Sprecherin: Verehrte Hörerinnen und Hörer, in dieser Sendung des Bundes für Geistesfreiheit Bayern, kurz bfg, hören Sie nun Informationen und Meinungen aus der freigeistigen Welt. Wenn Sie mehr über den bfg, seine Grundsätze und Aktivitäten wissen wollen, wenden Sie sich bitte an die Anschrift, die wir Ihnen am Ende dieser Sendung mitteilen.
Sprecher:
Obgleich es in Deutschland mittlerweile mehr Konfessionslose als katholische oder evangelische Christen gibt, neigen die Redaktionen insbesondere der öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten dazu, sich dem Druck der Kirchen zu beugen bzw. in ängstlicher Erwartung eines solchen Drucks voreilig zu resignieren. Nahezu keine deutsche Redaktion bringt derzeit den Mut auf, ernstzunehmende Religionskritiker in ihre Sendungen einzuladen. Wenn dies ausnahmsweise doch einmal geschieht, so führt dies mit erschreckender Regelmäßigkeit zu seltsamen Komplikationen: Dem religionskritischen Experten wird kurz vor der Aufzeichnung „mit großem Bedauern“ mitgeteilt, dass er „aufgrund unvorhersehbarer redaktioneller Umstrukturierungen“ leider doch nicht an der Sendung teilnehmen könne. „Komplikationen“ dieser Art musste jetzt auch der Schriftsteller und Kirchenkritiker Karlheinz Deschner (Autor der Kriminalgeschichte des Christentums) erleben, der am 19. April zur Sendung Menschen bei Maischberger eingeladen war. Deschner, ausgezeichnet u.a. mit dem International Humanist Award, dem Alternativen Büchnerpreis sowie mit dem Feuerbach-Preis des bfg Augsburg, hielt bereits die vom Sender zugestellten Fahrkarten in der Hand, als ihm am Mittag des 18. April telefonisch abgesagt wurde. Aus informierten Kreisen war zu hören, es habe „harte redaktionelle Debatten“ gegeben. Im Verlauf eines klärenden Gesprächs mit Deschner fiel ein Satz, den Religionskritiker hierzulande nur allzu gut kennen: „Die katholische Kirche setzt sich nicht mit jedem an den Tisch!“ Mit exakt derselben Formulierung hatte sich wenige Monate zuvor bereits Bischof Franz Kamphaus aus der Affäre gezogen. Der Limburger Oberhirte weigerte sich damals, dem zur hr3-Sendung Talk vor Ort eingeladenen religionskritischen Philosophen Michael Schmidt-Salomon gegenüberzutreten. Auch die kirchenkritische Theologin Uta Ranke-Heinemann wollte er als Diskussionspartnerin nicht akzeptieren. Kamphaus machte der Redaktion des Hessischen Fernsehens unmissverständlich klar, dass er nur unter der Voraussetzung kommen werde, dass die beiden Religionskritiker zuhause blieben. Wie so häufig, verfehlte auch hier der bischöfliche Erpressungsversuch seine Wirkung nicht - und so konnte sich Kirchenvertreter Kamphaus am Ende zufrieden mit der Sprecherin der Kommunistischen Plattform der PDS, Sahra Wagenknecht, an den medialen Tisch setzen. Dass ihm dies weit angenehmer war als ausgewiesenen Experten zu begegnen, ist verständlich, schließlich hatte Kamphaus so keine fundierten religionskritischen Argumente zu befürchten. Da es sich bei den angesprochenen Fällen nicht um Ausnahmen, sondern um die Regel handelt, hat die weltanschauliche Schieflage in der medialen Berichterstattung mittlerweile derart groteske Formen angenommen, dass mäßigkritische Christen wie Heiner Geißler, Hans Küng, Eugen Drewermann oder Franz Alt dem Publikum schon als Inbegriff der Religionskritik erscheinen müssen! Während diese „Alibi-Kritiker“ seit Jahren von einer Talkshow zur anderen tingeln, ist von echten, konsequenten Vertretern der Aufklärung im deutschen Fernsehen nichts zu sehen. Wie verheerend sich ein solches Fehlen kritischer Stimmen auswirkt, wurde insbesondere in der Berichterstattung zum Papsttod deutlich. Die Giordano-Bruno-Stiftung forderte daher in einem Schreiben vom 19. April die medienpolitisch Verantwortlichen in Deutschland auf, Rahmenbedingungen und Richtlinien zu formulieren, die zur längst überfälligen Herstellung weltanschaulicher Fairness in den Medien beitragen können. Dabei sollten u.a. die folgenden fünf Punkte beachtet werden:
Sprecherin:
Da fragte kürzlich ein Atheist einen anderen: „Welcher Sender ist dir lieber, der Bayerische Rundfunk oder Radio Vatikan?“ Der antwortet: „Natürlich Radio Vatikan, denn da kommt nicht so oft der Papst!“ Dieser Dialog mag wie ein Scherz klingen, aber er war Realität. Selbst die Augsburger Kirchenzeitung kommentierte: „Was zuviel ist, ist zuviel.“ Sie begriff, dass der beispiellose Medienrummel um das Sterben des letzten Papstes und die Inthronisation des neuen ein Ausmaß erreicht hatte, das mit Religion nicht mehr viel zu tun hatte, sondern eher eine versteckte Form der Blasphemie darstellte. Es darf bezweifelt werden, ob den beiden betroffenen Päpsten, die zwar mit Medien stets geschickt umzugehen wussten, aber ansonsten durchaus bescheiden auftraten, diese Form des Personenkults angenehm war. Schon zwei Tage vor dem Ableben des Karol Wojtyla änderte das Bayerische Fernsehen sein Programm, und in den letzten Stunden war der Wetterbericht so ziemlich das einzige, was mit dem Papst nicht in Bezug stand. Man darf annehmen, dass dem Sender, der sonst angeblich so heftig sparen muss, die Sonderberichterstattung über die letzten Tage des Papstes und die Bestattungszeremonien unter dem Strich einen Millionenbetrag gekostet haben. Hier sollte sich der Rundfunkrat einmal eine genaue Kostenaufstellung geben lassen - und auch eine Begründung für diesen Aufwand. Dieser erscheint nämlich nicht verständlich, wenn man bedenkt, dass auch zahlreiche andere Sender ausführlich berichtet haben, zum Beispiel die speziellen Nachrichtensender. Wie makaber der Wettlauf um die besten Bilder vom Sterben des Pontifex schon vor längerem anmutete, hat das Wochenendmagazin der Süddeutschen Zeitung in einem ganzen Themenheft dokumentiert, das auf den Tag genau ein Jahr vor dem Tod des Papstes herauskam. Schon damals und sogar lange zuvor war der Kampf zwischen über 20 internationalen Sendern um die besten strategischen Positionen für die Live-Berichterstattung entbrannt. In einem Satz zusammengefasst: Pietätloser geht es kaum noch. Daneben sollten die Sender aber nicht vergessen, dass sich ein erheblicher Teil der Bevölkerung für religiöse und kirchliche Themen wenig oder nicht interessiert. Die Belange dieser Menschen wurden einige Tage lang völlig verdrängt. Vielleicht sollte man den Verantwortlichen der öffentlichen Sendeanstalten ins Gedächtnis rufen, dass auch in Bayern immerhin drei von sieben Einwohnern nicht katholisch sind; denen ist nun einmal der Papst nicht so wichtig. Und selbst unter den Katholiken gibt es nicht wenige Taufscheinmitglieder ohne jedes Interesse an Religion oder Kirche. Um nicht missverstanden zu werden: Selbstverständlich ist auch der Bund für Geistesfreiheit der Ansicht, dass der Tod des wohl prominentesten Kirchenführers und ebenso die Amtseinsetzung seines Nachfolgers angemessen gewürdigt werden sollten. Dabei dürfen aber nicht mit einer derartigen Ausschließlichkeit alle anderen Belange an den Rand gedrängt werden. Schließlich bezeichnet sich nach diversen repräsentativen Umfragen schon etwas mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung als „nicht-religiös“. Da kann es nicht angemessen sein, wenn die Interessen nichtreligiöser Menschen in den Medien fast vollständig ignoriert werden.
Sprecher:
Verehrte Hörerinnen und Hörer, stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Politikunterricht in der Schule wird nicht allgemein vermittelt, sondern nach den jeweiligen Parteipositionen. Kinder von CSU-Anhängern besuchen den CSU-Unterricht, Kinder von SPD-Wählern den SPD-Unterricht, Kinder von Grünen-Sympathisanten den Unterricht von Bündnis90/Die Grünen etc. Unterrichten dürfen nur Vertreter der jeweiligen Parteien. Der Unterricht wird zwar vom Staat - und damit von der Steuerzahlern - bezahlt, doch nur die jeweiligen Parteien entscheiden, wer eine Lehrbefugnis erhält. Sollte die grüne Lehrerin mit PKW ohne Rußfilter zum Unterricht erscheinen oder der CSU-Lehrer sich für Sterbehilfe und gegen Atomkraft äußern, wird ihnen die Lehrbefugnis entzogen. Sie glauben, dieses Szenario ist undenkbar? - Nun, der schulische Religionsunterricht in Bayern läuft genauso ab. Einen anderen Weg schlägt dagegen das Land Berlin ein. Ab dem Schuljahr 2006/07 gibt es dort einen verpflichtenden Unterricht in Lebensgestaltung/Ethik/Religionskunde, kurz LER. Ab der siebten Klasse werden dann Atheisten, Christen, Moslems, Juden etc. in einem gemeinsamen, ordentlichen Fach unterrichtet. Anders als im Land Brandenburg kann dieser Unterricht nicht zugunsten eines konfessionellen Religionsunterrichts abgewählt werden. Natürlich kann Religionsunterricht - wie dies auch bisher in Berlin der Fall ist - weiterhin als zusätzliches freiwilliges Fach belegt werden.
Der Bund für Geistesfreiheit Bayern befürwortet einen gemeinsamen Werte-Unterricht für alle Schüler auch für Bayern. Voraussetzung muss aber auch hier bleiben, dass Schüler zusätzlich einen konfessionellen Religionsunterricht besuchen können. Der gemeinsame Werteunterricht hat gravierende Vorteile:
Übrigens: In den diversen Umfragen zum Thema LER sprachen sich zwischen 60 und 80 Prozent aller Befragten für gemeinsamen Werteunterricht aus. Sogar bei den Anhängern der Union waren laut einer Emnid-Umfage 48 % für LER als Pflichtfach. Sprecherin: Unsere nächste Rundfunksendung ist am 26. Juni, wieder um 7.05 Uhr.
Die Texte der Sendung erhalten Sie gegen Erstattung des Portos bei: bfg
Bayern, Postfach, 90730 Fürth. Im Internet sind wir erreichbar unter der
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