den letzten
Monaten mehrere beachtliche Buchveröffentlichungen von so
bekannten Autoren wie Joachim Kahl, Julian Nida-Rümelin und
Michael Schmid-Salomon. Auf der Festveranstaltung des bfg Bayern
werden nun zwei weitere herausragende Kenner dieser Materie zu
Wort kommen: Aus Holland kommt Prof. Dr. Rob Tielman von der
Humanistischen Universität Utrecht. In Holland wird das
wissenschaftliche Fach Humanismus von Staats wegen gefördert,
erforscht und gelehrt. Humanismus ist dort nicht nur eine
allgemein anerkannte Weltanschauung - Humanismus findet man sehr
konkret im privaten und im öffentlichen Leben, in öffentlichen
Schulen und im Staatsdienst. In Deutschland ist die Situation des Humanismus
ganz anders. Darüber wird der Göttinger Theologe Prof. Dr. Gerd
Lüdemann berichten und Möglichkeiten und Grenzen einer
wissenschaftlichen Beschäftigung mit diesem Thema aufzeigen. Zu diesen beiden Vorträgen ist jeder herzlich
eingeladen. Hier noch einmal Ort und Zeit der Veranstaltung:
Ludwig Maximilians Universität München, Geschwister Scholl Platz
1, am Sonntag, den 21. Mai 2006 um 10.00 Uhr. Der Eintritt ist
frei. Unsere nächste Sendung wird am 11. Juni
ausgestrahlt. Die Texte dieser Sendung können Sie gegen
Erstattung des Portos erhalten bei: bfg Bayern, Postfach, 90730 Fürth.
Im Internet sind wir erreichbar unter der Adresse:
www.bfg-bayern.de. Dort finden sie auch die Veranstaltungen
unserer einzelnen Ortsgemeinschaften. |