Neue Formen einer würdigen Bestattung Autor
und Sprecher: Gerhard Rampp Sonntag, 14. November 2004,
7.05 Uhr Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, ein Lebensende in Würde wünschen wir uns alle, doch verstehen wir oft sehr Verschiedenes darunter. In diesen Tagen scheint es aber, dass wir diesem Ziel alle ein Stückchen näher kommen, denn die Bundesjustizministerin Zypries hat einen Gesetzentwurf vorgestellt, der das Selbstbestimmungsrecht in der letzten Lebensphase stärkt. Die Verbindlichkeit der sogenannten Patientenverfügungen soll endlich gesetzlich abgesichert und geregelt werden. Die damit erreichte Autonomie der Patienten und anderer Menschen, die für den Fall einer schweren Krankheit am Lebensende vorsorgen wollen, ist ein Riesenschritt vorwärts zu einer humaneren und demokratischeren Gesellschaft. Dafür haben sich sowohl die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS) als auch viele Hospizvereine jahrelang eingesetzt, die sich beide in der Praxis übrigens recht gut ergänzen. Denn eine gelingende Sterbebegleitung setzt voraus, dass der Patient nicht gegen seinen Willen künstlich am Leben gehalten wird, wenn er sich dies zuvor durch eine schriftliche Verfügung oder auch durch eine mündliche Erklärung vor Zeugen verbeten hat. So ist es nur konsequent, dass sich auch DGHS-Mitglieder als ehrenamtliche Helfer in verschiedenen örtlichen Hospizvereinen engagieren. Diese in der praktisch helfenden und betreuenden Arbeit eingebundenen Gruppen sind übrigens nicht zu verwechseln mit der Deutschen Hospizstiftung, die lediglich propagandistisch und als Spendensammlerin tätig ist und von einem fundamentalistischen katholischen Ritterorden gegründet wurde. Wenn Sie also die Hospizarbeit finanziell unterstützen wollen, dann fördern Sie besser eine Ihnen persönlich bekannte Gruppe vor Ort als diese recht umstrittene Stiftung, bei der ich nicht in Erfahrung bringen konnte, wo deren Spendeneinnahmen letztlich versickern. Aber zu einem würdigen Abschluss des Lebens gehört auch eine angemessene Form der Bestattung, die ja letztlich ein endgültiges Abschiednehmen von einem Angehörigen bedeutet. Früher hatten die Pfarrer der beiden großen Kirchen hier das Monopol, zumal auch viele Friedhöfe in deren Besitz waren und zum Teil auch heute noch sind. Rechtlich sind die Kirchen als Eigentümer nur dann verpflichtet, auch das Begräbnis von Nichtmitgliedern zuzulassen, wenn es vor Ort keinen anderen Friedhof gibt, zum Beispiel einen kommunalen. Aber ein weit größeres Problem stellte früher die Durchführung der Trauerfeier dar, wenn der Verstorbene nicht in der Kirche war. Die meisten Pfarrer weigerten sich selbst dann, wenn die trauernden Angehörigen, denen ja dieser Abschied ein besonderes Anliegen war, sehr wohl der Kirche angehörten. Aber da hörte die angeblich so christliche Nächstenliebe meist schnell auf. Heute besteht dieses Problem indes nur noch selten, und auch nur auf dem flachen Lande. Fast alle Bestattungsunternehmen arbeiten nämlich mit freien Begräbnisrednern zusammen, weil sich herumgesprochen hat, dass diese sprachlich oft gewandter sind und meist viel mehr auf die Persönlichkeit und Charakteristik der verstorbenen Person eingehen als Pfarrer, deren Haupttätigkeit ja eigentlich eine ganz andere Ausbildung erfordert. Daher stehen kirchliche Begräbnisse nicht einmal unter Kirchenmitgliedern so hoch im Kurs wie früher. Rein statistisch verzichtet bei uns schon heute etwa jeder achte evangelische Verstorbene auf geistliche Begleitung; bei den Katholiken sind es etwas weniger. Dabei gehören aber die meisten Betroffenen noch einer Generation an, die eine wesentlich engere Bindung an Kirche und Religion hat als die jüngeren Menschen. Unter den freien Bestattungssprechern gibt es durchaus verschiedene. Einige sind ehemalige Theologen, die nicht mehr im Kirchendienst arbeiten wollen und speziell für jene da sind, welche sich zwar noch als christlich im weiteren Sinne verstehen, aber deshalb nicht unbedingt kirchlich gebunden sein wollen. Getauft sein und Kirchensteuer zahlen sind schließlich zwei paar Stiefel. Daneben nimmt aber auch die Zahl der Nichtglaubenden erheblich zu. Für diese bieten sich neben kommerziellen Sprechern auch solche an, die dem Bund für Geistesfreiheit oder den Freidenkern angehören oder nahestehen. Die meisten von ihnen werden für Mitglieder rein ehrenamtlich tätig, nehmen aber von anderen nur in sehr begrenztem Maße Aufträge an, weil sie meist noch einen Beruf ausüben und daneben zeitlich nicht mehr stark belastbar sind. Falls Sie allerdings konfessionsfrei sind, können Sie sich ohne jegliche Kosten beim Bund für Geistesfreiheit als beitragsfreies Betreuungsmitglied eintragen, was Ihnen nicht nur im Falle einer weltlichen Bestattung Vorteile bringen kann. Beachten Sie dazu bitte die am Ende der Sendung angegebene Adresse. Eine besondere Betrachtung verdienen die zunehmenden anonymen Bestattungen. Wenn ein Mensch überhaupt keine Angehörigen oder Freunde mehr hat, mag dieser sehr unpersönliche, aber kostengünstige Weg verständlich sein. In allen anderen Fällen sollten Sie aber bedenken, dass Ihre Hinterbliebenen in aller Regel später einmal froh sein werden, wenn sie an einem ganz bestimmten Ort Ihrer gedenken können. In den letzten Jahren kam aber eine weitere Alternative zu den herkömmlichen Bestattungsorten auf, nämlich die sogenannten Friedwälder. Ein Grund hierfür mögen auch die in Deutschland relativ hohen Begräbniskosten sein. In vielen anderen Ländern ist die Bestattung nicht so rigoros geregelt wie bei uns. So dürfen in den Benelux-Staaten und in den meisten Regionen Großbritanniens die Toten auch außerhalb der Friedhöfe begraben werden, teilweise sogar im eigenen Garten. Oder die Angehörigen dürfen die Asche von Verstorbenen zu Hause aufbewahren, wo sie den Kontakt zu ihm viel unmittelbarer verspüren können. Freilich besteht hier auch die Gefahr von pietätlosen Handlungen, was die Behörden letztlich nicht kontrollieren können. Auf jeden Fall liegen die Kosten dort erheblich unter denen in Deutschland, wo überdies die Friedhöfe aus allen Nähten zu platzen drohen und daher die Gräber in immer früheren Zeitabständen aufgelassen werden müssen, um anderen Verstorbenen Platz zu machen. Ob dies der Menschenwürde angemessen ist, darf bezweifelt werden. Die sogenannten Friedwälder sind eigens ausgewiesene Areale, in denen jeweils der Bereich eines Baumes die letzte Ruhestätte für einen Menschen, aber ebenso gut auch für eine ganze Familie bietet. Die Asche der verstorbenen Person wird in der Regel im Wurzelwerk des Baumes der Erde zugeführt, so dass der Mensch im ganz bildhaften Sinne ein Teil des Naturkreislaufs wird. Allein schon diese Idee halten viele Menschen für bestechend. Überdies hat das Ruhen in der freien Natur für die Angehörigen schon von der gesamten Stimmung her viel Tröstendes und Beruhigendes. Nicht umsonst werden ja auch viele ältere Friedhöfe so angelegt, dass sie einer großzügig gegliederten Bewaldung entsprechen. Das Namensschild wird dann am Baum angebracht, der in gewisser Hinsicht den Grabstein ersetzt. Niemand wird bestreiten können, dass Friedwälder eine pietätvolle Alternative zu den herkömmlichen Friedhöfen darstellen. Neben der Tatsache, dass sie einem weit verbreiteten Bedürfnis nach Naturnähe entsprechen, bieten sie eine Reihe weiterer Vorteile. Da wesentlich mehr Platz vorhanden ist, können die Bäume viel länger angemietet werden als Grabstellen, die oft schon nach 15 oder 20 Jahren aufgelassen werden müssen. Außerdem ist diese Alternative insgesamt kostengünstiger, weil zum Beispiel ein Sarg oder ein aufwendiger Grabstein entfallen können. Gerade das Kostenargument zeigt ein grundlegendes Umdenken der heutigen Generation: Während es früher als unschicklich galt, beim Begräbnis auf das Geld zu schauen, sagen sich heute viele Angehörige „Warum so viel ausgeben, wenn der Tote davon ja nichts mehr hat!" Und der Wegfall des Sterbegeldes bringt immer mehr Hinterbliebene ohnehin in eine finanzielle Zwangslage. Eben aus diesem Grund sind über die Friedwälder nicht alle glücklich, die am Bestattungsgeschäft verdienen. Die Erfahrungen in anderen Bundesländern zeigen aber, dass sich die Bestattungsunternehmen auf das neue Denken ihrer Kundschaft eingestellt haben. Der bislang wirklich entscheidende Widerstand gegen die neuen Ruhestätten kommt von der katholischen Kirche, in Einzelfällen auch mal von evangelischer Seite. Manche Kleriker behaupten, eine Friedwaldbestattung sei nicht würdig genug, die meisten bemängeln aber, sie entspreche nicht der Tradition der christlichen Friedhofskultur oder gar dem christlichen Verständnis vom Tod. Pikanterweise ist der Bundesverband der Waldbesitzer hier völlig anderer Meinung als die Bischöfe, obwohl seine Mitglieder in aller Regel ausgesprochen konservativ-christlich orientiert sind. Natürlich haben Eigentümer von Forstflächen eine neue Einnahmequelle im Auge, was ihnen aber auch nicht zu verdenken ist, denn angesichts der großen Rückschläge in den letzten Jahren mit Orkanschäden und Waldsterben müssen sie diese Defizite irgendwie ausgleichen. Außerdem haben die Wälder eine wichtige ökologische Funktion für uns alle, so dass ein zusätzlicher Anreiz für die Pflege und den Erhalt bewaldeter Flächen gewiss nicht schadet. Und vergessen wir nicht, dass auch die evangelische Kirche nach den bisherigen Äußerungen die katholische Ablehnung mehrheitlich nicht zu teilen scheint. Der wirkliche Grund für den Widerstand gegen Friedwälder liegt auf der Hand. Einige Pfarrer haben auch schon zugegeben, dass sie um ihre bisher immer noch dominierende Rolle im Begräbniszeremoniell fürchten, und letztlich geht es damit auch um die Aufrechterhaltung ihrer bisherigen gesellschaftlichen Bedeutung. Aber letztere hat schon in den vergangenen 30 Jahren abgenommen und sie wird so oder so weiter sinken, wie – neben vielen anderen Indizien – der Rückgang der Katholikenzahl in Bayern um 65.000 allein im letzten Jahr belegt. Mit solchen Blockaden neuer Ideen verliert die katholische Kirche nur noch weiter an Ansehen, denn gerade die frommen Christen haben kein Verständnis für machtpolitisches Taktieren. Auch ihnen ist bewusst, dass niemand zur Nutzung einer Friedwald-Grabstätte gezwungen ist und dass auch Christen in solchen persönlichen Angelegenheiten gern individuell entscheiden. Als Sprecher des Bundes für Geistesfreiheit darf ich hinzufügen: Es sind auch längst nicht alle Menschen Christen, und in einer Demokratie sollten die anderen nicht gezwungen werden, sich katholischen Vorstellungen unterzuordnen. Wo also bleibt hier die Toleranz gegenüber Andersdenkenden? Vor einigen Jahrzehnten hat die katholische Kirche gegen die Erlaubnis zur Feuerbestattung gekämpft, später hatte sie Einwände gegen neue Formen der Urnenbeisetzung, dann gegen anonyme Bestattungen und die Möglichkeit, seinen Körper der Anatomie zur Verfügung zu stellen. Man kann ja über all diese Alternativen unterschiedlicher Meinung sein und muss sie auch nicht alle für gut halten. Aber warum soll hier nicht jede Person frei für sich entscheiden dürfen? In jedem der genannten Streitfälle mussten die Klerikalen schließlich nachgeben, aber nicht freiwillig wie die Klügeren, sondern notgedrungen unter dem Druck der besseren Gegenargumente. Und jedesmal musste die Kirche dann hoffen, dass ihre Missachtung anderer Auffassungen zu Bestattung, Tod und Sterben nicht allzu lang im Gedächtnis der Menschen haften bleiben würde. Nun sollten die Bischöfe in ihrem eigenen Interesse aus diesen Fehlern lernen. Falls sie sich dagegen beratungsrestistent zeigen, dann sollten sich die bayerischen Politiker darüber hinwegsetzen und jene neue Form einer würdigen Bestattung ermöglichen, die schon jetzt in einigen norddeutschen Bundesländern erlaubt und auch bei uns von vielen gewünscht ist.
Noch ein Hinweis zum Abschluss: Die Ansprachen des Bundes für Geistesfreiheit können Sie gegen Erstattung des Portos erhalten bei: bfg Bayern, Postfach, 90730 Fürth. Im Internet sind wir erreichbar unter der Adresse: www.bfg-bayern.de.
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