Freigeistiger Jahresrückblick 2005

  Sendereihe 'Positionen'

Autorin: Monika Hendlmeier
SprecherInnen: Marlies Haschke,
Karl Bierl

Eine Sendung im Bayerischen Rundfunk, Programm Bayern II, UKW

Sonntag, 11. Dezember 2005, 7.05 Uhr

 

 

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

 

wir begrüßen Sie zu dieser Sendung des Bundes für Geistesfreiheit Bayern, kurz bfg. Wenn Sie mehr über den bfg, seine Grundsätze und Aktivitäten wissen wollen, wenden Sie sich bitte an die Anschrift, die wir Ihnen am Ende dieser Sendung mitteilen. Da dies unsere letzte Sendung in diesem Jahr ist, wollen wir Ihnen einen freigeistigen Jahresrückblick für 2005 geben.

 

Freigeistiger Jahresrückblick 2005

 

Vom 7. bis 9. Januar findet in Vijayawada in Indien die fünfte Atheistische Weltkonferenz statt, organisiert vom örtlichen Atheist Centre. Aus Deutschland nehmen u.a. Dr. Volker Mueller vom Dachverband freier Weltanschauungsgemeinschaften (DFW) sowie René Hartmann als Vertreter des Internationalen Bundes der Konfessionslosen und Atheisten (IBKA) teil.

Die Konferenz findet mit über 1000 Teilnehmern großen Zuspruch, darunter eine beeindruckende Anzahl atheistischer, humanistischer und rationalistischer Gruppen aus Indien. Die Konferenzbeiträge haben zum großen Teil weltanschaulichen Inhalt, aber auch die Notwendigkeit politischen Handelns wird betont; besonders hervorgehoben wird dabei die Wichtigkeit von Bildung und Aufklärung.

 

In Schney veranstaltet der DFW sein 21. Wochenendseminar vom 28. bis 30. Januar. Der Titel des Seminars lautet: „Politik für einen gesellschaftlichen Konsens oder das Ende der deutschen Demokratie?“. Auf dem Programm stehen u.a. Vorträge über: „Arbeitslosigkeit als Ost-West-Problem - Bemerkungen zur gegenwärtigen Identitäts- und Wertekrise“, "Kann Politik Arbeitsplätze schaffen? - Schutzimpfung gegen die finale Ölkrise" und "Die soziale Kompetenz der Wirtschaftsführer".

 

„Aufklärung contra Gehirnwäsche, Volksverdummung und Zerstörung der Vernunft“ – lautet das Thema der Konferenz des Deutschen Freidenker-Verbandes am 19. Februar in Berlin. Seiner Einladung folgen über 100 Interessierte. Anlass der Veranstaltung ist das 100-jährige Jubiläum der Gründung der „Freidenker für Feuerbestattung“, einer im Gegensatz zu den bestehenden bürgerlichen Vereinen in ihrer Tendenz und Struktur rein proletarischen Organisation, wie der damalige Vorsitzende des Freidenker-Verbandes, Max Sievers, im 25. Jahr des Bestehens betonte.

 

Nachdem im September 2004 der Erwin-Fischer-Preis des IBKA an den amerikanischen Illusionisten und Ent-Zauberer James Randi verliehen wurde, erscheint Anfang 2005 die dazugehörige Festschrift. Sie trägt den Titel: „Wenn ich das mache, dann ist es ein Trick... Vom Charme der Ent-Täuschung durch vernunftgeleitetes Denken.“ Darin enthalten sind die Preisbegründung von Michael Schmidt-Salomon, die Laudatio des GWUP-Geschäftsführers Amardeo Sarma und die Dankesrede des Geehrten. Dazu gibt es Informationen über James Randi und seine Publikationen sowie die Veranstalter der Tagung “Wissen statt Glauben”.

 

Im Mai sorgt das Land Berlin bundesweit für Schlagzeilen. Der Senat beschließt, ab dem Schuljahr 2006/2007 einen verpflichtenden Unterricht in Lebensgestaltung/Ethik/Religionskunde einzuführen. Ab der siebten Klasse werden dann Atheisten, Christen, Moslems, Juden etc. in einem gemeinsamen, ordentlichen Fach unterrichtet. Anders als im Land Brandenburg kann dieser Unterricht nicht zugunsten eines konfessionellen Religionsunterrichts abgewählt werden. Natürlich kann Religionsunterricht – wie dies auch bisher in Berlin der Fall ist – weiterhin als zusätzliches freiwilliges Fach belegt werden.

 

In Paris findet vom 5. bis 7. Juli die Generalversammlung der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union – kurz IHEU – statt. Paris wurde als Tagungsort gewählt, um an den 100. Jahrestag des Gesetzes zur Trennung von Kirche und Staat in Frankreich zu erinnern.

Die IHEU ist mit 100 Mitgliedsorganisationen die weltweit größte Dachorganisation von Humanisten, Freidenkern und Freigeistern. Sie hat einen offiziellen Status bei der UNESCO und anderen internationalen Gremien.

Bei der Versammlung wird der Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V., dem auch der bfg Bayern angehört, einstimmig als offizielles Mitglied der IHEU aufgenommen.

 

Im Juli erscheint im Aschaffenburger Alibri-Verlag das Buch „Caritas und Diakonie“ von Dr. Carsten Frerk. Mit fast 1,5 Millionen Beschäftigten sind Caritas und Diakonie der weltweit größte private Arbeitgeberverbund. Obwohl sie formal nicht zur „verfassten Kirche“ gehören, prägt ihre Arbeit für die Mehrheit der Bevölkerung wesentlich das Bild von Kirche. Dabei gerät häufig in Vergessenheit, dass die beiden kirchlichen Sozialkonzerne nur „Träger“ der sozialen Dienste sind und ihre Arbeit innerhalb des Rahmens staatlicher Sozialfürsorge verrichten. Weniger als 2 Prozent der jährlichen Gesamtkosten steuern die Kirchen bei.

 

Als Gegenprogramm zum katholischen Weltjugendtag in Köln formiert sich die „religionsfreie Zone“. Eine Gruppe von Religionslosen, Agnostikern und Atheisten macht zeitgleich zum Jugendtag eine Gegenveranstaltung unter dem Motto „Heidenspaß statt Höllenqual“. Sie will zeigen, dass auch ohne Religion und Dogmen ein gelungenes Leben möglich ist. Eine Woche lang, vom 15. bis zum 21. August, gibt es täglich Veranstaltungen mit Filmen, Vorträgen, Lesungen und Musik sowie einen „Freigeisterzug“.

 

Die humanistische Schule des HVD Nürnberg kann nicht wie geplant zum Schuljahresbeginn im September ihren Betrieb aufnehmen. Bereits im Frühjahr 2004 hatte der HVD Nürnberg einen Antrag zur Genehmigung einer humanistischen Ersatz-Grundschule in Fürth gestellt. Doch der Antrag wurde Ende Dezember 2004 abgelehnt. Der Widerspruch gegen die Ablehnung der Genehmigung ist immer noch nicht entschieden.

 

Am 2. und 3. Oktober findet in Köln die offene Tagung: „Leitkultur Humanismus und Aufklärung: Perspektiven säkularer Politik in Deutschland“ statt. Veranstalter sind die Giordano Bruno Stiftung, der IBKA sowie der Bund für Geistesfreiheit München.

„Was muss getan werden, um das aufklärerische, humanistische Denken stärker in die gesellschaftliche Debatte einzubringen?“ lautet die zentrale Frage der Tagung. Denn obwohl alle großen Errungenschaften der Moderne mit der Tradition der Aufklärung verbunden sind, ist sie auf weltanschaulichem Gebiet eine „Untergrundbewegung“ geblieben. Die vielen Millionen Menschen, die den Religionen in Deutschland den Rücken gekehrt haben, sind in Politik und Medien stark unterrepräsentiert.

 

Am 11. November wird das Daten-Portal www.fowid.de eröffnet und im Rahmen einer Pressekonferenz in Berlin vorgestellt.

Wie viel Prozent der deutschen Bevölkerung glauben an die Auferstehung der Toten, die Macht der Sterne oder die Wiedergeburt? Wie viele Menschen vertrauen eher der Wissenschaft als der Religion? Gibt es im Osten Deutschlands mehr säkular denkende Menschen als im Westen? Sind Katholiken mehrheitlich gegen den Schwangerschaftsabbruch? Wie verbreitet sind Vorstellungen nichtchristlicher Religionen in Deutschland? Was zeichnet jenes Drittel der Deutschen aus, das offiziell keiner Religion angehört? Werden in absehbarer Zeit mehr als die Hälfte der Deutschen konfessionslos sein?

Fragen wie diese versucht die im Januar 2005 von der Giordano-Bruno-Stiftung ins Leben gerufene Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (fowid) empirisch zu beantworten. fowid verfolgt das Ziel, umfassende Informationen zu allen Fragen, die mit Weltanschauungen - sowohl im religiösen wie im politischen Sinn – verbunden sind, zu erheben, auszuwerten, zusammenzufassen und öffentlich zugänglich zu machen.

 

Eine gut besuchte wissenschaftliche Fachtagung gibt es in Berlin am 12. und 13. November. Sie nennt sich „Die umworbene dritte Konfession. Befunde über die Konfessionsfreien in Deutschland“ und wird von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Humanistischen Akademie und der Giordano-Bruno-Stiftung organisiert.

 

Buchempfehlungen für Weihnachten

 

In knapp zwei Wochen ist Weihnachten. Aus diesem Anlass möchten wir Ihnen hier drei Bücher empfehlen, die sich gut als Geschenk eignen – für andere oder auch für sich selbst:

 

„Wachstum an Menschlichkeit. Humanismus als Grundlage“ von Rudolf Kuhr - ein Buch mit verschiedenen kurzen Texten in allgemein verständlicher Form.

In der Gesellschaft gibt es einen zunehmenden Bedarf an verbindlicher, ethischer Orientierung. Der Grund dafür liegt in überholten Traditionen, einer zu großen Betonung materieller Werte und einem Verlust an innerer Sicherheit und Menschlichkeit. Es ist an der Zeit, Abschied zu nehmen von angenehmen, aber kindhaften Vorstellungen von jenseitiger Hilfe, um stattdessen erwachsen zu werden und selbst die Verantwortung für das Tun im Hier und Jetzt zu übernehmen.

Im Anhang findet sich eine Sammlung von über 500 weltanschaulichen Zitaten aus mehreren Jahrhunderten.

 

„Es könnte alles so schön sein! Tragikomisches in Fotos und Versen“ von Kriemhild Klie-Riedel:

Dieses Buch ist für all diejenigen gedacht, die es satt haben, immer nur mit der Unmenschlichkeit dieser Welt konfrontiert zu werden. Es spiegelt zwar auch keine heile Welt wider, die es sowieso nie gegeben hat, doch der tägliche Seufzer: „Es könnte alles so schön sein!“ dramatisiert das wenig Schöne an ihr auch nicht, sondern lässt hoffen, dass es keinesfalls so bleiben muss, wie es ist. Ein heiteres Buch, gedacht als Aufmunterung in Zeiten, in denen einem so manches Mal das Lachen im Halse stecken bleibt.

Gewürzt werden die Verse mit originellen fotografischen Schnappschüssen sowie eigenen Zeichnungen.

 

Beide Bücher sind im Angelika Lenz Verlag erschienen und über den Buchhandel zu beziehen.

 

Aus dem LIT-Verlag in Münster stammt das Buch: „Weltlicher Humanismus. Eine Philosophie für unsere Zeit“ von Dr. Dr. Joachim Kahl.

Veröffentlichungen zum Thema „Philosophie“ sind oft auf eine akademische Leserschaft zugeschnitten; anders verhält es sich mit diesem Werk: Es ist inhaltlich anspruchsvoll, aber doch bewusst in einer angenehmen, klaren Sprache geschrieben. Der Inhalt des Buches ist gut gegliedert und so abgestimmt, dass man die 14 Kapitel jeweils auch unabhängig voneinander lesen kann. Im 15. Kapitel beschreibt Kahl die beruflichen und ideologischen Stationen seines Lebens in Form eines persönlichen Rückblicks mit einer Standortbescheibung seiner heutigen Position.

Kahl nennt sein Buch einen „Reiseführer“ durch das Land der Philosophie. Es ist aber keine Reise in die Geschichte oder in die Theorie, sondern eine Reise in das gelebte Leben, d.h. in Fragen der Philosophie als Lebenshilfe, der Religion, der Lebensbewältigung – alles zeitlose Fragen, die immer wieder nach Antworten suchen.  

Sie können Ihr Glück mit Weihnachtsgeschenken natürlich auch im Devotionaliengeschäft versuchen, wie im folgenden Sketch von Bernhard Maxara:

 

Sketch – Im Devotionaliengeschäft

 

Sie können Ihr Glück mit Weihnachtsgeschenken natürlich auch im Devotionaliengeschäft versuchen, wie im folgenden Sketch von Bernhard Maxara:

 

Kunde: Grüß Gott! Haben Sie Gnadenbildchen?

Verkäufer: Ich habe im Augenblick nur Lourdes, Fatima und Mariazell. Nächste Woche bekomme ich auch wieder Assisi und Loreto herein.

Kunde: Und Tschenstochau?

Verkäufer: Moment – ja, da habe ich noch einmal Schwarze Madonna von vorn und einmal Gnadenkapelle – allerdings ohne Papstwidmung.

Kunde: Aber mit Ablassgebet?

Verkäufer: Nein – nur zwei Fürbitten auf der Rückseite.

Kunde: Mhm, schade!

Verkäufer: Aber bei Mariazell sind zwei Ablassgebete dabei und ein Hirtenwort.

Kunde: Aha – wieviel Ablass?

Verkäufer: 40 Tage Ablass und zeitliche Sündenstrafen.

Kunde: Und von ewigen?

Verkäufer: Auf ewige Sünden gibt es bis jetzt noch keinen Ablass. Ich habe jedenfalls noch nichts im Katalog. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich der Markt dafür auch öffnen wird.

Kunde: Gut, dann geben Sie mir einmal das Marienzeller Gnadenbildchen mit 40 Tagen und vielleicht noch zweimal die Papst-CD-Rom. Ist da einmal „urbi et orbi“ dabei?

Verkäufer: Ja, natürlich! - Sonst noch etwas?

Kunde: Weihwasser habe ich noch, Kruzifixe auch noch genug. Ja, ich glaube, das wär’s.

Verkäufer: Darf ich Ihnen noch diesen Prospekt mitgeben? Er enthält u. a. Hinweise auf alle Internetadressen für die Absolution im Internet. Ihr Bußgebet faxen Sie einfach direkt an den Beichtvater zurück.

Kunde: Ah, danke, das ist sehr praktisch1 Sind da auch Adressen für Emailtaufen dabei?

Verkäufer: Natürlich! Auch für Cyber-Trauungen und letzte Ölungen für Friedhof-Surfer.

Kunde: Tschüs!

Verkäufer: Grüß Sie Gott!

 

Veranstaltungshinweis

 

Der DFW führt vom 27. bis 29. Januar 2006 in der Frankenakademie Schloss Schney sein 22. DFW-Seminar durch. Es wird das Thema „Ist Europa noch zu retten? – Plädoyer für eine soziale Bildungspolitik in Europa" behandelt.

Als Referenten sind u.a. angekündigt: Dr. Georges Liénard (Europäische Humanistische Föderation, Brüssel) und Gerd Eggers (Humanistische Union, Berlin).

 

 

Unsere nächste Sendung hören Sie am 22. Januar. Die Texte dieser Sendung erhalten Sie gegen Erstattung des Portos bei: bfg Bayern, Postfach, 90730 Fürth. Im Internet sind wir erreichbar unter der Adresse: www.bfg-bayern.de.

Wir wünschen Ihnen schöne Feiertage!