Autor: Helmut Steuerwald - Sprecher:Christian Schuler

 

Ludwig Feuerbach  Bayerns bedeutender Philosoph mit Weltgeltung

„Nirgends hat ein Prophet so wenig Ansehen wie in seiner Heimat!“

 

Rundfunkrede vom 11.07.2004

 

 

Einen recht schönen guten Morgen, verehrte Hörerinnen und Hörer!
 

Es mag verwundern, dass zu Beginn freigeistiger Betrachtungen einige Worte  aus den Evangelien – hier nach Lukas  gebracht werden. Nun, dass Propheten – bedeutende Persönlichkeiten – in ihren Heimatländern nicht anerkannt werden: dies hat es immer gegeben. Dies trifft in ganz besonderer Weise auch auf den Philosophen mit Weltruhm Ludwig Feuerbach zu der in Bayern geboren wurde und fast sein ganzes Leben hier verbrachte: Seine Werke sind in alle Kultursprachen übersetzt worden. Seine Ansichten zu Philosophie und Religion  wurden von den großen Philosophen, Religionswissenschaftlern aber auch bedeutenden Politikern und Kulturschaffenden der letzten zweihundert Jahren sehr ernst genommen ob es sich um Friedrich Nietzsche, Richard Wagner, Karl Marx und Friedrich Engels, um Gottfried Keller, Heinrich Heine oder in neuerer Zeit um Martin Buber, Bertrand Russel oder Ernst Bloch handelt. An Feuerbach kommt man nicht vorbei. Auch die gegenwärtige Philosophie, ja auch die Theologie kommt an ihm nicht vorbei. Prof. Werner Schuffenhauer betont mit Recht: „Das Werk des Philosophen, Philosophiehistorikers und Religionskritikers Ludwig Feuerbach bezeichnet in der Philosophie des 19. Jahrhunderts einen Wendepunkt.“

 

In Bayern  laufen die Uhren anders und man versucht Ludwig Feuerbach weiter möglichst totzuschweigen und ihn zu desavouieren, sowohl von kirchlicher wie staatlicher Seite. Hier verbindet man mit dem Namen Feuerbach vor allem den Vater des Philosophen, Paul Johann Anselm Ritter von Feuerbach, der ein bedeutender Jurist war und sich gegen Folter und für ein humaneres Strafrecht einsetzte und Anselm Feuerbach – ein Neffe von Ludwig  der bedeutender Kunstmaler war. Doch: Ludwig Feuerbach selbst, den bedeutendsten Spross der Familie lässt man möglichst links liegen.

 

Ludwig Andreas Feuerbach wurde am 28. Juli 1804 in Landshut geboren. Auf Grund von Versetzungen des Vaters musste die Familie mehrmals umziehen: zunächst nach München, dann nach Bamberg, schließlich nach Ansbach wo Ludwig 1822 sein Abitur machte. Während seiner Schulzeit hatte ihn das Studium der Bibel fasziniert. Er hatte sich deshalb sehr den alten Sprachen Griechisch, Latein und Hebräisch gewidmet und plante Theologie zu studieren. Er begann dieses Studium auch 1823 in Heidelberg. Er zweifelte zunehmend an den Vorstellungen der Theologen und wurde kritischer gegenüber seiner eigenen bisherigen Weltsicht. Dies war der Hauptgrund, warum es ihn nun zum Philosophiestudium zog, und er wurde, dem Zeitgeist entsprechend, Anhänger der Philosophie Georg Wilhelm Friedrich Hegels. Er verließ Heidelberg 1824 und ging zum Weiterstudium nach Berlin.

 

Pragmatische Gründe – der Wegfall von Stipendien und die Notwendigkeit an einer Landesuniversität sein Studium abzuschließen  bewogen Ludwig Feuerbach 1826 Berlin zu verlassen und in Erlangen die letzen Studienjahre  zu verbringen. Außerdem wollte er nun auch zusätzlich empirische Fächer studieren. In diesen Jahren befasst er sich auch sehr mit den Werken Giordano Brunos. Dessen Lehre und Engagement sind für ihn in vieler Richtung Vorbild. Immer kritischer wurden seine  Einstellungen gegenüber den überkommenen religiösen Vorstellungen einerseits, aber auch gegen­über der Hegel´schen Philo­sophie andererseits.

 

Mit seiner Promotion und Habilitation erhielt er dann im Februar 1829 die Genehmigung, als Privatdozent an der Universität Erlangen Philosophie zu lehren. Von 1829 bis 1832 war er dann Privatdozent an dieser Universität.

 

1830 erschien in Nürn­berg anonym sein Werk „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“. In diesem Buch wandte er sich gegen den Unsterblichkeitsglauben und forderte eine diesseitsbezogene Lebenseinstellung. Er griff in dem Werk schonungslos starre pietistische Einstellungen an, zeigte, dass er im Grunde mit dem Christentum bereits gebrochen hatte.

 

Als bekannt wurde, dass das Werk aus der Feder Ludwig Feuerbachs stammte, war es für die Obrigkeit klar, dass man ihm keine Professorenstelle in Bayern übertragen würde. In den folgenden Jahren wurden auch seine Bewerbungen  sämtlich abgelehnt. Feuerbach ließ sich nicht beirren und weitere Werke erschienen in den folgenden Jahren.

 

Anfangs der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts lernte Ludwig Feuerbach Bertha Löw näher kennen. Sie war Tochter eines verarmten Porzellanfabrikanten, der sein Werk im alten Schloss im kleinen Ort Bruckberg hatte. Dieser Ort befindet sich etwa 12 Kilometer von Ansbach entfernt. 1837 kam es zur Hochzeit.

 

Wie Feuerbach später betonte, fühlte er sich auf dem Dorfe wohl, traf sich mit den Bauern, saß mit diesen in der Dorfschenke und hatte wenig Sehnsucht nach den Städten der Umgebung wie Ansbach oder Nürnberg. Er schrieb: „Logik lernte ich auf einer deutschen Universität, aber Optik  die Kunst zu ‚sehen’, lernte ich erst auf einem deut­schen Dorfe.“

 

Glückliche fruchtbare Jahre verbrachte der Philosoph in Bruckberg, und seine wichtigsten Werke erschienen auch in dieser Zeit.

 

1839 erschien Ludwig Feuerbachs  Werk „Zur Kritik der Hegelschen Philosophie“. Der Autor zeigte sich darin bestimmten Anschauungen seines ursprünglich großen Vorbilds gegenüber kritisch.

 

1841 erschien sein bedeutendstes Werk „Das Wesen des Chri­sten­tums“. Mit diesem grundlegenden Werk hat Ludwig Feuerbach größtes Aufsehen in seiner Zeit erregt  Anerkennung wie Kritik. Dieses zentrale Werk des Autors fasziniert bis in die Gegenwart, auch wenn heutzutage sicherlich manches anders gesehen wird und auch anders interpretiert wird. Im Abschlusskapitel des Werkes schreibt er:

 „Wo die Moral auf die Theologie, das Recht auf göttliche Einsetzung gegründet wird, da kann man die unmoralischsten, unrechtlichsten, schändlichsten Dinge rechtfertigen und begründen.“

 

Dass dieses Werk  in einer Zeit der Reaktion, aber auch der zunehmend revolutionären Zeit des Vormärzes großes Aufsehen erregte wundert nicht. Sein anthropologischer Materialismus war bahnbrechend und richtungweisend für die weitere Entwicklung des Materialismus und beeinflusste auch verschiedene andere  philosophischer Richtungen.

Am politischen Geschehen in diesen unruhigen Jahren nahm Ludwig Feuerbach interessiert teil, ohne sich bestimmten Gruppierungen anzuschließen

 

Der junge Karl Marx be­mühte sich bereits 1843 Feuer­bach zur Mit­arbeit für die „DeutschFranzösischen Jahrbücher“ zu gewinnen. Ludwig Feuerbach lehnte dies ab. In den weiteren Jahren kristallisierten  sich dann auch die unterschiedlichen Auffassungen beider Philosophen heraus. Karl Marx und Friedrich Engels stellten vor allem die ökonomischen und gesellschaftlichen Prioritäten in den Vordergrund, im Gegensatz zu Feuerbach, der weiter sein anthropologisches, auf das Individuum ausgerichtetes materialistisches Weltbild vertrat. 1843 erschien seine Schrift: „Grundsätze der Philosophie“. Darin unterstreicht er seine Thesen eines anthropologischen Sensualismus und Materialismus und sieht die Bedeutung des Menschen sowohl als Individuum wie aber auch als Gemeinschaftswesen. So heißt es bei ihm:

Einsamkeit ist Endlichkeit und Beschränktheit, Gemeinschaftlichkeit ist Freiheit und Unendlichkeit…“

Ludwig Feuerbach hat sich stets für die Gleichberechtigung der Frau eingesetzt, und dies in einer Zeit in der das patriarchalische Denken allgegenwärtig war. So schrieb er:
„Lassen wir die Frauen nur auch politisieren! Sie werden gewiss ebenso gut wie wir Männer Politiker sein, nur Politiker anderer Art, vielleicht selbst besserer Art als wir...“

Für den republikanisch eingestellten Philosophen war das Jahr 1848 bedeutend, er engagierte sich in dieser Zeit und unterstützte vor allem die Freiheitsideale und wandte sich gegen halbherzige Beschlüsse der ersten Nationalversammlung.

 

Auf Bitten vieler Studenten hielt Feuer­bach in Heidel­berg Ende 1848 Vor­lesun­gen über „Das Wesen der Reli­gion“. Er hatte ein begeistertes Publikum. Neben etwa hundert eingeschriebenen Hörern konnten ihn dort viele Handwerker und Arbeiter von der Empore des Saales kostenlos hören.

 

Auch der bedeutende Dichter Gottfried Keller besuchte diese Vorlesungen und traf sich mit Ludwig Feuerbach. Er war tief beeindruckt von den  Ideen des Philosophen, was sich auch in seinen weiteren Werken niederschlug.

 

Nach dem Nieder­gang der bürger­lichen Revolu­tion von 1848/49 ging der Philosoph wieder zu­rück in sein Dorf Bruck­berg. In diesen Jahren der Re­pres­sion, der Unter­drückung der kultu­rellen Ent­wick­lungen war für ihn kein Platz im institutio­nalisierten bürger­lichen Kultur­leben. Auch wurde er polizeilich überwacht.

In den letzten zehn Jahren in Bruckberg gab er die Schriften seines Vaters heraus, schrieb aber auch weitere eigene Werke.

1860 verließ Ludwig Feuer­bach mit seiner Fami­lie Bruck­berg, nachdem die Por­zellanmanufaktur 1859 ihren Bankrott erklären musste. Ver­armt zog die Fami­lie nach Nürn­berg. Man hatte eine mietgünstige Wohnung am Rechen­berg, im östlichen Randgebiet Nürnbergs, gefunden. Er lebte in diesem Haus mit Frau und Tochter bis zu seinem Tode.

 

Enge Freund­schaft ver­band Ludwig Feuerbach in den Nürnberger Jahren vor allem mit Konrad Deubler, den ver­kannten österreichischen Bauern­philo­sophen aus Bad Goisern, dem man erst in neue­rer Zeit wieder mehr Be­ach­tung schenk­t. 1865 traf Deubler Feuerbach das erste Mal am Rechenberg. Zu einem Gegenbesuch in Bad Goisern kam es 1867.

Ludwig Feuer­bach fühlte sich stets dem ein­fachen Volk ver­bunden – vor allem den Bauern. Zur Nürnberger Arbeiterschaft fand der Philosoph weniger Kontakt. Allerdings war er bereits ge­sund­heit­lich an­geschla­gen, als er nach Nürn­berg umzog. In den letz­ten Jahren war er häufiger krank, erlitt einige Schlaganfälle, baute ab. Am 13. Sep­tember 1872 ver­starb er mit 68 Jahren.

 

Die Nach­richt seines Todes ver­brei­tete sich in der Bevölkerung Nürnbergs rasch. Die Be­stat­tung am 15. Sep­tember auf dem wunderschönen Johan­nis­fried­hof in Nürnberg wurde zu einer Kund­gebung ohne­glei­chen. Viele tausende Menschen begleiteten den Toten zur letzten Ruhestätte.

 

Zum 125. Ge­burts­tag wurde in einem Auf­ruf, der vom Nürnberger Oberbürgermeister Dr. Luppe und vielen Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft und Politik unterschrieben war, der Bau eines Denk­mals für den großen Philosophen ge­for­dert und Mittel für dessen Er­rich­tung ge­sam­melt. Gegen den Wider­stand der Kirchen, konser­vativer Kräfte und der stär­ker wer­denden Natio­nal­sozia­listen wurde schließ­lich das Denk­mal er­rich­tet und 1930 feier­lich ent­hüllt. Das Denkmal trägt die In­schrif­ten: „Dem Frei­denker Ludwig Feuer­bach zum Ge­dächt­nis 1804 – 1872“ und die Worte des Philosophen:  „Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde“ sowie „Tue das Gute um des Men­schen Willen.“

 

Drei Jahre später, nach Hitlers Macht­ergrei­fung, wurde unter Füh­rung des NaziOber­bürger­mei­sters Liebel das Denk­mal wieder be­sei­tigt.

 

Nach dem Ende der 12jähri­gen Nazi­dikta­tur wurde mit Stadtratsmehrheit beschlossen das Denk­mal wieder zu er­rich­ten. Obwohl das eigentlich ein selbst­ver­ständ­licher Akt der Wieder­gut­ma­chung war, gab es heftigen Widerstand von Seiten der Großkirchen, einiger Sekten und Stadträten der CSU.

 

Nicht nur Philosophen und Wissenschaftler, sondern auch be­deu­tende Künstler und Dich­ter der Vergangenheit wurden von Feuerbachs philosophischem Werk beeinflusst; sie erkannten seine große Be­deu­tung. Auch in der modernen Zeit und der Gegenwart ist dies nicht anders. So schrieb der Schriftsteller Hermann Kesten, Ehrenbürger Nürnbergs und langjähriger Vorsitzender des PEN Klubs:

„Feuerbach war einer der mutigsten Menschen seines Jahrhunderts, der offen aussprach, was die klügsten und freiesten Denker zweier Jahrtausende nur verhüllt und verstohlen anzudeuten gewagt hatten.“      

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag. Lassen Sie mich schließen mit  den Worten Feuerbachs:

„Ich wünsche nur, dass ich die mir ... gestellte... Aufgabe nicht verfehlt habe... Sie aus Gottesfreunden zu Menschenfreunden, aus Gläubigen zu Denkern, aus Betern zu Ar­beitern, aus Kandidaten des Jenseits zu Studenten des Diesseits... gemacht zu haben.“