Weltjugendtag in Köln, Caritas und Diakonie
Sendereihe 'Positionen' AutorInnen:
Rainer
Statz,
Monika
Hendlmeier Sonntag,
7.
August 2005,
7.05 Uhr
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, wir begrüßen Sie zu dieser Sendung des Bundes für Geistesfreiheit Bayern, kurz bfg. Wenn Sie mehr über den bfg, seine Grundsätze und Aktivitäten wissen wollen, wenden Sie sich bitte an die Anschrift, die wir Ihnen am Ende dieser Sendung mitteilen.
Weltjugendtag in Köln
Vom 16. bis 21. August findet in Köln der katholische Weltjugendtag statt und etwa eine Woche zuvor beginnen landesweit die vorbereitenden regionalen Begegnungstage in den Diözesen. Schon bevor es richtig angefangen hat, gibt es zu diesem Massen-Event Fragen und Fragezeichen. Das fängt schon an mit dem Namen: „Weltjugend“ - das klingt nach Olympia und dem olympischen Ausspruch: „Ich rufe die Jugend der Welt“. Gerufen werden aber nur die katholischen Jugendlichen und ihre Funktionäre und vielleicht noch ein paar Schlachtenbummler, die sich so ein Event nicht entgehen lassen möchten. Dieses Jugendtreffen in Köln, mit dem Papst als Einladenden, wurde zunächst auf eine Million Teilnehmer ausgelegt. Nach den derzeitigen Anmeldungen werden deutlich weniger Jugendliche kommen - vielleicht wird die Zahl noch etwas erhöht durch nicht angemeldete Erwachsene, die diesen ersten Besuch des neuen Papstes in Deutschland nutzen, um "ihrem" Benedikt zu huldigen. Die wohlhabenden deutschen Diözesen, allen voran das Bistum Köln, wollen frühere Treffen des Papstes mit der Jugend deutlich übertreffen. Eine riesige Vorbereitungsmaschinerie ist seit Monaten an der Arbeit, in Stadt und Land wird heftig auf dieses Ereignis hingearbeitet. Außer Kosten hat man auch Mühen nicht gescheut, zahllose Helfer sind bundesweit seit Monaten tätig, und zum Höhepunkt des Treffens sollen es 25.000 freiwillige Helfer sein. Es wird Papier produziert wie noch nie. Schon jetzt kann die Presse viel berichten und sie wird vom Pressebüro mit Wort und Bild gut versorgt. Bilder und Texte, die Glück und Erleuchtung versprechen! Manche Sondermagazine und Werbeschriften zeigen auf recht bunten Fotos einfältig wirkende, glückliche Gesichter, die eher zu einer Werbung für Süßwarenprodukte passen. Seriöser wirken da das Logo und die Sonderbriefmarke der Bundespost.
Natürlich hat das Kölner Ereignis auch ein biblisches Motto: "Wir sind gekommen, um Ihn anzubeten", in Anlehnung an die Stelle im Neuen Testament, wo die Sternkundigen aus dem Morgenland nach Jerusalem kommen, um dem neugeborenen König der Juden zu huldigen. Viele Jugendliche können mit diesem Motto nichts anfangen. Man wird ihnen erklären, dass die in der Bibel genannten Weisen im Kölner Dom als Heilige 3 Könige verehrt werden und die Besichtigung ihres berühmten Goldschreins im Dom gehört natürlich auch zum Pilgerprogramm. Wem huldigen aber die Jugendlichen? Bei ihrem Dombesuch diesen 3 Heiligen? Oder beim Eröffnungsgottesdienst dem Erzbischof Meisner? Oder beim Treffen Papst und Jugend dem Vertreter Gottes auf Erden? Es wird jedenfalls eine große Huldigung werden.
Wer ist eigentlich der Veranstalter dieses Großereignisses? Offiziell ist es der Papst persönlich. Die organisatorische und die finanzielle Verantwortung liegt aber allein bei den deutschen Katholiken, aus Rom kommt kein Finanzierungsbeitrag. Zur Organisation und zur Durchführung des Ereignisses hat man in Köln eine "Weltjugendtags-GmbH" gegründet, wie der Name schon sagt, ein Unternehmen mit beschränkter Haftung.
Bei dem großen Aufwand und den umfangreichen Vorbereitungen ergibt sich die Frage, was ist denn wohl die tiefergehende Absicht und das Ziel, das man erreichen will? Einmal ist natürlich eine solche Massenveranstaltung eine Demonstration der Macht und des Ansehens von Papst und Kirche. In den Vorbereitungspapieren liest man dann noch "Neuevangelisierung", "Verbreitung der christlichen Heilsbotschaft" und "Stärkung der Religiosität und des Glaubens". Für diese Missionierungsziele werden dann auch alle verfügbaren Mittel eingesetzt: Liturgie, Spiritualität und Emotion. Das Ereignis endet mit einem nächtlichen Gottesdienst auf dem Marienfeld draußen vor der Stadt, mit Übernachtung im Freien und mit einem abschließenden Morgengottesdienst. So ein Aufgebot wird natürlich seine emotionale Wirkung nicht verfehlen. Woodstock lässt grüßen. Dieses Marienfeld ist ein eigens hergerichtetes Gelände mit einem großen Hügel und einem "Pilgeraufstellplatz" für 920.000 Menschen, dazu Toiletten und Parkplätze, Flutlicht, Beschallung und Videowände.
Soviel Aufwand hat seinen Preis: Man geht von einem Budget von 100 Millionen Euro aus. 40 Millionen will man aus den Teilnehmerbeiträgen einnehmen: 100 bis 170 Euro zahlt jeder Jugendliche für seinen "Pilgerrucksack". Darin findet der Pilger aber auch allerhand Nützliches: Gutscheine für Essen und öffentliche Verkehrsmittel, Programmheft, Lieder- und Gebetstexte, aber auch Essbesteck und Wasserflasche, Pilgertuch und Rosenkranz. 30 Millionen zahlen die Diözesen - Geld aus Kirchensteuer und aus Kirchenvermögen. Weitere 15 Millionen erwartet man aus Sponsoring, Werbeeinnahmen, Spenden und Kollekten sowie aus einer eigens durchgeführten Lotterie. Aber auch Herr und Frau Jedermann, also die Steuerzahler, werden an der Finanzierung beteiligt, ob gläubig oder nicht, ob sie dieses Missionierungs- und Huldigungstreffen unterstützen wollen oder nicht: Aus dem Bundeshaushalt fließen 7,5 Millionen nach Köln und aus dem Landeshaushalt nochmals 3 Millionen. Die Europäische Union trägt 1,2 Millionen zur Kostendeckung bei. Die Frage ist auch, ob die Rechnung aufgeht. Zum Anmeldeschluss lag nicht mal die Hälfte der Anmeldungen vor, die man erwartet bzw. einkalkuliert hatte. Auch die Erwartungen für das Vorprogramm in den Diözesen haben sich nicht erfüllt. Man rechnete mit über 200.000 Jugendlichen, angemeldet sind nicht mal 100.000. Für diese "Tage der Begegnung" wurde im Bistum München-Freising mit 20.000 Gästen gerechnet; zum Anmeldeschluss waren es ca. 6.000. Ähnlich sieht es in den anderen bayerischen Bistümern aus. Mit dem Slogan "Gäste sind ein Segen" hatte man mit großem Eifer die benötigten privaten Unterkünfte zusammenbekommen, nun wird man vielleicht nur ein Drittel davon brauchen. Die kleiner gewordene Gästeschar könnte nun Möglichkeiten eröffnen, den Dialog mit dem Gastgeber zu intensivieren. Der Papst hat sich aber von Anfang an jeder Diskussion entzogen. Gespräche mit der Jugend sind nicht vorgesehen. Der Bund der katholischen Jugend, die offizielle katholische Jugendvertretung, hat sich um solche Kontakte vergeblich bemüht. Man verweist auf die angebotenen Möglichkeiten, mit Bischöfen und Priestern zu diskutieren. Auch andere reform-orientierte Gruppen wie z.B. "Kirche von unten" oder "Wir sind Kirche" werden dem Papst gegenüber nicht in Erscheinung treten können. Alles das passt nicht in das Konzept dieser Papstbegegnung. Und das hat schon im Vorfeld der Planungen für Verstimmung gesorgt. Mancher Jugendliche oder Jugendfunktionär fühlt sich da nur als Randfigur. Bei seinem Besuch in Köln hat der Papst erkennbar auch zahlreiche andere Interessen: Es wird natürlich Zusammenkünfte mit dem deutschen Klerus geben und auch Gespräche mit führenden deutschen Politikern; es gibt Begegnungen mit Juden und Muslimen, mit orthodoxen Christen und Protestanten. Gerade die Protestanten möchten an den neuen Pontifex Fragen richten, wie es denn nun weitergeht mit der Ökumene.
Das christliche Großereignis hat auch andere Interessenten auf den Plan gerufen und zwar diesseits-orientierte Menschen; sie sehen hier eine Möglichkeit zum Dialog mit Christen und mit Nicht-Christen. Eine Gruppe von Religionslosen, Agnostikern und Atheisten macht zeitgleich zum Jugendtag eine Gegenveranstaltung unter dem Motto "Heidenspaß statt Höllenqual". Sie wollen zeigen, dass auch ohne Religion und Dogmen ein gelungenes Leben möglich ist. Sie bieten "religionsfreie Zonen" an für Gespräche und Diskussionen. Eine Woche lang gibt es täglich Veranstaltungen mit Filmen, Vorträgen, Lesungen und Musik.
Es wird ein buntes, vielschichtiges Ereignis - diese Papst-Audienz mit Messfeier für die katholische Jugend. Wird es nachhaltige Wirkungen auf die Jugendlichen hinterlassen? Hat sich der große organisatorische und finanzielle Aufwand gelohnt? Man wird es nie genau bilanzieren können. Warten wir ab, ob die vordergründigen Eindrücke Spuren hinterlassen, oder ob die Erinnerungen an dieses Großereignis nicht nach wenigen Monaten wieder verblassen.
Neue Umfrage zur Gläubigkeit
Wenn der deutsche Papst Benedikt XVI. im August nach Köln kommt, reist er in ein Land, in dem nur jeder zweite an Gott glaubt. Das ergab eine repräsentative Emnid-Umfrage für das Magazin "Cicero". Dabei gaben 26 Prozent der Befragten an, sie wüssten nicht, ob es Gott gibt und 24 Prozent bekannten sich als Atheisten. Zwischen den alten und neuen Bundesländern gibt es erwartungsgemäß erhebliche Unterschiede: Während 55 Prozent der Westdeutschen sich als gläubig einstufen, sind es im Osten nur 30 Prozent. Hier lag mit 48 Prozent der Anteil der Atheisten deutlich höher. Was die Parteien betrifft, fanden sich die meisten bekennenden Christen mit 60 Prozent bei den Anhängern der Union, gefolgt von den Grünen (48 Prozent) und der FDP. Frauen sind der Umfrage zufolge übrigens deutlich gläubiger als Männer (57 Prozent zu 42 Prozent).
Caritas und Diakonie
Viele Menschen begründen ihren Verbleib in der Kirche damit, dass die kirchlichen Wohlfahrtsverbände so viel Gutes täten. Doch stimmt das wirklich? Wie viel Gutes tun Caritas und Diakonie? Dieser Frage ist der Kirchenfinanzexperte Carsten Frerk in seinem neuen Buch „Caritas und Diakonie“ nachgegangen - vor kurzem erschienen im Aschaffenburger Alibri-Verlag. Caritas und Diakonie machen das gleiche wie die Arbeiterwohlfahrt (AWO), der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (DPWV) oder die Volkssolidarität. Der Unterschied zu diesen Organisationen ist, dass sich Caritas und Diakonie mit dem Kreuz schmücken und die Leute glauben machen, ihre Arbeit sei nur durch erhebliche Kirchenzuschüsse möglich. Doch das stimmt nicht. Caritas und Diakonie setzen im Jahr zusammen 45 Milliarden Euro um. Dieses Geld kommt fast ausschließlich aus öffentlichen Mitteln, nur 828 Millionen Euro bezahlen die Kirchen - das sind 1,8 Prozent der Gesamtsumme. Und diese Eigenmittel fließen im wesentlichen in drei Bereiche: 376 Millionen Euro, also fast die Hälfte des Geldes, geht an die Kindertagesstätten - dort wird der Nachwuchs der Kirchensteuerzahler erzogen -, 300 Millionen Euro fließen in die Verbandsarbeit - dort wird konfessionelle Gesundheitspolitik betrieben - und 146 Millionen Euro in die Beratungsdienste - in denen dafür gesorgt wird, dass die Beratenen auch den Weg in die stationären Einrichtungen der beiden Werke finden. 98,2 Prozent der Finanzierung dieser Wohlfahrtskonzerne kommen also aus öffentlichen Mitteln. Doch mit Ausnahme von Bayern kümmern sich die Rechnungshöfe nicht um deren Verwendung. Wie wichtig das wäre, zeigt die Prüfung im Jahr 1998: Wegen unsachgemäßer Verwendung wurden 52,2 Prozent der bewilligten Mittel zurückgefordert. In anderen Bundesländern machen Diakonie und Caritas geltend, sie stünden unter dem Schutz des Artikels 40 Grundgesetz, wonach sie staatlicher Kontrolle nicht unterliegen. AWO, DPWV und andere bekommen auch öffentliche Gelder, müssen über deren Verwendung aber Rechenschaft ablegen. Caritas und Diakonie brauchen das nicht und sind als kirchliche Einrichtungen auch noch von Steuerzahlungen befreit. Fast 1,5 Millionen Menschen arbeiten für Caritas und Diakonie in Deutschland. Für die Mitarbeiter dieser „Wohlfahrtsverbände“ gelten aber manche Einschränkungen im Arbeitsrecht. Betriebsräte sind nicht zugelassen und die konfessionellen Arbeitgeber nehmen sich das Recht, Mitarbeiter zu kündigen bzw. deren Arbeitsverträge nicht zu verlängern, wenn diese nicht loyal zur Kirche stehen. Ein Wechsel zu einem anderen Arbeitgeber kommt für viele Mitarbeiter jedoch nicht in Frage, da in manchen Gegenden fast eine Monopolstellung herrscht. Der Autor Carsten Frerk kommt im Herbst zu einer Lesereise nach Bayern. Über die genauen Termine werden wir Sie noch informieren!
Unsere nächste Sendung ist am 18. September. Die Texte dieser Sendung erhalten Sie gegen Erstattung des Portos bei: bfg Bayern, Postfach 190 145, 90730 Fürth. Im Internet sind wir erreichbar unter der Adresse: www.bfg-bayern.de. |