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Freigeistige Rundschau 4/2003
Liebe Gesinnungsfreunde,
Die Bayernwahl ist gelaufen und die Parteien außerhalb
der CSU haben mehr oder weniger verdammt viel Schelte erhalten. Dabei
haben "Die Grünen" offenbar noch am besten abgeschnitten. Dies ist ein
kleiner Hinweis dafür, dass nicht allein die Bundespolitik Schuld an der
Misere ist. Die Bayern - SPD mit ihren Spitzenleuten (Maget mal
ausgenommen) kann in Bayern keinen Blumentopf gewinnen. Dies, obgleich der
Religionslehrer aus Oberfranken, Herr Hoderlein, doch bestimmt auch nicht
unchristlich ist. Aber es hilft halt nichts, nur große Töne zu spucken und
jene Wähler zu vergraulen, die früher das Klientel und die Wähler der SPD
waren - hier denke ich in erster Linie an die freigeistigen und
freireligiösen Menschen, für die Herr Hoderlein rein gar nichts übrig hat.
Doch zur Zukunft der freireligiösen Menschen in diesem
Land:
Mit ihrer satten Zweidrittelmehrheit kann nun die CSU nicht nur in Bayern
schalten und walten wie es ihr gefällt. Bis auf eine Verfassungsänderung,
die der Mitwirkung der Bevölkerung bedarf, stehen ihr alle Wege offen.
Herr Stoiber wird die CDU und deren Vorsitzende dominieren. Im Bundesrat
kann keiner der so genannten christlichen Politiker mehr an dem
bayerischen "Wadelbeißer" vorbei ohne abgestraft zu werden. Damit sind
alle noch so gut gemeinten Reformvorschläge dieser Bundesregierung zum
Scheitern verurteilt, weil sie nicht aus dem christlichen Lager kommen.
In den "Nürnberger Nachrichten" war am 18. Sept. 2003
zu lesen, dass der Stadtkämmerer Köhler (CSU) die Einführung einer
"Sozialsteuer" fordert. Begründet wurde diese neue Steuer damit, dass
immer weniger Menschen Kirchensteuer zahlen und damit keine sozialen
Projekte (der Kirchen) unterstützt werden würden!! Er sieht damit eine
gerechtere Verteilung der "Soziallasten" und die Schließung eines
Steuerschlupfloches. Hier kann nur angemerkt werden, dass Herr Köhler
offenbar von keiner Sachkenntnis getrübt ist. Seit wann ist ein
Mitgliedsbeitrag denn eine Steuer? Wäre es dann nicht angebracht, auch
jene zur Kasse zu bitten, die beispielsweise keinen Sportvereinsbeitrag
zahlen, weil sie keinem Verein angehören?
Doch zur Realität: Wenn die Forderung des Herrn Köhler Schule macht, so
ist damit zu rechnen, dass entweder die freigeistigen Verbände einen
Zulauf zu verzeichnen haben, oder die ach so sozialen Kirchen eine
Eintrittswelle erleben. Letzteres wäre bestimmt im Sinne der bayerischen
Staatsregierung, hätte sie dann doch recht, ihr umstrittenes "christlich"
im Parteinamen zu tragen. Allerdings würde damit dann die SPD noch mehr
zur Bedeutungslosigkeit absinken, hätte sie, aufbauend auf ihre bisherigen
Aktivitäten und ihr bayerisches Können, doch dann nur noch den Charakter
einer Splitterpartei ohne Perspektiven.
In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf zwei
Beiträge in dieser Ausgabe der FGR hinweisen.
Der Katholikentag in Ulm im Juni 2004 kostet 6,9 Millionen EURO. Näheres
hierzu ist dem entsprechenden Artikel zu entnehmen.
An anderer Stelle beklagen die katholischen Bischöfe
eine immer mehr zunehmende Finanznot.
Hier ist zu fragen, ob nicht endlich die Kirchensteuer absolut abgeschafft
werden muss. Wenn das Management der Kirchen nicht in der Lage ist, mit
Milliardenbeträgen ihre Institution aufrecht zu erhalten, dann bitte aber
nicht noch Gelder der Steuerzahler in ein überholtes System stecken!
Deshalb (im Hinblick auf den Nürnberger Stadtkämmerer)
wehret den Anfängen, bevor Bayern und islamische Gottesstaaten nicht mehr
zu unterscheiden sind.
Euer
Adi Meister
| Literaturempfehlung
Volker Mueller: Spuren im Wertewandel
259 Seiten. Neustadt 2002. Angelika-Lenz-Verlag. 19,60 E. ISBN
3-933037-20-4
Wertewandel, Werteentwicklungen und Wertevermittlung werden heute
vielfach besprochen, infragegestellt, als unzeitgemäß kritisiert
oder als das Rettende zur Sinnfindung angesehen. Gleichermaßen
finden wir kaum freigeistige und säkular humanistische Begründungen
einer ethisch orientierten Welt- und Lebensanschauung, die
gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen gerecht werden kann.
Werteverfall und Fundamentalismen gehen einher mit
Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung bei Konflikten. Freigeistige
tolerante Lebensweisen und weltanschauliche Selbstbestimmung tragen
dazu bei, vor allem dem Menschen, der sein Dasein ohne einen Gott
bzw. ohne religiöse Dogmen versteht und gestaltet,
Lebensorientierung und Halt im Wertewandel unserer Zeit zu bieten.
Das Buch beinhaltet gesammelte Texte, die sich mit
philosophisch-weltanschaulichen und ethischen Fragen unseres
Zusammenlebens aus freigeistiger Sicht und mit Konsequenzen für
Kultur und Bildung auseinandersetzen. Es ist eine Anregung für die
Diskussion zum säkularen Humanismus und zum freien Denken.
Die Texte sind philosophische Spuren, historische Ansätze und
Beiträge zu Kultur und Bildung im Komplex der Werteentwicklung, der
Wertbindungsprozesse und des kulturellen Wandels. Sie sollen helfen,
philosophische und ethische Defizite des freigeistigen
Selbstverständnisses in seinen verschiedenen Aspekten menschlichen
Daseins und Gestaltens abzubauen, und anregen, sich des eigenen frei
bestimmten Halts im Wertewandel zu vergewissern.
Bestellungen an: Angelika-Lenz-Verlag, 31535 Neustadt a. Rbge.,
Fasanenweg 8. Tel- 05032-66297, FAX: 05032-66263 Email: info@lenz-verlag.de |
Mehr internationale Arbeit des DFW
Dachverband
Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V.
Was sind die Schwerpunkte der inhaltlichen Arbeit des DFW als einer
freigeistigen Dachorganisation freier selbstständiger Verbände, die eine
eigene Identität und Tradition besitzen und mit Recht auf ihre
Freiheitsrechte und weltanschauliche Selbstbestimmung wert legen?
Traditionelle Arbeitsbereiche sind und bleiben die der Vertretung der
Interessen kirchenfreier Menschen insbesondere im sozial-, bildungs- und
medienpolitischen Bereich, aber auch in Menschenrechtsfragen und der
Kultur, sowie das Ringen um den weltanschaulich neutralen Staat bei
Gleichbehandlung aller Religionen und Weltanschauungen.
In den letzten Jahren haben sich weitere Schwerpunkte
herauskristallisiert: Dazu gehört vor allem die Menschenrechtspolitik.
Unser Bemühen um den Internationalen Strafgerichtshof, die Europäische
Grundrechtecharta und jetzt die Europäische Verfassung hat verfassungs-
und völkerrechtliche Probleme mehr thematisiert und zu Erfolgen geführt.
Dazu gehört natürlich unser verstärkter Einsatz für Frieden nach dem 11.
September 2001. Terrorismus ist scharf zu verurteilen. Die Lösung von
internationalen Problemen ist durch Krieg generell nicht (mehr) möglich,
wie der Irakkrieg deutlich macht.
In unseren Aktivitäten um eine Europäische Verfassung mit laizistischem
Charakter haben wir uns vor allem im Rahmen der Europäischen
Humanistischen Föderation, deren Mitglied der DFW seit über einem Jahr
ist, davon leiten lassen, die Menschenrechte für alle Bürgerinnen und
Bürger gesichert zu wissen. In mehreren Erklärungen und Schreiben an den
Europäischen Verfassungskonvent und an unsere Bundesregierung haben wir
dies angemahnt und sind zugleich für die Laizität der EU vertreten. Die
Debatten um das Verhältnis von Staat und Kirchen (das Verhältnis von EU
und den auf Europaebene organisierten christlichen Kirchen) und die
Gleichbehandlung aller Religionen und Weltanschauungen bestätigen unsere
Positionen, einen Gottesbezug in der Präambel der EU-Verfassung nicht
zuzulassen sowie die Festschreibung der bevorzugten Stellung der Kirchen
(Art. 151) zu verhindern. Eine laizistische Bundesrepublik Deutschland
würde eine weltanschaulich neutrale EU und ein pluralistisches Gemeinwesen
EUROPA verstärken.
Wichtig bleibt dabei, dass keiner die Hegemonie oder den alleinigen
Wahrheitsanspruch über die sich entwickelnde europäische Wertegemeinschaft
hat. Gerade der Vatikan geht in seinen jüngsten Verlautbarungen gegen die
EU-Verfassung immer wieder von der ausschließlich katholischchristlichen
Dominanz in allen ethischen und kulturellen Fragen für Europa aus.
Die internationale Zusammenarbeit des DFW hat sich erfolgreich
ausgeweitet. Wir werden auf internationalen Veranstaltungen und
Kundgebungen für eine demokratische und laizistische EU-Verfassung am
29./30.11.2003 in Rom und am 6.12.2003 in Paris aktiv vertreten sein.
Darüber werden wir berichten.
Dr. Volker Mueller
DFW-Präsident
Eröffnung des bfg-Büros in Schweinfurt
am 22. März 2003
Eröffnungsrede des Gesinnungsfreundes Wolfgang Günther
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gesinnungsfreunde!
Mit Unterstützung Napoleons 1. und des von ihm geförderten
Reichsdeputations-Hauptausschusses, der sich dieses Jahr zum
zweihundertsten Male jährt, wurde zwar 1803 den zahlreichen geistlichen
Fürstentümern in Deutschland ihre Machtbefugnisse als Landesherren
entzogen und dem Staat die Einziehung des erheblichen Kirchengutes
gestattet, aber die geistige Beeinflussung des Volkes und seine Lenkung
durch die Kirchenlehre blieb unangetastet. Mittelalterliche Vorstellungen
von Belohnung und Bestrafung im Jenseits mit dem Glauben an Himmel, Hölle,
Fegefeuer usw. wurden weiterhin allen Untertanen beigebracht.
Erst als der katholische Kaplan Johannes Ronge aus Oberschlesien 1844 aus
Anlass der geforderten Verehrung des in Trier ausgestellten so genannten
Heiligen Rockes in der Öffentlichkeit gegen krasse Auswüchse der
Kirchenlehre protestierte, aus der Kirche austrat und bereits 1846 die
ersten freichristlichen Gemeinden gründen konnte, begann eine allgemeine
Abfallbewegung der Kirchenmitglieder. Die Zeit der Aufklärung hatte dafür
gesorgt, dass der blinde Glaube ins Wanken geraten war. 1841 war bereits
das wegweisende Buch des Philosophen Ludwig Feuerbach mit dem Titel "Das
Wesen des Christentums" erschienen, in dem er die Behauptung aufgestellt
hatte, dass die menschliche Natur dazu neige, die eigenen Wünsche und
Ängste in ein imaginäres Jenseits zu projizieren und sich somit ihre
Götter nach ihrem eigenen Bild schaffe. Darwins Evolutionslehre ließ wenig
später die Menschen am wörtlich tradierten Schöpfungsbericht der Bibel
zweifeln. Die Gedanken, welche die Revolution von 1848 herbeiführten,
steckten auch das so genannte einfache Volk an, das nun seine
Selbstbestimmung auf allen Gebieten forderte. Schon damals ertönte der Ruf
"Frei sei der Geist und ohne Zwang der Glaube!"
1849 gründete Ronge in Schweinfurt mit einflussreichen Bürgern die
"Freichristliche Gemeinde Schweinfurt". Ronge war wiederholt in
Schweinfurt - noch heute erinnert in Ludwigshafen ein ihm 1949 gewidmeter
Pokal daran - und auch andere bedeutende Redner wie Scholl, Kampe und
Glatz folgten ihm. 1849/50 errichteten die Mitglieder mit finanzieller
Unterstützung der Industriellenfamilie Sattler einen eindrucksvollen Bau
am Schillerplatz als Versammlungshalle für alle Gesinnungsfreunde.
Gründungsmitglieder waren überwiegend Handwerker und Kaufleute sowie die
genannte Fabrikanten-Familie.
Nach kurzem Aufflammen der 1848erBewegung war es den deutschen Fürsten und
ihrem Anhang gelungen, die angestrebten Reformen auf politischem Gebiete
zum Scheitern zu bringen. Damit war auch die religiöse Reformbewegung in
Bayern gehemmt, denn die bayerische Regierung steht ja seit eh und je
unter dem Einfluss der christlichen Kirchen. Diese erreichten zunächst im
November 1851 bei der Regierung von Unterfranken ein Verbot der
Freichristlichen Gemeinde Schweinfurt, das erfolglos angefochten wurde. Am
21. Mai 1852 erfolgte durch die Landesregierung in München das Verbot
sämtlicher freichristlichen Gemeinden in Bayern. Die Kinder der Mitglieder
waren gezwungen, am christlichen Religionsunterricht teilzunehmen. In
Schweinfurt wanderten einige Mitglieder nach Amerika aus; ein anderer Teil
der Mitglieder kehrte unter dem Druck der Verhältnisse nach und nach
wieder zurück zu seiner früheren Kirche und nur ein kleiner Teil hielt
nach wie vor an seiner Einstellung fest. In den nächsten 50 Jahren
herrschten in Schweinfurt allein die christlichen Kirchen, wobei auch die
katholische Kirche zunehmend Einfluss und Mitglieder gewann.
1859 wurde in Gotha der "Bund freireligiöser Gemeinden Deutschlands"
gegründet. Soweit zu dieser Zeit noch freichristliche Gemeinden bestanden
haben oder wieder zugelassen waren, schlossen sie sich dieser Bewegung an.
In Schweinfurt war nach dem Verbot von 1852 kein Wiederaufleben mehr
möglich.
Erst 1906 fanden sich wieder so viele frei denkende Personen zusammen,
dass sie zunächst den "Verein der Freidenker für Feuerbestattung" und am
7. März 1907 die "Freidenker-Vereinigung Schweinfurt" gründen konnten. Es
handelte sich hauptsächlich um Angehörige des Arbeiterstandes, den
mittlerweile hatte sich Schweinfurt zur Industriestadt entwickelt. 1912
konnte der erste freireligiöse Unterricht erteilt werden - allerdings
nicht an einer öffentlichen Schule, sondern zunächst in einem Privatlokal.
Am 5. Juli 1917 fand die erste Jugendweihe in Schweinfurt statt. Am 1.
März 1919 nahm die Gemeinschaft den Namen "Freireligiöse Gemeinde
Schweinfurt" an, der am 26. Januar 1931 um den Zusatz "Bund fier
Geistesfreiheit, Sitz Schweinfurt" ergänzt wurde.
1933 verboten die Nationalsozialisten alle freigeistigen Vereinigungen in
Deutschland und beschlagnamten deren Vermögen, Büroeinrichtungen und
Bücher. Erst nach Kriegsende und der Rückkehr der alten Gesinnungsfreunde
aus der Kriegsgefangenschaft konnte am 15.12.1946 die Wiedergründung der
Freireligiösen Gemeinde Schweinfurt beschlossen werden. Die neu
ausgearbeitete Satzung trägt das Datum vom 10.6.1947. Die erste
Jugendweihe nach dem zweiten Weltkrieg erfolgte im Frühjahr 1947. Der
Moral- und Sittenunterricht für die Jugend konnte wieder begonnen werden.
Die erste Tagung der freigeistigen Verbände für Bayern fand am 5. Oktober
1947 in Nürnberg statt. Mit Entschließung des bayerischen
Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 4. Dezember 1947 wurde
der Vereinigung "Freireligiöse Landesgemeinde Bayern" die Eigenschaft
einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verliehen.
Die erste öffentliche Versammlung in Schweinfurt mit Vortrag nach dem
Kriege fand am 14. November 1947 statt und gleich darauf ein Lichtfest. Ab
1948 entwickelte sich ein reges Gemeindeleben mit Feiern, Vorträgen,
Wanderungen und Busfahrten. Mitte Juli 1953 wurde die erste Feier der
Sommersonnenwende auf der Bismarckhöhe veranstaltet, im Herbst des
gleichen Jahres wurde eine Jugendgruppe gegründet.
Heute trägt unsere Vereinigung den Namen "Bund für Geistesfreiheit
Schweinfurt" und ist Mitglied beim "Bund für Geistesfreibeit Bayern"
(http://www.bfg-bayem.de) und im "Dachverband Freier
Weltanschauungsgemeinschaften"
(http://www.dfw-dachverband.de).
Eine neue, überarbeitete Verfassung (Satzung) trat an 1. April 2000 in
Kraft. Der Bund für Geistesfreiheit Schweinfurt steht in der Tradition der
Freireligiösen Gemeinde Schweinfurt und der Freigeistigen Gemeinschaft
Schweinfurt. Er verpflichtet seine Mitglieder weder zu Dogmen noch zu
weltanschaulichen Bekenntnissen, sondern erwartet von ihnen, dass sie in
eigener Verantwortung und Mündigkeit ihr Weltbild formen. Die Mitglieder
werden angehalten, die Grundsätze des neuzeitlichen Humanismus im Alltag
zu verwirklichen und ein Leben in mitmenschlicher Verantwortung zu führen.
Neben Vorträgen und anderen Veranstaltungen gestaltet der Bund für
Geistesfreiheit auch Jugend- und Trauerfeiern.
Am 22. März 2003 konnte ein neu eingerichtetes Büro seiner Bestimmung
übergeben werden. Durch Intemetanschluss und moderne
Kommunikationstechniken hoffen wir, uns noch weiter nach außen öffnen zu
können. Es soll aber auch ein angenehmer Raum sein, in dem persönliche
Gespräche in entspannter Atmosphäre stattfinden können. So wird ab sofort
eine "Freigeistige Sprechstunde" angeboten werden, in der auch eine
humanistische Lebensberatung erfolgen kann. Während der Sprechzeiten ist
das Büro für jedermann geöffnet und wir erhoffen uns einen regen Zuspruch.
Möge das neu gestaltete Büro stets seinen Zweck erfüllen, die Tradition
der Verbreitung freigeistiger Werte zu vermitteln.
Katholische Bistümer
leiden unter massiver Finanznot
Kündigungen möglich
Schließung von Gotteshäusern ist nicht ausgeschlossen
Aus: Nürnberger Nachrichten, 19.9.03
FREISING (dpa) - Die katholischen Bischöfe in Bayern schließen
betriebsbedingte Kündigungen in ihren Bistümern inzwischen nicht mehr aus.
Wir haben es nicht in der Hand, wie die finanzielle
Situation sich weiter entwickeln wird", sagte der Vorsitzende der
Bayerischen Bischofskonferenz, der Münchener Kardinal Friedrich Wetter,
bei der Herbstvollversammlung der sieben bayerischen Oberhirten in
Freising. Bisher hätten betriebsbedingte Kündigungen von kirchlichen
Mitarbeitern noch vermieden werden können. Dafür aber lasse sich auf Dauer
aber leider keine Garantie geben.
Der Kardinal kündigte diözesanübergreifende Kooperationen etwa bei den
Bistumszeitungen an. Auf diese Weise könne man den bereits eingeschlagenen
Sparkurs der Kirche vorantreiben. Die Zusammenarbeit über die Diözesen
hinweg erlaube eine Konzentration der Kräfte auf das Wesentliche.
Wetter hält auch die Schließung von Kirchen für nicht mehr ausgeschlossen.
Viele Nachkriegsgebäude stünden vor teuren Generalsanierungen, die die
Diözesanhaushalte stark belasten.
Zuschüsse an kirchliche Verbände und Bildungshäuser sollen nach den Worten
des Erzbischofs auf den Prüfstand kommen. Die Bistümer rechnen allein
durch das Vorziehen der dritten Stufe der Steuerreform mit einem Minus bei
den Einnahmen von mindestens zehn Prozent. Zudem mindert eine zuletzt
überdurchschnittlich hohe Zahl von Kirchenaustritten die Steuereinnahmen.
Bei jeder frei werdenden Planstelle solle daher eine Neubesetzung geprüft
werden. Ohne Beispiele zu nennen, kündigte Wetter an, einzelne kirchliche
Aufgaben notfalls ganz einzustellen.
Mangel an Lehrern
Der Kardinal beklagte einen Lehrermangel an katholischen Schulen in
Bayern. Die Staatsregierung dürfe die kirchlichen Schulen nicht im Stich
lassen. Vom Staat erwarten die Bischöfe in dieser Frage eine "faire
Partnerschaft". Wetter forderte, verbeamtete Lehrer an staatlichen Schulen
auch längerfristig an kirchliche Schulen zu beurlauben.
Katholikentag in Ulm:
Alle zahlen mit!
Wussten Sie, dass von den geschätzten 6,9 Millionen
Euro Gesamtkosten für den Katholikentag vom 16.-20. Juni 2004 in Ulm gut
die Hälfte vom Steuerzahler beglichen wird? Auch wenn Sie zu den zwei
Dritteln in Ulm gehören, die evangelisch, konfessionsfrei oder
andersgläubig sind, tragen Sie über Zuschüsse von "mehr als 1,5 Millionen
Euro" durch das Land Baden-Württemberg, 1 Million Euro durch die Stadt Ulm
sowie eine weitere Million durch den Bund zum Gelingen dieser
Veranstaltung bei. (SWP, 15.7.2003)
Gleichzeitig sind die Haushaltslagen von Bund, Land und Kommune dramatisch
angespannt. In Ulm bringt die anhaltende Rezession mit gleichzeitigen
Steuerausfällen die Stadt an den Rand ihrer Handlungsfähigkeit. Mindestens
zehn Millionen Euro, wahrscheinlich mehr, sollen 2003 und 2004 eingespart
werden. Ulm muss froh sein, wenn es seine gesetzlichen Pflichten weiterhin
erfüllen und bei Investitionen begonnene oder lange beschlossene Projekte
überhaupt ncoh abwickeln kann. Kämmerer Gunter Czisch: "Mit dem einfachen
Sparen hat es ein Ende. Wir müssen Standards reduzieren oder Aufgaben ganz
weglassen." (SWP, 6.9.2003) Für die Bürger der Stadt Ulm bedeutet das zum
Beispiel:
- höhere Kindergarten- und Kinderkrippengebühren: Zum 1. September 2003
stiegen die Kindergartengebühren um bis zu 154 %.
- erhöhte Ausgaben für die Schülerbeförderung: nach Senkung des Zuschusses
für Monatskarten zahlen Eltern effektiv monatlich pro Kind 24,50 Euro.
- Absenkung der Ermäßigung bei mehreren Kindern in der Musikschule.
- drohende weitere Kürzung der Öffnungszeiten für die Stadtbibliothek
- Kürzung der städtischen Zuschüsse an Vereine: die Stadt denkt an eine
pauschale Senkung um jeweils 10 Prozent.
- drohende Kürzungen beim Ulmer Zelt und beim Roxy.
- 50 der insgesamt 1500 Stellen bei der Stadtverwaltung werden bis Ende
2004 gestrichen; die anfallenden Aufgaben werden den verbleibenden
Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusätzlich übertragen.
- Schließung von öffentlichen Toilettenhäuschen. ("Die ganzen Gebüsche
sind verkackt, mit Papier und allem drum und dran", sagt etwa die
Platzwartin der Minigolfanlage in der Friedrichsau.) Dafür immer öfter
Aufstellen von kostenpflichtigen Toiletten einer privaten Firma.
Wir bezweifeln, dass die Stadt in dieser Situation ihre Prioritäten
richtig setzt. Der städtische Millionenzuschuss an den Katholikentag ist
unverantwortlich und eine Verschwendung von ohnehin knappen Mitteln. Hier
wird eine weitläufig verschachtelte Religionsgemeinschaft subventioniert,
die mit einem geschätzten Gesamtvermögen von etwa 365 Milliarden Euro im
Rücken (vgl. Carsten Frank: Finanzen und Vermögen der Kirchen in
Deutschland, Aschaffenburg 2002, S. 412) ohnehin reichste Organisation der
Bundesrepublik Deutschland ist. Eine Kirche, die - zusätzlich zur
Kirchensteuer, die jährlich acht bis neun Mrd. Euro ausmacht ohnehin
jährlich bereits knapp 20 Mrd. Euro vom Staat erhält (MIZ 3/02, S. 23)
Vorstehender Artikel wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt
von den
Freidenkerinnen & Freidenkern
Ulm/Neu-Ulm e. V.
(http://www.freidenker.telebus.de)
Zweierlei Maß
Für helle Empörung sorgte vor kurzem der
Bundesvorsitzende der Jungen Union mit seinem Vorschlag, die gesetzliche
Krankenversicherung solle bei über 85-Jährigen nicht mehr für künstliche
Hüftgelenke aufkommen, weil sich das nicht mehr lohne und
unverhältnismäßige Kosten verursache.
Keine Frage, der Vorschlag ist schon im Grundsatz
sowohl menschenunwürdig als auch sachlich unsinnig. Die
Krankenversicherung beruht auf einer Solidargemeinschaft, bei der das
Lebensalter ebenso wenig eine Rolle spielen darf wie das Geschlecht, die
Herkunft oder die weltanschauliche Ausrichtung. Und was wird dann ein
86-Jähriger tun, der 50 Jahre lang Versicherungsbeiträge eingezahlt hat,
die Krankenkasse aber bisher kaum in Anspruch nehmen musste? Er wird
klagen und Recht bekommen.
Trotzdem ist dem Vorsitzenden der
CDU/CSU-Jugendorganisation bis zu einem gewissen Grade Unrecht
widerfahren, hat er doch nur nachgeplappert, was ihm ein katholischer
Professor (ausgerechnet für Sozialethik!) und Berater der
Bischofskonferenz vorgemacht hat (vgl. die letzte Freigeistige Rundschau).
Dieser Kleriker ging sogar wesentlich weiter, denn er verlangte viel
massivere Leistungskürzungen als der Jungpolitiker - und das nicht erst ab
85, sondern schon ab 75 Lebensjahren. Dennoch bekam dieser Prof. Wiemayer
weit weniger öffentliche Kritik ab, und seine kirchlichen Funktionen
durfte er alle behalten. Sogar der vorab informierte Vorsitzende der
Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, wartete erst mal zwei Tage lang die
Reaktionen ab, ehe er sich verhalten distanzierte und auf diese Weise
seinen Berater, den er offensichtlich als „Versuchsballon“ vorgeschickt
hatte, aus der öffentlichen Schusslinie nahm.
Das nenne ich die Anwendung von zweierlei Maß. Auf den
relativ harmloseren CDU-Junior prügelt man ein, den katholischen
Repräsentanten lässt man hingegen ungeschoren.
Ähnliches zeigte sich bei zwei anderen aktuellen
Vorfällen. Da fordert der Vatikan katholische Parlamentarier auf, gegen
die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften zu stimmen oder sie
gar wieder zu Fall zu bringen. Kritik löste vereinzelt die Einstellung der
katholischen Kirche zu Homosexuellen aus, aber die ist bekannt und auch
nicht das Hauptproblem, denn wer als Schwuler oder Lesbe noch Mitglied
dieser Organisation bleibt, ist selber schuld. Der eigentliche Skandal
blieb indes weithin unbeachtet: das Ansinnen, ein demokratischer Staat
müsse seine für alle Menschen geltenden Gesetze den Normen einer
bestimmten Religionsgemeinschaft anpassen. Das ist ein totalitärer
Denkansatz und passt zu einem katholischen oder islamischen Gottesstaat,
aber nicht zu einer Demokratie.
Das gleiche Muster läuft derzeit in Südwestdeutschland
ab. Da will ein Bestattungsunternehmer sogenannte „Friedwälder“ einrichten
für Menschen, die nicht auf einem normalen Friedhof bestattet sein wollen.
Eine Familie oder Freunde können einen bestimmten Baum für 99 Jahre
mieten, in dessen Wurzelwerk einmal ihre Asche in einer biologisch
abbaubaren Urne beigesetzt werden soll. Dies ist vor allem für Menschen
interessant, die sich entweder als Teil des biologischen Kreislaufs
begreifen oder aber keine Nachkommen haben, die ein Grab pflegen könnten.
Auch der sonst sehr konservative Verband der Waldbesitzer steht dieser
Idee (wenn auch aus eigennützigen Gründen) aufgeschlossen gegenüber -
nicht aber die katholische Kirche. Der Rottenburger Bischof Fürst wettert
gegen eine angeblich „neuheidnische Naturvergötzung“ und hat ein solches
Projekt in seiner Diözese vorläufig verhindert: „Die Natur ist da zum Gott
gemacht, der den Menschen aus sich heraus entlässt und wieder zurücknimmt.
Dieses Recycling in die Natur zurück hat eher etwas Heidnisches; das ist
eine eher asiatische Vorstellung vom Menschen, wo die Bedeutung des
Einzelnen nicht so groß ist, wie das in der abendländischen Kultur der
Fall ist.“ (Report, 15.9.03)
Schon diese Betrachtung ist einseitig. Aber selbst wenn
man sie teilte: Hat die katholische Kirche das Monopol auf abendländische
Kultur? Und gibt es nicht auch andere als christliche Denkrichtungen? Ist
Heidentum gar kulturlos? Der Bischof mag seinen eigenen Leuten diese Form
der Bestattung verbieten. Alle anderen sollte er aber nicht bevormunden.
Und die von der Kirche in ihren Friedhöfen angebotene Alternative, ein
anonymes Gräberfeld rund um ein Steinkreuz herum, ist für Nichtgläubige
eine Zumutung.
Nicht nur die „neutrale“ Gesellschaft bewertet Aussagen
aus kirchlicher Quelle nachsichtiger und ehrfurchtsvoller als die
gleichen, wenn sie aus weltlichem Munde stammen. Auch die Kirchenvertreter
tun andere weltanschauliche Auffassungen nur allzu oft als nachrangig ab -
teils aus Gedankenlosigkeit, oder aus Machtbewusstsein. Wenn nicht wir
darauf hinweisen, tut es niemand für uns und die vielen Konfessionsfreien.
Die folgenden Artikel sind nicht
in der gedruckten Version der Freigeistigen Rundschau enthalten, da sie
nach Redaktionsschluss eingegangen sind.
Evangelische Kirche stabilisiert sich,
katholische rutscht ab
„Zahl der Kirchenaustritte nimmt ab“, meldete die
katholische Nachrichten Agentur im Juli 2003 erfreut. Bei näherem Hinsehen
trifft dies jedoch nur für die evangelische Kirche zu, die in 2001 mit
172.000 Austritten (davon 15.500 in Bayern) die wenigsten seit 1989
aufweist und 2002 nochmals mit rund 7000 Austritten weniger rechnet.
Allerdings schrumpften die Protestanden dennoch um über 150.000
Mitglieder. Überdies sank die Quote der Gottesdienstbesucher auf ganze
3,9%.
Trüber sieht es für die katholische Kirche aus. Hier
wird für 2002 ein deutlicher Zuwachs der Austritte erwartet, und abzüglich
der (bei den Protestanten höheren) Zahl an Eintritten haben die Katholiken
im vergangenen Jahr erstmals netto mehr Mitglieder verloren als die
Protestanten. Allein in Bayern traten 2002 rund 33.400 Katholiken aus, 16
% mehr als im Vorjahr.
In anderen Regionen sieht es ähnlich aus, nur mit
veränderten Schwerpunkten. So stiegen im Landkreis Südliche Weinstraße
(Rheinland-Pfalz) 2002 die evangelischen Austritte um 51 %, die
katholischen hingegen „nur“ um 11 %.
Ende 2001 waren 80,9 % der bayerischen und 64,0 % der
deutschen Einwohner Mitglied einer der beiden großen Kirchen, 0,9 bzw. 0,5
Prozentpunkte weniger als ein Jahr zuvor.
(KNA, 24.7.03; Mitteilungen der Statistikämter der
beiden Kirchen; Rheinpfalz, 4.2.03)
Neuer Säkularisierungsschub
Das weit verbreitete Vorurteil, nur die Kirchenbindung
gehe zurück, aber die Religiosität bleibe konstant, wurde durch eine
kombinierte Studie von McKinsey, t-online, dem Stern und dem ZDF
Ende 2002 gründlich widerlegt.
Aus den Aussagen von immerhin 356.000 Befragten ergab
sich, dass der Anteil der dezidiert Nichtreligiösen weit höher ist, als
dies den formalen Kirchenmitgliedszahlen zufolge zu erwarten wäre.
Bundesweit bezeichneten sich nur 39 % als „religiös“, aber fast gleich
viele, nämlich 36%, als nicht religiös, darunter 12% als eindeutig
„atheistisch“. Dabei ist aber „religiös“ noch lange nicht mit „christlich“
gleichzusetzen, sondern umfasst auch Präferenzen für Esoterik, Buddhismus
oder andere Alternativen.
Auch die Kirchen kamen nicht gut weg: Nur 11 %
vertrauen der katholischen, 17 % der evangelischen. Damit lagen beide
unter insgesamt 17 Institutionen auf den letzten Plätzen.
Die Evangelische Zentralstelle für
Weltanschauungsfragen (EZW) bemerkte zwar zu Recht, dass nur
teilnehmen konnte, wer einen Internetanschluss hat, räumte aber ein: „Im
Kern dürften die Ergebnisse dennoch einen allgemein vorhandenen Trend
widerspiegeln“.
(Materialdienst der EZW, 6/2003, S. 235)
Nur ein Drittel will Religionsunterricht
als ordentliches Lehrfach
„Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht
hast“, meinte schon der britische Staatsmann Churchill. Daher macht auch
die evangelische Kirche ihre Statistiken selbst.
Ihre Zeitschrift Chrismon, als kostenlose
Monatsbeilage der Süddeutschen und einigen weiteren Zeitungen
beigefügt, gab eine Umfrage über den Religionsunterricht (RU) in Auftrag.
Nur 23 % der Befragten wünschten den RU als „Nebenfach wie Kunst oder
Chemie“, weitere 10 % sogar als „Hauptfach wie Deutsch oder Mathe“.
Zusammen wollten also 33 % den RU als ordentliches Lehrfach, wie er in
fast allen Bundesländern Realität ist (zwar mit Abmeldemöglichkeit, was
aber nichts ändert, solange eine Ersatzpflicht besteht). 41% der 1006
Befragten plädierten für einen regulären RU, dessen Teilnahme aber
freiwillig sein soll - was logischerweise nur heißen kann, dass dann auch
keine Ersatzpflicht besteht.
Diese drei Gruppe zählte der evangelische Auftraggeber
zusammen und schloss daraus, 74 % befürworteten den RU als Regelfach an
Schulen. Tatsächlich sind aber genau zwei Drittel für einen
freiwilligen RU - wenn überhaupt. Denn 12 % wollen nur freiwillige
Religions-AGs (=Arbeitsgruppen) statt dem herkömmlichen RU, weitere 6 %
wollen solche AGs „nur auf ausdrücklichen Wunsch“ der Schüler, und 7 %
wollen den RU „ganz von öffentlichen Schulen fernhalten“. (Quelle:
Chrismon, 8/03; genauere Angaben bei: www.chrismon.de)
Landtagswahl: Mehr Konfessionslose votieren
für CSU als für SPD
Das Debakel der SPD machte nicht einmal bei den
Konfessionslosen halt. Noch 1994 hatte die SPD mit 43 zu 25 % die Nase
vorn, vier Jahre später mit 41 zu 26. Jetzt lag die CSU auch bei der
Gruppe der konfessionell nicht Gebundenen - die mit 19 % ebenso groß ist
wie der SPD-Stimmenanteil bei der Wahl - erstmals vorn, doch fehlen
vorläufig genauere Zahlen. (dpa, 22.9. und Augsburger
Allgemeine, 23.9.)
Anm. FGR: Auf den ersten Blick scheint dieses Ergebnis
in Widerspruch zur Säkularisierung der Gesellschaft zu stehen. Die
Erklärung liegt vor allem in der Wahlenthaltung früherer SPD- oder
Grünen-Wähler, die ohne den Versuch, eine 2/3-Mehrheit zu verhindern, noch
stärker ausgefallen wäre.
Immerhin drei von sieben Wahlberechtigten waren diesmal
mit keiner Partei zufrieden. Bezogen auf alle, die zur Wahl hätten gehen
dürfen, sank selbst die CSU um 2,1 auf 34,8 %. Die SPD schrumpfte von 20,0
auf 11,2, nur die Grünen nahmen von 4 auf 4,4 % zu. Vor allem Jüngere,
Gebildetere, sozial Engagierte und Konfessionslose - eine Kombination, die
übrigens oft zusammentrifft - fühlen sich von keiner Partei mehr
vertreten. Gerade die SPD hat ja auch alles getan, um Konfessionsfreie
abzuschrecken, wenngleich sich der rot-grüne Sozialabbau in Berlin sicher
noch fataler auswirkte.
Eine gute Nachricht ist daher der beabsichtigte
Rücktritt des SPD-Landesvorsitzenden. Ein katholischer Religionslehrer,
der seine Abneigung gegen den bfg nie verhohlen hat, wird bei Religiösen
kaum Stimmen holen (die wählen nämlich trotzdem CSU), die anderen aber
verprellen. Da ist die CSU schon cleverer: Sie beschwört zwar generell die
„christlichen Grundwerte“, geht aber spürbar auf Distanz zur Amtskirche,
wo es ihr opportun erscheint. Und sie kann es sich auch leisten, die
finanziellen Privilegien der Kirchen zu stutzen, ohne dass man ihr
Antiklerikalismus vorwerfen kann..
Unbegründet ist auch die Befürchtung einzelner bfg-Mitglieder,
die CSU könnte mit ihrer 2/3-Mehrheit nun die Möglichektien des bfg
beschneiden, indem sie jenen Passus aus der Bayerischen Verfassung
streicht, der die rechtliche Gleichstellung von Religions- und
Weltanschauungsgemeinschaften garantiert. Erstens ist diese Absicherung
auch im Grundgesetz enthalten, so dass sich der Status des bfg auch
dann nicht prinzipiell ändern würde. Und zweitens wird die CSU, die ja
stets ein besseres Gespür für soziologische Veränderungen bewiesen hat als
die SPD, kaum so dumm sein, diese auch künftig wachsende Wählergruppe
gegen sich aufzubringen. Noch 1995 bei der Schulkreuz-Debatte konnte sie
sich das leisten, inzwischen würde ihr das mehr schaden als nutzen, zumal
sie im Blick auf den Islam inzwischen selbst für die weltanschaulich
neutrale Schule plädiert.
Dennoch ist eine 2/3-Mehrheit im Landtag für die
Demokratie schlecht, weil zu ihr eine starke Opposition gehört. Nur ist
daran nicht die CSU schuld. Das muss die SPD durch eine glaubwürdigere,
sozialere und weltoffenere Politik schon selbst besorgen.
bfg
begrüßt Beschluss des BVG im Kopftuchstreit
Stärkung der
staatlichen Neutralitätspflicht
Das Bundesverfassungsgericht findet mit seinem
Beschluss, der Klage einer muslimischen Lehrerin gegen das Kopftuchverbot
an staatlichen Schulen zwar stattzugeben, die künftige gesetzliche Klärung
aber den Ländern zu überlassen, die Zustimmung des Bundes für
Geistesfreiheit.
Das höchste deutsche Gericht stellte in der Begründung
nämlich einige Grundsätze klar. Demnach hat das Grundrecht auf
Religionsfreiheit Vorrang vor fast allen vorgebrachten Einwänden (z.B.
Beamtenpflichten, Symbol der Frauenunterdrückung, Befürchtung einer
missionierenden Wirkung). Einzig die Pflicht zur Einhaltung der
weltanschaulichen Neutralität im staatlichen Schulwesen ist ein
gewichtiges und gleichrangiges Gegenargument. Das BVG machte aber
deutlich, dass die Länderparlamente diese Neutralitätspflicht bei allen
Religionen gleichermaßen anzuwenden haben. Speziell die bayerische
Staatsregierung wird sich dann schwer tun, ein Gesetz zu konstruieren, das
einerseits religiöse Symbole an der Schulwand staatlich vorschreibt,
andererseits aber am Körper einer in der Schule tätigen Person verbietet.
Die Realisierung dieser „Quadratur des Kreises“ den Parlamenten
aufzubürden und damit eine öffentliche Diskussion herbeizuführen, war ein
geschickter Schachzug des höchsten Gerichts, quasi eine späte Revanche für
die CSU-Schelte nach dem Schulkreuzbeschluss 1995.
Gerhard Rampp
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