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Autor und Sprecher: Gerhard Rampp Glaube und Verstand Rundfunkansprache
22.08.2004 Guten
Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, als
das Grundgesetz vor einem halben Jahrhundert in Kraft trat, wurde der
Religionsfreiheit ein hoher Stellenwert zugebilligt. Dies verwundert
nicht, waren doch 1950 noch 97 % der Bundesbürger Mitglied einer der
beiden großen Konfessionen, und in der direkten Nachkriegszeit bedeutete
die Kirchenmitgliedschaft fast immer auch die aktive Teilnahme am
kirchlichen Leben. Daher wurde im Volk der Begriff „Religionsfreiheit“
verstanden als Freiheit zur
Religionsausübung, und zwar ganz selbstverständlich zur katholischen
oder evangelischen Form von Religion. In der Praxis wurde diese Freiheit
oft genug zur inoffiziellen Pflicht umdeklariert. Nur selten wurde sie als
Freiheit des Nichtglaubenden reklamiert, von der Religion verschont zu
werden. Das
hat sich in den letzten Jahrzehnten enorm geändert. Heute sind gerade
noch fünf von acht deutschen Einwohnern Kirchenmitglied. Selbst in Bayern
stieg der Anteil der Nichtkatholiken und Nichtprotestanten seit 1970 von
4,4 auf nunmehr über 20 Prozent, und ein Ende der Entwicklung ist nicht
in Sicht: Derzeit schrumpft die Zahl der Kirchenmitglieder bundesweit
jedes Jahr um annähernd eine halbe Million. Auch in Bayern sind seit 1990
etwa 600.000 Einwohner aus der Kirche ausgetreten; die Eintritte sind
davon schon abgezogen. Gleichzeitig
hat die Kirchenbindung der verbliebenen Mitglieder stark nachgelassen.
Gingen 1960 noch mehr als die Hälfte der Katholiken sonntags in die
Kirche, so sind es heute selbst in Bayern nur mehr 18 Prozent und bei den
Evangelischen noch viel weniger. Noch
dramatischer ist die Abkehr von zentralen christlichen Glaubensinhalten.
Zum Glauben an einen persönlichen
Gott, bekennt sich heute in Bayern gerade noch jeder Fünfte, obwohl dies
doch eine der Grundvoraussetzungen ist, um als Christ gelten zu können.
Zusätzliche Bedingungen wären der Glaube an Jesus als Sohn Gottes (und
nicht bloß als Menschen) sowie an die Bibel als Gottes Wort und schließlich
der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tode. Tatsächlich aber werden auch
diese Glaubensvoraussetzungen nur von einer Minderheit akzeptiert. Viele
Menschen bleiben also nicht deshalb in der Kirche, weil sie Christen im
eigentlichen Sinne wären, sondern aus Gewohnheit oder weil sie kirchliche
Rituale für wichtige Familienfeiern nutzen wollen. Ein
weit verbreitetes Vorurteil besagt, dass viele Menschen, die aus der
Kirche austreten, sich anderen Religionen zuwenden. Tatsächlich ist aber
die Mitgliederzahl der kleinen religiösen Gemeinschaften kaum gewachsen.
Ohne Muslime lag ihr Anteil früher bei knapp
und heute bei gut einem Prozent
der Bevölkerung. Auch die gläubigen Muslime machen in Bayern nur gut ein
Prozent der Bevölkerung aus. Stark zugenommen hat aber der Anteil jener
Menschen, die sich aufgrund ihres eigenständigen Denkens von Religionen
jeder Art gelöst haben, frei nach dem Motto „Glaubst Du noch oder
denkst Du schon?“ Gestiegen
ist auch die Zahl jener Menschen, die sich fernöstlichen oder
esoterischen Heilslehren zugewandt haben, ohne deshalb bei einer
entsprechenden Organisation Mitglied zu sein. Interessanterweise scheinen
die weitaus meisten dieser Alternativ-Religiösen keineswegs eine
Notwendigkeit zu sehen, aus der Kirche auszutreten. Eine Umfrage im
Auftrag der Evangelischen Landeskirche ergab vor einigen Jahren, dass in
Bayern fast jeder vierte Katholik und Protestant an die Wiedergeburtslehre
glaubte, unter den Konfessionsfreien aber nur etwa jeder Zehnte. Wie
kann es sein, dass jemand gleichzeitig Mitglied einer christlichen Kirche
ist und Anhänger außerchristlicher Heilslehren? Ist dies nicht ein
Widerspruch? Dazu
müssen wir überlegen, wie Religion entsteht. Und das heißt vor allem:
Welche Bedürfnisse soll Religion erfüllen? Die
meisten Menschen glauben nicht deshalb, weil sie ihre Religion für wahr
im wissenschaftlichen Sinne halten, sondern weil sie sie für ihr inneres
Wohlbefinden brauchen. Religion soll ersetzen oder ergänzen, was die
erfahrbare, diesseitige Wirklichkeit nicht ausfüllt. Der Mensch hat
aufgrund seines Verstandes eine Vorstellung davon, wie schön es wäre,
unbegrenzte Macht zu besitzen, überall in Sekundenschnelle anwesend zu
sein, alles zu wissen, ein unbegrenztes Leben ohne Alterungsprozess zu führen
und – vor allem – geliebt und anerkannt zu werden. Gleichzeitig
erfahren wir aber am eigenen Leibe, dass alle diese uralten Wünsche unerfüllbar
sind, weil die menschliche Vorstellungskraft die Möglichkeiten unseres Körpers
übersteigt. Angesichts dieser Diskrepanz formulierte der Philosoph Ludwig
Feuerbach den Satz: „Nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild,
sondern der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde und seinen Bedürfnissen.“ Der
Nichtgläubige findet sich mit seinen Begrenzungen ab ohne einen Lückenfüller
zu brauchen. Wer glaubt bzw. einen Glauben braucht, lässt sich von Gefühlen
und Bedürfnissen leiten. Wer nicht glaubt, tut dies nicht nur, weil er
eine Religion nicht zum Glücklichsein braucht, sondern weil er seinen Verstand
benutzt, der ihm die psychologische Funktion jeglicher Religion vor Augen
führt. Der Atheist Wilhelm Busch, den wir nur als Autor von „Max und
Moritz“ kennen, sagte einst: „Wer in Glaubensdingen seinen Verstand
befragt, erhält nichtchristliche Antworten.“ Hinzuzufügen wäre: Sein
Verstand wird ihm auch keine andere
Religion empfehlen. Ob
ein Mensch religiös ist oder nicht, entscheidet sich also bereits durch
die Erkenntnismethode, die er anzuwenden bereit ist. Es gab immer wieder
Theologen, die versuchten, die Wurzeln des Christentums rational zu
rechtfertigen. Thomas von Aquin hat diesen Traditionsstrang innerhalb des
Christentums in der Überzeugung salonfähig gemacht, gerade dadurch werde
sich die Wahrheit des Christentums erweisen. Aber spätestens in der Aufklärung
wurden nicht nur die Gottesbeweise argumentativ zertrümmert, sondern die
Methoden wissenschaftlichen Denkens auf Religion und Metaphysik konsequent
angewandt. Mit ihrer historisch-kritischen Analyse der Bibel und frühchristlicher
Texte haben moderne Theologen das Christentum von innen her mindestens
ebenso stark in Frage gestellt wie atheistische und aufklärerische
Philosophen dies mit rein weltlicher Argumentation tun konnten. Andererseits
waren und sind Theologie und Kirche auf den Diskurs mit Wissenschaft und
moderner Welt angewiesen. Der Direktor der katholischen Akademie in Bayern
stellte kürzlich in einem Vortrag über Wesen und Aufgabe der Theologie
fest, bei der Religion könne es sich nicht um ein Reservat geschützter
Wahrheiten handeln, das sich der wissenschaftlichen Diskussion entziehe.
Eine solche Auffassung nehme der Religion jede Zukunftschance. Religion rücke
so in die Nähe einer Psychomedizin – und damit in den Bereich
menschlicher Hervorbringung. Soweit ist dem Autor Recht zu geben. Nur überspielt
er damit, dass für die meisten Menschen genau jene psychomedizinische
Funktion, die ich vorher erläutert habe, das einzige
Motiv für ihre Hinwendung zur Religion ist. Eine rationale Überprüfung
von Religionen würde für viele Gläubige, die sich ein sehr naives
Weltbild aufgebaut haben, mit einer Demaskierung und Zerstörung ihrer
Illusionen enden. Ich denke da an all jene, die meinen, Gott könne ihnen
im Alltagsleben helfen, ein konkretes Problem zu lösen. Zwar kann ihnen
ihr Glaube in autosuggestiver Weise nützen, zuversichtlicher an das
Problem heranzugehen und dadurch vielleicht die Lösungschancen zu
verbessern, aber dass ein Gott irgendwie eingreife, kann kein Mensch
ernsthaft annehmen, der als vernünftig gelten will. Gerade in diesen
Tagen fällt uns in Athen auf, dass so mancher Athlet Gott um einen
sportlichen Erfolg anfleht. Tun dies aber mehrere Bewerber, dann kann Gott
unmöglich allen den Sieg
schenken. Bleibt aber der Erfolg aus, haben dieselben Gläubigen gleich
eine Erklärung für das Scheitern parat. Erfüllt sich die
Siegeshoffnung, dann deshalb, weil man Gott darum angefleht habe; stellt
sich aber der Misserfolg ein, dann deshalb, weil man noch nicht
genug gebetet habe. Bei einem solchen Erklärungsmuster steht man
immer auf der sicheren Seite, zumindest auf den ersten Blick. Auf den
zweiten stellt sich aber die Frage, ob eine solche Vorstellung nicht auf
purer Einbildung beruht, die quasi ein geschlossenes Denksystem darstellt,
das den Menschen in Abhängigkeit von einer fixen Idee bringt. Gott wird
ja nicht nur um sportlichen Erfolg angerufen, sondern auch um militärischen.
Die USA haben im Vertrauen auf Gott den Irak-Krieg begonnen und jetzt
einen nicht enden wollenden Bürgerkrieg ausgelöst, während sich die
meisten europäischen Kirchenführer im Vertrauen auf den gleichen Gott
wenigstens diesmal von einer
militärischen Intervention distanziert haben. Noch 1999, beim letztlich völlig
sinnlosen Bombenkrieg der NATO gegen Jugoslawien, konnte sich leider weder
die evangelische noch die katholische Kirche dazu entschließen. Wer indes
nicht auf göttliche Eingebungen, sondern gleich auf seinen eigenen
Verstand vertraut hat, dem musste die Sinnlosigkeit beider und auch vieler
anderer Kriege von vornherein klar sein. Jedenfalls
lehnen die meisten christlichen Theologen in Europa die Vorstellung eines
unmittelbaren Einflusses von Gebeten und Gottesanrufungen ab, während
dies in den USA und erst recht bei vielen animistischen Religionen und
Kulten in Afrika, Asien und Lateinamerika durchaus angenommen wird. Welche
Blüten das naive Vertrauen auf unmittelbaren göttlichen Beistand treiben
kann, sei an einem Beispiel veranschaulicht, das viele von Ihnen
vielleicht noch in Erinnerung haben. Vor zwei Jahren wurde die Göttinger
Lehrerfamilie Wallert auf einer philippinischen Urlaubs-Insel mehrere
Wochen lang von Rebellen entführt und festgehalten. Nach der Freilassung
dankte der Familienvater Gott öffentlich für seine Rettung. Wenn Gott
dies wirklich bewerkstelligt hätte, dann wäre er allerdings auch dafür
verantwortlich, dass die Familie überhaupt erst entführt wurde. Wer
einem allmächtigen Gott das Gute zuschreibt, muss auch akzeptieren, dass
das Schlechte ebenso von ihm kommt. Dass Herr Wallert als Lehrer diesen
Zusammenhang völlig ausgeblendet hat, ist sicher nicht allein darauf zurückzuführen,
dass er sich nach der Freilassung in einem psychischen Ausnahmezustand
befand. Erstaunlich viele Akademiker, die in ihrem Beruf logisches Denken
gewöhnt sind, schalten bei Glaubensfragen anscheinend ihr Gehirn aus und
offenbaren ein derart kindliches Weltbild, dass sich sogar aufgeklärt
religiöse Zeitgenossen darüber nur wundern können. Dennoch
muss eine religiöse Lehre keineswegs automatisch in Widerspruch zu
Vernunft und wissenschaftlichem Denken stehen. Damit ein Einklang zwischen
Glaube und Vernunft hergestellt wird, müssen drei Bedingungen erfüllt
sein. 1.
Der Glaube darf nicht in Gegensatz zu naturwissenschaftlichen
Erkenntnissen stehen. 2.
Er darf nicht in Widerspruch zu nachgewiesenen historischen Tatsachen
stehen. 3.
Er darf keine inneren Widersprüche enthalten. Der
modernen Theologie ist zuzubilligen, dass sie sich um die Erfüllung
dieser Bedingungen bemüht. Sie hat z.B. die Errungenschaften der Aufklärung
und die Darwinsche Evolutionslehre akzeptiert und ist sich bewusst, dass
viele Elemente des Christentums aus anderen Religionen übernommen wurden.
Widersprüche in der Lehre und Verbrechen in der Kirchengeschichte werden
nicht mehr geleugnet. Schwerer tun sich Theologen aber da, wo es um die
Grundlage christlichen Wahrheitsanspruchs geht. Beispiele der Inhumanität
in der Bibel werden zwar unter vier Augen zugegeben, offiziell aber übergangen,
verharmlost oder uminterpretiert, und am Märchen von der leiblichen
Auferstehung Jesu wird, obschon es von anderen Religionen kopiert wurde,
eisern festgehalten. Denn die Aufgabe der Gottessohn-Theorie hätte zur
Folge, dass die Worte Jesu nicht mehr als unfehlbar gelten können. Daher
bleibt auch die Frage offiziell tabu, wieviele angebliche Aussprüche tatsächlich
von Jesus stammen. Selbst
bei Lösung all dieser Fragen bleibt aber ein Manko: Auch die vernünftigste
Religion stellt nur eine plausible Hypothese dar, eine Vermutung, Hoffnung
oder Spekulation, nicht aber eine Wahrheit. Eine solche Form der Religion
mag für den einzelnen Gläubigen tragfähig sein. Für die Allgemeinheit
kann sie aber niemals verbindliche Richtschnur sein. Genau diesen Anspruch
erheben beide Kirchen bis heute – zwar nicht mehr in Glaubens-, wohl
aber in ethischen Fragen. Eben diesen Führungsanspruch können weltliche
Humanisten aber niemals akzeptieren. Noch
ein Hinweis zum Abschluss: Die Ansprachen des Bundes für Geistesfreiheit
können Sie gegen Erstattung des Portos erhalten bei: bfg Bayern,
Postfach, 90730 Fürth. Im Internet sind wir erreichbar unter der Adresse:
www.bfg-bayern.de.
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