Die USA:
Gottes auserwähltes Land?
God’s own country?
Verquickung von
Politik, Wirtschaft und Religion
am Beispiel der USA
Helmut Steuerwald
(mit nachträglich eingefügten Ergänzungen)
Freitag, 17. Oktober 2003, 19.00 Uhr
Vortragsraum Alexanderstr. 14/II
Wir Amerikaner glauben an uns selbst, aber nicht nur an uns allein. Wir behaupten nicht, alle Wege der Vorsehung zu kennen, dennoch vertrauen wir in sie, setzen unser Vertrauen in den gütigen Gott, der unsere Geschicke lenkt.
Möge er uns in diesen Stunden leiten. Gott segne auch weiterhin die Vereinigten Staaten von Amerika.
George W. Bush [1]
1. Einführung
Vor zwei Jahren hielt ich den Vortrag „Fundamentalismus und religiöser Fanatismus in der Welt von heute“, einen Vortrag, der damals hoch aktuell geworden war durch den Terroristenangriff auf die World-Trade-Center-Türme. Damals sprach ich am Rande auch über die Rolle der amerikanischen Politik und die religiös-fundamentalistischen Vorstellungen in diesem Land. Heute geht es speziell hierüber. Ich will also auf die Bedeutung der Religionen in Politik und Wirtschaft der USA näher eingehen.
Die wirtschaftspolitische Entwicklung mit einer immer stärker werdenden scheinliberalen, aber im Grunde menschenverachtenden Politik der Globalisierung ist dazu prädestiniert, dass Krieg und Verarmung in immer mehr Länder getragen wird, aber auch, dass die Gegensätze zwischen arm und reich innerhalb der verschiedenen Länder immer größer werden (dies sehen wir ja auch bei uns). Mit Recht schreibt der kanadische Professor Michel Chossudovsky: „Krieg und Globalisierung gehen Hand in Hand.“[2] Als Folge dieser Art von Globalisierung mit Unterdrückung und Verarmung kommt es unter anderem dazu, dass fundamentalistische Strömungen in den verschiedenen Religionen und Regionen stärker zum Tragen kommen. Gründe hierfür habe ich damals in meinem Vortrag aufgeführt.[3] Schauen wir uns nun speziell die Situation in den USA an.
Die Fanatisierung bestimmter religiöser Gruppierungen in Amerika zeigt uns einen Trend auf, der in der Gesellschaft zu einer stärkeren Brutalisierung führt, die in Zusammenhang steht mit einer angeblich von Gott gewollten auserwählten Rolle der USA.
Der betont religiös ausgerichtete George W. Bush ist seit drei Jahren Präsident der USA. In dieser kurzen Zeit hat er zwei Kriege geführt, gegen Afghanistan und Irak, und droht mit weiteren, im Kampf gegen „das Böse“. Hierfür hat er anfänglich sogar den Begriff „Kreuzzug“ verwendet. In beiden Kriegen hat er seine Entscheidungen religiös verbrämt, hat an religiöse Gefühle appelliert, hat die angeblich gottgewollte besondere Vormachtsstellung der USA hervorgehoben. Und dies trotz der Tatsache, dass es in den USA eine Verfassung gibt, die eine strikte Trennung von Staat und Kirche vorschreibt.
2. Gläubige USA
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind schon lange eine große Nation. Sie wurden es aber vor allem durch Vernichtung, Unterdrückung und Eroberungen anderer Völker und Gebiete. All dies geschah im Namen eines christlichen Anspruches. Schauen wir zurück:
· Mit der Eroberung und „Christianisierung“ von Nordamerika wurden im Laufe der Jahrhunderte die verschiedenen Indianerstämme aus ihren angestammten Regionen vertrieben. Diese „Ungläubigen“ wurden verfolgt, ermordet, als Untermenschen gesehen – bis heute. Man sollte nicht vergessen, dass die Indianer in den USA erst vor knapp 80 Jahren überhaupt Bürgerechte erhielten. Auch in der Gegenwart werden sie von Teilen der Bevölkerung noch als minderwertig angesehen, und ihr Status in der gegenwärtigen US-Gesellschaft ist gering.
· Als man trotz Unterdrückung der Indianer nicht genügend Arbeitskräfte fand, holte man sich Sklaven aus Schwarzafrika und richtete hier unsägliches Leid an. Die christlich verbrämte Sklaverei dauerte Jahrhunderte; dabei ging es um Millionen von Menschen. In einer Zeit, in der man infolge der Aufklärung und des Humanismus in einem Großteil Europas die Sklaverei aufgehoben hatte, bestand sie in den USA weiter, besonders stark in den Südstaaten. Das blieb so bis 1865, bis zum Ende des amerikanischen Bürgerkrieges.
· Schon ein bis zwei Jahrzehnte vorher hatte man große Teile Mexikos erobert, große Teile des Landes annektiert und auch hier die einfache Bevölkerung - meist indianischen Ursprungs - unterdrückt. Karlheinz Deschner schreibt scharf, aber treffend zu der Entwicklung der USA in seinem Buch „Der Moloch“:
„Die USA, die, seit es sie gibt, allen anderen Moral predigen, um ihre eigenen Gräuel zu kaschieren, entstanden selbst auf dem Boden nackter Gewalt: durch Ausmordung der Roten und Versklavung der Schwarzen - die Basis ihrer ganzen Freiheit und Demokratie: blutige ‚Realpolitik’ und bigottes Geschwätz.“[4]
· Die puritanisch orientierten „Weißen“ Amerikas betrachteten sich immer als etwas Besseres. Gut christlich protestantisch, stellten sie sich über die Schwarzen, über die Indianer und andere Minderheiten. Sie fühlten sich auserwählt und die bestehenden Unterschiede wurden schon immer als gottgewollt hingestellt. Aufbegehrende Indianer oder Farbige werden bis in die Gegenwart schlimm verfolgt, Kämpfende um Freiheit und Menschenwürde ermordet. Auch „weiße“ Personen die sich für eine Humanisierung, für die Gleichberechtigung der Menschen einsetzten, Gegner dieser Apartheid waren, wurden verfolgt. Man schuf besondere Organisationen, so den Ku Klux Klan, vor allem dann 1915 den neuen „Ku Klux Klan“, der vom ehemaligen Prediger Oberst William Simmons in Georgia gegründet war. Alle weißen, protestantischen Männer ab 16 Jahren konnten hier Mitglied werden. Mit Angst und Schrecken brachte diese Organisation bis in die Gegenwart viele Menschen um. Abertausende Menschen wurden gequält, verängstigt und schikaniert. Man zündete massenhaft Häuser oder auch Gotteshäuser von Schwarzen an und tat alles, um die Apartheid aufrecht zu erhalten. Politisch waren diese Kreise sehr aktiv und unterstützen den rechten Flügel der Republikaner. Dies ist bis heute so geblieben.
· Ein großer Teil der Amerikaner sind auch heute sehr gläubig und sind im Gegensatz der meisten Europäer regelmäßige Kirchgänger. Die Menschen werden darüber hinaus durch die Massenmedien der privaten Fernsehanstalten von irgendwelchen evangelikalen und anderen fanatisierten Predigern berieselt, zu Gebeten und zur Buße aufgefordert. Selbständiges, kritisches Denken ist da nicht gefragt. Die gegenwärtige auf Profit orientierte globalisierte Marktwirtschaft wird dabei in das religiöse Denken und Handeln mit einbezogen.
· In den letzten Jahrzehnten haben evangelikale und fundamentalistische Kräfte viel Geld in die Medien hineingepumpt, viel Propaganda gemacht und man hat dadurch auch viele Anhänger gewonnen. Das sollte zu Denken geben! Trotzdem: wir sollten nicht vergessen, dass es auch ein ganz „anderes Amerika“ gibt, das ebenfalls Zuwachsraten aufzuweisen hat. Ich komme am Schluss darauf.
· Das Hamburger Abendblatt vom 13. Februar 2003 schrieb unter anderem:
·
“Die
USA gelten als die gläubigste der Demokratien weltweit. Die meisten Amerikaner
sehen ihr Land sogar als "God's own country" (Gottes Heimat)…
Insgesamt glauben 90 Prozent der
Amerikaner an Gott und 80 Prozent an die Auferstehung. In Deutschland hingegen
halten sich nur 47 Prozent (alte Länder) bzw. 32 Prozent (neue Länder) für
religiös; für 14 Prozent ist die Auferstehung eine Gewissheit, weitere 15
Prozent halten sie für möglich.
· Von den gut 27 Millionen deutschen Katholiken nehmen rund 20 Prozent regelmäßig an der Messfeier teil, und von den ebenfalls etwa 27 Millionen Protestanten besuchen lediglich fünf Prozent sonntags den Gottesdienst. Anders in den USA: 48 Prozent der Katholiken besuchen wenigstens einmal pro Woche die Messe. Von den Baptisten gehen 50 Prozent, von den Methodisten 49 Prozent und von den Lutheranern 43 Prozent wöchentlich in den Gottesdienst.“[5]
· Statistisch gesehen gehören in den USA 76,5 % der Bevölkerung dem Christentum an. Zum Judentum gehören 1,3% und zum Islam 0,5%. Auffallend ist, dass sich die Zahl der Islam-Angehörigen in den letzten 10 Jahren verdoppelt hat. Dies hat nicht nur mit höherer Kinderzahl zu tun, sondern ist vor allem den Black Muslims zuzuschreiben, welche sich sehr der Armen annehmen, keinen Rassismus kennen und das Selbstbewusstsein der Farbigen stärken.
· Von den Christen gehören – grob gesprochen – gut die Hälfte protestantischen Gruppen an, ein Viertel etwa sind katholisch und das andere Viertel gehört weiteren christlichen Gruppierungen an (Mormonen, Orthodoxen und einer Vielzahl Sekten).
· Die katholische Kirche war in früherer Zeit besonders konservativ, ja reaktionär. In den letzten Jahrzehnten geriet sie vor allem durch den Missbrauch von Kindern sehr in Verruf. Sie ist vorsichtiger geworden, und wir müssen sie heute differenzierter sehen: wir finden auch recht tolerante, friedensorientierte, auf Völkerverständigung ausgehende Kreise darunter.
· Extrem reaktionäre Haltungen finden wir heute eher im protestantischen Lager.
· Von den protestantischen Gruppen sind am bedeutendsten die Baptisten (16,3% der Bevölkerung) trotz ihrer Zersplitterung. Große Bedeutung hat die in den Südstaaten beheimatete „Southern Baptist Convention“. Sie ist sehr reaktionär und zeigte sich in den letzten Jahrzehnten besonders rückständig. So hat man wieder Erlasse eingeführt, dass Frauen nicht gleichberechtigt sein dürfen und sich dem Manne „huldvoll unterwerfen“ sollten.[6] Viele ihrer Prediger unterstützen den Krieg gegen den Irak. Der Baptistenprediger Richard Land schreibt:
· „Einen gerechten Krieg zu führen ist ein Akt christlicher Nächstenliebe. Das Böse muss bestraft werden, das Gute belohnt werden. Die Zeit für Gewalt ist gekommen.“[7]
· Die in den Nordstaaten beheimateten Baptistenorganisationen zeigen sich überwiegend aufgeschlossener und friedfertiger.
· Zahlenmäßig folgen den Baptisten die Methodisten, die Lutheraner, charismatische Gruppen, Presbyterianer, Mormonen, Anglikaner und viele kleinere Gruppen, die aber doch oft Millionen oder mindestens hunderttausende Mitglieder haben.[8]
· Die Mormonen („Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage“) zeigen eindeutig rassistische Züge. Farbige gelten als minderwertig, z. B. konnten sie lange Zeit nicht Priester werden. Frauen besitzen keine Gleichberechtigung.[9]
· Im Übrigen sind es diese fromm-konservativen Kräfte, die immer wieder für weitere Verschärfungen des Strafrechts eintreten. „Zero tolerance“ wird bei größeren und kleineren Vergehen verlangt, und die Todesstrafe soll noch häufiger angewandt werden. Ja selbst Kinder und jugendliche Verbrecher sollen dieser Strafe zugeführt werden. Wer weiß schon, dass in den USA zwei Millionen Menschen in Gefängnissen sitzen; einen so hohen Anteil Gefangener gibt es in keinem anderen Land der Erde! Und das im so genannten freiheitlichen Amerika. Auch mit Todesstrafen liegt das Land an der Spitze der westlichen Länder. Dabei lässt sich klar nachweisen, dass die Zahl der gegen Farbige verhängten Todesstrafen eindeutig höher liegt als die gegen Weiße. Außerdem werden Weiße bei vergleichbaren Delikten viel seltener mit der Todesstrafe bedroht als Farbige. In den USA werden sogar Jugendliche hingerichtet, obwohl dies ein glatter Verstoß gegen internationales Menschenrecht und gegen die UNO-Kinderkonvention ist. Amnesty International schreibt dazu:
· In den letzten 5 Jahren wurden in den USA 12 „jugendliche Straftäter“ hingerichtet, 8 dieser Exekutionen fanden in Texas statt. Noch immer erlauben 22 US-Bundesstaaten die Hinrichtung von Straftätern oder Straftäterinnen, die zur Tatzeit erst 16 oder 17 Jahre alt waren. Mit dieser unmenschlichen Praxis stehen die USA weltweit ziemlich alleine da, denn seit dem Jahr 2000 haben außer ihnen nur 3 Staaten "jugendliche Straftäter" hingerichtet: die Demokratische Republik Kongo, der Iran und Pakistan. Pakistan hat die Todesstrafe für Jugendliche mittlerweile abgeschafft, und die Demokratische Republik Kongo hat ein Exekutions-Moratorium verhängt. [10]
· Kinder und Jugendliche sind oft Opfer einer eher mittelalterlich anmutenden Rechtsauffassung. Denken wir nur an den Fall Raoul Wüthrich, den 11 jährigen schweizerisch-amerikanischen Jungen, der am 30. August 1999 nachts aus dem Bett geholt wurde, ihm Handschellen angelegt wurden, dann mehrere Wochen in Untersuchungshaft kam, weil ihn eine Nachbarin angezeigt hatte, da er angeblich absichtlich die Scheide seiner Schwester berührt hatte. In Hand- und Fußfesseln wurde er mehrmals vor Gericht geführt. Der Fall sorgte ja in der ganzen Welt für Aufsehen. Erst nach weltweltweiten Protesten wurde schließlich erreicht, dass das Kind zu seinen Eltern in die Schweiz zurückehren konnte.
· Diese reaktionären Anschauungen haben besondere Bedeutung bei fundamentalistischen, evangelikalen und charismatischen Gruppen. Wenden wir uns diesen zu.
·
3. Gegenwart: Die Rolle der Evangelikalen und des Fundamentalismus in den USA. Kreationismus gegen Darwinismus. Glaube gegen Wissenschaften.
Politisch-religiöse extremistische Einstellungen finden wir zwar in starren katholischen Gruppen, aber eben noch viel stärker bei den aus dem Pietismus kommenden protestantischen Gemeinschaften. Auch der Ku Klux Klan ist ja ein Kind engstirniger protestantischer Denkweisen. In neuerer Zeit ist es aber vor allem das „Christian Identity Movement“ (CIM), das eine militante rechtsextremistische, christlich-ultra-reaktionäre Haltung einnimmt, Rassenhass sät, antisemitisch ist und überkommene Konspirationsthesen vertritt. In ihr finden sich Fundamentalisten, Evangelikale wie auch Skinheads und andere faschistische Gruppierungen.
· Die eigentlich sich schon selbst fundamentalistisch nennende Bewegung der USA entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts und hat sich aus dem extrem konservativen Flügel des protestantischen Christentums entwickelt. Sie vertritt ein engstirniges, starres Christentum. Mit missionarischem Eifer wendet man sich seit Gründung vor allem gegen den Darwinismus. Die Texte der Bibel gelten für die Fundamentalisten als von Gott unmittelbar vermittelt, daher sind die Aussagen der Bibel unfehlbar, so auch der Schöpfungsbericht. Natürlich gelten auch Jungfrauengeburt, die leibliche Auferstehung Christi, seine Wiederkehr u. a. als absolute Wahrheiten, die nicht angezweifelt werden dürfen.
· Evangelikale Bewegungen in Amerika entstanden später, gegen Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts. Obwohl hier ähnliche Vorstellungen entwickelt wurden, zeigte man sich zunächst eher konträr zu den fundamentalistischen Gruppierungen. Zunächst stellte man keine politischen Ansprüche, wie es die Fundamentalisten taten - die kamen aber bald dazu - und man gab sich überkonfessionell. Auch für diese Evangelikalen ist die Bibel geoffenbartes Wort Gottes, und die Bibel ist die alleinige Autorität für die Lebensführung, man muss bereit sein Jesus entschieden nachzufolgen. Dazu kommt noch der Missionseifer.[11]
Die Anhänger der Fundamentalisten wie der Evangelikalen sind autoritätsgläubig – was ihre Prediger sagen, wird dogmatisch akzeptiert. Texte der Bibel werden oft schematisch auswendig gelernt und unreflektiert übernommen. Auffallend ist, dass das Alte Testament – mit seinen wesentlich grausameren und kriegsverherrlichenden Texten – viel häufiger in den Mittelpunkt gerückt wird als die Texte des Neuen Testaments. Die Bergpredigt und andere auf Frieden ausgerichtete Texte der Bibel werden kaum benutzt.
Viele evangelikale Gruppen haben in den letzten Jahrzehnten in den USA politischen Einfluss gewonnen und treten fundamentalistisch auf, so dass man nur noch wenige Unterschiede zwischen den beiden Bewegungen erkennen kann. Auffallend ist auch, dass trotzdem in diesen Kreisen neoliberalistisches Denken mit einbezogen wird: Man wendet sich gegen die Sozialstaatlichkeit, man tritt ein für eine auf Barmherzigkeit ausgerichtete „christliche Armenpflege“, für Hilfe im Namen des Herrn.
Es gibt allerdings auch evangelikale Gruppen, die hier nicht mitmachen: sie sind zwar bibeltreu, versuchen sich aber aus dem politischen Geschehen herauszuhalten und zeigen sich weniger fanatisch.
Eng verbunden mit den fundamentalistischen und evangelikalen Anschauungen erleben wir heute besonders in den USA, aber auch in anderen Ländern, einen zunehmenden Einfluss charismatischer Erneuerungsbewegungen. Diese sind stärker spirituell, ja esoterisch ausgerichtet, aber auch hier gibt es häufig Überschneidungen mit den typisch fundamentalistischen und evangelikalen Gruppen.
Charismatische Bewegungen finden wir zwar vor allem im protestantischen Lager, aber auch in katholischen Gruppen und anderen Religionen. Charismatische Bewegungen leben vor allem vom so genannten Sendungsbewusstsein ihrer Propheten. Ihrer Führer sind angeblich von Gott mit übernatürlichen Kräften ausgestattet. und dadurch wird von den Anhängern selbstverständlicher Gehorsam erwartet.
Selbst von theologischer Seite werden charismatische Bewegungen oft kritisch betrachtet. Der Theologe Rudolf Ebertshäuser dazu:
„Diese Bewegung erhebt den Anspruch, eine vom Heiligen Geist gewirkte endzeitliche Erweckung zu sein und durch Wiederbelebung der urchristlichen Gnadengaben oder „Charismen“ eine Wiederherstellung der christlichen Gemeinde in ihrer apostolischen Herrlichkeit und Kraft möglich zu machen. Immer mehr vor allem jüngere Gläubige werden von dieser faszinierenden Strömung ergriffen und öffnen sich für die von den Charismatikern propagierte „Geistestaufe“ und die damit verbundenen Lehren.“[12]
Wir sollten die Rolle dieser charismatischen Bewegungen – und ich zähle dazu vor allem auch die Pfingstgemeinden (auch wenn dies manchmal anders gesehen wird) - nicht unterschätzen. Sie besitzen inzwischen in etlichen Ländern, so vor allem in Diktaturen Mittelamerikas starken politischen Einfluss und haben im Hintergrund die Unterstützung aus Politik und Wirtschaft der USA. Ein besonders schlimmes Beispiel hierfür ist Guatemala, wo der ehemalige Diktator, Prediger einer fundamentalistischen Sekte (Freikirche „El verbo“, das Wort), Efraín Ríos Montt, mit Unterstützung der USA erneut zur Macht greift: „Die CIA und die Militärs ermunterten die Bildung fundamentalistischer Sekten…“, so der Spiegel. Der grausame Bürgerkrieg, der vor allem von Ríos Montt geschürt wird, hat schon Hunderttausenden das Leben gekostet.
Im Übrigen: Bush’s eigene Haltung zeigt starke charismatische Züge, und er steht diesen Bewegungen nahe.
Vor allem von amerikanischen charismatischen Bewegungen wird im Rahmen ihres Sendebewusstseins propagiert, dass nun die USA das von Gott auserwählte Land sei. Ohne Gottes Hilfe könne Amerika nicht führend in der Welt sein. Sie glauben - ähnlich wie auch weitere reaktionäre Gruppierungen - dass man auf Seiten Gottes sei, wenn man andere Länder abhängig macht, wenn man gegen andere, die ja das „Böse“ verkörpern, Krieg führt. Menschenrechte zählen nicht, da es wichtiger sei mit allen Mitteln die christliche göttliche Ordnung zu stützen. So können demnach Amerikaner wegen Verletzung der Menschenrechte nicht vor den Internationalen Gerichtshof gestellt werden.
Von Seiten der verschiedenen fundamentalistischen, evangelikalen und auch charismatischen Gruppen kommt es häufig zu gewalttätigen Übergriffen. Von Schweizer evangelischer Seite heißt es dazu:
„In den USA gibt es am rechten Flügel des Fundamentalismus... allerdings auch Gruppen, die sich militant verhalten. Dazu gehört die Bildung von paramilitärischen Einheiten, welche Schießübungen und Manöver veranstalten, die auch von einem eigenen Staat träumen, in der es nur Christen gibt... Die Grenzen zwischen Fundamentalisten und Auschwitz-Leugnern (Revisionisten) und Banden wie dem Ku-Klux-Klan sind in den USA fließend.“[13]
Fundamentalistische, evangelikale und charismatische Gruppen, sowohl in den Kirchen wie in Sekten, zeigen prinzipielle Ähnlichkeiten. Sie sind nach unserer Auffassung vernunfts- und verstandesmäßig kaum erfassbar. Mit ihren ins Esoterische gehenden Wunschvorstellungen, ihrem Abrücken von der realen Welt, mit ihren phantasievollen Vorstellungen, die meist verbunden sind mit elitärem Denken - da man ja glaubensmäßig zu den „Auserwählten“ gehört -, aber auch mit ihrem endzeitlichen Denken kommt man mit logischen Argumenten nicht an sie heran.
Auffallend sind die Vorwürfe, die Angehörige der verschiedenen Gruppen sich gegenseitig machen: nicht den wahren Glauben zu besitzen, sondern vom Teufel beherrscht zu sein, okkultistische Vorstellungen zu haben, magische Denkvorstellungen zu entwickeln. Eigener Borniertheit verhaftet, geht man auch gegen tolerante Vorstellungen christlicher Kirchenvertreter vor. Andersgläubige, erst recht Nichtgläubige und Abtrünnige, sind mit allen Mitteln zu bekämpfen, da sie ja angeblich dem Teufel, den bösen Mächten verfallen sind.
Der Hass einzelner rechts-extremer, christlich-fundamentalistischer Strömungen gegen Schwarze und Juden, gegen demokratische Vorstellungen und moderne Lebensweisen geht soweit, dass sie die Terroranschläge gegen das World Trade Center als gottgewollt guthießen, da dies ein Anschlag gegen die Verjudung und den Abfall vom Glauben gewesen sei. Solche fanatisierten Gruppen haben auch weiterhin militante Trainingslager in den USA, werden geduldet, ja gelegentlich von staatlicher Seite gefördert.[14] Anderseits gibt es Gruppen, welche den Juden die Terrorangriffe vom 11. September in die Schuhe schieben. Irrationalität, wo man hinschaut.
Gemeinsame Vorstellungen haben die fundamentalistischen, evangelikalen, charismatischen Gruppen allemal: Neben dem Endzeitdenken, neben engstirniger Bibelauslegung, neben vom Heiligen Geist „Auserwähltsein“, ist es vor allem, dass sie im täglichen Leben gegen eine moderne tolerante Welt eingestellt sind. Man ist gegen alle Erkenntnisse, wenn sie den biblischen Aussagen entgegenstehen. Gemeinsam ist man für die Erweiterung der Todesstrafe, für eine Herabsetzung der Strafmündigkeit und schwere Bestrafung auch von Kindern. Man ist gegen Homosexuelle, natürlich gegen Schwangerschaftsabbrüche, ja gegen Empfängnisverhütung, tritt für Keuschheit vor der Ehe ein, gegen die Gleichberechtigung, plädiert für biblischen Unterricht in Schulen und für Schulgebete, ungeachtet dessen, dass man eindeutig gegen amerikanische Verfassungsgrundsätze verstößt. Viele treten letztlich für einen christlichen Gottesstaat ein. An das Auserwähltsein Amerikas als das zukünftige Neue Jerusalem, glaubt man häufig. Diese Gruppen fühlen sich als „Saubermänner der Nation“. „Law and order“ ist für sie wichtig.
Oft sind heute fundamentalistische, evangelikale und charismatische Gruppen miteinander verwoben. Bei ihren Anliegen bekommen diese Gruppen häufig Unterstützung und vor allem auch Geld von weniger fundamentalistisch denkenden Kirchenvertretern und Politikern, schon weil man deren Wahlstimmen braucht.
In ihrem Kampf gegen Geburtenkontrolle und Schwangerschaftsabbrüche gehen diese Gruppen mit allen Mitteln vor. Und zwar gegen betroffene Frauen, dann erst recht gegen Befürworter der legalen Schwangerschaftsabbrüche, sowie gegen Ärzte und Krankenschwestern. Diffamierungen, wirtschaftliche Sanktionen, Psychoterror, Morddrohungen, Misshandlungen sind an der Tagesordnung. Ja, es kam schon zu Morden an Ärzten und Befürwortern der legalen Abbrüche.
Vor kurzem konnten wir in der Presse lesen, dass der Ex-Pfarrer Paul Hill hingerichtet wurde, weil er als militanter Abtreibungsgegner zwei Morde begangen hatte, an einem Arzt und dessen Begleiter. Vor seiner Hinrichtung erklärte Hill noch: „Ich erwarte eine große Belohnung im Himmel“. Im Übrigen ist es kennzeichnend, dass gerade Befürworter legaler Abtreibungen sich bis zuletzt gegen die Exekution gewandt haben, da „sie befürchten, dass Hill unter den Abtreibungsgegnern zum Märtyrer hochstilisiert wird.“[15]
Ein weiterer Fall ist der Bombenanschlag des aus der rechten Szene kommenden religiösen Fundamentalisten Rudolph auf die Abtreibungsklinik in Birmingham, Alabama, bei der ein Polizist getötet und eine Schwester schwer verletzt wurden.[16] Und es gibt weitere Fälle.
Besonders engagiert zeigen sich fundamentalistische, evangelikale und weitere christlich-reaktionäre Kreise im Kampf gegen die Evolutionslehre und andere moderne wissenschaftliche Erkenntnisse.
Wichtigster Hintergrund für die Entstehung der fundamentalistischen Gruppen in den USA war, dass man mit der Bibel in der Hand gegen die Abstammungslehre, gegen den Darwinismus vorgehen wollte. Einen Höhepunkt erreichte diese Bewegung in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bei ihrem „Anti-Evolutions-Kreuzzug“. In dem kleinen Städtchen Dayton in Tennessee kam es zu dem weltberühmt gewordenen „Affenprozess“. Der Lehrer John Thomas Scopes wurde vor Gericht gestellt, weil er in der Schule die Lehren Darwins darlegt hatte. Im Prozess haben Fundamentalisten dem Lehrer vorgeworfen, dass er mit seinen Ansichten Gotteslästerung betreibe. Herr Scopes wurde verurteilt. In der Weltöffentlichkeit wurde die Lächerlichkeit der Ansichten der Fundamentalisten herausgestellt sowie die problematische Prozessführung. Nach längerer Zeit kam es schließlich dazu, dass das Oberste Gericht das Urteil „wegen Formfehler“ wieder aufhob.
In vielen Einzelstaaten der USA, vor allem natürlich in den Südstaaten, wurden trotzdem immer wieder Gesetze erlassen, die das Vermitteln der Abstammungslehre an den Schulen verbot. Wissenschaftler mussten gegen fundamentalistische Gruppen ankämpfen, von denen sie häufig diffamiert wurden.
Etwas besser war die Situation in Amerika ab 1957. So heißt es in einer Arbeit der LMU München - Institut für Philosophie – zur „Geschichte des Kreationismus in den USA“:
„Anlass für eine Renaissance, zunächst der Evolutionslehre, später des Kreationismus, war Sputnik, der erste künstliche Satellit der UdSSR, 1957. Er entfachte in den USA eine Bildungsdiskussion. Die Nation förderte wieder Technik und Wissenschaft, reformierte die Lehrpläne und steckte Geld in die Ausbildung. Davon profitierten auch die Lehrbücher und -pläne für Biologie: die Evolutionslehre erhielt größeres Gewicht.“[17]
Es dauerte aber bis 1968, bis die Oberste Gerichtsbehörde der Vereinigten Staaten der „Suprem Court“, die Verbote von Bundesstaaten, die Evolutionslehre an Schulen zu lehren aufhob, da sie verfassungswidrig seien.
Trotzdem gaben die Fundamentalisten und weitere reaktionäre Gruppen keine Ruhe, dies bis heute. Wir erlebten seit der Regierung des konservativen Präsidenten Reagen, also seit 1980, eine Stärkung fundamentalistischer Anschauungen in Gesellschaft und Politik. Erinnern wir uns: Bereits Präsident Reagen hat immer wieder das dualistische, manichäische Feind-Freund-Schema und Kreuzzüge gegen Bösewichte betont.
Auch unter dem demokratischen Präsidenten Clinton, der charismatischen Anschauungen nahe stand, ging die Förderung kreationistischer Bewegungen weiter und der jetzige Präsident Bush fördert fundamentalistische und charismatische Anschauungen sowieso.
Ich erinnere nochmals an die Ausführungen aus der Zeitschrift Geo, Nr. 2, vom Februar 2001, die ich schon bei meinem Vortrag über Fundamentalismus brachte:
„... Anfang der neunziger Jahre wird die kalifornische Schulbehörde zu 225.000 Dollar Schadensersatz verurteilt, weil sie die Wissenschaftlichkeit des Institute for Creation Research angezweifelt hat. 1995 werden Schulbücher in Alabama mit Stickern beklebt, die verkünden, dass die Evolution "eine umstrittene Theorie ist, die nicht als Tatsache angesehen werden darf". In Kentucky müssen Buchseiten zum Thema "Urknall" verklebt werden. In Louisiana und Arizona müssen Lehrer vor Lektionen über Darwins Lehre Warnungen verlesen, in mehr als einem halben Dutzend anderer Staaten gibt es vergleichbare Bestrebungen. 1999 feiern die Kreationisten einen besonderen Erfolg: Die Schulbehörde von Kansas untersagt, Evolution und Urknall in den staatlichen Leistungsprüfungen abzufragen oder auch nur zu erwähnen.“[18]
So bekommen bis heute verschiedene Südstaaten materielle, rechtliche und geistige Unterstützung von Regierungsseite. Diese konnten auch durchsetzen, dass in verschiedenen Staaten der Beschluss der Obersten Gerichtsbehörde mehr oder weniger außer Kraft gesetzt wurde, bzw. mindestens unterlaufen wurde und an vielen Schulen kreationistische, auf der Schöpfungsgeschichte beruhende Anschauungen verbreitet werden, obwohl dies eindeutig gegen die Verfassung der USA verstößt. Besonders schlimm ist das natürlich an Privatschulen. So heißt es (nach Klaus Brill) in deren Richtlinien: Christliche Weltsicht verlangt
„den Glauben an den Schöpfer, so wie er wörtlich im Buche Genesis dargestellt wird“ … Weltlicher Humanismus, Marxismus-Leninismus und New-Age-Theorien gleichermaßen werden dem "biblischen Christentum" gegenübergestellt, und natürlich kommen die Autoren zu dem Schluss, allein der Schöpfungsglaube sei die Wahrheit, weil nur er einen Schöpfer voraussetze - den Designer, wie es wörtlich darin heißt. ‚Wenn die Bibel nicht Geschichte ist, dann zerbröckelt das Christentum’..."[19]
Es muss wissenschaftlich denkende Menschen erschüttern, wie einerseits das allgemeine Bildungsniveau in den USA in vielen Bereichen zurück, geht - nur noch Spezialwissen ist gefragt - und andererseits fundamentalistisch denkende Organisationen die Menschen von vernünftigem Nachdenken abhalten, von wissenschaftlichen Beweisen und Erkenntnissen fernhalten. Nach Untersuchungen von 1999 (in Klammer 1982) glauben:
Gott hat den Menschen in seiner gegenwärtigen Form geschaffen 47% (44%)
Gott hat den Menschwerdungsprozess geleitet 40 % (38 %)
Ein Gott hat daran keine Beteiligung 9 % (9 %)
Es haben eine andere oder keine Meinung 4 % (9 %) [20]
Also fast die Hälfte der Bevölkerung der USA glaubt heute noch, dass Gott den Menschen in seiner gegenwärtigen Form, so wie es in der Bibel steht, geschaffen hat – dies entgegen allen Erkenntnissen, entgegen aller Vernunft.
· Die Fundamentalisten kämpfen darüber hinaus gegen eine wissenschaftliche, historisch-kritische Bibelforschung: Fortschrittliche Professoren werden diffamiert, und die Lehre ihrer Erkenntnisse versucht man durch Entzug der materiellen Grundlagen zu verhindern. Umgekehrt werden engstirnige, an den Aussagen der Bibel orientierte Bücher unter die Massen geworfen. Denken wir nur auch bei uns an die vor einem Jahr von den USA gesteuerte Aktion mit dem Gratis-Buch „Kraft zum Leben“.
· Interessant ist vor allem aber auch, dass Millionen Amerikaner in einem ganz andern Sinne - noch zusätzlich zu ihrem offiziellen Glauben - religiös, ja gläubig sind:
· Sie glauben an UFOs, an Wesen von einem anderen Stern, viele haben esoterische Vorstellungen oder verbinden beides, und anderes mehr. Der Aberglaube ist in großen Teilen der Bevölkerung weit verbreitet!
· Fast 1/3 der Bevölkerung der USA glaubt an außerirdische Besuche durch UFOs aus dem All. Viele Menschen glauben auch an Entführungen durch diese Außerirdischen. Dieser Glaube wird vor allem durch die Medien geschürt, besonders durch entsprechende Filme, Fernseh- und Radiosendungen, durch Zeitschriften, Internet u.a.m. Dagegen nimmt die Darbietung wissenschaftlich begründeter Filme, wissenschaftlich fundierter Materialien mehr und mehr ab (ihre Herstellung ist ja meist auch viel teuerer und aufwendiger). Skeptisches, selbständiges Nachdenken bleibt so bei vielen Menschen immer mehr auf der Strecke.
· Eine irrationale, irreal-virtuelle Welt - in der es meist nur um Gut oder Böse geht - wird in den Medien den Leuten zunehmend vorgegaukelt. Viele Menschen glauben das Gezeigte, vermischen Wirklichkeit mit Phantastereien. Dadurch wird Wunsch- vor allem aber Angstdenken ins Unermessliche erhöht. Meines Erachtens eine ganz gefährliche Entwicklung!
· In den USA behaupten beispielsweise Tausende Frauen von Außerirdischen vergewaltigt worden zu sein und noch weit mehr, von Außerirdischen zumindest an den Geschlechtsteilen untersucht worden zu sein. Echte und vermeintliche Psychotherapeuten behandeln diese Frauen, und ein nicht geringer Teil suggeriert, dass diese Außerirdischen reale Besucher seien. Man macht den Bock zum Gärtner.
· Für ein Teil der UFO-Gläubigen sind die Außerirdischen fremde Götter oder zumindest in deren Auftrag tätig. Viele religiöse, esoterische und fundamentalistische Gruppen bringen aber UFOs und Außerirdische in Zusammenhang mit dem Teufel und dem Weltuntergang. Entsprechende Sekten haben Hochkonjunktur. Verschwörungstheorien tauchen auf und werden vor allem auf der extrem rechten Seite für alles Mögliche, so im rassistischen Sinne, antisemitischen oder auch antiislamischen Sinne und erst Recht natürlich gegen Ungläubige verwendet.
· Der leider viel zu früh verstorbene, bekannte Autor populärwissenschaftlicher Bücher Prof. Carl Sagan schrieb vor einigen Jahren darüber:
· „Der christlich-fundamentalistische Autor Hal Lindsey lässt in seinem 1994 erschienenen religiösen Bestseller Planet Earth – 2000 A.D. („Planet Erde im Jahr 2000“) verlauten, er sei fest davon überzeugt, dass UFOs real sind… Sie würden von außerirdischen Wesen mit großer Intelligenz und Kraft gesteuert. Er glaube, diese Wesen seien nicht nur extraterrestrischen, sondern übernatürlichen Ursprungs. Seiner Ansicht nach sind sie Dämonen und Teil einer satanischen Verschwörung.
· … Aber viele andere christliche Sekten – zum Beispiel die römisch-katholische Kirche – sind da völlig offen und erheben weder a priori Einwände gegen die Wirklichkeit von Außerirdischen und UFOs noch beharren sie darauf“ [21]
4. Gegenwärtige religiös verbrämte Politik in den USA und die Macht der Medien
Dem säkularen Verfassungsanspruch: „Der Kongress darf kein Gesetz erlassen, das die Einführung einer Religion zum Gegenstand hat“ steht eine zivilreligiös durchsetzte Wirklichkeit entgegen. Obschon Religionsunterricht an öffentlichen Schulen in den USA untersagt ist, hielt der biblische Schöpfungsmythos als Erklärung für die Entstehung des Lebens nicht nur Einzug in die Klassenzimmer, sondern drängte in manchen Bundesstaaten die Evolutionstheorie Darwins ins Abseits der Curricula. Dies zumindest vorübergehend.[22]
Schon das tägliche Schulgebet ist letztlich ein Verfassungsbruch:
"Ich gelobe Treue zur Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika und zur Republik, für die sie steht: eine Nation unter Gott, unteilbar - Freiheit und Gerechtigkeit für alle."
Dr. Michael Schmidt-Salomon, Trier, schreibt mit Recht:
„‚Gottesstaat’ und ‚Gotteskrieger’: Bislang neigten wir dazu, bei diesen so unzeitgemäß erscheinenden Begriffen in den Nahen Osten zu schauen. Es könnte aber durchaus sein, dass wir in Zukunft vermehrt auch irritiert gen Westen blicken müssen – in die unumstrittene Machtzentrale der Weltpolitik. In den USA, der einzig verbliebenen Supermacht, hat eine christlich-konservative „Achse des Guten“ das Ruder übernommen, die im „Auftrag des Herrn“ und mit freundlichem Segen des „industriell-militärischen Komplexes“ (Eisenhower) damit begonnen hat, innenpolitisch den „liberalen Saustall Amerikas“ auszumisten und außenpolitisch die Welt auf typisch amerikanische Weise (Pax Americana) zu „befrieden“. [23]
Wir erleben eben, vor allem seit der Regierungszeit Reagens, immer stärker die verkürzte Denkweise: Da die USA Gottes eigenes Land ist, gilt letztlich, dass alles gut ist, was den Vereinigten Staaten von Amerika dient, besonders natürlich den Wirtschaftsinteressen der führenden Kräfte des Landes. Böse ist alles andere. Nur am amerikanischen Wesen kann die Welt genesen – anders geht es nicht. Eine schlimme arrogante Entwicklung! Evangelikale, Fundamentalisten, Charismatiker nehmen - im Einklang mit den Wirtschaftsinteressen der Schlüsselindustrien des Landes - zunehmend Einfluss auf die Politik des Landes.
„Der Spiegel“ schreibt:
„So leeren sich die Kirchenbänke der Lutheraner, Presbyterianer und Methodisten, während die Glaskathedralen der freikirchlichen Fernsehprediger, die Sportarenen der Erweckungseiferer, die Gemeindesäle der Pfingstgläubigen und der Charismatiker sowie die türmebewehrten Tempel der Mormonen regen Zulauf haben. … Es sind die Kirchen mit den simplen Überzeugungen, die großen Zulauf haben…
… Der konservative, evangelikale Protestantismus ist längst zu einem wahlentscheidenden Faktor geworden.“[24]
Vor dem Hintergrund fundamentalistischer und anderer konservativ-religiöser Anschauungen wird in den Medien, aber auch von Politikern gesagt, dass man in der Endzeit leben würde. Krieg wird von den religiös fundamentalistischen Kräften – aber nicht nur von diesen - als Selbstverständlichkeit, als Notwendigkeit im Kampf gegen das Böse gesehen. Der Endzeitglaube ist auf Grund der Propaganda immer häufiger in breiteren Schichten der Bevölkerung anzutreffen. Jürgen Moltmannn, emeritierter Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen schreibt dazu in „Die Zeit“:
„In sektiererischen Zirkeln hat es solche Vorstellungen immer gegeben, im heutigen Amerika aber sind sie eine Massenerscheinung. Mehr und mehr Amerikaner lesen und sprechen über das Weltende, während Europäer das ziemlich kalt lässt. Warum? Ein Land, das seine Bestimmung von Anfang an in göttlicher Vorsehung begründet, hat eine natürliche Schwäche für Prophetien. Ein Volk, das eine „neue Welt“ gegenüber einer „alten Welt“ in Europa bauen wollte, ist geneigt, in dualistischen Kampfkategorien zu denken: hier die Guten – dort die Bösen und „wer nicht für uns ist, ist wider uns“. … Heute schwanken viele zwischen einem messianischen Sendungsbewusstsein für das American empire und den dargestellten Weltuntergangsängsten. Es sind zwei Seiten derselben Medaille, die man auch Egomanie nennt.“[25]
Die offiziellen staatlichen Institutionen und die Wirtschaft unterstützen diese Anschauungen und Politiker sehen das lenkbare Wählerpotential. Die Militärausgaben steigen ins Unermessliche, sind nicht mehr bezahlbar. Kulturell und sozial notwendige Aufgaben bleiben auf der Strecke.
Michael Moore, der berühmte kritische amerikanische Regisseur (z.B. „Bowling for Columbine“) und bissige Autor schreibt in seinem Bestseller “Stupid White Men“ in gewohnt spöttischer Art über die Politik unter der Regierung von George W. Bush. Hier ein paar Zeilen daraus:
„Aber halt, verzweifelt nicht! Unter den führenden zwanzig Industrienationen sind WIR die Nummer Eins!! Wir sind die Nummer Eins bei den Millionären. Wir sind die Nummer Eins bei den Milliardären. Wir sind die Nummer Eins beim Militär. Wir sind die Nummer Eins bei den Todesopfern durch Feuerwaffen… Wir sind die Nummer Eins beim Ausstoß von Kohlendioxid… Wir sind die Nummer Eins beim Haushaltdefizit … Wir sind die Nummer Eins bei der geringsten Wahlbeteiligung… Wir sind die Nummer Eins bei Verletzten und Toten durch Verkehrsunfälle… Wir sind die Nummer Eins bei der Anzahl nicht unterzeichneter Menschenrechtsabkommen. Wir sind die Nummer Eins bei der Hinrichtung straffällig gewordener Jugendlicher… Wir sind die Nummer Eins als erste Gesellschaft der Geschichte, in der die Kinder die ärmste Bevölkerungsgruppe stellen.“[26]
Seit dem Erscheinen dieses Buches ist ein Jahr vergangen, und Bush hat nach seinem Afghanistan-Feldzug seinen zweiten Krieg gegen das „Böse“ geführt, aber die Welt ist dadurch nicht stabiler geworden.
Die wildesten Gerüchte tauchen auf, und unsinnigste Verbindungen werden hergestellt. Vor Kriegsbeginn wurde der Irak als monströse Militärmacht hingestellt, welche den Westen vernichten könnte, obwohl weithin bekannt war, dass das Land gerade seit dem vorhergegangenen Irakkrieg kaum Abwehrmittel hatte – wie sich das ja dann auch im Krieg bewies. Allein die Tatsache, dass es den Medien in Amerika gelang, über 40 % der amerikanischen Bevölkerung glauben zu machen, dass der religiöse Fanatiker Bin Laden und der irakische, fast laizistisch orientierte ehemalige Diktator Hussein unter einer Decke stecken beweist, wie Lügenpropaganda große Massen beeinflussen kann. Und dies obwohl allgemein bekannt ist, dass religiös-fundamentalistische Strömungen von Hussein stets bekämpft wurden, weil er aus diesen Kreisen um sein Leben fürchten musste.
Ferner gibt es genug unsinnige, mehr oder weniger leicht widerlegbare Verschwörungstheorien von Leuten, die damit Geld verdienen wollen, psychisch gestört sind und nur ihre Wahnideen verbreiten oder auch nur Wirrwarr stiften wollen. In kaum begründbaren Verschwörungstheorien werden häufig politische Entwicklungen auf den Kopf gestellt. Entsprechende Mitteilungen und Bücher haben Hochkonjunktur und bringen Geld in die Kassen, wobei sicherlich einige dieser Druckerzeugnisse von Geheimdiensten lanciert wurden, bzw. staatlich unterstützt werden.
Trotz dieser kritischen und skeptischen Einstellung gegenüber Verschwörungstheorien soll dies natürlich nicht heißen, dass nicht gelegentlich tatsächlich Verschwörungen (auch von Regierungen) geplant und in die Tat umgesetzt werden.
5. Religion und Vorsehungsglaube des Präsidenten George W. Bush
Kommen wir auf George W. Bush selbst, auf seine „Visionen“, auf seine Politik.
Als Sohn des früheren Präsidenten George H. W. Bush, wurde er – obwohl mit mäßigeren Qualitäten ausgestattet als sein Vater – zum Präsidenten aufgebaut.
Georg W. Bush hatte früher Alkohol-Probleme – trotz Ehefrau und zwei Kinder. Als er über vierzig war, kam es in seinem Leben zu einer Wende; mit Unterstützung evangelikaler Kreise hörte er auf zu trinken. Er wurde stärker religiös, aber auch geschäftstüchtiger.
Über sich selbst sagte er:
„Ich hatte ein Alkoholproblem, und eigentlich müsste ich jetzt in irgendeiner Bar in Texas sitzen und nicht im Weißen Haus. Es gibt nur einen Grund, warum ich im Weißen Haus sitze: Ich habe zum Glauben gefunden. Ich bin hier durch die Macht Gottes.“[27]
Bush konvertierte zum Methodismus und bezeichnet sich seit dieser Zeit als „wiedergeborener Christ“. Nach seinen Worten liest er täglich in der Bibel und betet häufig. Er fühlt, dass Gott zu ihm spricht. Auf die Frage welcher Philosoph ihn am meisten beeinflusst habe, antwortete er: „Jesus“.
Er wurde von den Vertretern der Öl- und Waffenindustrie aufgebaut, bekam entsprechende Posten, machte diffuse Geschäfte und ging schließlich mit Unterstützung seiner Millionärsfreunde in die Politik.
Trotzdem: Es ist für uns Europäer frappierend, wie George W. Bush und sein Team es verstanden hat, mit Hilfe der Medien einen großen Teil des Volkes demagogisch einzulullen, so dass es ihm gelang:
· die Wirtschaftsinteressen der Großindustrie (vor allem die der Waffen- und Ölindustrie) auf Kosten des einfachen Volkes gewaltig zu begünstigen,
· soziale Sicherungen abzubauen
· Bildung und kulturelle Einrichtungen stark abzubauen
· einen so genannten „Krieg aus Nächstenliebe“ zu führen, obwohl viele unschuldige Frauen, Kinder, Männer dabei ermordet wurden
· es so hinzustellen, als sei die USA Gottes auserwähltes Land
· glaubhaft zu machen, dass er durch die Vorsehung Präsident wurde, als Christ bestimmt sei gegen das „Böse“ in der Welt zu kämpfen und dass seine Politik von Gott so gewollt sei
· zu polarisieren wie kaum ein anderer: „Wer nicht für uns ist, ist gegen uns“; „hier das gute christliche Amerika“, auf der anderen Seite die „Achse des Bösen“
· glaubhaft zu machen, dass man internationale Abkommen nicht einhalten oder unterschreiben muss, und dass man die UN herabwürdigen darf
· glaubhaft zu machen, dass Wirtschaftsinteressen viel höher einzuschätzen seien als die Sicherung der Umwelt
und vieles mehr.
Es ist erstaunlich, wie George W. Bush mit Hilfe seiner Berater und der Medien dies alles unter einen Hut gebracht und dafür gesorgt hat, dass es von großen Teilen der Bevölkerung unreflektiert geglaubt wird, obwohl die Menschen dadurch nur Nachteile zu erwarten haben.
In sein politisches Handeln bringt Bush – trotz der vorgeschriebenen Trennung von Staat und Kirche – mit missionarischem Eifer christlich-fundamentalistische Gesichtspunkte ein. Vor den Sitzungen seines Kabinetts, sowie in Militär- und anderen Gremien, wird zunächst gebetet und aus der Bibel vorgelesen – meist aus dem Alten Testament. Erst nach dem Amen geht man zur Tagesordnung über.
Bush betont, dass mit den biblischen Aussagen die nächsten Maßnahmen und kriegerischen Auseinandersetzungen besser vorbereitet werden können. Wie sagte er doch, im Februar 2003, zum „Predigtag“: „Was in der Welt von sich geht, geschieht nicht blind und zufällig. Es geschieht aus Hingebung und aus einem Grund, den die Hand eines gerechten Gottes und gläubigen Gottes bestimmt.“[28] - Dies äußert Bush in einer Welt, in der zigtausende Kinder täglich verhungern, von Bomben und Minen getötet werden, gequält, missbraucht werden, wobei nachweislich seine Politik daran einen erheblichen Teil der Schuld trägt.
Natürlich gibt es auch von Seiten der Kirchen Gegenstimmen zu Bush’s Vorgehen. Der Pastor James Forbes aus der Friedensbewegung New York kritisiert Bushs Politik so: „Er tut so als komme dieser Krieg aus dem Himmel, dabei kommt er direkt aus dem Weißen Haus.“[29]
George W. Bush fühlt sich als der Größte, obwohl er sicherlich auch heute noch, nur eine von der Großindustrie vorgeschobene Figur ist.
Obwohl Präsident G. W. Bush immer wieder sagt, dass er nichts gegen andere Religionen habe, sieht das in der Realität oft anders aus. So wurde unter ihm der Generalleutnant William Boykin zum Staatssekretär im US Verteidigungsministerium ernannt, Zuständigkeitsbereich u.a. Geheimdienstinformationen. Boykin, ein engagierter Baptist, konnte lt. Focus:
„den Krieg gegen den Terrorismus als einen Krieg gegen Satan …“ bezeichnen. Verteidigungsminister Rumsfeld sah keinen Grund diese Aussage zu berichtigen. Boykin hat den Krieg im Irak als eine Auseinandersetzung zwischen den jüdisch-christlichen Werten und dem Teufel bezeichnet. Die "Los Angeles Times" berichtet, dass in Uniform vor einer religiösen Gruppe in Oregon aufgetreten sei. Dort erklärte er, die islamischen Extremisten hassten die USA, "weil wir eine christliche Nation sind, weil unsere Grundlagen und Wurzeln jüdisch-christlich sind. Und der Feind ist ein Kerl namens Satan." Boykin sprach vor einem Jahr zu einer anderen Gruppe über Kämpfe gegen einen muslimischen Milizenführer in Somalia: „Ich wusste, mein Gott ist größer als seiner. Ich wusste, mein Gott ist ein wahrer Gott und seiner nur ein Götze."[30]
Überdies meinte der General bei anderer Gelegenheit, dass er in der "Armee Gottes" diene. Im Irak gehe es um einen religiösen Kampf. Satan wolle diese Nation und die "Armee Gottes" zerstören.
6. Die weitere Entwicklung und das andere Amerika
Als Folge der Politik der letzten Jahrzehnte wird das allgemeine kulturelle Niveau eines Großteils der Bevölkerung der USA extrem niedrig gehalten, nur Spezialwissen auf einigen Gebieten ist gefragt. Kulturelle Zusammenhänge, Verständnis gegenüber anderen Völkern, Kulturen und Anschauungen bleiben auf der Strecke.
In vielen Ländern – allen voran die USA - werden immer mehr Kirchen, Moscheen oder Tempel gebaut anstatt Schulen und andere Bildungsstätten. Menschliches Wissen und Menschlichkeit werden zurückgedrängt – ein großer Sieg der Dummheit.
Fundamentalisten auf der ganzen Welt verlangen sowieso – ob sie islamischer, christlicher, jüdischer oder sonstiger Couleurs sind - dass der Glaube und nicht das Wissen im Vordergrund stehen.
Gegen diesen stärker werdenden negativen Trend wehren sich aber immer mehr Menschen - und das weltweit! Vor allem auch in Amerika selbst. Wir dürfen keinesfalls in einen Antiamerikanismus verfallen. In Amerika gibt es eine breite Front gegen Kriegspolitik, religiöse Fanatismen, gegen den Einfluss der Wirtschaftskonzerne auf Politik und Medien. Unterstützen wir diese Kräfte, solidarisieren wir uns mit ihnen!
Die engagierte indische Freiheitskämpferin, Verfechterin der Menschenrechte Arundhati Roy schrieb während des Irakkrieges darüber, und sie wendet sich dabei gegen einen plakativen dümmlichen Antiamerikanismus:
„Diese absurde Unfähigkeit, Regierung und Volk zu trennen…
Diejenigen, die sich so bedenkenlos zu rassistischen Beleidigungen herablassen, täten gut daran, sich an die Hunderttausende Amerikaner und Briten zu erinnern, die dagegen protestierten, dass ihr Land einen Vorrat an Atomwaffen hortete. Und an die Tausende von amerikanischen Kriegsgegnern, die ihre Regierung zwangen, sich aus Vietnam zurückzuziehen.
Sie sollten wissen, dass die gelehrteste, vernichtendste und witzigste Kritik an der US-Regierung und am American way of life von Amerikanern kommt… Und schließlich sollten sie daran denken, dass gerade jetzt Hunderttausende britische und amerikanische Bürger auf den Straßen gegen Krieg protestieren.“[31]
In Amerika gibt es eine breite Front - auch wenn sie heute noch Minderheit ist - gegen die reaktionäre, bigotte, fanatische Kriegspolitik der Regierenden. Nicht nur in Europa sind hunderttausende Menschen auf die Straße gegangen, auch in den USA selbst! Und diese Amerikaner hatten es schwerer als wir Europäer, da sie doch von den mehr oder weniger gleichgeschalteten Medien noch ganz anders manipuliert werden als wir in Europa.
· Die Kritiker der amerikanischen Hegemoniepolitik, der Vormachtsstellungspolitik, finden sich vor allem auch unter den Nichtreligiösen. Etwa 13,2 % der US-Bevölkerung halten sich für nichtreligiös, dazu kommen noch 0,4%, die sich klar zum Atheismus bekennen und 0,5 %, die sich als Agnostiker bezeichnen. Aber auch untern den Unitariern bezeichnen sich viele als atheistisch oder agnostisch, und bei vielen Kirchenangehörigen ist es nicht anders. Zusammen zählen diese Gruppen immerhin 30 – 40 Millionen Menschen in den USA. [32]
Der kritische evangelische Theologe Gerd Lüdemann schreibt dazu:
„Gegenüber den anderen Kritikern einer Zivilreligion, die "Gott" agnostisch oder atheistisch negieren und schon deswegen Religion in jeder Form ablehnen, ist schlicht auf die gerade angeführten Zahlen zum Gottesglauben der Amerikaner hinzuweisen. Statistisch steht ebenso fest: Mehr als 90% der führenden Naturwissenschaftler der USA sind Atheisten, und der Anteil der dem Glauben an Gott zuneigenden Amerikaner nimmt zur Zeit leicht ab. So bleiben die säkularen Humanisten in den USA eine beachtliche Minderheit…“[33]
Ja, es sind wichtige Gruppen, die in den USA die Regierungspolitik nicht mitragen wollen und sich gegen Fundamentalismus ebenso wehren wie gegen die zunehmende Plutokratie und das Vormachtsdenken im Lande. Dazu gehört eine breite Friedensbewegung, aber eben erst recht rationalistische, atheistische, humanistische, freidenkerische Gruppen, welche sich gegen den religiösen Wahn im Lande wehren, gegen die Vermengung von Religion, Politik und Wirtschaft. Natürlich finden wir auch in gemäßigten religiösen Verbänden ebenfalls viele Kritiker am System.
In neuester Zeit bemühen sich führende Wissenschaftler, eine Sammelbewegung der Ungläubigen in Amerika zu bilden mit dem Schlagwort „The brights“, „Die Hellen“. Zu dieser Bewegung haben sich Atheisten, Rationalisten, Freidenker, Skeptiker u. a. zusammengefunden. Es soll eine breite Gemeinschaft von „Naturalisten“, Anhänger einer naturwissenschaftlichen Weltanschauung geschaffen werden, die weit in die Bevölkerung hineinwirkt. Scharf geht man gegen den verfassungsfeindlichen religiösen Unterton der Regierungspolitik vor. So hat auch ein Vater in Kalifornien erfolgreich geklagt, dass sein Kind in der Schule gezwungen werde „bei Gott dem Vaterlande Treue zu schwören“. Auch sonst hat die Bewegung schon größere Erfolge zu verzeichnen, und es kommt weltweit zur Bildung von „The brights“ - Gruppen.
Unsere Aufgabe als Europäer ist, diese Kräfte zu unterstützen, mit ihnen gemeinsam zu wirken, den Hegemonieansprüchen einer Bushregierung zu widerstehen und mit allen Mitteln gegen die zunehmende Militarisierung und Aggressionsbereitschaft der US-Regierung aufzubegehren. Tun wir alles für die unveräußerlichen Menschenrechte: sie müssen gerade auch in den USA voll verwirklicht werden!
Der frühere Staatspräsident von Portugal, Dr. Mário Soares, betonte in seiner Laudatio bei der Menschenrechtspreisverleihung am 14. September 03 in Nürnberg – und ich habe dem nichts hinzuzufügen:
„Ich denke, wir müssen die Welt anders betrachten und uns wieder den humanistischen Werten zuwenden: Achtung der Mitmenschen und Menschenrechtserziehung von der Grundschule an, ohne den Terrorismus als Vorwand dafür zu nutzen, mittels unilateraler Unternehmungen Präventivkriege und sicherheitspolitische Maßnahmen auszuführen, die die bürgerlichen Ehrenrechte des Einzelnen faktisch einschränken und zudem mit dem Völkerrecht unvereinbar sind. Diese Freiheiten, Rechte und Garantien sind es doch, die unseren Kampf gegen den Terrorismus ethisch begründen und rechtfertigen.“[34]
[1] George Bush: Rede zur Lage der Nation vom 28.01.03.
[2] Michel Chossudovsky: „Global Brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg“, Zweitausendeins, Frankfurt a. M., 2002. S. 414.
[3] Helmut Steuerwald: „Fundamentalismus und religiöser Fanatismus in der Welt von heute“, herausgegeben vom bfg Fürth, Fürth 2001. Im Internet: www.schulfach-ethik.de/ethik/download/Fundamentalismus.pdf
[4] Karlheinz Deschner: „Der Moloch“, Wilhelm Heyne Verlag, München 1992, S. 22. Das Buch gibt es auch in einer neuen überarbeiteten Auflage!
[5] Aus dem Internet www.abendblatt.de
„Hamburger Abendzeitung“, 13. Feb 2003.
[6] Siehe: „Nürnberger Nachrichten“, 13./14.o6.1998.
[7] „Der Spiegel“, 8/2003, S. 95 („Krieg aus Nächstenliebe“), S. 99.
[8] Näheres dazu: www.adherents.com/
[9] Näheres dazu:
Helmut Steuerwald: „Kritische Geschichte der Religionen und freien Weltanschauungen – Eine Einführung“, Angelika Lenz Verlag, Neustadt am Rübenberge, 1999. S. 415-417.
[10] Amnesty international österreich. www.amnesty.at/cont/aktionen/kinder/appell_usa.html
[11] Siehe: www.molthagen.de/answering-islam/Main/German/de_root/indes.htm
[12] Rudolf Ebertshäuser: „Der Weg treuer Christusnachfolge und die charismatische Irreführung“
[13] Aus dem Internet. Evangelischen Fernbibliothek – Textarchiv:
Evangelikalismus und Fundamentalismus in den USA. http://www.efb.ch.
[14] Siehe: Spiegel Online, 13.11.2001. „US-Neonazis applaudieren Terrorpiloten“.
[15] Nürnberger Nachrichten, 05.09.03.
[16] Der Spiegel, 24/2003, S. 112.
[17] www.gavagai.de/HHP29.htm
[18] GEO Nr. 2, Februar 2001.
[19] Klaus Brill in: „Entwicklung kontra Bibel“, http://home.pages.at/dundee/evo/kultur/evokritik00.htm
[20] www.pollinreport.com/science.htm. The Gallup Poll. August 24-26 1999
[21] Carl Sagan: „Der Drache in meiner Garage oder Die Kunst der Wissenschaft, Unsinn zu entlarven“. Droemersche Verlagsanstalt Th. Knauer Nachf., München 1997. S. 167-169.
[22] WDR: Die gläubige Nation: Wie die Krieger Gottes das amerikanische Bildungssystem unterwandern. http://www.wdr.de/tv/kulturweltspiegel/20010304/2.html
(MIZ 2/2003)
[24] „Der Spiegel“, 8/2003, S. 95 („Krieg aus Nächstenliebe“)
[25] Jürgen Moltmann: „Die Endzeit hat begonnen“, „Die Zeit“ 51/2002 Internet: zh.ref.ch/zope/friedensfeuer/texte/moltmann
[26] Michael Moore: „Stupid White Men“, Piper Verlag, München 2002, S. 211-213
[27] Bush in einem Gespräch zu David Frum. Lt. Hamburger Abendblatt 13.02.03
[28] Aus : Hamburger Abendblatt, 13.02.o3. Politik.
[29] Internet. http://newswelt. stimme.de/interview/0,-575312347,0,0,0,0.html/
[30] http://focus.msn.de/G/GN/gn.htm?snr=125601&streamsnr=7
[31] Arundhati Roy: „Die Politik der Macht.“, Karl Blessing Verlag, München 2003. S. 466/467.
[34] Dr. Mario Soares: Laudatio für die Menschenrechtspreisträger 2003 Teesta Setalvad und Ibn Abdur Rehman. Internet: www.menschenrechte.nuernberg.de