Humanismus: Es lebe Vernunft und Toleranz
Zu der Weltanschauung des Lebens ohne Gott
Autor und Sprecher: Hugo Molter
Guten Morgen, werte Hörerinnen und Hörer!
„Was ist euer Humanismus?“, werden wir immer wieder gefragt. Bevor ich versuche, darauf eine Antwort zu geben, erscheint es mir sinnvoll, den Philosophen Ludwig Feuerbach zu zitieren, der mit seiner Kritik am Christentum und seiner materialistischen lehre die freigeistige Bewegung am stärksten beeinflusst hat. Feuerbach legt in seinen legendären Heidelberger Vorlesungen in den Revolutionsjahren 1848/49 ein klares Bekenntnis zum Atheismus ab.
Die Leugnung der Existenz Gottes sei positives Denken, meinte der Philosoph aus Franken. Der Atheismus gibt Natur und Menschheit die Bedeutung und Würde wieder, die man ihr durch den Glauben an eine göttliche Wirklichkeit genommen habe. Feuerbach sagte: „Allein die Verneinung des Jenseits hat die Bejahung des Diesseits zur Folge. Die Aufhebung eines besseren Lebens im Himmel schlisst die Forderung in sich: Es soll, es muss besser werden auf der Erde.“
Mit anderen Worten: Der atheistische Philosoph Feuerbach bricht eine Lanze für den Zweifel, indem er die Wahrheit sucht. Aber die Skepsis allein charakterisiert nicht den wahren Humanismus. Gepaart ist diese mit Toleranz – Widerpart dogmatischer Denkweisen.
Dabei muss immer wieder in Erwägung gezogen werden, wie man sich zu der positiven Substanz einer religiösen Weltanschauung verhält. Im atheistischen Humanismus – einem Kind der Aufklärung – gehört jedoch vorderhand das Bestreben, „den Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu befreien“, zu den wichtigsten Anliegen. Freigeister und Freidenker prädestinieren sich durch die Relevanz ihrer Vernunft für Religions- und Dogmenkritik. Christen behaupten, ihre Religion offenbare die Wahrheit – der Atheist wehrt sich gegen einen solchen totalitären Anspruch. Seine Erfahrung ist, dass auch die eigene Erkenntnis niemals ausreicht, um die Welt als Ganzes zu erklären.
Für den Philosophen Joachim Kahl zum Beispiel hat im Atheismus jede Aussage über die Welt als Ganzes“ lediglich den „erkenntnistheoretischen Status einer metaphysischen Hypothese, die, unterhalb der Ebene unmöglicher Beweisbarkeit, argumentativ gestützt oder empirisch entkräftet werden kann“. Anders herum gesagt: Man kann durch Verknüpfung verschiedener Erkenntnisse die Welt als Modell konstruieren, einen Gesamtcharakter zu erkennen versuchen, doch niemals dazu gelangen, diesen als Wahrheit festzustellen.
Der Atheismus bildet also nur Ausschnitte der Wirklichkeit ab und setzt sich dadurch der Widerlegbarkeit aus. Kahl sieht in dieser „Begrenzung des Anspruchs“ die „heilsame Korrektur eines fundamentalistischen Selbstmissverständnisses“. Im Gottesglauben aber habe der „privilegierte Erkenntnisgewinn durch Offenbarung, Heiligen Geist und heilige Schriften“ zur Folge, dass eine „höhere Einsicht“ geopfert werden müsse.
Dass der Gottesglauben den Härtetest der Wirklichkeit schon längst nicht mehr unbeschadet übersteht, verdeutlicht Kahl am Psalm 23 und den realen Erfahrungen, die Christen und Juden mit diesem klassischen Bekenntnis gemacht haben. Nach der Übersetzung von Martin Luther heißt es in diesem Psalm:
„Der Herr
ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er weidet
mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.
Er erquicket
meine Seele; er führet mich auf rechter Straße um seines Namen Willen. Und ob
ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist
bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
Du bereitest
vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkest mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen ein Leben lang, und ich werden bleiben im Hause des Herrn immerdar.“
Egal wie dieser Text historisch-kritisch ausgelegt oder sinnbildlich erklärt wird, er ist angesichts der jahrhundertelangen Feindschaft zwischen Christentum und Judentum eine zwiespältige Sache, „ein Selbstbetrug“, wie Kahl meint.
„Religiöser Glaube ist Heilsgewissheit, hoffender Glaube und gläubige Hoffnung auf die behütende, bewahrende, erlösende Kraft göttlichen Eingreifens hier und jetzt und in aller Zukunft – und allen Umständen, in allen Widrigkeiten.“ Dem stellt der ehemalige Theologe Kahl den undogmatischen, skeptischen Atheismus gegenüber, der „keine Heilsgewissheit, freilich auch keine Unheilsgewissheit“ kennt. Er sinne auf „ein menschenwürdiges Leben diesseits von Himmel und Hölle“.
Der sich zu einem undogmatischen Atheismus bekennende Humanist versteht sich nicht als alleiniger Anführer und unanfechtbarer Garant eines geistigen Befreiungskampfes. Denn fundamentalistische Erlösungsvorstellungen und messianischer Eifer sind ihm völlig fremd. Humanisten wollen gläubige Menschen nicht bekehren. Für sie ist der Diskurs und der friedliche Ideenaustausch der Menschen das Wichtigste.
Toleranz ist der Schlüssel für die humanistische Lebensweise. Daher wird erklärbar, warum Freigeister und Freidenker sich vehement für die weltweite Verwirklichung der Menschenrechte einsetzen. In seinem Leben legt der Humanist großen Wert auf Individualität, auf Selbstverantwortung und Offenheit. Er folgt einem Gewissen, das in der elterlichen Erziehung und den eigenen Lebenserfahrungen wichtige Quellen hat.
Gewissen hat jeder Mensch. Dass es erst durch religiöses Denken und Handeln entsteht, kann man getrost verneinen. Dazu schrieb unlängst der Hannoveraner Humanist Jürgen Gerdes: „Weder sind die meisten Verbrecher religionslos, noch gelten die meisten Wohltäter der Menschheit als tief religiöse Menschen.“
Historisch versteht sich der weltliche Humanismus stets auch als eine Bewegung, die gegen ideologische Einengung antritt. Die weder den Teufel, noch Hölle oder Paradies, weder Wunder, Heilige oder Sünden für reale Dinge halten. Wer Regeln bricht oder gegen gesellschaftliche Normen verstößt, hat womöglich die Gesetze übertreten. Dafür ist eine irdische Gerichtsbarkeit da, die durch keine jenseitige Instanz der Buße, Reue oder Verdammnis ersetzt werden kann.
„Die Zukunft steht nicht mehr im Zeichen der umfassenden Gewissheit – höchstens in dem der begrenzten Hoffnung“, schrieb einmal der Zukunftsforscher Ossip K. Flechtheim. Er fuhr fort: „Der Fortschrittler glaubt, der Mensch brauche nur einmal den Himalaja zu bezwingen, um dann ewig auf Bergesgipfeln verweilen zu dürfen; der Konservative findet sich damit ab, dass der Mensch ständig im Tal bleiben müsse. Der Humanist weiß, dass der Mensch immer wieder mühsam neue Höhen ersteigen muss – nur um zu erkennen, dass er doch immer wieder erst ein Vorgebirge erklommen hat, hinter dem sich steilere Gipfel auftürmen. Die letzte Spitze erreicht der Mensch nie. Aber wenn er auch nur als Mensch leben und überleben will, muss er das Tal verlassen und die Höhenwanderung wagen.“
Flechtheim zielt damit ab auf die „Holzwege“, die „romantische Konservative“ und „Traditionalisten“ der Menschheit offeriert haben. Die Humanisten seien in ihrem Gesellschaftsbild zwar an den Forschungsergebnissen der Wissenschaft orientiert. Aber dennoch erscheine ihnen die Geschichte der Menschheit „nicht einfach als stetiger Fortschritt zum Größeren und Besseren“. Mehr noch: Das „Gewicht der emotional-unbewußten Strebungen des Menschen“ sowie die „Bedeutung seiner individuell-traditionalen Kulturwerte“ werde heute deutlicher wahrgenommen und mit Verständnis beachtet.
Und dennoch ist die humanistische Lebensweise abhängig von den jeweils konkreten gesellschaftlichen Bedingungen, muss sich entwickeln nach den jeweiligen sozialpolitischen Zusammenhängen. Andererseits kann jedoch aus dem Alltagsgeschäft keine dauerhafte und weise Perspektive erwachsen, die zu einem sinnvollen Leben führt.
Auf diese Herausforderung versuchte der amerikanische Philosoph und ehemalige Vorsitzende der Internationalen Humanistischen und Ethischen Union, Paul Kurtz, eine Antwort zu geben. Der Professor aus Buffalo meinte: „Humanisten haben sich zu allen Zeiten für unpopuläre Forderungen eingesetzt und waren oft die entscheidende Kraft für gesellschaftliche Reformen. Sie haben gegen die Theokratien gekämpft und für eine Trennung von Staat und Kirche argumentiert. Sie haben kritisches Denken und wissenschaftliche Sexualerziehung gefordert. Sie haben für das Recht auf Abtreibung und Sterbehilfe plädiert. Sie haben die Rechte der Frauen und die Schwulenbewegung unterstützt. Sie haben sich gegen Antisemitismus und Rassismus gestellt. Sie haben jeglicher Zensur von Kunst und Literatur Widerstand geleistet. Sie haben sich für Toleranz und gegen Gewaltanwendung ausgesprochen und die Kunst vervollkommnet, Streitigkeiten durch Kompromisse und Verhandlungen zu lösen. Sie haben sich gegen Sklaverei und Beschneidung gestellt,“ sagt Kurtz.
„Die Liste der Dinge ist lang“, fährt der US-Philosoph fort. „Sie haben den Aufbau von internationalen Institutionen gefördert, sich für eine Unterstützung der Dritten Welt und ein Ende von Armut und Mangel eingesetzt. Humanisten haben für den Schutz des ökologischen Systems gekämpft.“ Ende des Zitats.
Kurtz räumt ein, dass Humanisten kein Monopol auf diese vorgenannten Anliegen haben. „Sie wurden auch von anderen Personen oder Gruppen mit denselben guten Absichten verfolgt.“ Aber das entscheidende Merkmal für den Humanismus ist eindeutig die Vernunft. Vor allem verteidigen Humanisten die freie Meinung, setzen sich ein für Demokratie und Freiheit.
Doch die Einübung demokratischer Kultur und Lebensformen ist keine Einbahnstraße. Mobilisierungsfähigkeit bewirkt der Humanist auch nicht, wenn seine Suche nach Wahrheit, sein Streben nach Gerechtigkeit und seine Kreativität nur im Verborgenen blühen. Ohne Streit, ohne Konflikt und ohne Argumentations-Austausch auch mit Andersdenkenden ist Entwicklung nicht möglich und können keine Probleme gelöst werden. Allerdings gibt es für friedliche Auseinandersetzungen Regeln, so wird die öffentliche Debatte, wenn sie Sinn machen und die Beteiligten in der Erkenntnis voranbringen soll, immer vom Prinzip der Gleichberechtigung bestimmt sein müssen.
Die humanistische Toleranz wird jedoch auf eine harte Probe gestellt, wenn Diskussionen geführt werden sollen mit religiösen Fundamentalisten, die – so der Berliner Sektenexperte Ulrich Tünsmeyer – einem „ideologische Absolutismus“ verschworen sind und die Idee der universellen Menschenrechte, die auf der persönlichen Würde und Freiheit eines jeden Einzelnen beruhen, ablehnen. Bereits der Aufklärer Voltaire forderte dazu auf, vor „diesem Übel“ die Flucht zu ergreifen und „abwarten, dass die Luft wieder rein wird“. Nach Voltaire gibt es „gegen diese epidemische Krankheit, den Fanatismus, kein Mittel als den Geist der Philosophie, der allmählich die Sitten der Menschen besänftigt.“
Fanatismus ist „Inhumanität im Namen hoher Ideale“ – so sieht es der Philosoph Hubert Schleichert, ein Denker unserer Zeit. Das bedeutet, die Toleranz hat keine Chance. Fundamentalisten fühlen sich im Besitz der „reinen Wahrheit“, verurteilen alle anderen Denkweisen als „falsche Lehren“. Das mit Argumenten zu widerlegen, ist jedoch schwer, weil Religionen Argumente nicht gelten lassen, sondern nur ihren Glauben.
Eine offene Diskussion, die sich auf Vernunft gründet, fällt damit aus. Aber wie soll man sich verhalten, wenn man im Sinne Feuerbachs dafür streitet, damit es „besser werde auf der Erde“? Schleichert sieht in der Auseinandersetzung mit dem Fanatismus nur die Möglichkeit des „subversiven Denkens“. Er fordert Freigeister und Freidenker auf, über die Ideologie von Fundamentalisten genauer zu informieren, ihre Probleme, Seltsamkeiten und Abstrusitäten umfassender darzustellen und dazu humanistische Alternativen aufzuzeigen.
Denn, so der Philosoph wörtlich: „Ideologien, Religionen, Schwärmereien, Visionen, Dogmen, Doktrinen, Glaube und Aberglaube, Orthodoxien, Häresien und was es dergleichen auch immer geben mag, die zur Verletzung der Menschenrechte anleiten oder dieselben verharmlosen, soll man attackieren – auch dann, wenn sie sich lammfromm geben. Die Erfahrung lehrt, dass man in diesen Dingen überhaupt nicht misstrauisch genug sein kann.“
Zur Vernunft als gemeinsame Basis menschlicher Kommunikation gibt es keine Alternative. Sie verächtlich zu machen, sie zu relativieren, darf niemand gelingen. Toleranz und Dialog, Argumente und Zweifel sind durch nichts ersetzbar.