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Am
14.7.2007 veranstaltete der Gesprächskreis der "Säkularen
Humanisten" in Neuburg eine Podiumsdiskussion über das Thema
„Haben Religionen eine Zukunft?“ Dabei sollten die 4 Redner das ganze
Spektrum der Meinung vertreten von „Religionen wird es immer geben“
bis „Religionen werden verschwinden“. Die Redner gaben dabei nicht
ihre persönliche Meinung wieder.
Es kam vielmehr darauf an, sich
in die jeweilige Position hinein zu versetzen und die Argumente dafür
heraus zu arbeiten. Haben Religionen eine Zukunft? Unterschiedliche
Auffassungen dazu diskutierte der Gesprächskreis der "Säkularen
Humanisten" Natürlich konnte darauf niemand eine
endgültige Antwort geben. Die kontroversen Auffassungen dazu wurden aber
intensiv diskutiert. Vier einführende Referate stellten die verschiedenen
Gesichtspunkte dieses Themas dar. Seit
gut vier Jahren besteht nun dieser von Prof. Dr. Vallabh Patel gegründete
atheistische Gesprächskreis. Patel
hielt dazu auch das erste Referat und stellte dabei Positionen aus der
Sicht von Religionsbefürwortern dar. Religiosität ist
demnach nicht nur sehr alt, wie z. B. Höhlenmalereien vermuten lassen;
auch ca. 90 % der heutigen Menschheit sei religiös (Bild der Wissenschaft
2/2007). Fundamentalistische Tendenzen im Islam und christliche
Kreationisten in den USA hätten großen Zulauf. Die in Deutschland zu
beobachtenden Kirchenaustritte seien häufig nicht auf atheistische
Anschauungen zurück zu führen, die Leute sparen sich schlicht die
Kirchensteuer. Sie würden aber in mancher Weise gläubig bleiben. Spiritualität
(Neigung zur Mystik etc.) habe, so Patel, auch eine genetische Komponente,
das meinten jedenfalls etliche Forscher. Hinzu käme, so der Referent, ein
starkes Schutz- und Trostbedürfnis vieler Menschen, v. a. angesichts der
rasanten Veränderungen heute und in der Zukunft. Schließlich
würden Religionen auch disziplinierend wirken, was für das Gemeinwohl bedeutend
sei. Belohnung und Strafe, also Himmel und Hölle, Wiedergeburt in einer höheren
oder niedrigeren Kaste würden auch künftig den menschlichen Egoismus
wirksamer zügeln als irdische Gesetze. Sein Fazit: Künftige Religionen mögen
anders aussehen als heute, als Phänomen würden sie aber bleiben. Aus
psychologischer Sicht beleuchtete Rainer Hamp als zweiter Referent das
Thema. Zwei Aspekte sah er
dabei als wesentlich an: 1.
die Entwicklung eines Bewusstseins und 2.
die Tatsache, dass der Mensch ein Gemeinschaftswesen ist. Je
stärker sich das Bewusstsein aus dem Unbewussten löste, desto klarer
wurde dem Menschen, dass er sich in einer höchst
"ausgesetzten", existenzgefährdeten Position in der Welt
befindet. Er hatte vom "Baum der Erkenntnis gegessen" und begann
nach dem "Woher", "Wozu" und "Wohin" zu
fragen. Eine Antwort darauf gibt es bis heute nicht. Weil der Mensch aber
fantasiebegabt ist, entwickelte er Erklärungsmodelle, in denen er seine
eigene Beseeltheit auf die Naturkräfte, schließlich auf ein allmächtiges
Wesen übertrug. Hinzu kommt, dass das Gemeinschaftswesen Mensch Autoritäten
akzeptiert und gerne dazu neigt, Verantwortung scheinbar Mächtigeren zu
überlassen. Bewusstsein gebar Unsicherheit
und eine Sehnsucht nach Sicherheit und endgültiger Wahrheit. All
dies führte zu Religiosität, so Rainer Hamp. Sein Fazit: Der Mensch ist
wohl in der Lage Ungewissheit zu akzeptieren und sein Leben selbsbewusst
zu gestalten. Dieser Idealzustand wird
aber nur von Wenigen akzeptiert werden. Die meisten Menschen werden nach
Auffassung des Referenten auch künftig Sicherheit und Endgültigkeit in
Religiosität suchen. Gerhard
Rampp (bfg Augsburg) stellte die Rahmenbedingungen dar, unter denen nach
seiner Auffassung Religiosität verschwinden werde. Letzter
Referent war der neu gewählte Vorsitzende des bfg in Bayern, Dietmar
Michalke. Er stellte zunächst
dar, dass und wie Religion in Vergangenheit und Gegenwart zur Stütze und
Legitimation autoritärer Herrschaft genutzt wurde. Die Zukunft gehöre
aber im Zeichen globalen Zusammenwachsens der Demokratie, weil sie am
konfliktärmsten sei. Außerdem nähmen Wissenschaft und Technik rasant
zu. Wissen ersetze Scheinwissen und schade den Religionen. Regierungen würden
durch das Volk gewählt und brauchten keine göttliche Legitimation mehr.
Die Folge wäre, so Dietmar Michalke, dass Jahwe, Gott und Allah denselben
Weg ins Museum nähmen wie z. B. die antiken Götter. In
der abschließenden Diskussion wurde explizit darauf hingewiesen, dass Unmündigkeit
und Abhängigkeit nach dem Kant'schen Imperativ vom Menschen selbst
verschuldet werden. Dagegen helfe nur, wie der Augsburger Psychotherapeut
Ingo Wolf Kittel meinte, die Erziehung des Menschen zur Selbständigkeit -
von Kindheit an. Dann würde Religiosität hinfällig. Warum die Religionen nicht vergehen werden Es lief einmal ein prächtiges Kamel in der Wüste. Ein Fuchs begleitete es. Wenn das Kamel läuft, wabbert seine dicke Unterlippe ´rauf und ´runter. Der Fuchs schaute sehnsüchtig auf die saftige Unterlippe in der Hoffnung, dass diese bald hinunterfällt und er sie verspeisen kann. Dieser Wunsch erfüllte sich natürlich nicht. Sie,
meine verehrten Atheisten und Agnostiker, Ihr Wunsch, Hoffnung oder
Glauben, dass die Religionen eines Tages verschwinden werden, wird sich
ebenso wenig erfüllen, wie die des Fuchses. Warum das so ist, möchte ich
heute erläutern. Dafür gibt es mehrere begründete Argumente. Welche
sind diese? 1. Die
uralten Höhlenmalereien und bis 3500 Jahre alten Figuren aus Elfenbein
geben uns Anlass zur Annahme, dass hier religiöse Praktiken durchgeführt
wurden. Möglicherweise existierten sie zuvor schon bei Bestattungsriten,
Schädelkulten und dem rituellen Verzehren des Fleisches vom Verstorbenen.
All das hatte, wie archäologische Funde zeigen, bereits der Neandertaler
und vielleicht noch früher der Homo erectus praktiziert. In der
Geschichte der Menschheit bis zum heutigen Tag gab und gibt es Religionen
und zwar in allen Kulturkreisen. Paradoxerweise gab und gibt es
atheistische Religionen wie Buddhismus und Jainismus. Aber auch hier kann
man den religiösen Charakter dieser Weltanschauungen nicht leugnen. Heute
leben 6,6 Milliarden Menschen auf der Erde. Nach soziologischen Studien
sind über 90 Prozent davon religiös. (Bild der Wissenschaft, 2/2007,36) Viele
soziobiologische Forscher sind der Meinung, dass in unserer heutigen Welt
die Religiosität wieder zunimmt. Ali Kizilkaya, Vorsitzender des
Islamrates meint, dass auch bei Muslimen in Europa die Religiosität
zugenommen hat. In Zeiten des Terrors wurde die Hinwendung zu Allah eher
noch intensiver. Die 15 Millionen muslimischen Einwanderer auf dem
Kontinent haben sich in überwiegender Mehrzahl nicht von ihrer Religion
abgewandt. Die zunehmende religiöse Radikalisierung der muslimischen Welt
ist nicht zu übersehen. Man denke doch an die Reaktion dieses
Kulturkreises als in einer dänischen Zeitschrift die Mohammed-Karikaturen
veröffentlicht wurden, und der Papst über den Islam seine Meinung
kundtat. Hinzu kommen noch Kriege im Irak und Afghanistan, die nach
Meinung der Muslime durch Christen, also Ungläubige geführt werden. Auch
dies führt zu verstärkter Hinwendung zum Islam. Wie
sieht es aus in den USA? Die USA ist wissenschaftlich und technologisch,
die am höchsten entwickelte Gesellschaft. Trotzdem nimmt hier die
Religiosität zu. Säkularität und Pluralismus werden durch das enorme
Erstarken des christlichen Fundamentalismus in Frage gestellt. Wohl
gemerkt, mir geht es an dieser Stelle nicht darum ein Werturteil über
diese Art von Fundamentalismus abzugeben. Ich will an dieser Stelle nur
aufzeigen, dass die Religiosität auch in den USA zunimmt. Die
US-Journalistin Barbara Victor präsentiert in ihrem Buch „Beten im Oval
Office“, eindrucksvolle statistische Zahlen. Danach sagen etwa 60
Prozent aller US-Bürger, dass die Religion in ihrem Leben eine wichtige
Rolle spielt. 86 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum Christentum.
Die stärkste Gruppe sind die so genannten „Wiedergeborene“. Von den
über 120 Millionen Wählern bei der Wiederwahl von Bush im Jahr 2004 zählte
sich jeder Fünfte zu Ihnen. Nicht nur Präsident Bush und seine
Mannschaft sind tief religiös. Sogar 40 Prozent der Wissenschaftler
glauben an Gott. Kreationisten, die sehr gläubig sind, waren in der Lage
in manchen Schulen die Darwinsche Evolutionslehre zu verbieten und haben
enormen Zulauf. Sie breiten sich mittlerweile auch in Deutschland aus. In der
„New York Times“ prophezeite 1968 der international bekannte
Religionsexperte Peter Berger: „Im 21. Jahrhundert werden sich religiöse
Gläubige wahrscheinlich nur noch in kleinen Sekten finden, aneinander
gekuschelt, um einer weltweiten säkularen Kultur zu widerstehen“: Zitat
ende. Was ist aus dieser Prognose geworden? Berger hat seine frühere
Auffassung rückblickend als „großen Fehler“ bezeichnet. Und spricht
jetzt von „Desäkularisierung der Welt“. Die spezifische Säkularisierungsform
Westeuropas stelle nicht etwa das Modell für den Rest der Welt dar. Sie
sei im Gegenteil der eigentliche Ausnahmefall, denn die übrige Welt zeige
sich religiös wie schon immer und „mancherorts mehr denn je“. Das
gelte nicht nur für die drei monotheistischen Religionen, sondern auch für
Hinduismus, Buddhismus und Shintoismus. Und wie
sieht es aus in Deutschland? Ich gebe zu, dass in Deutschland die
Kirchenaustritte zunehmen. Das ist aus meiner Sicht sehr bedauerlich. Aber
ist eine Entkirchlichung mit einem Verlust an Religiosität gleich zu
setzen? Die Leute suchen dann Zuflucht in anderen Religionen wie
Buddhismus oder in anderen Sekten, oder basteln sich ihre eigene
Privatreligion zusammen. Manche
Beobachter meinen, die Religiosität nehme gar nicht ab, sondern wechsle
nur ihre Formen. So meint Roland Biewald, Religionspädagoge an der
Universität Dresden; die nichtkirchliche Religiosität nehme zu. Er
meint: „Fast Drei Viertel der Kirchenaustritte erfolgten aus Gründen
der Steuerersparnis. Nicht einmal jeder Fünfte gibt religiöse Gründe
an“. Im
Auftrag vom Magazin „Spiegel“ führt das Emnid Institut in regelmäßigen
Abständen Umfragen durch. Danach haben 1992, 50 Prozent die Frage, ob
„Sie an Gott glauben“ mit ja beantwortet. Im Jahre 2006 haben jetzt 64
Prozent mit ja geantwortet. Also auch hier ist eine Zunahme festzustellen.
Ist doch erstaunlich, oder? Die
Zahl der Gläubigen des Hinduismus und Islam wird schon alleine wegen des
Kinderreichtums steigen. In Afrika sieht es auch nicht anders aus. Hier
steigt die Zahl der Christen explosionsartig an, 1900 waren es nur 10
Millionen; derzeit sind es schätzungsweise 390 Millionen. In Brasilien
und Bayern löst der Papst Begeisterungsstürme aus, Dalai Lama in der
ganzen Welt. Hindus strömen in Millionen Zahl zum Fluss Ganges und
Muslime nach Mekka. Die Zeichen, dass die Religiosität zunimmt sind unübersehbar.
Vom Verschwinden der Religionen kann also kein vernünftiger und
unvoreingenommener Mensch reden. Ich
habe bisher die Weltsituation, wie sie heute ist, dargestellt. Es gibt
aber andere Gründe, warum die Weltreligionen auch in der Zukunft nicht
verschwinden werden. Diese sind hauptsächlich im psychologischen Bereich
zu suchen. Doch schauen wir zunächst mal was die Soziobiologen dazu zu
sagen haben. Charles
Darwin schrieb einmal folgendes über die Religiosität: „Kein Wesen,
dessen intellektuelle und moralische Fähigkeiten nicht mindestens auf
einer mäßig hohen Stufe stehen, könnte eine so komplizierte Gemütserregung
an sich erfahren“. Die
Forscher meinen, dass die Religiosität oder vielmehr Spiritualität
(Selbstvergessenheit, Neigung zu Mystik und Identifikation mit einem größeren
Ganzen), eine starke genetische Komponente von fast 50 Prozent besitzt,
auch wenn die Struktur der Religion von dem Kulturkreis abhängig ist, in
dem man aufgewachsen ist, Die Molekular Genetiker haben mittlerweile
begonnen Gene ausfindig zu machen, die dafür zuständig sind. Religiöse
Menschen haben in der Regel mehr Kinder und religiöse Gemeinschaften
haben eine längere Existenzdauer als die weltliche. Das ergab eine
Auswertung von Daten und Berichten von 83 US-amerikanischen Gemeinschaften
des 19. Jahrhunderts. Dies alles führt zu einem Selektionsvorteil. Durch
diesen Selektionsvorteil ist die Rasse Homo sapiens erfolgreicher gewesen
als andere Lebewesen. Es ist kaum anzunehmen, dass die Spiritualitätsgene
in naher Zukunft verschwinden oder mutieren werden. Menschliche
Grundbedürfnisse nach Halt, Trost und Schutzsuche. Die
Kinder der Regenwürmer oder Frösche müssen zusehen wie sie mit dem
Leben zurechtkommen, sobald sie aus dem Ei schlüpfen. Bei den
Menschenkindern ist es bekanntlich anders. Sie brauchen lange Zeit Schutz,
Hilfe und Trost in der Familie oder in der Gruppe. In der Regel sind es
die Eltern oder der große Bruder. Wenn man erwachsen geworden ist fallen
diese Rollenträger weitgehend aus. Aber die Denkgewohnheit der Trostsuche
bleibt. Da kommt Gott ins Spiel. Dabei ist an dieser Stelle die Frage
unwichtig ob Gott oder das Alpha Männchen eine Illusion ist. Es geht um
zu verdeutlichen, dass solange der Reifungsprozess der menschlichen Sprösslinge
lang bleibt, das Bedürfnis nach Trost und Schutz, auf Grund der, in die
Kindheit geformten Denkgewohnheiten bleiben wird. Da es kaum
wahrscheinlich ist, dass sich dies in näherer Zukunft ändern wird, wird
die Religion als große Trostspenderin bleiben. Nicht
nur diese Denkgewohnheiten, sondern auch andere Faktoren wecken das Bedürfnis
nach Trost und Schutz, auch wenn man erwachsen geworden ist. Die
Schnelle Ausbreitung der Globalisierung ist wie ein Tsunami Welle auf die
Welt gerast. Die gesellschaftliche Struktur, auch auf Grund der
wissenschaftlichen Erkenntnisse und dadurch veränderten
Produktionsmethoden- und Verhältnisse, verändert sich rapid. Das war vor
dem Industrie- und technologischen Zeitalter jahrhundertelang nicht der
Fall. Das alles untergräbt und erschüttert alte vertraute Sicherheiten.
Damit können die wenigsten Menschen leben. Man sehnt sich nach diesen
Werten, die in den Religionen zu finden sind. Leid
und Ungerechtigkeit kann jedem passieren. Religion bietet dann Trost und
Schutz. Und wenn einem auf dieser Welt nicht geholfen werden kann, tröstet
man sich mit dem Gedanken der ausgleichenden Gerechtigkeit im Jenseits.
(Dies hat auch der große Aufklärer Kant so postuliert). Das kann dazu führen,
dass man mit dem besser fertig wird. Religion
als ethischer Imperativ. Marx
hatte grandiose Vorstellungen von einer zukünftigen Gesellschaftsform,
die man Kommunismus nennt. Die Gesellschaft wird so sein, dass Jeder, ohne
jeglichen Zwang, sein bestes für das Gemeinwohl tun wird. Ist diese
Vorstellung von Supermenschen mit absolutem Altruismus realistisch? Jedes
Lebewesen, auch der Mensch ist egoistisch, in dem es das eigene Glück
anstrebt. Ohne diesen Egoismus hätte auch Homo sapiens nicht überleben können
Das Streben nach eigenem Glück impliziert aber auch ein Konflikt mit dem
Gemeinwohlinteresse der Gemeinschaft, in der er lebt. Das ethische
Verhalten aber fordert die Wahrnehmung des Gemeinwohls. Durch einen reinen
Appell an Wohlverhalten kommt man nicht zurecht. Belohnung und Strafe,
Zuckerbrot und Peitsche, so brutal dies auch klingen mag, sind absolut
notwendig. Die Religionen bieten dies in verschiedenen Gestalten an;
Himmel und Hölle, Wiedergeburt in einer höheren oder niedrigen Kaste; je
nach dem wie ethisch oder unethisch man lebt. Schon
bei der Sozialisierung innerhalb der Familie findet dies statt.
Belohnung für das gute Verhalten, Entzug der Mutterliebe, ja sogar einen
Klaps auf dem Po für schlechtes Benehmen finden hier statt. Im späteren
gesellschaftlichen Leben sind Belohnung und Strafen üblich. Besonders
effektiv ist diese Methode, wenn eine Übermächtige und übernatürliche
Instanz dafür zuständig ist. Ohne Religion geht dies nicht. In Heiligen
Büchern sind die Verhaltensgesetze festgelegt und Jeder der jeweiligen
Kulturgruppe kennt sie. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ ist
nur ein Beispiel. Welche
Alternative hätte man sonst, wenn es keine ethisch-imperativen
Postulate der Heiligen Bücher gäbe? Die Atheisten, Agnostiker, säkulare
Humanisten Freidenker, Skeptiker usw. bilden keine einheitliche Gruppe und
bieten auch keine einheitliche ethische Richtlinie und deren Begründungen
an. Sie sind unter sich genauso zerstritten wie die Linke, weil diese auch
keine einheitliche Ideologie hat. Die Christlichen Parteien mögen im
Detail unterschiedliche Meinungen haben, aber im Großen und Ganzem haben
sie ihre Inspirationen aus dem Heiligen Buch. Es
ist mir bekannt, dass der Initiator dieses Gesprächskreises ein Buch über
wissenschaftliche Ethik geschrieben hat, wo er bei der Implementierung des
ethischen Verhaltens ganz ohne Religion und Gott auskommt. Aber wer liest
schon ein Buch von Patel? Ich glaube, nicht mal die Hälfte von Ihnen hat
es gelesen. Außerdem kann man Ethik überhaupt wissenschaftlich angehen?
Da kann man nicht mit einem Reagensglas oder Atomreaktor
herumexperimentieren! In der Bibel sind dagegen feste Verhaltenskodexe
eingebaut, die Millionen Menschen auf der Welt befolgen. Sind alle diese
Menschen dumm? So etwas wird oft behauptet. Viele Wissenschaftler,
Intellektuelle, der Papst, Bundespräsident Köhler, Dalai Lama – man könnte
die Liste unendlich fortsetzen – sind gläubig. Diese Leute als dumm zu
bezeichnen wäre meiner Meinung nach eine hochmütige, arrogante und
beleidigende Behauptung. Auch diese Gläubige haben ihren Verstand. Aber
mir ist der Verstand alleine zu wenig. Ich habe zusätzlich zum rationalen
Denken auch den Glauben, was mein Leben reicher macht. Als Christ bedauere
ich oft die Menschen, die ihr Leben alleine nach der gefühlskalten Ratio
richten. Hier gilt die Pascalsche Wette, worauf ich hier nicht näher
eingehe. Falls
unter Ihnen reine Rationalisten sein sollten, habe ich eine Frage an sie.
Hand aufs Herz, seien Sie ehrlich gegenüber sich selbst bei der
Beantwortung der Frage. Wie viele von Ihnen, und wie stark glauben Sie an
folgende, rational nicht begründete parapsychische und spirituelle Phänomene? Gedankenübertragung Wahrsagerei Telekinese Hellsehen Astrologie
und Horoskope Kontakt
mit Verstorbenen Precognition Amulette Erdstrahlen,
Wünschelrute Beeinflussung
durch Mondphasen Kleine
Aberglauben im täglichen Leben Nicht
zuletzt Homöopathie,
Alternativ Medizin, Irisdiagnostik. Man könnte
weitere Gründe anführen. Dies würde aber den heutigen Rahmen sprengen.
Deswegen komme ich zu den Schlussbemerkungen. Der
Mensch unterscheidet sich vom Tier in dem er eine Religion hat.
Atheistische Religionen wie Buddhismus und Jainismus haben im Laufe der
Zeit Gottheiten vom Hinduismus geborgt und die beiden Gründer selbst
werden heute wie Götter angebetet. Die atheistischen Schulen der
Vergangenheit im Hinduismus sind praktisch verschwunden. „Gott ist
tot“ sagte Nitsche und hat sich geirrt. Auch der Kampf der Aufklärer
hat die Religion nicht tot gekriegt. Nach dem der atheistische Kommunismus
in Russland versagt hat, hat die orthodoxe Kirche enormen Zulauf. Die
Religion der Zukunft mag anders aussehen aber als Phänomen wird sie
bleiben. Das diktiert uns die menschliche Psyche, Studium der
Vergangenheit und die Analyse der heutigen Welt. Akademiker
in der evangelischen Kirche haben folgende Erklärung abgegeben: „ Die
Erwartung des Absterbens der Religion hat sich als Illusion erwiesen.
Religion als Verhalten des Menschen zum transzendenten Grund seiner
Existenz ist eine elementare Dimension jeder Kultur“. Religionen
werden nicht verschwinden. Die verlorenen Söhne, die Atheisten werden
eines Tages in den Schoss der Religion zurückkehren Die
Hoffnung des Fuchses, dass die Unterlippe vom Kamel hinunterfällt, war
vergeblich und wird vergeblich bleiben. Meine lieben Mitmenschen, die sich
Atheisten nennen, Gott vergebe Ihnen, denn Sie wissen nicht was Sie tun.
Mit der biblischen Sprache zu sprechen: Ich aber sage euch, es ist
vergeblich sich über den Sarg der Religionen Gedanken zu machen. Sie ist
ewig und bleibt ewig. Amen.
Bischof
Patellissimo Neuburg
a. d. Donau Wird religiöser Glaube in der
Zukunft sein oder nicht sein? Von
R. Hamp Der Ursprung dieses Themas liegt
schon beinahe zwei Jahre zurück. Im Oktober 2005 meinte Vallabh Patel
einmal am Ende einer Diskussionsrunde im Hinblick auf religiösen Glauben:
"Die Sonne der Vernunft und des Verstandes werde 'bald' im
Zenit stehen und die Dunkelheit des Unverstandes werde verschwinden".
Ich antwortete ihm damals: "Dein
Wort in 'Gottes Ohr', lieber Vallabh. Ich habe ihm damals und seither
des öfteren diesbezüglich widersprochen, denn was auch immer Vallabh
Patel unter "bald" verstehen mag, ich meine, dass diese Art
Glaube nicht bald, nicht in absehbarer und auch nicht in unabsehbarer
Zukunft verschwinden wird. Solch ein Widerspruch bleibt natürlich
nicht ungestraft und so hat mir Herr Patel nun dieses Referat auf's Auge
gedrückt. Ich bin nicht ganz glücklich darüber, weil ich hier nicht mit
wissenschaftlich untermauerten Thesen und Untersuchungen, sondern nur mit
ein paar Texten, meinen Beobachtungen und den daraus abgeleiteten
Vermutungen aufwarten kann. - Nur, ich meine, dass es den Vertretern der
gegenteiligen Auffassung nicht anders ergeht. Beweisen lässt sich da wohl
nix und erleben, dass religiöser Glaube verschwindet - das werden wir
alle zusammen nicht. Um Argumentationsansätze für
meine Auffassung zu bekommen, muss man m. E. zu den Anfängen der
Menschheitsgeschichte zurückgehen. Dabei ist wichtig, 1. dass der Mensch
als einziges irdisches Lebewesen eine rasante Entwicklung seines
Bewusstseins durchgemacht hat und 2. dass er ein Gemeinschaftswesen ist
wie Menschenaffen und andere Primaten. Ursache Bewusstsein: Zu 1.: Eine Voraussetzung für
den Glauben an eine irgendwie geartete nicht materielle, aber beseelte
Macht ist es, dass sich das Bewusstsein entwickelte. Der Mensch musste
erkennen, reflektieren können, dass er und die Welt zwei verschiedene
Dinge sind und er der Macht, der Gewalt dieser Welt ausgeliefert ist. Bis
dahin fühlte sich das Wesen "Mensch" im Schoß der Welt, der
"Großen Mutter", wie es der Tiefenpsychologe Erich Neumann
nennt, sicher und geborgen. Er war mit der Welt
"identisch". Er befand sich im Unbewussten,
im "Uroboros". Allmählich löste sich das
Bewusstsein aus dem Unbewussten, wurde sich seiner selbst bewusst,
ohne die Verbindung zu Unbewussten lösen zu können und zu dürfen - und
das bis heute. Der Kabarettist Dieter Nuhr, offenbar ein überzeugter
Atheist, hat dies kürzlich
so ausgedrückt. Der Mensch erkannte irgendwann allmählich die Welt,
seine eigene selbständige Existenz darin und deren hochgradige Gefährdung
und fragte: "Ouhh, was soll das?" Damit hat er die Frage nach
dem Sinn von Welt und Mensch gestellt. Er hatte vom "Baum der
Erkenntnis" gegessen, war damit aber auch aus dem uroborischen
Paradies des Unbewussten vertrieben worden. Nun suchte der Mensch nach dem
Woher, Wozu und Wohin, also nach einem Ursprung, einem Sinn und einem Ziel
der Welt als Ganzes und seiner eigenen Existenz im Besonderen. Er suchte
danach, weil er, wie schon gesagt, die Unsicherheit, die hochgradige Gefährdung
seiner Existenz in der Welt erkannte. Dass die menschliche Existenz so gefährdet
war, weit mehr als heute, dürfte unstrittig sein. Er suchte also nach Konstanten,
nach Orientierungspunkten, nach denen er sein Leben ausrichten konnte. Außerdem
hatte er Fantasie, d. h. er konnte z. B. aus zwei nah beieinander
stehenden Lichtpunkten auf ein Raubtier schließen, was ja auch überlebensnotwendig
war. Er konnte jetzt mit seinem Bewusstsein aber auch aus
Teilinformationen über die Kräfte in der Welt Schlüsse auf ein Ganzes
ziehen. Er konnte diese Teilinformationen ergänzen und zu möglichst
vollkommenen "Bildern", also Gedankengebäuden und Geschichten
zusammenfügen. So entstanden wohl Märchen, Helden- und Göttersagen und
Legenden. Es entstanden Erklärungsmodelle
für seine Fragen. Sein Wissen um die
Ausgesetztheit seiner Existenz und eben diese Interpretationsfähigkeit führten
nun - und das scheint mir nachvollziehbar zu sein - zu einer Sehnsucht
nach Gewissheit, nach Sicherheit, nach Geborgenheit, nach Endgültigkeit,
wie das offenbar im "Paradies des Unbewussten" noch gegeben war.
Jetzt erkannte er die Gewalten
der ihn umgebenden Natur - Tag und Nacht, Sommer und Winter, Hitze und Kälte,
belebenden Regen, aber auch furchtbare Überschwemmungen und verheerende
Trockenheit, Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit von Natur und Mensch usw.
usf. Und er erkannte, dass er diesen Kräften ausgeliefert war, dass sie
ihn beherrschten. Er sah sie als beseelt an, wie sich selbst. Er konnte sich nicht vorstellen
- und auch heute können das sehr viele Menschen nicht - dass Naturgesetze
auch ohne einen dahinter stehenden Geist funktionieren und dass sie daher
auch unbeeinflussbar sind. Diese übermächtigen Kräfte
mussten folglich respektiert, beachtet, angesprochen und gnädig gestimmt
werden, um ihr Wohlwollen und damit Sicherheit und Geborgenheit zu
erhalten. Wer sich dieses Wohlwollen "sichern" kann, der steht
auf der Sonnenseite - er war sicher, er war geborgen; so empfand der
Mensch damals - und so empfindet er heute. Also wurden die Mächte
"angesprochen", es wurden Bitten vorgetragen, es wurde um etwas
gebeten, es wurde gebetet. Ob die Gebete halfen, das wurde
nicht und wird auch heute nicht untersucht. "Der Mensch denkt, Gott
lenkt", heißt es und man spricht von "Gottes unerforschlichem
Ratschluss", wenn trotz heißer Gebete und Anrufungen das Schicksal
anders verläuft als man es gern hätte. Ich weiß nur von einer
Untersuchung, ich meine in England, die in einem Spektrumheft stand, das
ich leider nicht mehr habe. Danach wurde in einem Krankenhaus für einen
Teil der Patienten gebetet, für einen anderen Teil aber nicht. Die
medizinischen Ergebnisse erbrachten für die Patienten, für die gebetet
wurde, überhaupt keinen erkennbaren Vorteil - im Gegenteil, manchen
Patienten, denen gesagt wurde, dass man für sie betete, hatten sogar
schlechtere Werte. Dies wohl deshalb, weil sie seelisch niedergeschlagen
waren. Sie meinten wohl, bei ihnen helfe nur noch beten. Im Laufe der
Menschheitsentwicklung wurden die Erklärungsmodelle, die sich die
Menschen zurechtgelegt hatten - also der Glaube an beseelte Natur, an
Geister und Götter - durch
neue Erkenntnisse natürlich fragwürdig. Über die Jahrtausende hinweg
waren diese Erklärungsmodelle aber institutionalisiert und mit weltlicher
Herrschaft verbunden worden. So entstanden Kirchen. Solange diese Kirchen
mächtig waren und sind, so z. B. die christliche Kirche im Mittelalter
und bis weit in die Neuzeit hinein, blieben und bleiben sie natürlich
starr, weil sie ja die endgültige Wahrheit "gepachtet" haben. Wird der Erkenntnisdruck aber zu stark, dann werden sie
flexibel und anpassungsfähig - und das bis heute. Es ließe sich, einem
Psychoanalytiker namens Paul Watzlawick zufolge, bereits im Alten
Testament eine kontinuierliche Veränderung, also eine Anpassung
des Gottesbildes an bestehende Verhältnisse erkennen. Die Anpassungen der letzten
Jahrhunderte im Christentum, so z. B. die Auffassungen über die Scheiben-
bzw. Kugelgestalt der Erde, sind bekannt. Nach dem Motto aber "Neues
nervt" dauert das meistens und wird auch nicht vollständig
vollzogen. Jede neue Erkenntnis stellt also religiöse
"Wahrheiten" in Frage. Deshalb geschehen also Anpassungen und
machen so die Religion auch für einen "aufgeklärten Mitteleuropäer"
wieder attraktiv. Die
Wissenschaft zwingt also die Religion zur Veränderung. Nur - jedes
wissenschaftlich gelöste Problem zieht neue Fragen nach sich. Das
bedeutet aber, dass der Wunsch nach Gewissheit durch die Wissenschaft
nicht gestillt werden kann. Den Schritt, zu behaupten, endgültige
Gewissheit und Sicherheit geben zu können, werden die Religionen immer
voraus sein. Seriöse Wissenschaft kann das wahrscheinlich nie. Dies
scheint z. B. auch Goethe erkannt zu haben. So lässt er seinen
"Faust" mit den Worten beginnen: "Habe nun, ach!
Philosophie, Juristerei und Medizin, und, leider, auch Theologie! durchaus
studiert, mit heißem Bemühn. - Hier steh ich nun, ich armer Tor! und bin
so klug als wie zuvor ". Und
wie im Märchen vom Hasen und vom Igel wird der "Igel" Religion
immer sagen können: "Ich bin schon da", sobald der
"Hase" Wissenschaft mit einer vielleicht sogar sensationell
neuen Erkenntnis aufwartet. Weil die meisten Menschen diese
Gewissheit suchen, werden sie immer wieder danach greifen, wenn sie ihnen
angeboten wird - von welcher Religion, Sekte, esoterischen oder
fanatischen Gruppe auch immer. Auch dazu ein Beispiel: Im Herbst vor zwei
Jahren referierte ein Herr Jacobi aus Berlin zum Thema "Was macht die
Seele nach dem Tode?" So hanebüchen die Behauptungen des Herrn
Jacobi auch waren - etwa die, dass die Seele der "feinstoffliche Träger
des Geistes und mit einem 'Silberbändchen' an den Körper bis zu seinem
Tode gebunden wäre" - von den rund 100 Besuchern im Hesselloher Schlösschen
stellte keiner eine kritische Frage; alle hörten wie gebannt zu. So sah
es zumindest aus. Auch hatten sie anstandslos 10,-- € Eintritt bezahlt.
Ich schrieb damals einen Artikel für die "Neuburger Rundschau"
einen Artikel über die Veranstaltung und musste daher keinen Eintritt
bezahlen. Die "Süddeutsche
Zeitung" widmete ihre Seite Drei am 26. Juni d. J. dem Thema
Esoterik. Der Titel: "Im Banne des Orakels" - Wer Lebenshilfe
sucht, kann leicht in Sphären ohne jede Garantie geraten - die
Prophetenbranche jedenfalls ist ein Geschäft mit Zukunft; so die SZ. Im
Artikel werden Beispiele beschrieben, bei denen Leute von Kartenlegern,
Pendlern, Hexenmeisterinnen abhängig ja süchtig geworden sind; seriöse,
durchaus nicht naive Leute, wie die SZ schrieb, die jahrelang viel Geld zu
solchen Leuten trugen. Seit der Entwicklung von
Bewusstsein aus dem Unbewussten heraus ist der Mensch ein ambivalentes
Wesen. Einerseits hat sich sein Bewusstsein ständig weiter entwickelt und
erweitert, andererseits bleibt er an den seit Jahrmillionen gespeicherten
Erfahrungsschatz seines Unterbewusstseins gebunden. Die Beziehung des
Bewusstseins bzw. der Bewusstheit, wie es Herr Kittel formuliert, zum
Unterbewusstsein bzw. dem Unbewussten könnte man als eine Art
"Hassliebe" oder, ich versuche es umzudrehen, als
"Liebhass" bezeichnen. Einerseits braucht der denkende Mensch nämlich
den Kontakt zum Unbewussten um kreativ und schöpferisch zu bleiben.
Begeisterung, Träume, den Gedanken freien Lauf lassen, das sind diese
Kontakte - Goethe bezeichnete dies als "Hinabsteigen zu den Müttern",
andererseits besteht immer die Gefahr, dass das Bewusstsein vom
Unbewussten, aus dem heraus es sich mühsam entwickelt hat, wieder zurückgezogen,
sozusagen "aufgefressen" wird;
so jedenfalls stellt es der Tiefenpsychologe Erich Neumann dar. Es
bedarf also des unablässigen Bemühens um Wachheit, um eine Ausdehung von
Aufmerksamkeit und zwar entgegen
der dauernden natürlichen Tendenz zur Einengung der Aufmerksamkeit bis
hin zur Dösigkeit und zum Schlaf. Denken ist also eine mühsame
und kontroverse Angelegenheit ist. Deshalb bewegt sich in der Regel, wie
Herr Kittel meint, der Umfang unserer Bewusstheit nur soweit über der
Schwelle zum Schlaf, wie wir ihn für den Alltag brauchen, nicht weiter.
Der amerikanische Bewusstseinsforscher Charles Tart, so Kittel, bezeichnet
deswegen auch den von den meisten Menschen entwickelten Grad von
Bewusstheit als Alltagstrance, im Hinblick auf gleiche Denkgewohnheiten,
Glaubens- und Überzeugungssysteme spricht er auch von Konsensustrance. Gemeint ist damit, dass solche Systeme übernommen
werden ohne sie zu hinterfragen - weil es bequem ist und weil man sich
darin sicher aufgehoben fühlt. Wer aber nicht kritisch denkt,
wer nicht hinterfragt, der wird zurückgezogen - so wie ein Schwimmer
gegen den Strom wieder zurückfällt, wenn er das Schwimmen einstellt. Und
doch ist es bequem, nicht selber denken zu müssen, sondern denken zu
lassen und sich "zündenden Ideen" anderer kritiklos anzuschließen
- auch heute noch und in der Zukunft auch. Die Hoffnung auf Gewissheit,
auf Sicherheit und Geborgenheit, auf Endgültigkeit hat beim modernen
Menschen meiner Auffassung nach nichts an Faszination verloren. Sie macht
es heute und auch in Zukunft möglich, dass Religionen, Esoteriker,
Fundamentalisten, Propheten, Wunderheiler, Wünschelrutengänger, etc.,
etc., etc. Zulauf bekommen,
wenn sie nur überzeugend genug auftreten. Ursache
Gemeinschaft: Zu 2. Eine weitere Ursache für
Gläubigkeit ist m. E. die Tatsache, dass der Mensch ein
"Herdentier", anders gesagt, ein Gemeinschaftswesen ist - seit
Jahrmillionen. Keine Hauskatze - bei Großkatzen wie Löwen oder Geparden
ist es ein bisschen anders - wird sich einer anderen Katze unterordnen.
Die schwächere geht der stärkeren halt aus dem Weg. Anders bei Herden-
bzw. Gruppenwesen, so z. B. bei den Primaten, zu denen
entwicklungsgeschichtlich ja auch der Mensch gehört. Hier ordnet sich die
Gruppe einem Leitwesen unter, solange dieses in der Lage ist, die Gruppe
in jeder Hinsicht - also in punkto Sicherheit, Nahrungsbeschaffung und
Fortpflanzung - optimal zu führen. Es scheint ein grundlegendes Element
der biologischen Natur des Menschen zu sein, dass er auf Beziehungen ausgerichtet ist. Dies war offenbar so
erfolgreich, dass Primaten heute zu den intelligentesten Tieren zählen
und eine Variante - der Mensch - sich heute mehr oder weniger zum
Beherrscher dieser Erde aufschwingen konnte. Zunächst war aber jede Gruppe,
und jede Gruppe war im Grunde genommen eine Großfamilie, auf sich allein
gestellt. Die Gruppe bezog
ihre Identität, ihre Zusammengehörigkeit aus der Geschlechterfolge.
Fremde Gruppen waren Nahrungs- und Territoriumskonkurrenten und damit
Feinde. Im täglichen Überlebenskampf führte sie der Anführer. War er
gut, überlebte die Gruppe. Es ging also buchstäblich um Leben und Tod.
Seit ca. 200.000 Jahren sind Totenbestattungen bekannt. Sie dürften erste
Zeichen für die emotionale Bindung von Überlebenden an die Verstorbenen
und deren Hochschätzung sein. Spontane Erinnerungen in Form lebhafter
Tag- oder Nachtträume an besonders geschätzte, aus der Gruppe
herausragende Menschen könnten, so Kittel, zu dem sinnfälligen Eindruck
geführt haben, dass sie weiter lebten. Inneres Erleben und äußere
Erfahrungen waren für die damaligen Menschen gleichgewichtig und somit
voneinander nicht zu unterscheiden. Sie konnten also zwischen Fantasie und
Realität noch nicht unterscheiden. Sie waren beidem
"ausgesetzt", konnten sie also nicht beeinflussen oder steuern.
Der Ahnenkult hat hier seine psychologischen Wurzeln; (nach Kittel aus
Julian Jaynes, einem amerikanischen Psychoanalytiker) darüber hinaus
haben aber auch alle auf Jenseitsvorstellungen beruhenden Religionen mit
Ideen gebenden Geistern und befehlenden Göttern hier ihren Ursprung.
Geister und Götter entsprachen realen Leitfiguren wie Häuptlingen,
Priestern, Königen und Kaisern, die in Europa bis in die Neuzeit, ja
sogar bis ins 20. Jahrhundert hinein ihre Legitimität auf göttliche
Ursprünge zurückführten und die dies in anderen Kulturkreisen bis heute
tun. Geistige Entwicklung: Der Glaube an Autoritäten ist für
den Menschen eine völlig natürliche Ausgangsbedingung des Lebens - als
Kind. Kinder müssen quasi "nach oben" schauen und jahrelang
darauf vertrauen, dass die "da oben" täglich das beschaffen,
was zum Leben nötig ist und quasi allwissend sind. In einer Kontroverse
von Zehnjährigen untereinander werden wir immer wieder hören: "Aber
mein Papa hat gesagt ..." Wir Menschen haben also von Anfang an die
elementare Fähigkeit und Bereitschaft an Autoritäten zu glauben, vor
allem wenn sie einem imponieren durch Wissen oder Können oder durch
beides. Welch eine gewaltige
Verführung, an ein Wesen zu glauben, das alles weiß, alles kann, alles
gemacht hat und alles für einen (her)richtet. Seit etwa dreitausend Jahren, so
meint Jaynes, ist uns die Trennung von Innen- und Außenwelt möglich,
d. h. wir können
unterscheiden, was Realität und was Erinnerung ist. Erinnerung ist das Wissen, das
wir aus der Erfahrung von vergangenen
Realitäten gezogen haben. Zitat Kittel: "Wer sich auf Denken, auf Erinnern an Vergangenes allein
verlässt, steht in ständiger Gefahr, sich in unrealistischen
Vorstellungen oder illusionären Gedankengebäuden und Assoziationen zu
verlieren. Sich darin zu verlieren ist ein präzise treffender Ausdruck
aus der Alltagssprache; denn was hier leicht verloren gehen kann, wenn
man nicht 'höllisch' aufpasst, ist der Kontakt zur Realität! Der Mensch ist also ständig in
Gefahr einer realen Wahrnehmung etwas aus seiner Erinnerung hinzuzufügen.
Es kann sogar sein, dass er nicht auf die reale Wahrnehmung reagiert,
sondern auf die dadurch ausgelöste Erinnerung. So kenne ich z. B.
jemanden, der bzw. die beim Anblick einer Nonne sofort in Mißstimmung gerät
und abschätzig und beinahe aggressiv von "Pinguinen" spricht.
Der Grund liegt darin, dass die Person als Kind einmal im Krankenhaus
nicht zu weinen aufhörte, bis schließlich eine Schwester in schwarzer
Nonnentracht zu ihr sagte: "Wenn du nicht aufhörst, dann holt dich
heut' Nacht da Deifi". Eine Nonne kann heute noch so lieb sein, sie
wird immer kritisch beäugt werden. Vorstellung, also Erinnerung und
Wirklichkeit verschwimmen oft ineinander. Jeder kennt es, dass man auf
Bilder, Gerüche, Berührungen oder Klänge positiv oder negativ reagiert,
ohne dass dies einen Bezug zur gegenwärtigen Realität hat. Die Essenz daraus? Der
erwachsene Mensch ist heute aufgrund seiner geistigen Möglichkeiten natürlich
dazu in der Lage den
Kontakt zur Realität herzustellen. Er kann
eine weite, möglichst vollständige Offenheit gegenüber der Welt
entwickeln und damit eine möglichst intensive Verbindung mit ihr
herstellen. Ein selbstsicherer Mensch braucht keine Autorität, weder eine
persönliche wie einen Führer, einen Papst oder einen Gott noch eine
unpersönliche wie die Wissenschaft: er ist selber eine! Es ist ihm möglich
mit seinen geistigen und emotionalen Fähigkeiten die Realität zu
akzeptieren und daraus die bestmögliche aller Welten zu gestalten. Wenn
alles gut geht, dann hat die Menschheit auf der Erde dazu noch ein paar
hundert Millionen Jahre Zeit. Zitat Kittel:
"Das Paradies ist nicht verschlossen, eine Rückkehr also möglich;
an seiner Pforte wacht nur der Engel
mit dem flammenden Schwert, dem ...wenig bekannten Symbol für
konkretes Sehen und geistiges Durchblicken
und dem darauf beruhenden Wissen und Verstehen". "Notwendig dazu ist die ständige Übung von Aufmerksamkeit". Nur - und jetzt kommt der
Pferdefuß. Dies ist die Beschreibung eines Idealzustandes. Ihn zu
erreichen erfordert von jedem Menschen eine dauernde hohe Anstrengung -
die aber die allerwenigsten zu geben bereit und/oder in der Lage sind. Die
täglichen Nachrichten und die täglichen Erfahrungen zeigen uns deutlich,
dass wir davon weit entfernt sind. Nicht in der Vergangenheit, nicht in
der Gegenwart und für meine Begriffe auch nicht in ganz weit gefasst
absehbarer Zukunft wird die Menschheit diesen Zustand erreichen. Die
meisten Menschen - auch im "aufgeklärten" Europa - bleiben mehr
oder weniger in der Pubertät stecken, das erklärte mir mal ein Lehrer während
meiner Studienzeit. Das heißt aber, dass sie in Wünschen und Utopien
verharren, dass sie Angst vor der Realität, vor der Gefährdung ihrer
Existenz, vor den starren Naturgesetzen, vor der Kälte des riesenhaften
Universums haben und deshalb nach der Geborgenheit einer umfassenden
Autorität suchen. - Oder, wenn die nicht mehr zu haben ist, nach einem
irgendwie gearteten Ersatz. Ausnahmen bestätigen
die Regel! Gedanken zur
Entwicklung der Religion: Wenn wir den Atheismus fundieren
wollen, sollten wir uns mit den Ursachen dafür, dass es Religion gibt,
auseinander setzen. Dazu möchte ich einige Gedanken darlegen, die natürlich
weder das Phänomen vollständig erfassen, noch als sakrosankt gelten. Sie
sollen anregen – zum Weiterdenken, zum Nachlesen, zur Diskussion. Sie
stammen im Wesentlichen aus den Büchern des Tiefenpsychologen Erich
Neumann: „Ursprungsgeschichte des Bewusstseins“ und
„Kulturentwicklung und Religion“. Religion
hat wesentlich mit Ritualen zu tun. Ein „Ritus“ ist ein Weg, den man
„begeht“. Rituale sind aber schon aus dem Tierreich bekannt. Es sind
Handlungsabläufe, die unbewusst, instinktmäßig, „rituell“ ablaufen.
Dazu gehören unmittelbar praktische wie das Töten von Beutetieren,
mittelbare notwendige wie Paarungsrituale, aber auch Handlungen, in denen
das Tier für eine Zukunft vorsorgt, die seiner Art völlig fremd ist –
z. B., wenn sich eine Raupe verpuppt,
so dass daraus ein Schmetterling wird. Diese
rituellen Instinkthandlungen sind das Ergebnis jahrmillionenlanger
Erfahrungen und Anpassungen an die Umwelt. Dabei weicht aber die
Instinktstarre, also die Unmöglichkeit, sich anders zu verhalten, als es
der Instinkt vorschreibt, einer gewissen Flexibilität, je höher das Tier
entwickelt ist. Menschenaffen, voran Schimpansen, sind flexibler, lernfähiger
als z. B. ein Regenwurm. Das Aussterben von Arten hat z. T. damit zu tun,
dass Arten nicht schnell genug ihre Handlungsweisen an veränderte
Umweltbedingungen anpassen konnten. Die
menschlichen Rituale wurzeln in dieser Tradition. Auch die menschliche
Entwicklung ging über Jahrmillionen und führte zu unbewussten, rituellen
Handlungen, die sein Überleben sicherten. Allerdings baute sich bei ihm
mehr und mehr ein Spannungsfeld zwischen dem sich rapid entwickelnden
Bewusstsein und dem Unbewussten auf. Spätestens seit der letzten Eiszeit
war das Gehirn der inzwischen einzigen übrig gebliebenen Menschengattung
homo sapiens sapiens so weit entwickelt, wie das heutige. Aber er lebte
noch weitgehend im Unbewussten. Das Bewusstsein hatte Beobachterstatus –
aber es war da. Das
Heraustreten des Bewusstseins aus dem Unbewussten wird als mühsame Geburt
betrachtet, als Vertreibung aus dem Paradies; aber auch als Schöpfung,
als Anfang, als Entstehung des Lichts aus dem Dunkel. Es entsteht eine
Ambivalenz. Einerseits will sich das helle Bewusstsein erhalten,
stabilisieren, weiter entwickeln und empfindet dabei das dunkle Unbewusste
als gefräßige, auflösende Gefahr; andererseits fasziniert das
Unbewusste als Mutter, als Ursprungsort, als Quelle des Lebens
(„Hinabsteigen zu den Müttern“, Goethe, Faust). Und deshalb wurden
von den Eiszeitmenschen immer wieder auf lebensgefährlichen Wegen Höhlen
im Berginnern aufgesucht, die als Kultort der „großen Mutter“
betrachtet wurden. Der in-stinktive Antrieb, die Neugier, Angst und Grauen
führten zur höchsten Anspannung aller Sinne. Dies wiederum führte zum
„bursting poinst“, zum Einbruch des seelischen „Archetyps“ der
„großen Mutter“ in das Bewusstsein. Der Mensch erforschte mit höchster
Anspannung eine Leere, ein Dunkel – innen und außen – und füllte es
unwillkürlich mit lebendigen Bildern ( C. G. Jung ). Dabei entstand
Bewusstsein oder ein neues Stück Bewusstsein. Der Ort, an dem dies
geschah, wurde zum Kultort und er wurde einem Phänomen, der „großen
Mutter“, psychologisch ausgedrückt, zugeschrieben. Eine
seelische Situation wird also nach außen projiziert und personalisiert.
Nach C. G. Jung geschieht das immer wieder, wenn Menschen Leeres, Dunkles
erforschen, sowohl in der Außenwelt (z. B. Sternbilder), als auch in der
Seele des Menschen. Vor allem seelisch kranke Menschen spiegeln ihre Angst
und ihre Faszination in Zeichnungen, Malereien wider. Aus
diesen Projektionen, Bildern, Personalisierungen menschlicher
Seelenerfahrungen entwickelten sich, so jetzt die Schlussfolgerung
über viele Jahrtausende hinweg die Märchen, Sagen und Mythen von Helden,
Göttern und all den dazwischen liegenden Wesen wie Engeln, Elfen, Faunen
etc. etc., aber auch von Himmel, Hölle, Unterwelt. Darüber freilich und
auch über die Konsequenzen für unser Anliegen kann viel diskutiert
werden. -
Gruppenselbst:
das Subjekt, in dem das Wissen über die Art oder Gruppe enthalten
ist, das im Individuum wirkt, aber über es hinaus reicht, „ewig“,
„hellsichtig“ ist; - Selbst:
wirkt im Einzelwesen für dessen Bedürfnisse; - Instinkt:
das im Einzelwesen wirkende Welterfahrungssystem aus Jahrmillionen;
als Reaktion auf die Gegebenheiten und Veränderungen in der Welt; dabei
ist der Erfahrungsumfang desto größer, je höher entwickelt ein Wesen
ist. Je höher ein Wesen entwickelt ist, desto „elastischer“ ist auch
sein Instinktverhalten; d. h., es kann sein Verhalten variieren, es kann
„lernen“ Beispiel Affen in Japan – Kartoffeln, Salzwasser; - Tier-Ritual:
zwanghaftes Verhalten, das aus der o. a. Welterfahrung
heraus entstanden ist, das aber das Verständnis des Individuums übersteigt;
Beispiele: Nestbau, Beutetötung, Werbe-Zeremonien; - analoges menschliches Ritual:
Das „Gehen“ der abenteuerlich gefährlichen Wege
(Ritus = Weg) der Eiszeitmenschen zu den oft tief im Berginneren liegenden
Kultorten, in denen sie ihre magischen Malereien anbrachten (Frankreich,
Spanien, Südsee etc.) (Siehe Beispiel eines ritualzeugenden Prozesses aus
dem Buch von Erich Neumann „Kulturentwicklung und Religion“ S. 13 ff). - Ich:
die grundsätzlich neue Möglichkeit des Menschen, Welterfahrung
nicht nur über Jahrmillionen hinweg in der Art zu verarbeiten, sondern im
Individuum zu machen und sowohl als Einzelwesen wie als Art darauf zu
reagieren – z. B. die Reaktion auf die Umweltverschmutzung. Damit
vervielfachen sich die Entfaltungsmöglichkeiten explosionsartig. Beispiel eines ritualzeugenden
Prozesses
aus Erich
Neumann „Kulturentwicklung und Religion
Es ist häufig und eindrücklich geschildert worden, auf welch
abenteuerlich gefährlichen und manchmal stundenlangen Wegen die tief im
Innern der Berge liegenden Höhlen oft erreicht werden mussten, welchen
dem Eiszeitmenschen als Kultorte dienten, in denen er seine magischen
Tiermalereien anbrachte. Kriechend und klettern, durch unterirdische Seen
schwimmend und an Abgründen auf schmalstem Grat entlangrutschend, durch
steile Felskamine hinauf und über fast unüberschreitbare Felsplatten
hinweg, wurde der heilige Ort erreicht, in tiefster, nur durch die
flackernden Mooslämpchen erhellter Dunkelheit, in dauernder Bedrohung
durch die Gefahren des Weges.
Was kann den Frühmenschen veranlasst haben, sich freiwillig diesen
immensen Gefahren auszusetzen und gerade einen solchen Kultort zu suchen?
Zur Vereinfachung stellen wir das Endergebnis unserer Untersuchung an den
Anfang.
Es handelt sich um den Archetyp des Mysterienweges, an dessen Ende
ein Wandlungsgeschehen steht, das am heiligen Ort, im zentralen Raum, dem
Uterus der Großen Mutter, sich abspielt. Dieser Wandlungsort aber ist nur
auf einem Einweihungsweg zu erreichen, der durch ein todesträchtig gefährliches
Labyrinth führt, in dem keine Bewusstseins-Orientierung möglich ist.
Fraglos hat der Eiszeitmensch keinen Kultort „gesucht“, er ist
auf ihn gestoßen oder richtiger, er ist von seinem Unbewussten zu ihm geführt
worden und zwar im Ablauf eines Geschehens, das sich, wie jedes ursprüngliche
Geschehen, gleichzeitig innen und außen abgespielt hat. Ritus heißt ja
zunächst Weg und auch heute noch sprechen wir davon, dass man einen Ritus
„begeht“.
Wir müssen annehmen, dass die primitive Gruppe oder der sie führende
„Große Einzelne“, die den Eingang des Höhlenlabyrinths bewohnten,
von dem dunklen Innern des Berges in eben dem Maße fasziniert und
angezogen wurden, wie Menschen heute noch von dem dunklen Innen ihrer
Seele fasziniert und angezogen werden. Diese „Anziehung“ hat numinosen
(unbewussten) Charakter.
Der Frühmensch folgte diesem Weg ins Dunkel, indem er ihn
„außen in der Welt“ ging, wenn man das Innere der Bergschlünde als
ein „Außen“ bezeichnen kann. Höhle und Berginneres bedeuten auch uns
noch ein Innen, wieviel mehr gilt 3 das für
den Frühmenschen, für den die Trennung in einen Innen- und einen Außenwelt
noch nicht scharf vollzogen ist. Diesen Innen-Außenweg zu gehen, wurde er
nun getrieben und gejagt durch alle Gefahren und Todesnöten hindurch; nur
ein irrationaler innerer Zwang erklärt, dass die in den dunklen
Bergeingeweiden herumirrende Primitivgruppe ihre Angst und ihr Grauen hat
überwinden können.
Die psychische Situation der Gruppe in der unterirdischen Höhlenwelt
des Berges entspricht aber dem Erfasstsein vom Archetyp der Großen Berg-
und Erdmutter. Das Enthaltensein im Bergschoß ist ... das Enthaltensein
in diesem Archetyp, dessen Übergewicht als Dominanz des Unbewussten die
matriarchale Situation der frühen Menschheit bestimmt. Der ... Archetyp
der verschlingenden Mutter wird zum Situationserlebnis, das ... dem
gleicht, von welchem das Kind oder der Neurotiker im dunklen Zimmer, im
Keller, in der Nacht oder vor dem Schlafen überfallen werden und das
in der Gefängnisangst, der Todesangst, der Angst, lebendig
begraben zu werden usw. noch heute wirksam ist.
Die Faszination durch den Archetyp, die ebenso viel Anziehung wie
Abstoßung, ebenso viel Lust wie mit Grauen gemischten Neugierde und Angst
enthält, führt hier aber – und das ist das Wesentliche – nicht zur
Flucht, sondern zum Eindringen. Diese Anziehung, die das Dunkel trotz
seiner Unheimlichkeit auf den Menschen ausübt, gehört zu den
Grundvoraussetzungen des Menschen und zu den ... Voraussetzungen der
Bewusstseinsentstehung. So wird der Höhlenweg des Frühmenschen ... zum
Tiefenweg wie die Nachtmeerfahrt und wie allgemein der Weg des
Bewusstseins in Unbewusste. (Siehe auch die Rituale vieler Naturvölker,
wenn sie sich in Trance versetzen, aber auch die Litaneien, Gebetsmühlen,
Rosenkranzketten etc.)
In dem unbewussten Zwang, diesen Weg zu gehen, wirkt also eine
Tendenz zum Bewusstsein als ein inneres Ordnungsgesetz, in dem – wie im
Instinkt – ein überlegenes Wissen enthalten ist, das sogar stärker ist
als die Angst, welchen von dem Bild der furchtbaren Berg-Mutter ausgeht.
Dieses Wissen kann sich die Gruppe aber nur aneignen, wenn sie ihre Angst
überwindet und ihrem ins Dunkel eindringenden Weg folgt. Dadurch wird äußerlich
und innerlich eine höchste und letzte Leistung des Menschen provoziert.
Wenn aber diese höchste Anspannung ihren „bursting point“ erreicht,
kommt es zum Umschlagen der Situation. ...Dabei ist es gleichgültig , ob
einmal der überwältigende Eindruck eines Felsendomes außen, ein
andermal der innere Ablauf selber zur Kristallisierung des Archetyps ... führt,
in jedem Fall erfolgt am Ende des Weges das Umschlags- und
Wandlungsgeschehen.
... Dieses Zusammenstoßen von menschlicher Situation und Archetyp
macht ... diesen bewusstseinsfähig, weil durch
die außerordentliche Anspannung der ganzen Persönlichkeit und der
Gruppe ... (der Archetyp) als Bild in das menschliche Bewusstsein
einbricht und sich ... der Ort als „heiliger Ort“ offenbart.
Dieser Mysterienweg ... ist nur die früheste uns fassbare Form
(eines Rituals). Das Durchbrechen des Archetyps bedeutet, dass der Ort
„als“ die Große Mutter oder als ihr zugehörig erfahren wird, d. h.,
die unbewusste Situation, die hinter der Angst und hinter der zwanghaften
Faszination stand, den Höhlenweg zu gehen, wird jetzt bildhaft sichtbar.
...
... Dabei entsteht Bewusstsein, indem aus der unbewussten Spannung
der Situation der Blitz der Erleuchtung und Offenbarung erstmalig als
Bewusstsein aufleuchtet oder aber in einem schon bestehenden Bewusstsein
ein neues Stück Bewusstsein ...
erscheint.
An diesem Punkt setzt das menschliche Ritual ein, das sich von
jedem nur instinktiven Gehen unterscheidet. Wenn noch der erste Weg, der
zur Offenbarung geführt hatte, dem Menschen vom Unbewussten aufgezwungen
wurde, wird durch die Offenbarung das Geschehen jetzt repräsentations- d.
h. bewusstseinsfähig. Der Ort der primären Offenbarung wird zum Kultort,
zur „heiligen Höhle“, dem Vorbild jedes Tempels und der Weg selber
zum bewusst wiederholbaren Mysterienweg, zum Labyrinthweg, der als
ritueller Einweihungsweg zum Heiligtum führt. Warum die Religionen verschwinden werdenVon D. Michalke
Welche Trends bestimmen künftige
Gesellschaften?
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