Ganz Bayern im Papstfieber
Sendereihe 'Positionen'
des
Bundes
für Geistesfreiheit Bayern K.d.ö.R.
AutorInnen:
Rainer
Statz, Dietmar Michalke, Monika Hendlmeier
SprecherInnen: Dr.
Kerstin Pschibl,
Kurt
Raster
Eine
Sendung im Bayerischen Rundfunk, Programm Bayern II, UKW
Sonntag,
3.
Sept. 2006,
7.05 Uhr
Sprecher:
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,
wir
begrüßen Sie zu dieser Sendung des Bundes
für Geistesfreiheit Bayern, kurz bfg. Wenn Sie mehr über den
bfg, seine Grundsätze und Aktivitäten wissen wollen, wenden Sie
sich bitte an die Anschrift, die wir Ihnen am Ende dieser Sendung
mitteilen.
Sprecherin:
„GANZ BAYERN IM PAPSTFIEBER! GANZ
BAYERN FREUT SICH!“
So
lesen wir seit Wochen in den Zeitungen. Auch Rundfunk und
bayerisches Fernsehen überfluten uns mit Vorfreude und
Vorinformationen, mit Reportagen und Rückblicken früherer
Papstbesuche.
Nach der großen öffentlichen Anteilnahme an der Fußball-WM
fragt man sich, ob dieses nächste Event hier in Bayern wirklich
soviel Freude und Begeisterung auslösen wird, wie die Medien uns
jetzt schon erzählen. Zwar ist die Mehrheit der Bayern noch
formell katholisch, aber davon sieht der Pfarrer im Gottesdienst
bestenfalls 10%. Zum Papstbesuch werden einige 100 000 nach München
und Regensburg pilgern, um mit dem Papst zu feiern bzw. in der
Hoffnung, ihn live zu sehen. Tausende Busse und Sonderzüge werden
die Pilger heranschaffen. Ob das aber bayernweit wirklich die große
Anteilnahme und Freude ist? Wir vom Bund für Geistesfreiheit
Bayern kennen jedenfalls viele, die diese große Freude, über die
uns berichtet wird, nicht verspüren.
Der starke Eventcharakter, der sich schon jetzt in den aufwändigen
Vorbereitungen zeigt, gefällt
nicht allen katholischen Kirchenverantwortlichen. Manche befürchten,
dass dieser übertriebene Personenkult auch eine abschreckende
Wirkung haben könnte. „Mehr Bescheidenheit!“ so las man schon
mehrfach in Kommentaren und Überschriften.
Sprecher:
Ganz Bayern freut sich?
Wenn
der katholische Papst in sein katholisches Heimatland kommt,
herrscht bei den dortigen Katholiken nicht nur große Freude.
Viele von Rom geforderte Entwicklungen sind nicht auf Zustimmung
im Kirchenvolk gestoßen.
Für die katholisch orientierte Schwangerschaftsberatung „Donum
Vitae“ ist auf Weisung aus Rom kürzlich von der Deutschen
Bischofskonferenz verfügt worden:
-
sie sei ein privater Verein außerhalb der katholischen
Kirche,
-
sie dürfe weder räumlich im gleichen Haus noch personell
mit der Sozialarbeit der Caritas in Verbindung stehen,
-
die „Gläubigen“ sollen auf die Mitwirkung bei „Donum
Vitae“ verzichten
-
und Personen, die im kirchlichen Dienst stehen, ist die
Mitwirkung ausdrücklich verboten.
Diese
strikte Distanz der katholischen Bischöfe erfolgte auf ausdrückliche
Weisung aus Rom und so ist die Freude über den römischen Besuch
bei den Mitarbeitern und besonders bei den verhinderten Mitarbeiterinnen
durchaus gedämpft.
Da
ist zum Beispiel auch noch die ganz beachtliche
Kirchenvolksbewegung. Das sind reform-orientierte Gläubige in
verschiedenen Organisationen wie: „Wir sind Kirche“ oder
„Kirche von unten“. Sie haben Vorschläge und viele Fragen an
ihr Kirchenoberhaupt. Sie fordern nachdrücklich einen offenen und
ernsthaften Dialog. Sie sehen einen unmittelbaren Zusammenhang
zwischen den versäumten Reformen und den immer noch sehr hohen
Kirchenaustrittszahlen. Zu einem Dialog haben sie überhaupt keine
Chance, sie werden nicht in die Nähe ihres Heiligen Vaters
gelangen können.
Auch
der „Bund der Katholischen Jugend“, die offizielle
Jugendvertretung, wird keine echte Möglichkeit zum Dialog mit dem
Papst bekommen. Beim letzten Papstbesuch sind unvorhergesehen
kritische Fragen gestellt worden, auf die man den Papst nicht
vorbereitet hatte. Diesmal wird so eine Panne dadurch vermieden,
dass man die Wortführer der Jugend auf Abstand hält.
Deutlich
zu kurz kommt auch das Thema der Ökumene. Die Begegnung mit der
Evangelischen Kirche findet fast nicht statt, obwohl es drängende
Probleme zwischen den beiden Konfessionen gibt, zum Beispiel der
geplante ökumenische, das heißt gemeinsame Kirchentag. Da
erinnert man sich an den Herrn Jesus oder besser lateinisch „Dominus
Jesus“, ein päpstliches Lehrschreiben, das deutlich die
Handschrift Ratzingers trägt. Da wurde den reformierten Amtsbrüdern
klar gemacht, dass sie seit Luther gar nicht mehr so richtig eine
Kirche sind nach römisch-katholischem Kirchenrecht. Das schlägt
sich natürlich auch im Programm nieder, wo es eine bescheidene
Begegnung mit evangelischen Bischöfen geben wird, die sich aber
vermutlich in diplomatischer Höflichkeit erschöpfen wird.
Und
dann gibt es da noch eine Gruppe über allen Konfessionen, die
aber auch ein Bekenntnis habt, nämlich das Bekenntnis zu ihrer
gleichgeschlechtlichen Lebensweise. Die sind nun gar nicht
begeistert über die päpstlichen Vorschriften und Bewertungen
ihres privaten Lebens. Homosexualität - sagt der Papst im Jahr
2006 - ist zuftiefst amoralisch und eine schwere Verirrung. Das
empfinden die Schwulen und Lesben als Diskriminierung. Kürzlich
beim Christopher-Street-Day in München haben sie dagegen
demonstriert. Ihre Papstdarstellung, die mit der
Anti-Aids-Solidaritäts-Schleife und mit
Kondomen
garniert war, wurde von der Polizei beschlagnahmt. So ist also
auch in dieser Bevölkerungsgruppe die Freude und das Interesse am
Papst nicht sehr groß.
Sprecherin:
Ganz Bayern freut sich?, fragen wir noch mal.
Vielen wird Freude und Spaß vergehen, wenn ihnen der große
Aufwand und die damit verbundenen Kosten bewusst werden. Für die
drei beteiligten Bistümer werden die Kosten etwa bei 30 Mio Euro
liegen, zahlbar aus Kirchensteuern und Kirchenvermögen. Für den
bayerischen Steuerzahler werden es auch zirka 3o Mio Euro sein,
wir werden es genauer nach dem Besuch erfahren. Übrigens: diese
Kosten tragen gläubige und ungläubige Steuerzahler gleichermaßen.
In diese Bilanz werden nicht mit einfließen die
umfangreichen ehrenamtlichen Arbeiten; aber auch viele andere
Beiträge der Kommunen und halbstaatlichen Organisationen wird man
nicht berechnen können: Verkehrsumleitungen, Absperrungen,
Ambulanzen, Feuerwehrdienste, gewerbliche und private
Verdienstausfälle und vieles mehr. Nicht bilanzierbar sind auch
die vielen persönlichen Einschränkungen, die durch Straßensperrungen
und Umleitungen erforderlich werden, wie das nun mal bei so einem
Großereignis notwendig ist.
München und Regensburg im Ausnahmezustand, das wird nicht
alle Betroffenen erfreuen. Seit Wochen berichten die lokalen
Zeitungen über diese Problemzonen und das gipfelt dann in dem
Ratschlag: am besten daheim bleiben!
Der Bund für Geistesfreiheit sieht das einerseits gelassen;
er ist aber nicht einverstanden mit dem großen Aufwand, mit den
vielen Einschränkungen für die unbeteiligten Bürger und den
enormen finanziellen Belastungen der öffentlichen Kassen für
einen Kirchenfürsten. Das widerspricht unserem
Verfassungsgrundsatz der Trennung von Staat und Kirche. Religion
ist Privatsache und muss auch privat finanziert werden. Wir sind
der Meinung, hier leistet der bayerische Staat ein unangemessenes
Übersoll.
Sprecher:
Ganz Bayern freut sich? Nein!
Denn es gibt da noch die ganz Unfrommen, die Atheisten,
Agnostiker und Konfessionsfreien; das sind im katholischen Bayern
immerhin zirka 25 % aller Mitbürger. Zwar ist nur ein kleiner
Teil
dieser kirchenfernen Menschen in Vereinen oder öffentlich-rechtlichen
Körperschaften organisiert. Sie werden sich aber anläßlich des
Papstbesuches zu Wort melden. Ganz unterschiedliche Organisationen
finden sich da zusammen.
Sie wollen zeigen, dass sie einen anderen Lebensentwurf
haben als den des christlichen Glaubens. Sie folgen einem aufgeklärten
humanistischen Weltbild.
Da die katholische Kirche diese Gruppierungen bewusst nicht
zur Kenntnis nehmen will, möchten diese aus Anlass des
Papstbesuches auf sich aufmerksam machen. Sie tun dies vor allem
in den Hauptstationen der Besuchsreise, in Regensburg und München.
In Regensburg ist am Sonntag, den 10. September auf dem
Haidplatz ab 14.00 Uhr ein buntes Bühnenspektakel mit Musik,
Theater und Kabarett unter dem Motto „Heidenspaß statt Höllenqual“.
In München werden während des „Ausnahmezustandes“
religionsfreie Zonen eingerichtet. Im Kulturhaus „Gasteig“ läuft
vom 10. - 12. September ein umfangreiches Vortrags-, Informations-
und Kabarett-Programm. Die Vorträge sind jeweils um 17.45 Uhr und
das Bühnenprogramm um 20.00 Uhr. Die Veranstaltungen werden
begleitet von einem Presse- und Informationsstand. In den Tagen
vom 13. - 15. September folgt eine Filmserie im Maxim-Kino,
Landshuter Allee. Das Programm endet dann am Samstag, den 16.
September mit einer „Heidenspaß-Party“ im Wirtshaus an der
Isar.
Nach dem Besuchsmotto des Papstes: „Wer glaubt, ist nicht
allein“ haben die Ungläubigen den Spruch geprägt: „Wer nicht
glaubt, befindet sich in guter Gesellschaft“. Gehen Sie mal in
diese religionsfreien Zonen und schauen Sie sich in dieser
Gesellschaft um! Sie sind herzlich eingeladen.
Am 15. 9. ist alles vorbei und dann wird’s in Bayern und
in München wieder ganz normal. Nach so viel himmlischem Spektakel
folgt unmittelbar das ganz irdische Oktoberfest. Da kommen dann
einige Millionen Besucher, damit kennt man sich in München aus.
Und die Bayern sind dann wieder ganz selig in ihrem bayerischen
Wies‘n-Himmel.
Sprecherin:
Die Kirchen genießen in der Öffentlichkeit hohes Ansehen,
weil sie umfangreiche Sozialarbeit betreiben. Uns
Konfessionsfreien wird hingegen oftmals vorgehalten, wir würden
uns nicht annähernd so gemeinnützig verhalten. Diese Behauptung
zeugt von Unkenntnis. Gemessen an der Mitgliederzahl engagieren
wir uns sogar stärker als die Kirchen im sozialen Bereich.
Zur Zeit unterstützt der bfg das weltliche Nesin-Kinderheim
in Istanbul, das von dem türkischen Schriftsteller und Atheisten
Aziz Nesin gegründet wurde. Das Heim ermöglicht ca. 45 Kindern
und Jugendlichen den Besuch staatlicher Schulen oder Universitäten.
In einem liebevollem Umfeld werden die Kinder zu kreativen und
kritischen Menschen erzogen.
Seit langen Jahren unterstützt der bfg das Atheistische
Zentrum in Vijayawada in Indien. Dieses wurde von Mahatma Gandhis
Mitstreiter Gora gegründet. Dieses Zentrum bietet Mitgliedern der
untersten Kaste der Unberührbaren die Möglichkeit, qualifizierte
Berufe zu erlernen. Paare, die kastenübergreifend heiraten wollen
und damit gegen die religiöse Tradition verstoßen, bekommen hier
Unterstützung. Das Atheistische Zentrum bietet Armen auch
medizinische Hilfe. So werden kostenlos Operationen an Kindern
durchgeführt, die an Kinderlähmung erkrankt sind.
Der Bund für Geistesfreiheit betätigt sich aber nicht nur
in fernen Ländern, sondern auch hier gewissermaßen vor der Haustür.
In Neubiberg bei München gibt es das Senioren- und Pflegeheim
Ludwig Feuerbach. Betreiber ist ein Trägerverein, dem der Bund für
Geistesfreiheit Bayern und einige befreundete Verbände wie die
Freidenker angehören. Das Heim wurde benannt nach dem wohl
bedeutendsten atheistischen Philosophen Deutschlands Ludwig
Feuerbach, der in Bayern geboren wurde, lebte und starb. Von
Feuerbach stammt der Ausspruch: „Willst Du Gutes tun, dann tu es
für den Menschen.“ Dieser Satz wurde als Leitspruch für das
Feuerbach-Heim gewählt. Denn es soll der Mensch, und nicht ein höheres
Wesen, sein, der im Mittelpunkt unseres Denkens und Strebens
steht. Das bedeutet, dass der Selbstbestimmtheit gerade von
Pflegebedürftigen so weit wie möglich entsprochen wird.
Hilfeleistungen werden als Hilfe zur Selbsthilfe verstanden mit
dem Ziel, Fähigkeiten der Hilfsbedürftigen zu erhalten oder
wieder herzustellen. Durch eine ganzheitliche Betreuung soll einem
drohenden altersbedingten Sinnverlust und einer
Perspektivlosigkeit entgegen gewirkt werden. Aber das Ludwig-Feuerbach-Heim
ist nicht nur ein Zuhause für seine ca. 140 Bewohner. Es bietet
auch rund 60 Mitarbeitern einen Arbeitsplatz zu üblichen
Standards eines mitbestimmten Betriebes. Das ist im Sozialbereich
keineswegs selbstverständlich. Denn die meisten sozialen
Einrichtungen in Bayern werden von den Kirchen betrieben.
Und diese haben jegliche Mitbestimmung durch die Mitarbeiter
mit Berufung auf den Tendenzschutz unterbunden. Es gibt in
kirchlichen Sozialeinrichtungen keinen Betriebsrat, sondern
allenfalls einen Personalrat, der nur als Bittsteller auftreten
kann. Gewerkschaften, Tarifverträge oder gar Streiks gibt es dort
ebenfalls nicht. Im Ludwig-Feuerbach-Heim hingegen haben wir einen
echten Betriebsrat und einen Haustarifvertrag, der mit der
Gewerkschaft ver.di ausgehandelt wurde.
Weltanschauungsgemeinschaften wie der Bund für Geistesfreiheit
oder die Freidenker könnten ebenso wie die Kirchen den
Tendenzschutz anwenden. Darauf wird jedoch bewusst verzichtet,
denn es soll ja der Mensch im Mittelpunkt stehen, und damit sind
sowohl die Bewohner als auch die Mitarbeiter gemeint.
Sprecher:
Und dazu passend ein Veranstaltungshinweis:
Vom 21.-22 Oktober findet an der TU Berlin die offene Tagung
"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es! - Praktischer
Humanismus in Deutschland" statt. Die zweitägige Tagung wird
ergründen, was den "praktischen Humanismus" gegenüber
etwa den sozialen Angeboten der Kirchen auszeichnet, und dabei
zugleich einen Überblick über die vielfältigen sozialen Aktivitäten
von Humanistinnen und Humanisten in Deutschland geben.
Informationen zur Tagung finden sich im Internet unter
www.praktischer-humanismus.de/
Sprecherin:
Unsere nächste Sendung wird am 15. Oktober ausgestrahlt.
Die Texte dieser Sendung können Sie gegen Erstattung des Portos
erhalten bei: bfg Bayern, Postfach, 90730 Fürth. Im Internet sind
wir erreichbar unter der Adresse:
www.bfg-bayern.de.
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