Kreationismus und Fliegende Spagetti-Monster

  Sendereihe 'Positionen'

AutorInnen: Monika Hendlmeier, Rainer Statz
SprecherInnen:
Dr. Kerstin Pschibl, Karl Bierl

Eine Sendung im Bayerischen Rundfunk, Programm Bayern II, UKW

Sonntag, 18. September 2005, 7.05 Uhr

Sprecher:

 

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

 

wir begrüßen Sie zu dieser Sendung des Bundes für Geistes­freiheit Bayern, kurz bfg. Wenn Sie mehr über den bfg, seine Grundsätze und Aktivitäten wissen wollen, wenden Sie sich bitte an die Anschrift, die wir Ihnen am Ende dieser Sendung mitteilen. Hören Sie nun Nachrichten, Informationen und Meinungen aus der freigeistigen Welt!

 

Sprecherin:

 

Mehr als die Hälfte aller US-Amerikaner glaubt nach einer aktuellen Meinungsumfrage, dass „Gott den Menschen in seiner heutigen Gestalt irgendwann in den vergangenen zehntausend Jahren erschuf“. Bei den Wählern von George W. Bush sind es sogar zwei Drittel.

Viele davon sind Kreatio­nisten, die die christliche Schöpfungs­geschichte und oft auch die ganze Bibel wörtlich nehmen. Diese Kreationisten haben immer wieder versucht, ihr Gedankengut im amerikanischen Schulunterricht zu etablieren. Sie forderten, statt der Evolutionslehre Kreationismus im Biologieunterricht zu lehren und/oder Biologielehrbücher mit Warnhinweisen zu versehen, wie z.B.: „Niemand war dabei, als das Leben auf der Erde begann. Daher muss jede Aussage über seine Entstehung als Theorie und nicht als Tatsache betrachtet werden.“

Doch laut amerikanischer Verfassung herrscht in den USA strikte Trennung von Religion und Staat; staatlich finanzierte Schulen dürfen keine Religion - und somit auch nicht christliche Anschau­ungen - bevorzugen. Darum urteilte bereits 1987 ein Gericht im US-Bundesstaat Louisiana, Kreationismus diene reli­giösen, nicht etwa wissenschaftlichen Zielen und dürfe deshalb nicht im Unterricht gelehrt werden.

Mit einem geschickten Trick versuchen diese Kreationisten jetzt wieder, ihre Ideen zu verbreiten, ohne dass die Justiz ein­schreitet. Sie benutzen den neuen Begriff „Intelligent Design“. Die Darwinsche Evolutions­theorie wird von ihnen weiterhin in Frage gestellt, da diese nicht als befriedigende Erklärung für gewisse wissen­schaftliche Beobach­tun­gen angesehen werden könne. Nach heutigen Erkennt­nissen sei es unmöglich, dass gewisse Entwick­lungen in der Evolution „rein zufällig“ geschehen seien. Ihre alter­­native These ist, dass das Leben nur durch einen all­mächtigen, intelligenten Designer entwickelt werden konnte. Um Ärger mit der Justiz zu vermeiden, spricht man im Intelligent Design nicht von Gott, sondern stets neutral von einem höheren Wesen oder einer höheren Instanz.

 

Auch der US-amerikanische Präsident George W. Bush bekennt sich zum Intelligent Design und forderte, im Schulunterricht auch nicht-evolutionäre Theorien zu lehren.

 

Als im Frühsommer 2005 die Schulbehörde von Kansas überlegte, Intelligent Design in den Unterricht aufzunehmen, schrieb der Physiker Bobby Henderson einen Brief an die Schulbehörde. Darin forderte er, auch die von ihm neu entwickelte Religion vom Fliegenden Spaghetti-Monster in den Lehrplan aufzunehmen.

Henderson bedient sich der gleichen Argumentationsweise wie die Kreationisten, wenn er in diesem Brief schreibt: „Denken wir daran, dass es mehrere Theorien des Intelligent Design gibt. Ich und viele andere Menschen auf der Welt glauben fest daran, dass das Universum von einem fliegenden Spaghetti-Monster erschaffen wurde. ER war es, der alles erschuf, was wir sehen und fühlen. Wir fühlen stark, dass die überwältigenden wissenschaftlichen Befunde, die in Richtung der evolutionären Prozesse weisen, nichts als Zufälle sind, die von IHM hinterlegt wurden. [...]“ Und weiter: „Wir haben Befunde, dass ein fliegendes Spaghetti-Monster das Universum erschaffen hat. Natürlich war keiner von uns dort um es zu sehen, aber wir haben schriftliche Berichte davon. Wir besitzen mehrere sehr lange Bänder, welche alle Details SEINER Macht erklären.“ Natürlich ist das Spaghetti-Monster unsichtbar, kann durch Materie gleiten, C-14-Tests zur Ermittlung des Alters historischer Dokumente verfälschen etc.

Hendersons Parodie auf die religiösen christlichen Fanatiker in den USA hat sich zu einem Selbstläufer entwickelt. Die satirische Steilvorlage wird begeistert aufgenommen. V.a. Lehrer und Fach­wissen­schaftler, die zunehmende Anfeindungen von Seiten der reli­giösen Rechten in den USA beklagen, bekennen sich als begeisterte Anhänger der FSM-Lehre. Sie nennen sich „Pastafarians“ und ver­suchen, ihren „Glauben“ zu verbreiten. Wie von ihrem Schöpfer gewünscht, tragen sie Pirateninsignien und beenden Gebete mit dem Wort „Ramen“, der Bezeichnung für eine japanische Nudelsuppe.

Ernsthafte Wissenschaftler hatten es bisher schwer bei Dis­kussi­onen mit Kreationisten. Denn gegen verbohrten Glauben helfen weder Argumente noch Beweise. Mit seiner FSM-Religion hat Henderson den Menschen eine neue Möglichkeit zum Umgang mit Kreationisten gegeben: Man kann sie jetzt mit den eigenen Waffen schlagen. Denn die Nicht-Existenz des Fliegenden Spaghetti-Monsters lässt sich nicht beweisen!

Inzwischen wird sogar eine Menge Geld ausgeschüttet für den gelungenen Versuch, die FSM-Lehre zu widerlegen: Eine Million Dollar erhält die Person, die empirisch belegen kann, dass Jesus Christus nicht der Sohn des Fliegenden Spaghetti-Monsters ist.

 

Sprecher:

 

Ebenfalls eine Million Dollar hat der Skeptiker und Trickexperte James Randi, der u.a. Träger des Ernst-Fischer-Preises ist, aus­gelobt. Bewerben kann sich jeder, der übersinnliche Kräfte zu besitzen glaubt. Das gilt für Wünschelrutengänger ebenso wie für Geistheiler oder „Löffelbieger“ wie Uri Geller. Für James Randi, der bereits 1975 ein Buch über den aus Israel stammenden Geller geschrieben hat, sind das alles nur Tricks, die er entlarven will. Randi verlangt für die Million nur eines: dass ein Teilnehmer seine parapsychologischen, übernatürlichen oder paranormalen Fähigkeiten unter wissenschaftlich kontrollierten Bedingungen demon­strieren kann. Betrachtet man die Vielfalt der Angebote auf dem Esoterikmarkt, sollte es doch nicht schwierig sein, sich diese Million zu sichern. Aber schon seit dem Jahr 1995 wartet das Geld vergeblich auf seinen neuen Besitzer.

Aus Deutschland haben sich bisher etwa 60 Personen um die Million beworben. Die Tests werden als sogenannte „Doppel-Blind-Tests“ durch­geführt, damit jegliche - auch unbewusste - Manipulation des Ergeb­nisses ausgeschlossen ist. Der jeweilige Kandidat darf be­stim­men, wo und wie der Versuch aufgebaut wird. Doch alle Teil­nehmer versagten klar - egal, ob es sich dabei um Wünschel­ruten­gänger, Geistheiler, Personen, die glaubten, die Aura von Pflanzen erspühren können oder energetische Wasserumwandler handelte.

Übrigens: Uri Geller hat sich bisher nicht um die Million beworben.

 

Sprecherin:

 

Wir möchten Sie auf eine besondere Neuerscheinung auf dem Büchermarkt hinweisen. Der Titel lautet: „Weltlicher Humanismus. Eine Philosophie für unsere Zeit“. Autor dieses Buches ist Dr. Dr. Joachim Kahl.

 

Mit seinem neuen Werk wendet sich Kahl nicht in erster Linie an die Fachwelt, sondern an jedermann; d.h. nicht, dass jedem Leser die dort vorgestellten Ideen zusagen werden, aber das Werk ist für jedermann verständlich.

Veröffentlichungen zum Thema „Philosophie“ sind oftmals auf eine akademische Leserschaft zugeschnitten; ganz anders verhält es sich mit dem hier vorgestellten Werk. Es ist inhaltlich anspruchsvoll, aber doch bewusst in einer angenehmen Sprache gehalten.

Der Inhalt des Buches ist gut gegliedert und so abgestimmt, dass man die 14 Kapitel jeweils auch unabhängig voneinander lesen kann. Für alle diejenigen, die von Kahl schon etwas gelesen oder gehört haben, dürfte besonders das 15. Kapitel von Interesse sein; hier beschreibt Kahl die beruflichen und ideologischen Stationen seines Lebens in Form eines persönlichen Rückblicks mit einer Standort­bescheibung seiner heutigen Position.

Sein nun vorgelegtes Buch nennt er einen „Reiseführer“ durch das Land der Philosophie. Es ist aber keine Reise in die Geschichte oder in die Theorie, sondern eine Reise in das gelebte Leben, d.h. in Fragen der Philosophie als Lebenshilfe, der Religion, der Lebensbewältigung - alles zeitlose Fragen, die immer wieder nach Antworten suchen.

Es werden Themen behandelt wie:

Philosophie, welchen Dienst leistet sie

Vom Sinn des menschlichen Leben

Eine Neubewertung der zehn Gebote

Vom Lob der Freundschaft

und 10 weitere lebensnahe Fragen und Themenkreise.

 

Die Autoren, auf die Kahl sich bezieht, werden oft mit ihren wichtigsten Aussagen zitiert, man muss also den Text nicht erst im Orginal suchen. Es gibt im Buch keine Fußnoten, dafür aber eine überschaubare Liste der empfehlenswerten Literatur. Natürlich - das ist kein wissenschaftliches Werk und will es auch nicht sein. Es ist aber das Ergebnis scharfsinniger, intensiver Beschäftigung mit der Wissenschaft und ihren Ergebnissen. Mit seinen prägnanten, klar formulierten Aussagen ist dieses Buch manchem wissen­schaft­lichen Werk überlegen. Kahl lässt de Leser nicht im theoretischen Dschungel der Philosophie zurück, er bietet vielmehr alltags­taug­lichen Humanismus und Anreize zu einer persönlichen Lebenspraxsis. Wir können dieses Buch uneingeschränkt empfehlen!

 

Der Autor Joachim Kahl ist Doktor der Theologie und der Philosophie. Er wird sein Buch in Kürze in verschiedenen baye­rischen Städten persönlich vorstellen.

 

Sprecher:

 

Und nun ein Veranstaltungshinweis:

Am 2. und 3. Oktober findet in Köln eine offene Tagung zum Thema: „Leitkultur Humanismus und Aufklärung: Perspektiven säkularer Politik in Deutschland“ statt. Veranstalter sind die Giordano Bruno Stiftung, der Internationale Bund der Konfessionslosen und Atheisten sowie der Bund für Geistesfreiheit München.

Obgleich alle großen Errungenschaften der Moderne mit der Tradition der Aufklärung verbunden sind - technisches Know-how, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit etc. -, ist sie auf weltanschaulichem Gebiet eine „Untergrundsbewegung“ geblieben. Das zeigt sich auch darin, dass die vielen Millionen Menschen, die den Religionen in Deutschland bereits den Rücken gekehrt haben, in Politik und Medien kolossal unterrepräsentiert sind. Dass mittler­weile schon 32,4 Prozent der Deutschen konfessionslos sind und etwa 50% in Umfragen angeben, „nicht religiös“ zu sein, ist hierzulande weder in den Redaktionen noch in den politischen Entscheidungsgremien angekommen.

Was muss getan werden, um das aufklärerische, humanistische Denken stärker in die gesellschaftliche Debatte einzubringen? Diese Perspek­tiv­frage steht im Zentrum der offenen Tagung, zu der alle, die sich für säkulare Politik interessieren, herzlich eingeladen sind.

Nähere Informationen zur Tagung sind auf der Website zur Veranstaltung www.leitkultur-humanismus.de zu finden.

 

Sprecherin:

 

Wir kommen nun zu unseren Kurznachrichten:

 

In der Sendung vom 26. Juni diesen Jahres haben wir Sie über das Projekt einer humanistischen Schule in Fürth informiert. Der Humanistische Verband Deutschland Nürnberg - kurz HVD - hatte den Antrag zur Genehmigung dieser Ersatz-Grundschule bereits im Frühjahr 2004 gestellt. Leider kann die Schule auch 2005 noch nicht den Betrieb aufnehmen, da der Widerspruch gegen die Ableh­nung der Genehmigung noch läuft. Der HVD hofft, dass eine Ent­scheidung in den nächsten Monaten fallen wird, sodass die Schule dann zum Schuljahr 2006/2007 starten kann.

Wenn Sie sich über das Schulkonzept informieren wollen, finden Sie Informationen im Internet unter der Adresse: www.humanistische-schule.de.

 

Sprecher:

 

Firmen in der Schweiz müssen weiter Kirchensteuer zahlen. Ein Antrag der SVP, Firmen von der Kirchensteuer zu befreien, ist im Züricher Kantonsrat gescheitert.

Im Gegensatz zu realen Personen, die sich bewusst für oder gegen die Mitgliedschaft in einer Kirche entscheiden können, haben Firmen diese Freiheit nicht. 100 Millionen Franken Steuern haben die juristischen Personen im Jahr 2002 an die Kirchen bezahlt.

 

Die Argumente gegen die Abschaffung der Kirchensteuer kommen uns bekannt vor: Das Geld aus der Wirtschaft werde von den Kirchen nicht für kultische Zwecke verwendet, sondern für gemeinnützige und soziale Aufgaben. Und wenn der Staat von den Kirchen Mittagstische, Drogen- und Altershilfe sowie Integrationsaufgaben übernehmen müsste, käme das den Kanton viel teurer zu stehen, weil viele Helfer in der Kirche gratis arbeiteten.

 

Sprecherin:

 

Laut einer Meldung der Thai-Zeitung „The Nation“ können sich fromme Buddhisten in Thailand künftig per Handy-Klingelton auf den rechten Weg geleiten lassen. Der im ostasiatischen Land angesehene Mönch Phra Phayom Kalayano entwickelte die Töne. Zu hören sind Leitsprüche, so genannte Mantras. So kann das Handy zum Beispiel sagen: „Ärger ist Dummheit, Zorn ist Wahnsinn“. Aber auch der Spruch: „Lass Gespräche am Handy nicht zu Sex mit Minderjährigen oder ihrer Schwangerschaft führen!“ steht zur Auswahl. Das christliche Abendland wartet bisher vergeblich auf Botschaften aus Rom oder Genf.

 

Sprecher:

 

Noch ein Anliegen von uns zum Schluss:

Liebe Hörerinnen und Hörer, heute ist Bundestagswahl. Wir vom bfg Bayern geben hier keine Wahlempfehlung ab, aber wir bitten Sie: Machen Sie von Ihrem Wahlrecht Gebrauch und gehen Sie in Ihr Wahllokal. Eine Wahlbeteiligung wie bei der letzten Bundestagswahl ist einer demokratischen Gesellschaft nicht würdig.

 

Sprecherin:

 

Unsere nächste Sendung hören Sie am 30. Oktober. Die Texte dieser Sendung erhalten Sie gegen Erstattung des Portos bei: bfg Bayern, Postfach, 90730 Fürth. Im Internet sind wir erreichbar unter der Adresse: www.bfg-bayern.de.