Papst, Lüdemann und Turm
der Sinne
Sendereihe 'Positionen'
des
Bundes
für Geistesfreiheit Bayern K.d.ö.R.
AutorInnen:
Rainer
Statz, Monika Hendlmeier
SprecherInnen: Dr.
Kerstin Pschibl,
Karl
Bierl
Eine
Sendung im Bayerischen Rundfunk, Programm Bayern II, UKW
Sonntag,
15.
Okt. 2006,
7.05 Uhr
Sprecher:
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
wir begrüßen Sie zu dieser Sendung
des Bundes für Geistesfreiheit
Bayern, kurz bfg. Wenn Sie mehr über den bfg, seine Grundsätze
und Aktivitäten wissen wollen, wenden Sie sich bitte an die
Anschrift, die wir Ihnen am Ende dieser Sendung mitteilen.
Heute bringen wir eine Nachlese zum
Papstbesuch und stellen Ihnen ein ungewöhnliches Museum sowie das
neue Buch von Gerd Lüdemann vor.
Sprecherin:
Haben Sie den Papst gesehen? Am Fernsehen ganz sicher, da
wurden wir ja mit Papstberichterstattung überflutet: Über 70
Stunden sahen wir ihn auf unserem heimatlichen Fernsehkanal. Aber
live sind doch weniger Schaulustige gekommen als erwartet. Bei den
großen öffentlichen Auftritten des Papstes blieben noch viele Plätze
frei. Die Verantwortlichen für Organisation und Sicherheit waren
froh, sie hatten weniger Probleme und keine großen Pannen. München
hatte gerade die Fußballweltmeisterschaft hinter sich und das
Oktoberfest vor sich, da war der Besuch aus Rom nur eines von
mehreren Groß-Ereignissen.
Und nun überlegt man, was hat es uns gebracht, hat sich der
Aufwand gelohnt? Für eine solche Bilanz ist es sicher noch zu früh.
Statistische Erkenntnisse über eine Intensivierung des
kirchlichen Lebens gibt es frühestens zum Jahresende oder erst im
kommenden Jahr. Erst dann wird man sagen können, ob die Kirchen
wieder voller geworden sind, ob mehr Eltern ihre Neugeborenen zur
Taufe bringen und ob die Zahl der erklärten Kirchenaustritte
vielleicht langsam weniger wird.
Eine ganz wichtige Erkenntnis war aber schon während des
Papstbesuches unübersehbar: Das Bündnis von Thron und Altar
funktioniert in Bayern immer noch, obwohl seit 1919 in der
Verfassung steht: Es gibt keine Staatskirche.
Papst Benedikt hat den Besuch in seiner Heimat ausdrücklich
als „Pastoral-Besuch“ gestaltet, d. h. das Kirchenoberhaupt
besucht seine Herde; das ist die Übersetzung bzw. die Bedeutung
des Wortes „Pastoral“. So war dann auch im Programm nur eine
kurze Begegnung mit der Politik eingeplant, die meiste Zeit kümmerte
sich der Papst um die ihm anvertraute Herde der gläubigen
Katholiken. Aber fast immer war der Staat unübersehbar präsent,
nicht nur durch Polizei und kommunale Ordnungshüter, sondern vor
allem durch den Ministerpräsidenten und sein politisches Gefolge
und viele hohe Würdenträger des Staates. Am Flugplatz und in der
Universität, beim Gottesdienst im Freien und im Dom, immer waren
der Landesvater und einige seiner Minister ganz nahe bei dem
Ehrengast, mal neben ihm, mal hinter ihm. Die engen Beziehungen
zwischen Kirche und Staat in unserem Bayern-Land waren da unübersehbar.
Besonders kurios wurde das bei dem nicht eingeplanten
Familienfoto: Bei einem als persönliches Gespräch geplanten
Programmpunkt stand plötzlich die ganze Familie des Landesvaters
da - neben Karin und Edmund auch Veronica, Oliver und Dominic und
auch Melanie, Constance und Jürgen und noch einige Enkel. Der
Hof-Fotograf war natürlich zur Stelle und Ratzinger lächelte
milde und schon war das Foto fertig. Dieses Privileg gewährt der
Papst nur wenigen christlichen Königshäusern, die er besucht.
Hier in Bayern funktioniert es noch gut – dieses Bündnis der
staatlichen Macht mit der Kirche – und man scheut sich auch
nicht, es überdeutlich zu demonstrieren.
Nach den Grundsätzen unserer Verfassung ist der Staat, und
das gilt auch für den Freistaat Bayern, zur Neutralität gegenüber
den Religionen verpflichtet. Hier hat aber der Staat dem Papst bei
seinem Pastoral-Besuch ein kräftiges Übersoll geleistet. Der
Steuerbürger darf als Unkostenbeitrag, sozusagen als Reisekostenzuschuss
für den Papstbesuch, ca. 70 Millionen Euro zahlen, die drei Bischöfe,
die den Papst eingeladen haben, zahlen nach eigenen Angaben nur
etwa 27 – 28 Millionen für den Besuch Ihres Gastes.
Für uns ist diese großzügige Subventionierung der päpstlichen
Missionsreise ein Verstoß gegen unsere Verfassung und gegen alle
Grundsätze der staatlichen Haushaltsordnung. Warum zahlt der
Steuerzahler viele Millionen, wenn der Papst zu Besuch kommt, um
den Glauben seiner Katholiken aufzufrischen? Die Antwort ist
einfach. Thron und Altar leben in Bayern immer noch in einem sehr
engen Bündnis. Wem das nicht passt, der kann ja auch aus der
Kirche austreten (wenn er es nicht schon getan hat) oder auch als
Wähler bei der nächsten Wahl mal sein „Kreuz“ woanders
hinmachen. Aus der Steuerpflicht kann man sich aber nicht so
leicht abmelden, da leistet jeder Steuerbürger seinen Beitrag zur Missionsreise des
katholischen Kirchenoberhauptes. Soll das auch in Zukunft so
bleiben?
Die Trennung von Staat und Kirche ist hier in Bayern ein
immer noch nicht vollzogener Verfassungsauftrag. Bei diesem
Papst-Besuch wurde es noch mal für jedermann deutlich, wie gut
das mittelalterliche Bündnis von Thron und Altar hier noch
funktioniert. Das ist nicht mehr zeitgemäß, das muss sich ändern.
Sprecher:
Wie möchten Ihnen jetzt ein interessantes Museum in Nürnberg
vorstellen: den „turmdersinne“! Ungewöhnlich ist schon die
Schreibweise als ein zusammengeschriebenes Wort in lauter
Kleinbuchstaben. Und Ungewöhnliches erwartet Sie in einem
historischen Nürnberger Stadtmauerturm, nämlich ein innovatives
naturwissenschaftlich orientiertes Konzept rund um das Thema
Wahrnehmung.
Wussten Sie, dass es einen Raum gibt, in dem Menschen ohne
technische Tricks vom Riesen zum Zwerg mutieren können? Oder dass
man extrem heiß und eiskalt gleichzeitig spüren kann?
Mit Auge, Ohr, Hand, Nase und Mund kommt man im turmdersinne
alltäglichen Phänomenen auf die Schliche und kann nach Belieben
experimentieren. Die sinnliche Erfahrung führt zu einer vergnüglichen
Auseinandersetzung mit naturwissenschaftlichen Phänomenen der
Wahrnehmung. Eine spannende Auswahl an Exponaten steht zum
Ausprobieren bereit, rund um die Frage: Wie funktionieren
eigentlich unsere Sinne? Der turmdersinne lädt ein zum Erleben,
Staunen, Be-greifen!
Das Museum turmdersinne versteht sich ausdrücklich als
Erlebnisausstellung und Museum zum Anfassen. Nicht abgehobenes
Faktenwissen wird im Frontalunterrichtsstil präsentiert, sondern
durch die Initiative und Aktivitäten seiner Besucher wird
„Lernen durch Erfahrung“ ermöglicht.
Im turmdersinne eckt unser vermeintliches Wissen an. Wir
erleben die Fähigkeiten, vor allem aber auch die Grenzen unserer
"Wahr"nehmung. Der Grundgedanke des Museums ist also
folgender: Unser Wahrnehmungsapparat bildet die Welt nicht so
ab, wie sie ist, sondern er deutet sie für uns. Durch die
Erfahrung der eigenen Täuschbarkeit in wissenschaftlich
fundierten Wahrnehmungsexperimenten wird das kritische Denken im
Alltag geschult und befördert. Ganz konkret: Wer lernt, dass man
der eigenen Wahrnehmung nicht immer trauen kann, erhält die
Gelegenheit, Erfahrungen im Alltag kritisch zu betrachten und neu
einzuordnen. Selbstkritik statt Verbohrtheit, Differenziertheit
anstelle von Pauschalurteilen und Nachdenklichkeit statt Überheblichkeit:
Am Ende könnte ein Mehr an Toleranz, Verantwortung und Humanismus
stehen.
Das Museum existiert seit März 2003. Die Idee einer
Erlebnis-Ausstellung entstand bereits 1995 im Umfeld des
Humanistischen Verbandes Deutschlands HVD-Nürnberg, der den
Mohrenturm schon eine ganze Weile für Jugendarbeit nutzte. Ein
Arbeitskreis aus interessierten Studenten, Lehrern und
Wissenschaftlern entwickelte ein Konzept, spann ein Netz von
wissenschaftlichen Beratern und Unterstützern und knüpfte erste
Kontakte zu potentiellen Sponsoren.
1997 folgte die Gründung der gemeinnützigen "Turm der
Sinne GmbH Erlebnisausstellungen". Gesellschafter ist bis
heute der HVD-Nürnberg. Diese Arbeit wird ehrenamtlich geleistet.
Von Anfang an war dem turmdersinne auch der Dialog zwischen
Fachleuten und Öffentlichkeit wichtig. So gibt es seit 1998 ein jährliches
Symposium. Die Beiträge der letzten Symposien werden auch in
Buchform dokumentiert.
Zielgruppe des Museums sind vor allem "Menschen ab 14
Jahren", also Schülerinnen und Schüler, Jugendliche und
Jugendgruppen, sowie Erwachsene. Aber auch Familien und jüngere
Kinder haben nach unserer Erfahrung Spaß und Vergnügen an einem
Besuch im Museum turmdersinne.
Dieses außergewöhnliche Museum ist ganzjährig geöffnet.
Die genauen Öffnungszeiten können Sie unter : www.turmdersinne.de
nachlesen.
Sprecherin:
Vor kurzem ist ein neues Buch von Gerd Lüdemann im
zu-Klampen-Verlag erschienen. Es trägt den Titel: „Altes
Testament und christliche Kirche. Versuch der Aufklärung“.
Gerd Lüdemann hat die historisch-kritische Bibelforschung
verfeinert und radikalisiert. Das führt dazu, dass selbst seine
zahlreichen Gegner immer wieder auf seine Arbeiten zurückgreifen
müssen. Bisher hatte sich Lüdemann jedoch vornehmlich auf die
Untersuchung des Neuen Testaments konzentriert.
Mit seinem neuen Buch über "Altes Testament und
christliche Kirche" wendet er nun seine radikale Methodik auf
den zweiten Grundtext der christlichen Kirche an, das Alte
Testament. Zunächst untersucht Lüdemann den Gebrauch des Alten
Testaments im Neuen Testament, der die Kirchengeschichte bis zur
Aufklärung geprägt hat. Dann prüft er den historischen Wert des
Alten Testaments, um schließlich dessen theologisch-normativen
Gebrauch in der Kirche und der akademischen Theologie der
Gegenwart zu beschreiben.
Lüdemanns historisch-kritische Untersuchung bringt ans
Licht, daß kein Buch Mose von Mose stammt, kein Psalm Davids von
David, die allerwenigsten Prophetenworte von den Propheten. Sogar,
dass es einen Exodus Israels aus Ägypten nicht gegeben hat. Diese
Ergebnisse erschüttern die Grundfesten der durch Schrift und
Bekenntnis definierten christlichen Kirchen, die sich auf ihren
einmaligen historischen Ursprung berufen.
Gerd Lüdemann ist Professor für „Geschichte und
Literatur des frühen Christentums“ an der Universität Göttingen.
Sein Lehrstuhl hieß früher „Lehrstuhl für Neues Testament“.
Doch der Präsident der Universität Göttingen ließ diese
Bezeichnung verbieten. Warum? Lüdemann hatte sich in seinen Veröffentlichungen
und in seiner wissenschaftlichen Arbeit kritisch mit Fragen des
evangelischen Bekenntnisses auseinandergesetzt. Die Ergebnisse
seiner Forschungs-arbeit waren den evangelischen Kirchen in
Niedersachsen und der Leitung der Universität Göttingen nicht
genehm.
Im November kommt Lüdemann zu einer Lesereise nach Bayern.
Die genauen Termine können Sie unserer Website entnehmen.
Sprecher:
Gibt es eine neue Religiosität, wie vielfach wegen des
begeisterten Empfangs für den Papst vermutet wurde? Auch dieser
Frage ist die Shell-Jugendstudie 2006 nachgegangen. Doch die
Jugendlichen in Deutschland können nur wenig mit Religion
anfangen. An einen persönlichen Gott glauben nur 30 Prozent der
Befragten. Weitere 19 Prozent der Jugendlichen glauben an eine höhere
Macht, was nahe am Aberglauben liegt. 28 Prozent stehen der
Religion völlig fern, der Rest ist sich in religiösen Dingen
unsicher. Die heutige Jugend bejaht zwar die Kirche als
Institution, kritisiert aber gleichzeitig ihre Lehre. 65 Prozent
finden, die Kirche habe keine Antwort auf aktuelle Fragen.
Jugendlichen mit Migrationshintergrund ist Religiosität
wichtiger: Da glauben 52 Prozent an einen Gott - bei den deutschen
sind es nur 28 Prozent.
Sprecherin:
Unsere nächste Sendung können Sie am 26. November hören.
Die Texte dieser Sendung erhalten Sie gegen Erstattung des Portos
bei: bfg Bayern, Postfach, 90730 Fürth. Im Internet sind wir
erreichbar unter der Adresse: www.bfg-bayern.de. Dort finden sie
auch die Veranstaltungen der einzelnen Ortsgemeinschaften.
Und falls Sie wissen wollen, was auf den „Religionsfreien
Zonen“ zum Papstbesuch in München und Regensburg los war – über
einen Link auf der Startseite gelangen Sie zur Dokumentation der
Veranstaltungen.
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