Hat Leiden einen Sinn?  
von Rainer Hamp


Gesprächskreis "Säkulare Humanisten" diskutierte



Der vor ca. drei Jahren von Prof. Dr. Vallabh Patel gegründete Gesprächskreis "Säkulare Humanisten", in dem sich konfessionsfreie Atheisten und Agnostiker zum Gedankenaustausch zusammenfinden, traf sich kürzlich wieder zu einer Diskussion zum Thema "Hat Leiden einen Sinn"? Der Ehekirchener Arzt Dr. Anton Wohlfarth referierte zum zweiten Mal zu diesem Thema. Ging es beim letzten Gespräch in erster Linie um das Leiden der Tiere, das vom Menschen verursacht wird, so befassten sich das Referat und die anschließende Diskussion diesmal mit dem menschlichen Leid.


Dr. Wohlfarth stellte zunächst dar, dass die "Leidenskultur" vor allem bei den großen monotheistischen Religionen, also im Christentum, im Islam und im Judentum Tradition habe. Sie stabilisiere dabei die Macht der Kirchenhierarchie. Vor allem bei Völkern, die schon in vorchristlicher Zeit eine hierarchische Mythologie besessen hätten, so z. B. die Europäer, auch Afrikaner, habe das Christentum, aber auch der Islam leichter Fuß fassen können als z. B. bei Amazonasindianern, die hierarchische Strukturen ablehnten. Es sei bei den dort lebenden Völkern durchaus vorgekommen, dass man Missionare, die Machtpositionen aufbauen wollten, einen "Kopf kürzer" gemacht hätte.


In Europa habe das Leiden mythische Tradition. So habe sich z. B. der altgermanische Gott Odin (Wotan) als "Übervater" selbst geopfert und neun Nächte, verwundet durch einen Speer, in einem Baum gehangen. Der ähnliche christliche Mythos sei augenfällig.


leidender Papst veröffentlicht

Ein typisches Beispiel für die Leidensgesellschaft und die Leidenskultur habe der kürzlich verstorbene Papst gegeben, dessen Leiden immer wieder öffentlich dargestellt wurde. Solche Darstellungen wirkten natürlich stark auf Mitglieder der katholischen Kirche und darüber hinaus und bewirke ein emotionales Zusammengehörigkeitsgefühl über alle Länder- und Rassengrenzen hinweg - und stärke damit in klassischer Weise die Macht und die Hierarchie der katholischen Kirche. Gerade der Papst habe als Stellvertreter und in der Nachfolge des leidenden Christus die Aufgabe, dem Leiden einen Sinn zu geben. Der Sinn liege darin, dass der Leidende sozusagen "Bonuspunkte" für das Jenseits sammle.


Die Gegenposition dazu nähmen Leute ein, die sich moralisch verpflichtet sähen, dem Leiden eine Ende zu setzen. So geschähen immer wieder Morde an unheilbar Kranken, die aus der Sicht von Betreuern sinnlos leiden würden. Diese Position sei ebenso falsch, wie die Verherrlichung des Leids, so Dr. Wohlfarth. Leid, so meinte er, sei zu unterscheiden von durchaus sinnvollem Schmerz. Während der Schmerz als Warnung diene - wer z. B. Zahnschmerzen habe, den würden diese zum Zahnarzt treiben - habe Leid, das nicht behandelbar sei, keinen Sinn. Es liege also beim Patienten - nicht bei Kirchenorganisationen und nicht bei anderen Personen - festzulegen, wann das Leiden eine Ende haben solle.

 

Leiden hat keinen Sinn


In der anschließenden Diskussion kristallisierte sich die Feststellung heraus, dass ein gläubiger Mensch eben glaube, dass irdisches Leid einen Sinn habe; aber nur im Hinblick auf ein Jenseits, von dem man absolut nichts wisse und wofür es keinen Anhaltspunkt gebe. Für einen Menschen, der im Diesseits lebt, habe unbehandelbares Leiden keinen höheren Sinn. Man müsse es hinnehmen, weil es Tatsache im Leben ist, aber man müsse es auch bekämpfen, soweit es irgend möglich ist. Es liege allein in der Entscheidungsfreiheit eines jeden einzelnen Menschen, wieweit er bereit ist Leiden zu ertragen.