Meisner, Sexueller Missbrauch, Neuer Karikaturenstreit, Petition zum Religionsunterricht, Gotteslästerungsparagraf, Deschner-Preis an Richard Dawkins

  Sendereihe 'Positionen'  

des Bundes für Geistesfreiheit Bayern K.d.ö.R.

AutorInnen: Monika Hendlmeier, Horst Prem


SprecherInnen:
Dr. Kerstin Pschibl, Martin Preis
Eine Sendung im Bayerischen Rundfunk, Programm Bayern II, UKW

Sonntag, 30. September 2007, 7.05-7.20 Uhr


Sprecher:

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

wir begrüßen Sie zur dieser Sendung des Bundes für Geistes­freiheit Bayern, kurz bfg. Wenn Sie mehr über den bfg, seine Grundsätze und Aktivitäten wissen wollen, wenden Sie sich bitte an die Anschrift, die wir Ihnen am Ende dieser Sendung mitteilen.

Sprecherin:

Meisner und die „entartete Kunst"

Der Kölner Erzbischof Meisner sorgt mal wieder für Schlagzeilen mit einem Nazivergleich. In einer Ansprache im Kölner Dom sagte er: „Dort, wo die Kultur von der Gottesverehrung abgekoppelt wird, erstarrt der Kultus im Ritualismus und die Kultur entartet."

Diese Wortwahl rief heftige Kritik hervor. Der nordrhein-westfälische Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff wies die Bewertung nicht-religiöser Kultur als "entartet" scharf zurück: "Dass Kardinal Meisner sich zu einem solchen Sprachgebrauch hinreißen lässt, ist erschreckend und zeigt, dass er keinerlei Zugang zu Kunst und Kultur hat". Auch der frühere nordrhein-westfälische Kulturminister Michael Vesper äußerte sich erschrocken darüber, dass der Begriff 'entartet' noch verwendet werde. "Ich dachte, dass das in Deutschland Geschichte sei", sagte er. Und ausgerechnet ein hoher katholischer Würdenträger greife das auf. „Wer, wie Kardinal Meisner, bereit ist, Kunst, die nicht in die eigene Denk-Schublade passt, auszusortieren, sie an den Pranger zu stellen, der schürt ein gefährliches Feuer.“ Der Schriftsteller Ralph Giordano bezeichnete die Auffassung, Kunst sei ohne Gottesnähe nicht möglich, als «empörend und inquisitorisch»: «Die größten künstlerischen Werke sind auch von gottesfernen Leuten geschaffen.»

Nach der heftigen Kritik hat sich Kardinal Joachim Meisner für die Verwendung des Wortes "entartet" im Zusammenhang mit Kunst entschuldigt. Zum Inhalt seiner Äußerung steht er aber weiter.

Der erste verbale Ausrutscher von Meisner war das nicht. Vor gut zwei Jahren hatte er Abtreibungen und Sterbehilfe mit dem Holocaust verglichen. Nach scharfer Kritik nahm er die Äußerung zurück: „Wenn ich geahnt hätte, dass mein Verweis auf Hitler missverstanden hätte werden können, hätte ich seine Erwähnung unterlassen. Es tut mir leid, dass es dazu gekommen ist", meinte er damals. Gelernt hat er aus dem damaligen Vorfall wohl nicht.


Sprecher:

Sexueller Missbrauch

Deutschland schaut derzeit auf die kleine Gemeinde Riekofen im Landkreis Regensburg. Das Medieninteresse ist enorm. Der Pfarrer der Gemeinde steht im Verdacht, einen Messdiener missbraucht zu haben und sitzt in Untersuchungshaft. Vor einigen Wochen noch erfreute sich Pfarrer K. großer Beliebtheit. Doch dann wurde sein Vorleben bekannt. Im Jahr 1999 hatte er in seiner früheren Gemeinde Viechtach zwei Messdiener sexuell missbraucht. Den Eltern der Kinder wurde Schmerzensgeld gezahlt und es wurde Stillschweigen vereinbart. Der Pfarrer begab sich in Therapie. Ein Gutachten seines Therapeuten attestierte ihm, geheilt zu sein. Nach einer „Bewährungszeit“ in einem Altersheim wurde K. im Jahr 2004 wieder als Seelsorger in einer Gemeinde eingesetzt. Informiert über sein Vorleben wurde nur der Pfarrer der Nachbarsgemeinde. Die Gemeindemitglieder erfuhren nichts von seiner Verurteilung. Ein Zeitungsartikel brachte den Stein ins Rollen. Kurz nach dessen Veröffentlichung erfolgte eine Anzeige gegen K. Ein Messdiener beschuldigte ihn des sexuellen Missbrauchs. Der Schock war groß, nicht nur in Riekofen.

Wie reagierte nun der zuständige Bischof Gerhard Ludwig Müller? Zuerst gar nicht. Nach ein paar Tagen gab es dann eine magere Erklärung, die in Riekofen verlesen wurde. Dann wieder Schweigen. Einen Besuch in der Gemeinde lehnt Müller ab. Er ist sich keiner Schuld bewusst. Eine Mitverantwortung für die Tat will er nicht eingestehen: „Diese Verantwortung trägt allein der Täter.“, sagt Müller. Auf einer Pressekonferenz letzte Woche verteidigte er erneut sein Verhalten: "Wenn Jesus auch den schlimmsten Sündern verziehen hat und nach menschlichen Ermessen bei Pfarrer K. kein Übergriff mehr zu erwarten war, wie konnte man ihm eine zweite Chance versagen?"

Vielleicht hätte Müller die Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2002 lesen sollen. Darin heißt es: „Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft erweist sich Pädophilie als von der Neigung her strukturell nicht abänderbar. [...] Nach Verbüßung seiner Strafe werden dem Täter keine Aufgaben mehr übertragen, die ihn in Verbindung mit Kindern und Jugendlichen bringen.“

Betroffene von früheren Missbrauchsfällen haben inzwischen schwere Vorwürfe gegen das Bistum erhoben. In der Diözese würden systematisch von Priestern begangene sexuelle Missbräuche vertuscht, sagten die Mütter von zwei missbrauchten Jungen. Die Opfer hätten keinerlei Hilfe von der Bistumsleitung erhalten.

Sprecherin:

Neuer Karikaturenstreit in Schweden

Vor knapp zwei Jahren erschütterte ein Karikaturenstreit die Welt. Damals hatte eine dänische Zeitung Zeichnungen des Propheten Mohammed veröffentlicht. Jetzt gibt es einen neuen Fall in Skandinavien:

Der in Schweden bekannte Künstler Lars Vilks hat drei Zeichnungen mit einem Hund inmitten eines Kreisverkehrs gefertigt. Der Hundekopf sieht menschlich aus und trägt Turban und Bart. Vilks nannte die Zeichnungen „Kreisverkehrhund Mohammed". Eine geplante Ausstellung der Bilder fand nicht statt. Die Bilder könnten Muslime vor den Kopf stoßen und "die Sicherheit des Personals und der Besucher könne nicht garantiert werden". Die Zeichnungen wurden aber in mehreren Zeitungen abgedruckt und in einem Weblog veröffentlicht.

Was dann folgte, war vorhersehbar. Bei schwedischen Muslimen löste die provozierende Aktion nur gemäßigten Protest aus. Doch im Ausland wurden schwedische Flaggen verbrannt. Den schwedischen Vertretungen wurden offizielle Protestnoten überreicht. Es gab Morddrohungen gegen den Zeichner. Vom Terrornetzwerk El Kaida wurde ein Kopfgeld in Höhe von 100 000 Dollar ausgesetzt. Weitere 50 000 Dollar stiftet die Gruppe „Islamischer Staat Irak". Die Organisation säkularer Muslime in Schweden verurteilt diesen Mordaufruf. Vilks steht jetzt unter Polizeischutz und gibt sich angesichts der Morddrohungen und des ausgesetzten Kopfgeldes gelassen: "Ich habe noch eine alte Bärenfalle im Schuppen. Die werde ich jetzt wohl aufstellen."

Die Diskussion um Religionskritik und um die Grenzen zwischen Meinungsfreiheit und Kränkung ist leider in den Hintergrund gedrängt worden.

Sprecher:

Petition zum Religionsunterricht

Horst Prem von den Unitariern hat im September eine Petition im Deutschen Bundestag eingebracht mit dem Ziel, die Streichung des Artikels 7 Absatz 3 Grundgesetz zu beschließen.

Dieser Artikel lautet:

„Der Religionsunterricht ist in den öffentlichen Schulen mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen ordentliches Lehrfach. Unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechtes wird der Religionsunterricht in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften erteilt. Kein Lehrer darf gegen seinen Willen verpflichtet werden, Religionsunterricht zu erteilen."

In der Praxis führt der Artikel zur Aufspaltung der Klassenverbände nach Konfessionen, Religionen und Weltanschauungen. Dies widerspricht der Offenheit für eine Vielfalt der Meinungen und Auffassungen, die konstitutive Voraussetzung einer öffentlichen Schule in einem freiheitlich-demokratischen Gemeinwesen sind. Er behindert die auf Toleranz und Nicht-Diskriminierung beruhende Integrationsaufgabe des Staates in einer pluralistischen Gesellschaft bis hin zur Gefährdung des inneren Friedens.

Integration setzt nicht nur voraus, dass die religiös oder weltanschaulich geprägte Mehrheit jeweils anders geprägte Minderheiten nicht ausgrenzt; sie verlangt auch, dass diese sich nicht abgrenzt und sich dem Dialog mit Andersdenkenden und Andersgläubigen nicht verschließt. Die Fähigkeit aller Schüler zu Toleranz und Dialog ist eine Grundvoraussetzung nicht nur für die spätere Teilnahme am demokratischen Willensbildungsprozess, sondern auch für ein gedeihliches Zusammenleben in wechselseitigem Respekt vor den Glaubensüberzeugungen und Weltanschauungen anderer.

Der Artikel in seiner jetzigen Formulierung eröffnet die Möglichkeit, die Integrations- und Nichtdiskriminierungs-Aufgabe des Staates zu umgehen. Im Zeitalter der durch internationalen Terrorismus bedrohten Grundwerte Europas ist hier Handlungsbedarf insbesondere auf dem Erziehungssektor geboten.

Artikel 7 Absatz 3 ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar und daher ersatzlos zu streichen.

Diese Petition kann noch bis Mitte Oktober im Internet unterzeichnet werden.

Sprecherin:

Bundesratsinitiative zum sog. „Gotteslästerungsparagrafen"

Und jetzt eine Meldung aus der Rubrik „Alle Jahre wieder":

Der bayerische Ministerrat hat am 25. September eine Bundesratsinitiative beschlossen. Damit soll der § 166 des deutschen Strafgesetzbuchs klarer gefasst und sein Anwendungsbereich erweitert werden. Der Paragraf 166 ist auch als „Gotteslästerungsparagraf" bekannt. Unter Strafe gestellt werden soll künftig bereits das Herabwürdigen und Verspotten von religiösen und weltanschaulichen Bekenntnissen. „Bayern will ein klares Zeichen setzen, dass nicht mit Füßen getreten werden darf, was anderen heilig ist.", sagte Ministerpräsident Edmund Stoiber.

Sollte diese Initiative diesmal durchgehen, können wir uns wohl bald auch in Bayern auf einen Karikaturenstreit freuen.


Sprecher:

Deschner-Preis an Richard Dawkins

Der renommierte Deschner-Preis der Giordano Bruno Stiftung wird am 12. Oktober in Frankfurt verliehen. Preisträger ist der Oxforder Evolutionsbiologe Richard Dawkins. Dawkins wurde in den 70er Jahren durch das Buch „Das egoistische Gen“ bekannt. Sein aktueller Besteller „The God Delusion“ ist inzwischen unter dem Namen „Der Gotteswahn“ auf deutsch erschienen.

Karlheinz Deschner, nach dem der Preis benannt ist, wird bei der Verleihung anwesend sein und einige Gedanken zum Preis vortragen. Neben Dawkins und Deschner werden der Evolutionstheoretiker Franz M. Wuketits sowie der Philosoph und Religionskritiker Michael Schmidt-Salomon sprechen. Der Leiter des humanistischen Pressedienstes, Carsten Frerk, moderiert den Abend. Die Regisseurin Ricarda Hinz ergänzt das Programm mit kurzen Filmbeiträgen.

Der Festakt soll filmisch dokumentiert und später über das Internet verfügbar gemacht machen.


Sprecherin:

Unsere nächste Sendung wird am 11. November ausgestrahlt.
Die Texte dieser Sendung erhalten Sie gegen Erstattung des Portos bei: bfg Bayern, Postfach, 90730 Fürth.
Sie können das Manuskript auch per Email beziehen.
Im Internet sind wir erreichbar unter der Adresse: www.bfg-bayern.de.
Dort finden Sie auch die Veranstaltungen der einzelnen Ortsgemeinschaften.

 

 
Texte: Monika Hendlmeier, Horst Prem
SprecherInnen: Dr. Kerstin Pschibl, Martin Preis