Freigeistige Betrachtungen

Texte: Gerhard Rampp, Rainer Statz, Monika Hendlmeier

SprecherInnen: Kerstin Pschibl, Karl Bierl

Eine Sendung im Bayerischen Rundfunk, Programm Bayern II, UKW

Sonntag, 6. Februar  2005, 7.05 Uhr

Guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer,

im Rahmen der Sendereihe „Positionen" hören Sie seit vielen Jahren alle 6 Wochen eine Sendung des „Bundes für Geistesfreiheit Bayern".

Wer ist dieser "Bund für Geistesfreiheit", der diese Sendung gestaltet? Der Bund für Geistesfreiheit, kurz bfg, ist eine Weltanschauungs­gemeinschaft in der Tradition der europä­ischen Auf­klä­rung der vergangenen 200 Jahre. Er versteht sich als Interessen­­vertretung der Atheisten, Agnostiker und Konfessions­losen. Der bfg hat eine Tradition, die bis ins 19. Jahr­hundert zurückreicht. Er ist in Bayern in 8 Ortsgruppen tätig und arbeitet dabei auch mit anderen freigeistigen Organisationen zusammen. Der bfg hat den Status einer Körperschaft des öffentlichen Rechts.

Wenn Sie mehr über den bfg, seine Grundsätze und Aktivi­täten wissen wollen, wenden Sie sich bitte an die Anschrift, die wir Ihnen am Ende dieser Sendung mitteilen.

 

Ludwig-Feuerbach-Preisverleihung an Prof. Dr. Franz Buggle


Der Bund für Geistesfreiheit hat vor einigen Wochen in Augsburg den Ludwig-Feuerbach-Preis an den Freiburger Psychologieprofessor Dr. Franz Buggle verliehen. Der Namensgeber Ludwig Feuerbach, vor 200 Jahren in Landshut geboren und 1872 bei Nürnberg gestorben, gilt als der größte Philosoph, den Bayern hervorgebracht hat. Und mit Ausnahme einiger Vortragsreisen hat er auch sein ganzes Leben hier verbracht. Er begann seine Studien als Theo­loge, erkannte aber bald, dass das gesamte christliche Gottesbild auf Wunsch­vor­stel­lun­gen beruht. Bekannt wurde daher sein Satz: „Nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Ebenbild, sondern der Mensch schuf Gott nach seinen Wünschen und Bedürfnissen.“ Doch blieb Feuerbach nicht bei der Analyse der monotheistischen Religion stehen, sondern entwarf auch Grundgedanken eines weltlichen Humanismus, der ohne Jenseits­hoffnungen auskommt. Leider kam er nicht mehr dazu, seine umfang­reichen Aufzeichnungen hierzu in ein abschließendes Werk zu fassen, und seine im Nachlass gefundenen Manuskripte warten bis heute auf ihre Auswertung und Bearbeitung. Der aktuelle Preisträger Professor Buggle wurde ausgezeichnet für sein bahnbrechendes religionskritisches Buch „Denn sie wissen nicht, was sie glauben“, das 1992 beim prominen­ten Rowohlt-Verlag erschie­nen ist und zunächst wie eine Bombe einschlug. Doch als die erste Auflage verkauft war, zögerte der Verlag die Neuauflage immer wieder hinaus. Kenner der Materie vermuteten, dass es eine Absprache mit kirchlichen Funktionsträgern gegeben habe, das für sie recht unangenehme Buch vom Markt verschwinden zu lassen. Derartige Praktiken sind aus der Vergangenheit nicht unbekannt, wie auch der prominente Kirchen­historiker Dr. Karlheinz Deschner erfahren musste. Mitunter kauft eine kirchliche Institution sogar für teures Geld die Rechte an einem Buch auf, um es für einige Zeit nicht erscheinen zu lassen - oder nur in einer ganz kleinen Auflage, so dass die Rechte nicht automatisch an den Autor zurückfallen. Aber auf die Dauer lassen sich auch unangenehme Wahrheiten nicht unterdrücken. So auch hier: Nach mehre­ren Jahren vergeblichen Wartens auf die Neuauflage forderte Prof. Buggle die Autorenrechte zurück und brachte das Werk in einem relativ kleinen, aber sehr aktiven Verlag Alibri-Verlag, wo das Buch seit einem Jahr der begehrteste Titel ist. Bibelkritische Bücher gibt es nicht wenige, aber kaum eines, das so konsequent auf pole­mische Schärfen verzichtet und einfach eine Reihe von brutalen Bibel-Originalzitaten für sich sprechen lässt. Gleich am Anfang stellt Buggle die These auf, dass die Kirchen trotz all ihrer Schwächen und trotz der dunklen Flecken in ihrer Geschichte relativ human seien im Vergleich zu ihrer sogenannten „Heiligen Schrift“. Er widerspricht damit genau jenen inner­kirch­lichen Rebellen, die meinen, die Lehre sei im Grunde schon gut, nur habe sie die Kirche im Laufe ihrer Geschichte pervertiert. Das mag ja noch hinzukommen, aber schon der evan­ge­lische Theologe Dr. Dr. Joachim Kahl schrieb 1968 in seinem Bestseller „Das Elend des Christen­tums“: „Wer sich über die Bibel nicht empört, kennt sie nicht. Oder ist zu feige oder innerlich zu unfrei, sich zu empören.“ Kahl zog die Konsequenz und trat aus der evangelischen Kirche aus, obwohl ihm dort eine große Universitätskarriere offen­gestanden hätte. Professor Buggle listet in seinem Buch nicht nur eine Fülle von biblischen Unmensch­lichkeiten auf. Dies haben auch andere vor ihm getan. So hat der Innsbrucker Theologieprofessor Schwager allein im Alten Testament über eintausend Stellen gefunden, in denen Jahwe ein gewalttätiges Verhalten entweder ausdrücklich gebilligt oder sogar angeordnet hat, darunter etwa siebzig, in denen Gott die Ausrottung eines andersgläubigen oder sonst wie feindlichen Volkes oder Stammes forderte. Buggle weist solche Unmensch­lich­keiten aber auch im Neuen Testament nach. Vor allem auf die umstrittene Kreuzestheologie des Paulus geht er genauer ein. In der Tat: Was muss das für ein Gott sein, der den Tod eines Menschen verlangt als Voraussetzung für die Tilgung von Sünden ganz anderer Menschen, die sowieso schon lange nicht mehr leben? Das Besondere an Buggles Werk ist die Analyse des hoch­qualifizierten klinischen Psychologen. Er setzt sich zunächst mit den Rechtferti­gungs­versuchen der Theologen auseinander. Auf den häufig gehörten Einwand, die Bibel schildere eben genauso das nicht immer heile reale Leben wie etwa die griechischen Sagen, erwidert Buggle, im Gegensatz zu den griechischen Göttern beanspruche der biblische Gott eine moralische Vorbildfunktion, die er aber in der aufgeklärten modernen Gesellschaft bei weitem nicht erfülle. Auch mit dem merkwürdigen Leseverhalten der Gläubigen beschäftigt sich Buggle. Wie kann es sein, dass angeblich Millionen Christen die Bibel studieren und fast niemand an den geschilderten Brutalitäten Anstoß nimmt? Offenbar lesen die europäischen Christen die Bibel selektiv und behalten nur die zweifellos auch vorhandenen positiven Passagen im Bewusstsein. Was nicht dazu passt, blenden sie einfach aus. Hier unterscheiden sie sich deutlich von der Mehrheit der Christen in den USA, die Grausamkeit als gottgewollt akzeptieren und daher auch keine Skrupel haben, im Irak und anderswo gleichzeitig Christ und Folterer oder Mörder zu sein - hat es doch Gott in der Bibel auch schon so befohlen. Sind also europäische Christen nur deshalb humaner, weil sie die Bibel nicht gründlich genug lesen oder nicht ernst genug nehmen? Dabei zeigt Buggle selbst einen Weg auf, wie sich die Kirchen theoretisch aus dem Dilemma lösen könnten, dass nicht wenige Bibelstellen in krassem Gegensatz zu den moralischen Grundsätzen stehen, die die Kirchen selbst heute vertreten. Sie bräuchten nämlich nur deutlich zu machen, dass eben nicht die ganze Bibel, sondern nur wesentliche Teile davon die Grundlage des christlichen Glaubens seien. Aber davor schrecken die Kirchen zurück, denn würden sie sich nur von einer einzigen Passage distanzieren, wäre das Werk insgesamt nicht mehr unantastbar. Daher stellt Buggle die neue Gretchenfrage schon im Untertitel: Kann man heute redlicherweise noch Christ sein? Er beantwortet sie im Buch nicht, aber wer bereit ist, seinen Verstand bei der Lektüre unvoreingenommen zu gebrauchen, wird sie sich selbst geben. Über dieses Standardwerk für Christen wie Atheisten können Sie sich per Internet noch genauer informieren über die Adresse: www.alibri.de.

 

Kurznachrichten und Kommentare

1) „Tschingdarassa und ein „Vaterunser““ - mit dieser Schlagzeile überschrieb die „Süddeutsche Zeitung“ ihren abschließenden Bericht über Rudolph Moshammers Trauer­feier, Leichenzug und Beisetzung in München. Viel Kurioses war bei diesem Ereignis zu vermelden und Presse, Funk und Fernsehen breiteten es aufwändig und genüsslich aus, in Wort und Bild. Und mit Tsching­darassabum und dem Radetzkymarsch säumte die Lieblings­blas­kapelle des Verstorbenen den Trauerweg.

Eine Besonderheit dieses Medienereignisses ist bisher nicht hin­reichend dargestellt worden: Obwohl Moshammer sich keinem Glauben und keiner Kirche zugehörig fühlte hat ihm die Kirche einen glanz­vollen und wortreichen Abschied bereitet.

Gleich zweimal wurde für ihn Kirchenraum zur Verfügung gestellt: Nach eintägiger Aufbahrung des Sarges in der St.-Lukas-Kirche fand am Beisetzungstag ein feier­licher Trauergottesdienst in der Aller­heiligen-Hofkirche statt, der ehemaligen Kirche der bayerischen Könige in der Residenz in München.

Dabei wurde ein völlig falsches Bild von diesem sehr diesseits­bezogenen Menschen gezeichnet, der ja ausdrücklich aus Überzeugung aus der Kirche ausgetreten war. „Er war verwurzelt im Glauben an Gott“, wusste Pfarrer Stalter zu berichten, der Pfarrer seiner Heimat­gemeinde, der ihn aber überhaupt nicht gekannt hat. Die Predigt gipfelte in einem Vers aus Psalm 30: „Auf dass meine Seele dir lobsinge und nicht schweige! Herr, mein Gott, in Ewigkeit will ich dich preisen.“

Nichts in dieser Art ist uns aus Moshammers Mund überliefert oder aus Äußerungen derer, die ihn kannten. Dennoch hat die Kirche ihm, dem Abtrünnigen, ein großartiges, kirchliches Zeremoniell bereitet - mit Psalmen, Rezitationen, Bibellesung und Predigt, umrahmt von Gesang aus Mozarts Requiem.

In der Inszenierung solcher Feierlichkeiten haben bei uns die Kirchen fast ein Monopol, sie verfügen über eindrucksvolle Räum­lich­keiten, Rituale, Gewänder und Gesänge. Da drängt sich die Frage auf, ob es nicht ein Monopolmissbrauch ist, wenn die Kirche sich so sehr in den Vordergrund drängt und dann noch den Abtrünnigen zu einem der ihren macht?

Der Verstorbene konnte sich nicht mehr dagegen wehren - er hatte nicht im voraus bestimmt, wie er einmal verabschiedet werden wollte. Verantwortlich für die Trauerfeier waren die Erben und die waren durch seinen völlig unerwarteten Tod und dessen besondere Begleitumstände schockiert und überfordert. Da hatte es die Kirche leicht - sie tat es dem Verstorbenen gleich und setzte sich selbst noch mal kräftig in Szene. Selbst wenn man sagen würde, sie tat es für die trauernden Hinterbliebenen, so weiß man doch, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung und auch nur ein kleiner Teil der eingeschriebenen Christen wirklich gläubig ist. Das sagen uns nicht nur demoskopische Umfragen, der Pfarrer erlebt es jeden Sonntag bei der geringen Beteiligung am Gottesdienst.

Das Zeremoniell um Rudolph Moshammer erinnert an den Staatsakt des Hamburger Senats für den im November 2002 verstorbenen „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein. Auch er wurde im kirchlichen Rahmen verabschiedet, obwohl er ausdrücklich keiner Kirche mehr angehörte - im Gegenteil. Seinen Unglauben hat er unmissverständlich in einem sehr kritischen Buch über den Menschen Jesus dargelegt. Und doch wurde auch ihm zum Abschied ein Staatsakt im Gotteshaus veranstaltet mit Pfarrer, Predigt, Psalmen und frommen Liedern.

Solche Erscheinungsformen finden wir immer wieder: Ob es ein Seilbahnunglück in Kaprun ist, der Amoklauf eines Jugendlichen oder die große Flutwelle in Fernost - immer wieder dominieren die Kirchen das Trauergeschehen durch Gottesdienste, z.B. im Dom von Berlin oder in der Liebfrauenkirche in München, teilweise mit bundesweiter Fernsehausstrahlung.

Moshammer hat nun die Bühne des Lebens für immer verlassen und das mit kirchlichem Segen. Können wir nun davon ausgehen, dass wir einen Münchener im Himmel haben? Lassen wir ihn in Frieden ruhen.

REQUIESCAT IN PACE. Amen.

 

2) Heiß diskutiert wird derzeit die Umsetzung eines „Antidiskrimi­nierungsgesetzes“. Danach darf kein Mensch u.a. wegen seines Geschlechts, seiner Herkunft oder seiner Religion benachteiligt werden. Vor allem im Arbeitsleben ist eine Benachteiligung aus religiösen Gründen derzeit noch oft der Fall. Im sozialen Bereich besitzen kirchliche Stellen fast ein Monopol am Arbeitsmarkt - 90 % dieser Arbeitsplätze gehören zu kirchlichen Institutionen wie Caritas oder Diakonie.

Umso erstaunlicher ist vor diesem Hintergrund eine Verletzung der religiös-weltanschaulichen Neutralität durch eine Kommune. Die Stadt Gersthofen bei Augsburg übernahm einen renovierungsbedürftigen Kindergarten der katholischen Kirche, den diese aus Kostengründen nicht weiter betreiben wollte. Gleichzeitig verpflichtete sich die Stadt, dort künftig nur Personal einzustellen, das einer Kirche angehört. Der alte Grundsatz „Wer zahlt, schafft an“ wird hier ad absurdum geführt. Gezahlt wird von der Kommune, wer eingestellt werden darf, entscheidet jedoch die Kirche.

Vor diesem Hintergrund wird ersichtlich, warum viele ungläubige „Taufchristen“, die im sozialen Bereich arbeiten, sich nicht trauen, aus der Kirche auszutreten - Arbeitslosigkeit wäre beinahe vorprogrammiert.

 

 

Die Texte der Sendung erhalten Sie gegen Erstattung des Portos bei: bfg Bayern, Postfach, 90730 Fürth. Im Internet sind wir erreichbar unter der Adresse:

 

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