| 08.01.2006
BFG
Bayern Pressereferat Angeblicher Trend zu einer „neuen Religiosität“: Belegbare Tatsache oder propagandistische Seifenblase ?
Am Jahresende 2005 wurde immer wieder - sogar vom Vorsitzenden der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, und dem EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Huber - eine Hinwendung zu Kirche und Religion beschworen. Als Begründung dienten rückläufige Austritte und zunehmende Eintritte. Außerdem wurde auf das große Interesse am alten wie am neuen Papst sowie am Weltjugendtag und der Einweihung der Dresdener Frauenkirche verwiesen.
Tatsächlich weisen die eben publizierten Kirchendaten für 2004 einen Rückgang der Kirchenaustritte auf (netto, d.h. nach Abzug der Eintritte) rund 190.000 aus, wovon 90.000 auf die katholische und 100.000 auf die evangelische Kirche entfallen. Das sind rund 50.000 weniger als in 2003, doch anders als z.B. bei der Arbeitslosenstatistik handelt es sich hier stets um neue Austritte handelt, die die Masse der Ausgetretenen - seit 1970 immerhin 11 Mio. brutto und 9,5 Mio. netto - zusätzlich anschwellen lassen. Die neuen Daten belegen also einen gebremsten Abschwung, nicht aber einen Aufschwung der Kirchen.
Daneben haben die Kirchen 2004 durch den Generationenwandel, d.h. die Differenz aus Todesfällen und Säuglingstaufen, noch mehr als durch Kirchenaustritte eingebüßt, so dass sie insgesamt 410.000 Mitglieder verloren haben. Und der rückläufige Gottesdienstbesuch - auf katholischer Seite erstmals unter 15 Prozent der Kirchenmitglieder - lässt nicht gerade auf einen Boom schließen. Auch die Beteiligung am Weltjugendtag lag weit unter den Erwartungen: Von den 405.000 (statt der geplanten 800.000 bis eine Million) Dauerteilnehmern kamen nur 105.000 aus Deutschland, von denen noch ein Drittel auf Priester, katholische Verbandsfunktionäre und sonstige eingeladene Gäste entfiel. Von den 14 Millionen Deutschen zwischen 12 und 30 Jahren nahmen also knapp 0,5 % teil.
Was sich tatsächlich bestätigen lässt, ist das zunehmende mediale Interesse an religiösen oder kulturellen Events; das lässt aber keine Rückschlüsse auf eine neue (christliche) Religiosität zu. Wollte man davon überhaupt sprechen, dann allenfalls in kleinen Zirkeln außerhalb der Amtskirchen. Realistisch ist indes die Analyse des EKD-Experten Schloz, der von einem Schwund der Protestanten um ein Drittel bis 2030 ausgeht, d.h. von 31 auf ca. 22 % der (leicht schrumpfenden) Bevölkerung. Da die katholischen Einbußen bei etwa zwei Dritteln der evangelischen liegen, prognostizieren Experten auch dort bis 2030 einen Rückgang von derzeit ebenfalls 31 auf höchstens 26 %.
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