Freigeistige Betrachtungen

Autorin und Sprecherin: Renate Bauer

Eine Sendung im Bayerischen Rundfunk, Programm Bayern II, UKW

Sonntag, 20. März 2005, 7.05 Uhr

Korruption und Ehrlichkeit – Ethische und soziale Probleme in unserer Gesellschaft

Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer,

wenn Sie versucht haben, mitzuzählen, wie viele Politiker letzthin wegen Verdachts auf Korruption zurücktreten mussten oder wegen nachgewiesener Bestechlichkeit verurteilt wurden, und Sie haben das Zählen aufgegeben, dann ist das nicht gut, denn dann waren es zu viele.

Bestechung ist ein sehr altes Phänomen, die Römer beklagten sich schon darüber. Die römische Republik funktionierte in ihrem letzen Jahrhundert vor allem durch Korruption: Stimmenkauf bei Wahlen und vor Gericht, Nepotismus  und offene Einschüchterung von Gegnern bestimmten den politischen Alltag.

Dass Macht und Reichtum Menschen anfällig für Verfehlungen machen, ist eine Beobachtung durch Jahrtausende hindurch. Ob sie mehr oder weniger dafür anfällig sind, hängt wiederum von vielen Faktoren ab.

Unter Korruption verstehen Wissenschaftler den Typus bestimmter Verhaltensweisen, die dann strafrechtlich mehr oder weniger stark belangt werden. Sie weist drei Elemente auf (nach Christian Brünner):

  1. das anvertraute (öffentliche) Amt, das
  2. der Amtsträger ausnutzt, um private Vorteile zu erlangen, wobei
  3. seine Tathandlungen / Unterlassungen einvernehmlich geheimgehalten werden."

Das Problem der Korruption liegt nicht nur darin, dass es ein Gesetzes- und Moralverstoß ist, sondern ein Verderben des moralischen Klimas in der Gesellschaft. Korruption verstößt gegen Chancengleichheit. Man verschafft  sich Vorteile auf unehrliche Art. Nun gehören zur Korruption mindestens zwei: die, die sie anbieten, und die, die sie annehmen.

Wenn einige es anfangen, haben die anderen den Eindruck, sich dem nicht entziehen zu können, wenn sie Aussichten auf Teilhabe am Erfolg haben wollen. Ein Gefühl der Hilflosigkeit macht sich breit.  Die, die Korruption ablehnen, aber um des schieren Überlebens willen mitmachen, verachten sich oft selbst und fühlen sich gedemütigt.

Nicht, was man wirklich leisten kann, zählt, sondern der Schein der Leistung und der Profit der Amtsträger.

Wie weit ist Korruption verbreitet? Die Organisation Transparency International veröffentlicht regelmäßig eine Rangreihe der am wenigsten korrupten Staaten zu den am stärksten beeinträchtigten. Als praktisch korruptionsfrei steht Finnland an der Spitze, gefolgt von Neuseeland. Dann kommen die anderen skandinavischen Länder, Australien, die kleineren Länder der alten EU, Deutschland an 15. Stelle vor den USA, Frankreich, Spanien und Italien. An letzter Stelle stehen Haiti und Bangladesh, die ärmsten Länder.

Was sind die Einflussgrößen auf Korruption?  Ganz sicher der Reichtum eines Landes, aber genauso sehr  die Verteilung des Lebensstandards und die Demokratie. Je gerechter und demokratischer, um so weniger korrupt. Nicht umsonst liegen die skandinavischen Länder mit ihrem ausgebauten Sozialsystem in der korruptionsfreien Spitzengruppe. Kleinere wohlhabende Länder sind freier davon, denn in ihnen lässt sich alles leichter kontrollieren. Die Religion selbst schützt nicht in besonderer Weise.

Korruption wird laut Bundeskriminalamt vor allem in Behörden gemacht, in den Bereichen Beschaffung und Auftragsvergabe.  Doch sind alle Bereiche der Gesellschaft betroffen, Wirtschaft wie Gesundheitswesen, christliche Kirchen wie Sportvereine und –funktionäre.  Korruption ist Chefsache, je höher der Posten und damit die Verantwortung, umso eher eine Beteiligung an Korruption. Noch immer beliebt sind Geldzuwendungen, aber auch Sachzuwendungen aller Art vom Plasmafernseher bis zu Ferienreisen.

Korruption gedeiht im geheimen.  Es werden Beziehungsgeflechte aufgebaut, damit wenn einer fällt, viele mit fallen, sodass möglichst viele kein Interesse haben an einer Änderung des Zustandes.

Forscher haben geprüft, was die Anfälligkeit der Menschen für Korruption erhöht. Es gibt viele sehr individuelle Gründe, die teilweise in den Personen selbst liegen, teilweise aber auch im Umfeld, im System der Verwaltung, der Bürokratie selbst wie etwa zu viele unübersichtliche unkontrollierbare Behördenvorgänge, bis etwas genehmigt wird. Andere Gründe sind zu starker Personalabbau und dadurch zu wenige interne Kontrollen selbst. Zu hoher Arbeitsdruck, Mobbing, Unterbezahlung  und schließlich ganz persönliche Gründe wie Schulden, das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, Gier nach Status, etc, machen die einzelnen anfällig für Bestechung.

Vorschläge zur Eindämmung von Korruption verlangen zum einen mehr Kontrolle,  zum zweiten Öffentlichkeit vor allem in der Verwaltung, zum dritten: Verkürzen der bürokratischen Wege, Abbau von zu vielen unübersichtlichen Regeln und Verwaltungsvorschriften.

Warum wird versucht zu bestechen? Man will Genehmigungen beschleunigen, oder  an Aufträge herankommen, man tut es manchmal aus scheinbar edlen Motiven, um nämlich Arbeitsplätze im eigenen Betrieb zu sichern, ohne dass der Chef selbst etwas für sich abzweigt. Letzteres ist extrem selten. Oder weil man glaubt, dass auch die anderen schmieren und ohne das nichts zu kriegen ist.

Zu diesem letzteren: Das halte ich bei uns für das Problem, denn eine Gesellschaft, in der der Eindruck stark wurde, dass man nur mit Unehrlichkeit im Wettbewerb bestehen kann, ist in die Mentalität der Korruption abgerutscht bzw. in Gefahr, dahin zu kommen. Wenn Wirtschaft zu einem ethikfreien Raum erklärt wird, in dem nur der Profit zählt, macht das die ganze Gesellschaft anfällig für Gewissenlosigkeit und Verbrechen.

Für eine freigeistige Weltanschauung  ist Ethik etwas sehr Wichtiges, ja das Zentrale unserer Anschauung. Ethik ist nicht einfach ein Wissen der Regeln, sondern die innere Haltung zu den Regeln der Gesellschaft, eine Frage des Gewissens.

Es gibt zwei grundlegende Formen ethischen Handelns und ethischer Begründungen, eine heteronome und eine autonome Ethik. Eine heteronome oder außengeleitete Moral beruht auf der Vorstellung, dass ich mich anständig verhalte, weil andere das von mir wollen, weil ich für Abweichungen bestraft werde. Eine autonome oder innengeleitete Moral beruht auf der Einsicht, dass ohne die Regeln ein aufrichtiges Zusammenleben nicht funktioniert. Ich halte mich an die Regeln, weil ich sie für wichtig halte und es so will bzw. erkenne, dass ich anders gar nicht vor mir bestehen kann.

Sie merken da sicher, welche Ethikform in einer freigeistigen Weltanschauung  zu finden ist, nämlich die autonome, Selbstverantwortung und Selbstbestimmung führen uns dazu.

Aber diese Ethikform ist nicht selbstverständlich. Wissenschaftler schätzen, dass nur 20 bis 30% der Bevölkerung ihr Ethikverständnis darauf aufbauen. Die übrigen hängen den unterschiedlichsten Formen der heteronomen Moral an. Da kommt es wie gesagt auf zwei Punkte an: auf das Streben, einen guten Eindruck bei anderen machen zu wollen, und zum zweiten auf die Angst vor einer Strafe bei Fehlverhalten.

Wenn somit in einer Gesellschaft korrupte Menschen extrem beachtet oder nur leicht bestraft werden, dann verringert sich das Bedürfnis, einen guten Eindruck machen zu wollen, indem man sich korrekt verhält. Offensichtlich gewinnt man mehr positive Beachtung, wenn man  gegen die Regeln verstösst. Ferner: Wenn man tut, was der Chef, der Kollege von einem will, auch wenn es illegal ist, kann man sich bei der heteronomen Moral damit herausreden, dass die anderen es von einem verlangen. 

Wenn noch der Eindruck entsteht, dass man mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar gar nicht erwischt wird, steigt die Bereitschaft, es auszuprobieren. Deswegen haben Länder mit viel Bevölkerung grundsätzlich mehr Probleme, Korruption einzudämmen als kleinere, weil dort auch die informelle Kontrolle besser funktioniert.

Kommt noch persönliche Gier hinzu, fällt der Weg zur Korruption leicht.

Möglichkeiten, Korruption einzuschränken liegen daher auch in der gerechten Bezahlung und Behandlung von Arbeitnehmern und ganz wichtig in der Arbeit an der individuellen Ethik, am Gewissen der Menschen.

Die Entwicklung des Gewissens ist eine heikle Angelegenheit.

Dass Menschen ein Gewissen entwickeln, ist eine großartige Sache. Aber Menschen und ihr Gewissen entwickelt sich nicht von allein und nicht immer so, wie es wünschenswert wäre.

Menschen durchlaufen in der Entwicklung des Gewissens und ihrer Ethik bestimmte Phasen, die mehr oder weniger gleich sind, aber nicht alle gehen darin bis zum Ende. Hier wird der Einfluss des Elternhauses und der  Gesellschaft deutlich, die beide eine ethische Entwicklung mitgestalten.

Schwierig bei der Herausbildung unserer ethischen Einstellung ist, dass sie als Teil unseres Denkens oft unseren Gefühlen hinterher hinkt. Ein Weg, sie bzw. unser Gewissen zu stärken ist, es mit Gefühlen zu verbinden, solchen der Angst vor Strafe, solchen der Freude auf eine Belohnung. Erleichtert wird letzteres dadurch, dass es Menschen Freude macht, anderen zu helfen, schon von Kleinkind an fühlen sich Menschen besser, wenn sie anderen etwas Gutes tun.

Aber um über  eine außengeleitete Ethik hinauszugelangen zu einem autonomen Gewissen, helfen Angst vor Strafe oder Hoffnung auf Belohnung nur wenig. Einsicht muss hinzukommen, Nachdenken und Vernunft müssen dazu führen, ein Leben mit Regeln als notwendig und wichtig zu begreifen und sich wohl dabei zu fühlen, wenn man erkennt, dass man das, wovon man überzeugt ist, auch lebt.

Religiöse Vorstellungen, die auf Angst vor Strafe setzen, auf die Vorstellung, dass man sich richtig verhält, weil jemand, z.B. ein Gott es mitbekommen könnte, helfen auf Dauer nicht, Menschen immun zu machen gegen Korruption. Denn wehe, man gewinnt den Eindruck, Gott sieht gerade mal weg. Oder da bisher die Strafe ausblieb, kommt man auch weiter ungeschoren davon. Dann steigt die Bereitschaft zum Betrug und Vertuschen. Oder die Angst vor der Strafe führt zur Suche nach Sündenböcken, zu Verfolgung und Hass auf die, die ihres Lebens froher sind. Die Klage mancher katholischen Bischöfe über sinkende Moral bezieht sich meist auf Themen der sexuellen Moral, also auf den privaten Bereich, aber bezüglich jener Bereiche, die uns alle angehen als Öffentlichkeit, wird wenig gesagt. Denn da hilft die angebotene Moral nicht, sie fördert nicht das individuelle Gewissen, nicht die Bereitschaft zur Zivilcourage,  zur Ablehnung von Korruption, sie stärkt nicht gegen die Gier, gegen den Druck der Chefs, die da gern ihre Untergebenen mit hineinziehen, um sie umso bedenkenloser ausnutzen zu können.

Menschen mit einem Gewissen, Menschen, die eine autonome Moral entwickelt haben, sind gewöhnlich unbequem. Sie fragen nach, sie behalten sich ihre eigene Meinung vor, sie interessieren sich weniger für äußere Belohnungen, sie halten Kumpelhaftigkeit für weniger wichtig als die eigene Ehrlichkeit. Sie lassen sich nicht so leicht gängeln und beeinflussen.

Statt wieder mal auf eine heteronome Moral zu setzen, in der man sich äußerem Druck beugt, sich den anderen anpasst oder sich damit herausredet, dass die anderen schon wissen müssen, was richtig ist, ist es wichtig, die Fähigkeit der Menschen zur Autonomie gerade in ihrem Gewissen zu entwickeln, auf Vernunft und Einsicht zu setzen, Selbstvertrauen und Mut zu stärken.

Wer auf äußere Belohnung oder Bestrafung als Mittel zur Erzielung moralischen Handelns setzt, muss sich nicht wundern über Gier und über die Bereitschaft, Geld oder Status anzubeten. Wer ferner Opfer nur von einem Teil der Bevölkerung verlangt, muss sich nicht wundern, wenn der Neid auf andere wächst und mit ihm die Bereitschaft zum kriminellen Handeln.

Wer Korruption bekämpfen will, muss dies auf vielen Ebenen tun. Man muss dafür sorgen, dass der Reichtum einer Gesellschaft gerecht verteilt wird, und dass alle die, die Macht haben, sich ständiger Kontrolle unterworfen wissen.

Und man muss – und das wird zu gerne vergessen - vor allem den einzelnen Menschen  in seiner Fähigkeit, selbstverantwortlich und menschlich gerecht zu handeln, stärken.