[Logo der Giordano Bruno Stiftung] Computerfax vom 19. 4. 2005„Medien beugen sich dem Druck der Kirchen“
“Giordano
Bruno Stiftung fordert „weltanschauliche Fairness“ in den Medien und
legt anlässlich aktueller Fälle medialer Selbstzensur Beschwerde bei den Rundfunkräten der ARD
ein An die Intendanten und Rundfunkräte der ARDBESCHWERDE Die Giordano Bruno Stiftung legt hiermit offiziell
Beschwerde gegen die„weltanschaulich schiefe Berichterstattung“ der
ARD ein. Obgleich es in Deutschland mittlerweile mehr
Konfessionslose (32,4 Prozent) als katholische oder evangelische Christen
(31,0 bzw. 30,9%) gibt, musste die Stiftung wiederholt feststellen, dass
die Redaktionen insbesondere der öffentlich-rechtlichen Fernseh- und
Rundfunkanstalten dazu neigen, sich dem Druck der Kirchen zu beugen bzw.
in ängstlicher Erwartung eines solchen Drucks voreilig zu resignieren. Mit Bedauern hat die Stiftung zur Kenntnis genommen,
dass derzeit nahe zu keine deutsche Redaktion den Mut aufbringt,
ernstzunehmende Religionskritiker in ihre Sendungen einzuladen. Wenn dies
ausnahmsweise doch einmal geschieht, so führt dies mit erschreckender
Regelmäßigkeit zu seltsamen„Komplikationen“: Dem religionskritischen
Experten wird kurz vor der Aufzeichnung„mit großem Bedauern“
mitgeteilt, dass er „aufgrund unvorhersehbarer redaktioneller
Umstrukturierungen“ leider doch nicht an der Sendung teilnehmen könne. „Komplikationen“ dieser Art musste jetzt auch
der renommierte Schriftstellerund Kirchenkritiker Karlheinz Deschner („Kriminalgeschichte
des Christentums“) erleben, der am 19. April zur Sendung „Menschen
bei Maischberger“ (Ausstrahlung: ARD, 23.00 Uhr) eingeladen war.
Deschner, ausgezeichnet u.a. mit dem Arno-Schmidt-Preis, dem Alternativen
Büchnerpreis sowie (als erster Deutscher nach Sacharow und Dubcek)
mit dem International Humanist Award, hielt bereits die vom Sender
zugestellten Fahrkarten in der Hand, als ihm am Mittag des 18. April
telefonisch abgesagt wurde. Aus informierten Kreisen war zu hören, es
habe „harte redaktionelle Debatten“ gegeben. Allem Anschein nach war
an diesen Debatten auch der zur Sendung geladene Hamburger Weihbischof
Hans-Jochen Jaschke beteiligt, denn im Verlauf eines klärenden Gesprächs
mit Deschner fiel ein Satz, den Religionskritiker hierzulande nur allzu
gut kennen: „Die katholische Kirche setzt sich nicht mit jedem an den
Tisch!“ Mit exakt derselben Formulierung hatte sich wenige
Monate zuvor bereits Bischof Franz Kamphaus aus der Affäre gezogen. Der
Limburger Oberhirte weigerte sich damals, dem zur Sendung „Talk vor
Ort“ (Ausstrahlung: hr3,11.11.04, 20.15 Uhr) eingeladenen
religionskritischen Philosophen Michael Schmidt-Salomon gegenüberzutreten.
Auch die kirchenkritische Theologin Uta Ranke-Heinemann wollte er als
Diskussionspartnerin nicht akzeptieren. Kamphaus machte der Redaktion des Hessischen
Fernsehens unmissverständlichklar, dass er nur unter der
Voraussetzung kommen werde, dass die beiden Religionskritikerzuhause
blieben. Wie so häufig, verfehlte auch hier der bischöfliche
Erpressungsversuch seine Wirkung nicht – und so konnte sich
Kirchenvertreter Kamphaus am Ende zufrieden mit der Sprecherin der
Kommunistischen Plattform der PDS, Sahra Wagenknecht, „an den medialen
Tisch setzen“. Dass ihm dies weit angenehmer war, als ausgewiesenen
Experten zu begegnen, ist verständlich, schließlich hatte Kamphaus so
keine fundierten religionskritischen Argumente zu befürchten. Da es sich bei den angesprochenen Fällen nicht um Ausnahmen,
sondern um die Regel handelt, hat die weltanschauliche
Schieflage in der medialen Berichterstattung mittlerweile derart groteske
Formen angenommen, dass mäßigkritische Christen wie Heiner Geißler,
Hans Küng, Eugen Drewermann oder Franz Alt dem Publikum schon als
Inbegriff der Religionskritik erscheinen müssen! Während diese vier
„Alibi-Kritiker“ seit Jahren von einer Talkshow zur anderen tingeln,
ist von echten, konsequenten Vertretern der Aufklärung (ja, auch diese
gibt es!) im deutschen Fernsehen nichts zu sehen. Wie verheerend sich ein
solches Fehlen kritischer Stimmen auswirkt, wurde insbesondere in der
Berichterstattung zum Papsttod deutlich. Gewiss: Die Wurzeln für die kritisierte
weltanschauliche Schieflage liegenweniger bei den Redakteuren, die (unter
vorgehaltener Hand!) für säkulare Positionen meist recht aufgeschlossen
sind, sondern vielmehr in dem „Systemstruktureller Gewalt“, dem
Journalisten Tag für Tag ausgesetzt sind. Deshalb richten sich die
Forderungen der Giordano Bruno Stiftung auch nicht an Sandra Maischberger
& Co, sondern an die medienpolitisch Verantwortlichen in
Deutschland! Sie sind aufgerufen, Rahmenbedingungen und Richtlinien
zuformulieren, die zur längst überfälligen Herstellung
weltanschaulicher Fairness in den Medien beitragen können! Das entspräche
auch der ständigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts zum Gebot
des Meinungspluralismus mit angemessener Berücksichtigung der Interessen
aller wesentlichenweltanschaulichen Gruppen. Nach diversen repräsentativen
Umfragen bezeichnen sich schon etwas mehr als 50 % der Gesamtbevölkerung
als „nichtreligiös“. Da kann es nicht angemessen sein, wenn die
Interessen nichtreligiöser Menschen fast vollständig ignoriert werden. In Bezug auf die notwendige Umstellung der
Medienpolitik sollten u.a. die folgenden fünf Punkte beachtet werden: 1.
Wenn Vertreter der Kirchen oder
anderer Religionen zu Diskussionen im Rundfunk oder im Fernsehen
eingeladen werden, sollte es angesichts des hohen Bevölkerungsanteils
der Konfessionsfreien bzw. Nicht-religiösenselbstverständlich sein, dass
auch Vertreter des säkularen Spektrums an den Debatten teilnehmen. 2.
2. Sofern es führende Angehörige der Kirchen
weiterhin ablehnen, gemeinsam mit religionskritisch argumentierenden
Experten aufzutreten, sollte in Zukunft jedem Beteiligten klar sein, dass
derjenige zuhause bleiben muss, der die Debatte verweigert, -- nicht
derjenige, der sich kritischen Argumenten stellen will. 3.
3. Künftig sollte offen kommuniziert und
nicht schamhaft verschwiegen werden, wer aus welchen Gründen den Diskurs
mit wem verweigert. Die Öffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren, wer
die rationale Diskussionseiner Positionen fürchtet. 4.
4. Die besonderen Sendeplätze, die den Kirchen im
öffentlich-rechtlichen Rundfunk zugebilligt werden, müssen entweder
gestrichen werden oder durch säkulare ergänzt werden. Vor allem ist das
Spektrum der allgemeinen Programmgestaltung von seiner Einseitigkeit zu
befreien. 5.
5. Um zu gewährleisten, dass obige Richtlinien in
die Praxis umgesetzt werden, sollten die Verhältnisse in den Rundfunkräten
so beschaffensein, dass Kirchen und Konfessionsfreie dort in dem Verhältnis
vertreten sind, der ihrer Verteilung in der Gesellschaft entspricht. Im Namen der Giordano Bruno Stiftung Dr. Michael Schmidt-Salomon Mastershausen, 19.4.2005 [Logo
der Stiftung] Stiftungssitz/Giordano Bruno Akademie
Johann Steffen Str. 1 D-56869 Mastershausen www.giordano-bruno-stiftung.de Politische Geschäftsführung Dr. M. Schmidt-Salomon Monter Wiese 27 54309 Butzweiler Telefon: 06505/99053 Fax: 06505/99054 Email: salomon@giordano-bruno-stiftung.de Vorstand Herbert Steffen, Dr. Michael Schmidt-Salomon Kuratorium Ingrid Binot, Dr. Carsten Frerk, Prof. Dr. Hermann J. Schmidt Beirat Prof. Dr. Dr. Hans Albert, Wissenschaftstheoretiker; Dr.
Martin Brüne, Neurologe/Psychiater; Prof. Dr. Franz Buggle, Entwicklungspsychologe;
Dr. Gerhard Czermak, Jurist; Dr. Carsten Frerk, Politologe; Dr.
Mynga Futrell, Publizistin; Prof. Dr. Dr. Eric Hilgendorf, Jurist;
Ricarda Hinz, Dokumentarfilmerin; Prof. Dr. Dr. Norbert Hoerster, Rechtsphilosoph;
Prof. Dr. Bernulf Kanitscheider, Naturphilosoph; Prof. Dr. Günter
Kehrer, Religionssoziologe; Max Kruse, Schriftsteller; Prof.
Dr. Ulrich Kutschera, Evolutionsbiologe; Prof. Dr. Ludger Lütkehaus,
Philosoph; Dr. Martin Mahner, Biologe; Prof. Dr. Johannes
Neumann, Soziologe; Prof. Dr .Hermann J. Schmidt, Philosoph;
Prof. Dr. Wolf Singer, Hirnforscher; Prof. Dr. Volker Sommer, Anthropologe/Primatologe;
Prof. Dr. Gerhard Streminger, Philosoph; Jacques Tilly, Bildhauer;
Rüdiger Vaas, Wissenschaftsjournalist; Prof. Dr. Dr. Gerhard
Vollmer, Physiker/Philosoph; Prof. Dr. Franz Wuketits, Evolutionstheoretiker/Zoologe www.giordano-bruno-stiftung.de
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