Karikaturen-Streit, Kirchen und Betriebsratswahlen, Alibri-Verlag und Humanistische Akademie
Sendereihe 'Positionen' AutorInnen:
Monika
Hendlmeier Sonntag,
5.
März 2006,
7.05 Uhr Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer, wir begrüßen Sie zu dieser Sendung des Bundes für Geistesfreiheit Bayern, kurz bfg. Wenn Sie mehr über den bfg, seine Grundsätze und Aktivitäten wissen wollen, wenden Sie sich bitte an die Anschrift, die wir Ihnen am Ende dieser Sendung mitteilen. Am 30. September 2005 veröffentlicht die dänische Zeitung
„Jyllands Posten“ 12 satirische Zeichnungen mit dem Titel
"Die Gesichter Mohammeds". Daraufhin gibt es vereinzelte
Morddrohungen gegen die Zeichner und friedliche Demonstrationen in
Kopenhagen. Dänische Imame reisen in mehrere arabische Länder
und versuchen, Proteste zu organisieren. Im Januar 2006 druckt die
norwegische Zeitung „Magazinet“ die Zeichnungen nach und löst
damit eine Kette von Reaktionen aus. Nach Boykottaufrufen und
Forderungen nach Entschuldigung für die Karikaturen werden die
Proteste immer militanter. Trotz einer öffentlichen
Entschuldigung gibt es jetzt Bombendrohungen gegen dänische und
norwegische Einrichtungen, Aufrufe zu Anschlägen und das so
beliebte Verbrennen von Flaggen. Hunderttausende Menschen gehen
weltweit auf die Straßen, es gibt Verletzte und Tote. Dänemark
zieht seine Diplomaten aus mehreren Ländern ab. Zeitungen in der
arabischen Welt, die die Karikaturen nachgedruckt haben, werden
vom Markt genommen. Und der Iran reagiert mit Karikaturen über
den Holocaust, die u.a. Adolf Hitler und Anne Frank gemeinsam im
Bett zeigen. Und wie sind die Reaktionen in der westlichen Welt? Bill Clinton bezeichnet die Karikaturen als "komplett
empörend", Großbritanniens Außenminister Straw empfindet
den Nachdruck als "beleidigend, unsensibel, respektlos und
falsch", Bundeskanzlerin Merkel äußert „Verständnis für
die verletzten Gefühle der Muslime“. Weihbischof Dr. Hans-Jochen Jaschke, der bei der Deutschen
Bischofskonferenz für den Dialog mit anderen Religionen zuständig
ist, erklärt, man dürfe über Gott keine Witze machen. Der
CDU-Politiker Bernd Schmidbauer meint, Gotteslästerung sei nicht
tolerabel und findet sich damit auf einer Linie mit dem Vatikan.
Der fordert die nationalen Regierungen auf, die Gesetze so zu
verschärfen, dass Religionskritik deutlicher als bisher auch
strafrechtlich geahndet werden könne. In Deutschland wurde der „Gotteslästerungsparagraf“ 166
Strafgesetzbuch im Jahr 1969 entschärft. Seitdem ist Gotteslästerung
nur noch dann strafbar, wenn sie Anlass zu öffentlichen Tumulten
liefern kann. Konkret heißt es: „Wer öffentlich oder durch
Verbreiten von Schriften den Inhalt des religiösen oder
weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft,
die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit
Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe
bestraft.“ Dieser Paragraf kann vielfältig auslegt werden –
und er beagt v.a. eins: Kritik an Religionen und Weltanschauungen,
gegen die nicht in breitem Rahmen demonstriert wird, ist zulässig.
Hat eine Religion allerdings militante Anhänger, so darf diese
nicht kritisiert werden, damit es nicht zu Unruhen kommen kann. Doch es gibt in Deutschland auch den Paragrafen 5 im
Grundgesetz, der besagt: „Kunst und Wissenschaft sind frei.“
Natürlich ist auch in der Satire und in Karikaturen nicht alles
erlaubt. Doch Kritik an Religionen muss zulässig sein und
bleiben. Wenn im Namen eines Gottes Menschen unterdrückt,
umgebracht oder verstümmelt werden, weil sie etwa das falsche
Geschlecht oder eine andere sexuelle Orientierung haben, ist das
nicht zu akzeptieren – auch nicht unter dem Deckmantel der
Religionsfreiheit. Presse- und Meinungsfreiheit sind wichtige Güter in einer
demokratischen Gesellschaft. Sie wurden hart erkämpft und dürfen
nicht eingeschränkt werden. Der „Titanic“-Gründer Robert
Gernhardt hat dazu gesagt: „Auf die fanatischen Reaktionen
schlecht informierter Menschen Rücksicht zu nehmen hieße, die
Aufklärung zurückdrehen zu wollen.“ Und von Heribert Prantl konnte man in der Süddeutschen
Zeitung lesen: „Aufklärung ist kein gesicherter kultureller
Bestand. Sie ist nicht einfach da, sie bleibt auch nicht einfach
da. Sie ist anstrengend, sie macht Arbeit, weil es für den
Ausgang aus der Unmündigkeit keine ewig gültige
Gebrauchsanweisung gibt; den richtigen Ausgang muss man immer
wieder suchen. Leitkultur in demokratischen Staaten ist also
Streitkultur. Muslime müssen sie lernen. Christen und Agnostiker
haben noch lange nicht ausgelernt.“ Von März bis Mai finden in Deutschland
Betriebsratswahlen statt. Auf rege Beteiligung wird gehofft. Auch
der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal
Lehmann, und der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche
Deutschland, Bischof Huber, fordern die Angestellten und Arbeiter
auf, sich an den Wahlen zu beteiligen und auch zu kandidieren. In
einer gemeinsamen Pressemitteilung heißt es: „Betriebsrat zu
sein bedeutet, eine hohe Verantwortung für die Kolleginnen und
Kollegen, aber auch für das Unternehmen und seine wirtschaftliche
Zukunft zu übernehmen. Eine solche Tätigkeit benötigt viel
innere Kraft, Ausdauer, Geschick und vor allem Liebe zu den
Menschen. Starke Persönlichkeiten sind gefragt. Wir bezeugen
deshalb denen, die diese Aufgabe wahrnehmen, unsere Anerkennung
und unseren Respekt. Wir bitten alle Arbeitnehmerinnen und
Arbeitnehmer, ihre Betriebsräte zu unterstützen, auch selbst –
aus christlicher Verantwortung heraus – für dieses Amt zu
kandidieren und von ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen.“ Hört sich schön und gut an, wie schon der ähnliche
Aufruf im Jahr 2002. Aber wie sieht es mit der Mitbestimmung in
den kirchlichen und kirchennahen Einrichtungen aus? Alles andere
als rosig für die Mitarbeiter. Es gibt kein Streikrecht, keine
echte Mitbestimmung; die Mitarbeiter verpflichten sich zur Loyalität
gegenüber dem Arbeitgeber. Die Kirchen in Deutschland verhinderten frühzeitig
die Anwendung des Betriebsverfassungsgesetzes von 1952 und die
Anwendung des Personalvertretungsgesetzes in ihren Einrichtungen.
Ab 1971 wurde dann der sogenannte „Dritte Weg“ propagiert und
Mitarbeiterverteter zugelassen. Doch diese Vertreter werden nur
angehört, das „Letztentscheidungsrecht“ liegt beim Bischof.
Bei der Bezahlung der Mitarbeiter wird immer öfter von den
Tarifverträgen abgewichen – natürlich nach unten. Die
Evangelische Kirche Hessen etwa hat seit Juli 2005 ein neues,
eigenständiges Arbeitsvertragsrecht, völlig losgelöst vom BAT.
Andere Einrichtungen - wie die Diakonie in Bremen - lagern
Unternehmensteile aus. Die Absicht dahinter ist klar: weniger Lohn
für neue Mitarbeiter und weniger Kündigungsschutz durch
befristete Verträge. In manchen neuen Verträgen steht sogar eine
Verschwiegenheitsklausel über die Höhe des Gehalts. Streiken können kirchliche Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter nicht – das würde gegen die „Loyalitätspflicht“
dem Arbeitgeber gegenüber verstoßen. Kirchliche Einrichtungen
sind sogenannte „Tendenzbetriebe“. Sie können selbst
festlegen, was unter dieser Loyalität zu verstehen ist. Und die
Loyalitätsrichtlinien mischen sich auch in das Privatleben der
Mitarbeiter ein. Im Arbeitsvertrag eines Caritasverbandes heißt
es standardmäßig: „Der Arbeitgeber und der Angestellte sind
berechtigt, das Angestelltenverhältnis aus einem wichtigen Grund
fristlos zu kündigen. [...] Als wichtige Gründe gelten auch
schwerwiegende Verstöße gegen die Bestimmungen der kirchlichen
Rechtsordnung oder gegen die Grundsätze der Glaubens- und
Sittenlehre. [...] Hierunter fallen zum Beispiel der
Kirchenaustritt, das eheähnliche Zusammenleben, das Zusammenleben
in einer nach kirchlichem Recht ungültigen Ehe (u.a. Heirat nach
Scheidung), die Beteiligung an einem Schwangerschaftsabbruch oder
das öffentliche Eintreten für den Abtreibungsgedanken, die
Teilnahme an oder die Unterstützung von sittenwidrigen, glaubens-
oder kirchenfeindlichen Bestrebungen soie die Mitgliedschaft in
Organisationen, die überwiegend derartigen Bestrebungen dienstbar
sind.“ - Ein weit gefasstes Feld. Die christlichen Kirchen beschäftigen sich gern
mit Fragen der Sozialethik und des gesellschaftlichen
Miteinanders. Aber der Umgang mit den eigenen Mitarbeitern – und
das sind weit über eine Million Menschen in Deutschland - lässt
stark zu wünschen übrig. In den letzten Jahren hat sich ein kleiner Verlag in der
freigeistigen Szene einen guten Namen gemacht. Wir wollen Ihnen
hier den „Alibri-Verlag“ vorstellen: Wer nach dem Sinn des Namens „Alibri“ fragt, erhält
keine vernünftige Auskunft. Am ehesten scheint noch A-Libri zu
passen: die „anderen“ Bücher – Bücher, wie man sie nicht
in jeder Buchhandlung findet. Tatsächlich unterscheidet sich der
in Aschaffenburg ansässige Alibri Verlag in seinem Programm von
den meisten anderen Verlagen durch seine klare weltanschauliche
Ausrichtung. Denn Alibri versteht sich als publizistische Heimat
der Atheisten und Skeptiker, den Humanistinnen und frei denkenden
Konfessionslosen. Angefangen hat alles mit der Übernahme der Zeitschrift MIZ,
die sich im Untertitel „Politisches Magazin für Konfessionslose
und AtheistINNen“ nennt. Das war 1994. Heute veröffentlicht
Alibri pro Jahr etwa 10 Bücher; das lieferbare Programm umfasst
mittlerweile knapp 100 Titel. Ein guter Teil der Veröffentlichungen
setzt sich kritisch mit den großen Religionen und den vielen
esoterischen Heilslehren auseinander. Die Kritik richtet sich
dabei weniger gegen den ideologischen Gehalt der Glaubensgebäude
als gegen die gesellschaftlichen Folgen, z.B. gegen den
kirchlichen Einfluss im Bereich sozialer Dienstleistungen oder im
Schulbereich. Ein Gespür für brisante Fragen kann man dem Verlagsteam
nicht absprechen: schon vor Jahren schlüpften die Verleger in die
Rolle eines Herausgebers und stellten selbst einen Sammelband
zusammen über das Gewaltpotential im Islam und die Möglichkeiten
eines Dialogs der Kulturen. „Salam oder Dschihad? – ist der
Islam eine Religion des Friedens oder der Gewaltbereitschaft“
war seinerzeit die Frage – eine Frage, die angesichts des so
genannten Karikaturenstreits und der Reaktionen besonders in
arabischen Staaten brennende Aktualität besitzt. Dass solche Bücher Anstoß erregen, ist fast unvermeidlich.
So sieht sich der Alibri Verlag immer wieder Versuchen gegenüber,
die Verbreitung seiner Bücher auch mit juristischen Mitteln zu
unterbinden. Ende der neunziger Jahre kam es über das Buch
„Waldorf Connection“ zum Konflikt mit den Anthroposophen –
einer durch Waldorfschulen und biologisch-dynamischen Landbau
bekannten Esoterik-Vereinigung, die Verleger Gunnar Schedel noch
heute als „die gefährlichste unter der demokratiefeindlichen
Sektierergruppen“ einschätzt. Und es sollte nicht der einzige
Prozess bleiben ... Erfolgreich war letztlich keiner der vielen
Versuche, ein Alibri-Buch endgültig vom Markt zu klagen. Zeit,
Geld und Energie haben diese Konfrontationen jedoch allemal
gekostet. Aber das haben die Verleger schon einkalkuliert. Wer
„die Fackel der Wahrheit“ umherträgt, müsse sich nun mal auf
solche Reaktionen einstellen, heißt es dazu aus dem Verlag mit
einem Augenzwinkern und in Anspielung auf den deutschen Aufklärer
Georg Christoph Lichtenberg. Die Auseinandersetzung mit Kirchen und Psychogruppen, mit
menschenfeindlichen Ideologien und wissenschaftlich nicht
haltbaren Behauptungen beschränkt sich bei Alibri jedoch nicht
auf das Verlegen von Büchern. Das fünfköpfige Verlagskollektiv
sieht sich als Kommunikationsknoten der säkularen Szene und will
die Verlagsaktivitäten auch als Beitrag zu einer demokratischen
Streitkultur verstanden wissen. So waren die „Alibristen“ an
der Organisation vieler großer Veranstaltungen wie dem
Atheistenkongress in Fulda oder der Tagung zum Einfluss von
Religion und Esoterik auf Bildung und Erziehung an der Universität
Trier beteiligt. Auch das neueste Projekt hat nicht zuletzt eine
kommunikative Funktion. Denn im Internet-Buchshop www.denkladen.de
finden sich, neben rund 400 ausführlich kommentierten Büchern zu
Religionskritik, naturwissenschaftlichen Fragen und humanistischer
Philosophie auch Hinweise auf Veranstaltungen oder Aktionen, die für
säkular eingestellte Menschen von Interesse sind. Und jetzt noch der Hinweis auf eine
Veranstaltung: Vom 31.3.-2.4. findet die Frühjahrstagung 2006 der
Humanistischen Akademie Bayern im Karl-Bröger-Zentrum in Nürnberg
statt. Sie hat den Titel "Komm, süßer Tod? Aspekte der
Selbstbestimmung am Ende des Lebens". Kaum ein anderes Thema lässt sich heute aus so
vielen verschiedenen Blickwinkeln beleuchten und kontrovers
diskutieren wie die Sterbehilfe und die Frage nach der
Selbstbestimmung am Ende des Lebens. Die gemeinnützige
Humanistische Akademie Bayern e.V. hat sich deshalb zum Ziel
gesetzt, eine ergebnisoffene Tagung zu organisieren. Den
Teilnehmern soll die Möglichkeit gegeben werden, sich ein
detailliertes Bild zu machen, um zu einer Antwort auf die Fragen,
die um dieses Thema kreisen, zu kommen. Auf der Tagung werden
daher medizinische und rechtliche Fragen ebenso behandelt wie soziologische,
ökonomische, ethnologische oder historische Aspekte. Die Teilnahmegebühr für die Wochenendtagung
beträgt 49 Euro bzw. ermäßigt 39 Euro. Die Anmeldung kann über
das Internet erfolgen unter: www.humanistische-akademie-bayern.de Unsere nächste Sendung können Sie am 23. April hören. Die
Texte dieser Sendung erhalten Sie gegen Erstattung des Portos bei:
bfg Bayern, Postfach, 90730 Fürth. Im Internet sind wir
erreichbar unter der Adresse: www.bfg-bayern.de. Dort finden sie
auch die Veranstaltungen der einzelnen Ortsgemeinschaften. Übrigens,kennen Sie die„Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben
- DGHS“? Eine Gemeinschaft, gegründet vom bfg Bayern. Viele Menschen haben sich in dieser Vereinigung
gefunden, um selbstbestimmend über ihr Schicksal entscheiden
zu können. Sie sind Mitglied in der DGHS, weil sie ihr Selbstbestimmungsrecht auch im Sterbeprozess gewahrt wissen wollen. Sie sind Mitglied in der DGHS,weil sie keine Mutmaßungen und Fremddeutungen bezüglich ihres Willens dulden wollen, wenn sie ihn einmal nicht mehr selbst äußern können. Sie sind Mitglied in der DGHS, damit das Leben bis zuletzt human bleibt. Und hier die Kontaktadresse: Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben e. V. Postfach 11 05 2986030 Augsburg Tel.: 0180 / 591 99 91 Fax: 0821 / 5 02 35 55 Gut,
dass es die
„Deutsche Gesellschaft für Humanes
Sterben“ gibt!
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