Wahrsager, Meinungsumfrager und eine Atheistin als Präsident
Sendereihe 'Positionen' AutorInnen:
Monika
Hendlmeier,
Gerhard
Rampp Sonntag,
22.
Januar 2006,
7.05 Uhr Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, wir begrüßen Sie zu dieser Sendung des Bundes für Geistesfreiheit Bayern, kurz bfg. Wenn Sie mehr über den bfg, seine Grundsätze und Aktivitäten wissen wollen, wenden Sie sich bitte an die Anschrift, die wir Ihnen am Ende dieser Sendung mitteilen. Was wird das Jahr 2006 bringen? Diese Frage stellen sich
viele Leute – und manche suchen dabei die Hilfe von Wahrsagern
oder Astrologen. Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen
Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) hat Ende letzten Jahres
untersucht, was von den Prognosen der Wahrsager zu halten ist. Das
Ergebnis wirft kein gutes Licht auf die Zunft. 110 Prognosen von 27 Astrologen, Nostradamusdeutern,
Wahrsagern und Numerologen wurden untersucht und von dem
Mathematiker Michael Kunkel ausgewertet. Überwiegend fand sich
darin Banales, Unverständliches oder gänzlich Absurdes. War in den vorherigen Jahren ein Regierungswechsel in
Deutschland beliebte Vorhersage bei den Wahrsagern, so fand sich
diese 2005 nicht. Erst als der Termin für die Neuwahlen
feststand, wagten sich die Sterndeuter an Prognosen. Vorhergesagt
wurden dabei eine absolute Mehrheit für die Union, eine
schwarz-gelbe Regierung, die Fortsetzung der rot-grünen
Koalition, teilweise mit Beteiligung der „Linken“, eine große
Koalition und sogar eine bevorstehende Revolution. Bei dieser großen
Auswahl an Möglichkeiten muss natürlich auch ein Pseudo-Treffer
dabei sein. Prominente sind ebenfalls ein beliebtes Ziel der Prognosen.
Was wurde für 2005 vorhersagt? Frank Elstner sollte Anfang des
Jahres Selbstmord begehen – er erfreut sich heute noch guter
Gesundheit. Auch der Tod von Silvio Berlusconi, Doris Day oder
Prinz Philipp trat nicht ein. Und von einem Anschlag auf den
amerikanischen Präsidenten oder massiven gesundheitlichen
Probleme bei George W. Bush war nichts zu spüren. Ebenso wartet
der Berliner KaDeWe-Chef Wagner noch auf eine erneute Vaterschaft.
Sandra Maischberger moderiert keine große Samstagabendshow und
Comedy-Sternchen Ruth Moschner wurde auch kein großer Erfolg
zuteil im Gegenteil, ihr Engagement bei den RTL-Freitag-Nacht-News
wurde gekündigt. Nachdem der Tod des Papstes Johannes Paul II. bis in die
90er Jahre stets ein prognostischer Dauerbrenner bzw.
Dauerversager war, gab sich die Seherzunft für 2005 erstaunlich
zurückhaltend. Lediglich einer wagte es, im Februar - als der
Papst bereits zum zweiten Mal im Krankenhaus lag und schon nicht
mehr sprechen konnte - seinen Tod für „Ende April/Anfang Mai“
anzukündigen. Gestorben ist Karol Woytila am 2. April 2005. Von den vielen verheerenden Naturkatastrophen wurde keine
richtig prophezeit. Der Tsunami in Asien stand anscheinend nicht
in den Sternen, auch nicht der Untergang von New Orleans, die Verwüstungen
durch Hurrikans in Mittelamerika oder das erschütternde Erdbeben
in Pakistan mit fast 100 000 Toten. Nicht alle Vorhersagen der Seherzunft sind konkret, oft
finden sich Bezeichnungen, die so schwammig sind, dass man alles Mögliche
hineininterpretieren kann. Was soll uns etwa folgendes sagen:
„Uranus‘ Rückläufigkeit (15.06. bis 16.11.) betrifft das
Unabhängigkeitsstreben der Völker, neue Technologien, Stromversorgung,
Luft- und Raumfahrt. Hier kann es zu Verzögerungen und
unerwarteten Zwischenfällen kommen.“ Mit so einer Aussage
landet man garantiert einen Treffer – aber keinen, der etwas zu
bedeuten hat. Die meisten Prophezeiungen halten sich an die zwei
goldenen Regeln: „Sag viele Ereignisse voraus – man wird sich
nur an die Treffer erinnern.“ und „Treffe Voraussagungen,
deren Häufigkeit unterschätzt wird.“ Die absurdeste Prognose des Jahres 2005 kam übrigens aus
Hongkong. Ein dortiger Feng Shui-Meister hatte die große Liebe
zwischen Nordkoreas Diktator Kim Jong Il und der amerikanischen Außenministerin
Condoleeza Rice prophezeit - und damit nicht genug: gemeinsam würden
sie Osama bin Laden finden. Und wie sieht es mit Prognosen für 2006 aus? Fürst Albert
heiratet im Oktober, Udo Jürgens bekommt Herz- und
Kreislaufprobleme, George W. Bush könnte ein Anschlag drohen und
das Lied „Alle meine Entchen“ soll zu einem Welthit werden.
Und wer wird Fußballweltmeister? Vorgeschlagen werden z.B.
England und Deutschland. Vor einem Jahr wurde von der
Giordano-Bruno-Stiftung die Forschungsgruppe Weltanschauungen in
Deutschland (fowid) ins Leben gerufen. Im November 2005 wurde dann
das Daten-Portal www.fowid.de eröffnet und im Rahmen einer
Pressekonferenz in Berlin vorgestellt. Auf dem Portal findet sich umfangreiches Material
aus empirischen Studien zu Weltanschauungen. Weltanschauungen ist
dabei im weitesten Sinn zu verstehen, also nicht nur Religion -
auch Aberglaube, Einstellungen zu Moral und Tugenden,
Alltagsrituale, etc. Viele dieser Informationen waren bisher nur
wenigen Experten bekannt. Neben dem öffentlich zugänglichen
Datenarchiv gibt es auch einen Informationsdienst, der Medien und
Politik mit Informationen zum demoskopischen Hintergrund
weltanschaulcher Fragestellungen versorgt. Im Datenarchiv findet man eine Vielzahl von
thematischen Datenblättern, die in Themenfelder eingeordnet
sind. Das Stöbern lohnt sich bei der großen Vielfalt an
Informationen. So gibt es etwa im Bereich „Brauchtum“ Datenblätter
zum Aberglauben in der deutschen Bevölkerung, zum Glauben an
paranormale Phänomene, zur Kindererziehung bei Tischmanieren
oder eine Auswertung von Heiratsanzeigen. Aber auch Einäscherungsstatistiken,
katholische Gottesdienstteilnehmer, Bibellektüre und die
Verteilung der Konfessionalität in den Altersgruppen werden
untersucht. Weitere Themenfelder sind „Kindheit und Jugend“,
„Von Moral und Tugenden“, „Politik und Weltanschauung“,
„Kirchliches Leben“, „Kirchenfinanzen und –vermögen“,
„Religionszugehörigkeiten“, „Kirchensteuern“, „Vom
Sterben und Bestatten“ u.a.m. Seit 11. November
ist die Seite www.fowid.de im Internet erreichbar.
In den ersten sechs Wochen gab es 5.200 verschiedene Besucher
und insgesamt 7.300 Besucher, die insgesamt 39.400 Seiten
abgefragt haben. Im Tagesdurchschnitt waren 170 Benutzer auf den
Seiten unterwegs. Bisher waren die Spitzenreiter auf den
fowid-Seiten die Informationen zu Evolution vs. Intelligentes
Design und Kreationismus, zu denen fowid selber eine Umfrage
realisiert hat. Die Daten von fowid
wurden auch von anderen Medien aufgegriffen - so hat
beispielsweise die Deutsche Welle in ihrem englischsprachigen
internationalen Dienst fowid-Daten verwendet, ebenso wie das
Nachrichtenmagazin Focus und Wikipedia. Kirchliche Medien (z.B.
Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen,
Evangelisches Sonntagsblatt)
haben die Existenz von fowid bereits registriert und
kritisch kommentiert. Der Humanistische Verband Deutschlands, Landesverband
Berlin, stiftet zum dritten Mal den „Humanismus-Preis“. Mit diesem Preis soll eine Persönlichkeit, Gruppe oder
Institution geehrt werden, die sich durch ihr Wirken auf
wissenschaftlichem, künstlerischem, politischem,
weltanschaulich-philosophischem Gebiet oder durch
praktisch-soziales Engagement für die Verwirklichung von
Humanismus eingesetzt hat. Der Preis ist mit 2.500 Euro dotiert und trägt den Namen
Ossip K. Flechtheims, des 1998 verstorbenen Politologen und
Zukunftsforschers sowie langjährigen Mitglieds im Humanistischen
Verband. Der Humanismus-Preis dient der Förderung von Aufklärung,
Toleranz, Menschenrechten und Selbstbestimmung in der
Gesellschaft. Im vergangenen Jahr wurde er an den Berliner
Sozialwissenschaftler Peter Grottian für sein langjähriges
Engagement in zentralen gesellschaftspolitischen Fragen und für
seine damit verbundenen sozialen Initiativen verliehen. Der Humanistische Verband nimmt noch bis zum 24. Februar
2006 Vorschläge mit einer ausführlichen schriftlichen Begründung
entgegen. Hier die Adresse: Humanistischer Verband Deutschlands Landesverband Berlin e.V: Wallstraße 61- 65 10179 Berlin Am Jahresende 2005 wurde immer wieder – sogar
vom Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal
Lehmann, und dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche
Deutschland (EKD), Bischof Huber – eine Hinwendung zu Kirche und
Religion beschworen. Als Begründung dienten rückläufige
Austritte und zunehmende Eintritte. Außerdem wurde auf das große
Interesse am alten wie am neuen Papst sowie am Weltjugendtag und
der Einweihung der Dresdener Frauenkirche verwiesen. Tatsächlich weisen die eben publizierten
Kirchendaten für 2004 einen Rückgang der Kirchenaustritte auf:
Netto, d.h. nach Abzug der Eintritte, liegt die Zahl bei rund
190.000. Davon entfallen 90.000 auf die katholische und 100.000
auf die evangelische Kirche. Das sind rund 50.000 weniger als im
Jahr 2003. Doch anders als z.B. bei der Arbeitslosenstatistik
handelt es sich hier stets um neue Austritte, die die Masse der
Ausgetretenen – seit 1970 immerhin 11 Mio. brutto und 9,5 Mio.
netto – zusätzlich anschwellen lassen. Die neuen Daten belegen
also einen gebremsten Abschwung, nicht aber einen Aufschwung der
Kirchen. Und auch der Generationenwandel wirkt sich aus:
Berücksichtigt man die Differenz aus Todesfällen und Säuglingstaufen,
haben die Kirchen 2004 dadurch noch mehr Mitglieder als durch
Kirchenaustritte eingebüßt. Insgesamt haben sie 410.000
Mitglieder verloren. Auch der rückläufige Gottesdienstbesuch –
auf katholischer Seite erstmals unter 15 Prozent der
Kirchenmitglieder – lässt nicht gerade auf einen Boom schließen.
Ebenso lag die Beteiligung am Weltjugendtag weit
unter den Erwartungen: Von den 405.000 Dauerteilnehmern (statt der
geplanten 800.000 bis eine Million) kamen nur 105.000 aus
Deutschland, von denen noch ein Drittel auf Priester, katholische
Verbandsfunktionäre und sonstige eingeladene Gäste entfiel. Von
den 14 Millionen Deutschen zwischen 12 und 30 Jahren nahmen also
knapp 0,5 % teil. Was sich tatsächlich bestätigen lässt, ist das
zunehmende mediale Interesse an religiösen oder kulturellen „Events“;
das lässt aber keine Rückschlüsse auf eine neue (christliche)
Religiosität zu. Wollte man davon überhaupt sprechen, dann
allenfalls in kleinen Zirkeln außerhalb der Amtskirchen. Realistisch ist indes die Analyse des
EKD-Experten Schloz, der von einem Schwund der Protestanten um ein
Drittel bis 2030 ausgeht, d.h. von 31 auf ca. 22 % der (leicht
schrumpfenden) Bevölkerung. Da die katholischen Einbußen bei
etwa zwei Dritteln der evangelischen liegen, prognostizieren
Experten auch dort bis 2030 einen Rückgang von derzeit ebenfalls
31 auf höchstens 26 %. Die Mitgliedschaft im Bund für Geistesfreiheit Bayern schützt
vor dem besonderen Kirchgeld. Seit 2004 müssen in Bayern Mitglieder der evangelischen
Kirche, die selbst kein Einkommen haben, ein sogenanntes
„Besonderes Kirchgeld in glaubensverschiedener Ehe“
entrichten, wenn ihr Ehepartner keiner Kirche angehört. Dieses
Kirchgeld liegt fast so hoch wie der übliche Kirchensteuersatz
und kann bis auf 3600 Euro im Jahr steigen. Wir haben darüber in unserer Sendung am 26. Juni 2005
genauer berichtet. Bei näherem Studium des komplizierten Kirchensteuergesetzes
hat sich nun herausgestellt, dass der konfessionslose Ehepartner
dieses besonders teure Kirchgeld auf einfache Weise vermeiden
kann. Da der Bund für Geistesfreiheit den Kirchen rechtlich
gleichgestellt ist, befreit die Mitgliedschaft in einer der
Ortsgemeinschaften des Bundes für Geistesfreiheit ihn und seinen
Ehepartner von der Zahlung dieses Kirchgelds. Der normale
Mitglieds-Jahresbeitrag des bfg ist in der Regel niedriger als ein
einziger Monatsbeitrag bei den Kirchen. Der Bund für Geistesfreiheit gratuliert der
neugewählten chilenischen Präsidentin, Frau Michelle Bachelet.
Dass in einem konservativen und stark christlich geprägten Land
wie Chile eine bekennende Atheistin als Staatschefin gewählt
wird, ist keine Selbstverständlichkeit. Bachelet strebt in Chile
eine gerechtere Einkommensverteilung an und will mit „neuen
Gesichtern“ und mit ebenso vielen Frauen wie Männern im
Kabinett regieren. Unsere nächste Sendung hören Sie am 5.
März 2006. Die Texte dieser Sendung erhalten Sie gegen
Erstattung des Portos bei: bfg Bayern, Postfach, 90730 Fürth. Im
Internet sind wir erreichbar unter der Adresse: www.bfg-bayern.de.
Dort finden sie auch die Veranstaltungen der einzelnen
Ortsgemeinschaften. |