Freigeistige Rundschau 4/2003


Inhalt: Vorwort des Landesvorsitzenden des bfg Adi Meister
Literaturempfehlung: Volker Müller - Spuren im Wertewandel
  Mehr internationale Arbeit des DFW
  Eröffnung des bfg-Büros in Schweinfurt: Eröffnungsrede des Gesinnungsfreundes Wolfgang Günther
  Katholische Bistümer leiden unter massiver Finanznot
  Katholikentag in Ulm: Alle zahlen mit!
  Zweierlei Maß
  Die folgenden Artikel sind nicht ist der gedruckten Version der freigeistigen Rundschau enthalten, da sie nach Redaktionsschluss eingegangen sind.
 

Evangelische Kirche stabilisiert sich, katholische rutscht ab

 

Neuer Säkularisierungsschub

 

Nur ein Drittel will Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach

 

Landtagswahl: Mehr Konfessionslose votieren für CSU als für SPD

  bfg begrüßt Beschluss des BVG im Kopftuchstreit

Liebe Gesinnungsfreunde,

Die Bayernwahl ist gelaufen und die Parteien außerhalb der CSU haben mehr oder weniger verdammt viel Schelte erhalten. Dabei haben "Die Grünen" offenbar noch am besten abgeschnitten. Dies ist ein kleiner Hinweis dafür, dass nicht allein die Bundespolitik Schuld an der Misere ist. Die Bayern - SPD mit ihren Spitzenleuten (Maget mal ausgenommen) kann in Bayern keinen Blumentopf gewinnen. Dies, obgleich der Religionslehrer aus Oberfranken, Herr Hoderlein, doch bestimmt auch nicht unchristlich ist. Aber es hilft halt nichts, nur große Töne zu spucken und jene Wähler zu vergraulen, die früher das Klientel und die Wähler der SPD waren - hier denke ich in erster Linie an die freigeistigen und freireligiösen Menschen, für die Herr Hoderlein rein gar nichts übrig hat.

Doch zur Zukunft der freireligiösen Menschen in diesem Land:
Mit ihrer satten Zweidrittelmehrheit kann nun die CSU nicht nur in Bayern schalten und walten wie es ihr gefällt. Bis auf eine Verfassungsänderung, die der Mitwirkung der Bevölkerung bedarf, stehen ihr alle Wege offen. Herr Stoiber wird die CDU und deren Vorsitzende dominieren. Im Bundesrat kann keiner der so genannten christlichen Politiker mehr an dem bayerischen "Wadelbeißer" vorbei ohne abgestraft zu werden. Damit sind alle noch so gut gemeinten Reformvorschläge dieser Bundesregierung zum Scheitern verurteilt, weil sie nicht aus dem christlichen Lager kommen.

In den "Nürnberger Nachrichten" war am 18. Sept. 2003 zu lesen, dass der Stadtkämmerer Köhler (CSU) die Einführung einer "Sozialsteuer" fordert. Begründet wurde diese neue Steuer damit, dass immer weniger Menschen Kirchensteuer zahlen und damit keine sozialen Projekte (der Kirchen) unterstützt werden würden!! Er sieht damit eine gerechtere Verteilung der "Soziallasten" und die Schließung eines Steuerschlupfloches. Hier kann nur angemerkt werden, dass Herr Köhler offenbar von keiner Sachkenntnis getrübt ist. Seit wann ist ein Mitgliedsbeitrag denn eine Steuer? Wäre es dann nicht angebracht, auch jene zur Kasse zu bitten, die beispielsweise keinen Sportvereinsbeitrag zahlen, weil sie keinem Verein angehören?
Doch zur Realität: Wenn die Forderung des Herrn Köhler Schule macht, so ist damit zu rechnen, dass entweder die freigeistigen Verbände einen Zulauf zu verzeichnen haben, oder die ach so sozialen Kirchen eine Eintrittswelle erleben. Letzteres wäre bestimmt im Sinne der bayerischen Staatsregierung, hätte sie dann doch recht, ihr umstrittenes "christlich" im Parteinamen zu tragen. Allerdings würde damit dann die SPD noch mehr zur Bedeutungslosigkeit absinken, hätte sie, aufbauend auf ihre bisherigen Aktivitäten und ihr bayerisches Können, doch dann nur noch den Charakter einer Splitterpartei ohne Perspektiven.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf zwei Beiträge in dieser Ausgabe der FGR hinweisen.
Der Katholikentag in Ulm im Juni 2004 kostet 6,9 Millionen EURO. Näheres hierzu ist dem entsprechenden Artikel zu entnehmen.

An anderer Stelle beklagen die katholischen Bischöfe eine immer mehr zunehmende Finanznot.
Hier ist zu fragen, ob nicht endlich die Kirchensteuer absolut abgeschafft werden muss. Wenn das Management der Kirchen nicht in der Lage ist, mit Milliardenbeträgen ihre Institution aufrecht zu erhalten, dann bitte aber nicht noch Gelder der Steuerzahler in ein überholtes System stecken!

Deshalb (im Hinblick auf den Nürnberger Stadtkämmerer) wehret den Anfängen, bevor Bayern und islamische Gottesstaaten nicht mehr zu unterscheiden sind.

Euer

Adi Meister

 

 

Literaturempfehlung

Volker Mueller: Spuren im Wertewandel
259 Seiten. Neustadt 2002. Angelika-Lenz-Verlag. 19,60 E. ISBN 3-933037-20-4

Wertewandel, Werteentwicklungen und Wertevermittlung werden heute vielfach besprochen, infragegestellt, als unzeitgemäß kritisiert oder als das Rettende zur Sinnfindung angesehen. Gleichermaßen finden wir kaum freigeistige und säkular humanistische Begründungen einer ethisch orientierten Welt- und Lebensanschauung, die gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen gerecht werden kann. Werteverfall und Fundamentalismen gehen einher mit Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung bei Konflikten. Freigeistige tolerante Lebensweisen und weltanschauliche Selbstbestimmung tragen dazu bei, vor allem dem Menschen, der sein Dasein ohne einen Gott bzw. ohne religiöse Dogmen versteht und gestaltet, Lebensorientierung und Halt im Wertewandel unserer Zeit zu bieten.

Das Buch beinhaltet gesammelte Texte, die sich mit philosophisch-weltanschaulichen und ethischen Fragen unseres Zusammenlebens aus freigeistiger Sicht und mit Konsequenzen für Kultur und Bildung auseinandersetzen. Es ist eine Anregung für die Diskussion zum säkularen Humanismus und zum freien Denken.

Die Texte sind philosophische Spuren, historische Ansätze und Beiträge zu Kultur und Bildung im Komplex der Werteentwicklung, der Wertbindungsprozesse und des kulturellen Wandels. Sie sollen helfen, philosophische und ethische Defizite des freigeistigen Selbstverständnisses in seinen verschiedenen Aspekten menschlichen Daseins und Gestaltens abzubauen, und anregen, sich des eigenen frei bestimmten Halts im Wertewandel zu vergewissern.

Bestellungen an: Angelika-Lenz-Verlag, 31535 Neustadt a. Rbge., Fasanenweg 8. Tel- 05032-66297, FAX: 05032-66263 Email: info@lenz-verlag.de

 

 

Mehr internationale Arbeit des DFW

Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften e.V.


Was sind die Schwerpunkte der inhaltlichen Arbeit des DFW als einer freigeistigen Dachorganisation freier selbstständiger Verbände, die eine eigene Identität und Tradition besitzen und mit Recht auf ihre Freiheitsrechte und weltanschauliche Selbstbestimmung wert legen?
Traditionelle Arbeitsbereiche sind und bleiben die der Vertretung der Interessen kirchenfreier Menschen insbesondere im sozial-, bildungs- und medienpolitischen Bereich, aber auch in Menschenrechtsfragen und der Kultur, sowie das Ringen um den weltanschaulich neutralen Staat bei Gleichbehandlung aller Religionen und Weltanschauungen.

In den letzten Jahren haben sich weitere Schwerpunkte herauskristallisiert: Dazu gehört vor allem die Menschenrechtspolitik. Unser Bemühen um den Internationalen Strafgerichtshof, die Europäische Grundrechtecharta und jetzt die Europäische Verfassung hat verfassungs- und völkerrechtliche Probleme mehr thematisiert und zu Erfolgen geführt. Dazu gehört natürlich unser verstärkter Einsatz für Frieden nach dem 11. September 2001. Terrorismus ist scharf zu verurteilen. Die Lösung von internationalen Problemen ist durch Krieg generell nicht (mehr) möglich, wie der Irakkrieg deutlich macht.

In unseren Aktivitäten um eine Europäische Verfassung mit laizistischem Charakter haben wir uns vor allem im Rahmen der Europäischen Humanistischen Föderation, deren Mitglied der DFW seit über einem Jahr ist, davon leiten lassen, die Menschenrechte für alle Bürgerinnen und Bürger gesichert zu wissen. In mehreren Erklärungen und Schreiben an den Europäischen Verfassungskonvent und an unsere Bundesregierung haben wir dies angemahnt und sind zugleich für die Laizität der EU vertreten. Die Debatten um das Verhältnis von Staat und Kirchen (das Verhältnis von EU und den auf Europaebene organisierten christlichen Kirchen) und die Gleichbehandlung aller Religionen und Weltanschauungen bestätigen unsere Positionen, einen Gottesbezug in der Präambel der EU-Verfassung nicht zuzulassen sowie die Festschreibung der bevorzugten Stellung der Kirchen (Art. 151) zu verhindern. Eine laizistische Bundesrepublik Deutschland würde eine weltanschaulich neutrale EU und ein pluralistisches Gemeinwesen EUROPA verstärken.

Wichtig bleibt dabei, dass keiner die Hegemonie oder den alleinigen Wahrheitsanspruch über die sich entwickelnde europäische Wertegemeinschaft hat. Gerade der Vatikan geht in seinen jüngsten Verlautbarungen gegen die EU-Verfassung immer wieder von der ausschließlich katholischchristlichen Dominanz in allen ethischen und kulturellen Fragen für Europa aus.

Die internationale Zusammenarbeit des DFW hat sich erfolgreich ausgeweitet. Wir werden auf internationalen Veranstaltungen und Kundgebungen für eine demokratische und laizistische EU-Verfassung am 29./30.11.2003 in Rom und am 6.12.2003 in Paris aktiv vertreten sein. Darüber werden wir berichten.

Dr. Volker Mueller
DFW-Präsident

 

Eröffnung des bfg-Büros in Schweinfurt
am 22. März 2003 

Eröffnungsrede des Gesinnungsfreundes Wolfgang Günther

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Gesinnungsfreunde!

Mit Unterstützung Napoleons 1. und des von ihm geförderten Reichsdeputations-Hauptausschusses, der sich dieses Jahr zum zweihundertsten Male jährt, wurde zwar 1803 den zahlreichen geistlichen Fürstentümern in Deutschland ihre Machtbefugnisse als Landesherren entzogen und dem Staat die Einziehung des erheblichen Kirchengutes gestattet, aber die geistige Beeinflussung des Volkes und seine Lenkung durch die Kirchenlehre blieb unangetastet. Mittelalterliche Vorstellungen von Belohnung und Bestrafung im Jenseits mit dem Glauben an Himmel, Hölle, Fegefeuer usw. wurden weiterhin allen Untertanen beigebracht.

Erst als der katholische Kaplan Johannes Ronge aus Oberschlesien 1844 aus Anlass der geforderten Verehrung des in Trier ausgestellten so genannten Heiligen Rockes in der Öffentlichkeit gegen krasse Auswüchse der Kirchenlehre protestierte, aus der Kirche austrat und bereits 1846 die ersten freichristlichen Gemeinden gründen konnte, begann eine allgemeine Abfallbewegung der Kirchenmitglieder. Die Zeit der Aufklärung hatte dafür gesorgt, dass der blinde Glaube ins Wanken geraten war. 1841 war bereits das wegweisende Buch des Philosophen Ludwig Feuerbach mit dem Titel "Das Wesen des Christentums" erschienen, in dem er die Behauptung aufgestellt hatte, dass die menschliche Natur dazu neige, die eigenen Wünsche und Ängste in ein imaginäres Jenseits zu projizieren und sich somit ihre Götter nach ihrem eigenen Bild schaffe. Darwins Evolutionslehre ließ wenig später die Menschen am wörtlich tradierten Schöpfungsbericht der Bibel zweifeln. Die Gedanken, welche die Revolution von 1848 herbeiführten, steckten auch das so genannte einfache Volk an, das nun seine Selbstbestimmung auf allen Gebieten forderte. Schon damals ertönte der Ruf "Frei sei der Geist und ohne Zwang der Glaube!"

1849 gründete Ronge in Schweinfurt mit einflussreichen Bürgern die "Freichristliche Gemeinde Schweinfurt". Ronge war wiederholt in Schweinfurt - noch heute erinnert in Ludwigshafen ein ihm 1949 gewidmeter Pokal daran - und auch andere bedeutende Redner wie Scholl, Kampe und Glatz folgten ihm. 1849/50 errichteten die Mitglieder mit finanzieller Unterstützung der Industriellenfamilie Sattler einen eindrucksvollen Bau am Schillerplatz als Versammlungshalle für alle Gesinnungsfreunde. Gründungsmitglieder waren überwiegend Handwerker und Kaufleute sowie die genannte Fabrikanten-Familie.

Nach kurzem Aufflammen der 1848erBewegung war es den deutschen Fürsten und ihrem Anhang gelungen, die angestrebten Reformen auf politischem Gebiete zum Scheitern zu bringen. Damit war auch die religiöse Reformbewegung in Bayern gehemmt, denn die bayerische Regierung steht ja seit eh und je unter dem Einfluss der christlichen Kirchen. Diese erreichten zunächst im November 1851 bei der Regierung von Unterfranken ein Verbot der Freichristlichen Gemeinde Schweinfurt, das erfolglos angefochten wurde. Am 21. Mai 1852 erfolgte durch die Landesregierung in München das Verbot sämtlicher freichristlichen Gemeinden in Bayern. Die Kinder der Mitglieder waren gezwungen, am christlichen Religionsunterricht teilzunehmen. In Schweinfurt wanderten einige Mitglieder nach Amerika aus; ein anderer Teil der Mitglieder kehrte unter dem Druck der Verhältnisse nach und nach wieder zurück zu seiner früheren Kirche und nur ein kleiner Teil hielt nach wie vor an seiner Einstellung fest. In den nächsten 50 Jahren herrschten in Schweinfurt allein die christlichen Kirchen, wobei auch die katholische Kirche zunehmend Einfluss und Mitglieder gewann.

1859 wurde in Gotha der "Bund freireligiöser Gemeinden Deutschlands" gegründet. Soweit zu dieser Zeit noch freichristliche Gemeinden bestanden haben oder wieder zugelassen waren, schlossen sie sich dieser Bewegung an. In Schweinfurt war nach dem Verbot von 1852 kein Wiederaufleben mehr möglich.

Erst 1906 fanden sich wieder so viele frei denkende Personen zusammen, dass sie zunächst den "Verein der Freidenker für Feuerbestattung" und am 7. März 1907 die "Freidenker-Vereinigung Schweinfurt" gründen konnten. Es handelte sich hauptsächlich um Angehörige des Arbeiterstandes, den mittlerweile hatte sich Schweinfurt zur Industriestadt entwickelt. 1912 konnte der erste freireligiöse Unterricht erteilt werden - allerdings nicht an einer öffentlichen Schule, sondern zunächst in einem Privatlokal. Am 5. Juli 1917 fand die erste Jugendweihe in Schweinfurt statt. Am 1. März 1919 nahm die Gemeinschaft den Namen "Freireligiöse Gemeinde Schweinfurt" an, der am 26. Januar 1931 um den Zusatz "Bund fier Geistesfreiheit, Sitz Schweinfurt" ergänzt wurde.

1933 verboten die Nationalsozialisten alle freigeistigen Vereinigungen in Deutschland und beschlagnamten deren Vermögen, Büroeinrichtungen und Bücher. Erst nach Kriegsende und der Rückkehr der alten Gesinnungsfreunde aus der Kriegsgefangenschaft konnte am 15.12.1946 die Wiedergründung der Freireligiösen Gemeinde Schweinfurt beschlossen werden. Die neu ausgearbeitete Satzung trägt das Datum vom 10.6.1947. Die erste Jugendweihe nach dem zweiten Weltkrieg erfolgte im Frühjahr 1947. Der Moral- und Sittenunterricht für die Jugend konnte wieder begonnen werden. Die erste Tagung der freigeistigen Verbände für Bayern fand am 5. Oktober 1947 in Nürnberg statt. Mit Entschließung des bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus vom 4. Dezember 1947 wurde der Vereinigung "Freireligiöse Landesgemeinde Bayern" die Eigenschaft einer Körperschaft des öffentlichen Rechts verliehen.

Die erste öffentliche Versammlung in Schweinfurt mit Vortrag nach dem Kriege fand am 14. November 1947 statt und gleich darauf ein Lichtfest. Ab 1948 entwickelte sich ein reges Gemeindeleben mit Feiern, Vorträgen, Wanderungen und Busfahrten. Mitte Juli 1953 wurde die erste Feier der Sommersonnenwende auf der Bismarckhöhe veranstaltet, im Herbst des gleichen Jahres wurde eine Jugendgruppe gegründet.

Heute trägt unsere Vereinigung den Namen "Bund für Geistesfreiheit Schweinfurt" und ist Mitglied beim "Bund für Geistesfreibeit Bayern"
(http://www.bfg-bayem.de) und im "Dachverband Freier Weltanschauungsgemeinschaften"
(http://www.dfw-dachverband.de).

Eine neue, überarbeitete Verfassung (Satzung) trat an 1. April 2000 in Kraft. Der Bund für Geistesfreiheit Schweinfurt steht in der Tradition der Freireligiösen Gemeinde Schweinfurt und der Freigeistigen Gemeinschaft Schweinfurt. Er verpflichtet seine Mitglieder weder zu Dogmen noch zu weltanschaulichen Bekenntnissen, sondern erwartet von ihnen, dass sie in eigener Verantwortung und Mündigkeit ihr Weltbild formen. Die Mitglieder werden angehalten, die Grundsätze des neuzeitlichen Humanismus im Alltag zu verwirklichen und ein Leben in mitmenschlicher Verantwortung zu führen. Neben Vorträgen und anderen Veranstaltungen gestaltet der Bund für Geistesfreiheit auch Jugend- und Trauerfeiern.

Am 22. März 2003 konnte ein neu eingerichtetes Büro seiner Bestimmung übergeben werden. Durch Intemetanschluss und moderne Kommunikationstechniken hoffen wir, uns noch weiter nach außen öffnen zu können. Es soll aber auch ein angenehmer Raum sein, in dem persönliche Gespräche in entspannter Atmosphäre stattfinden können. So wird ab sofort eine "Freigeistige Sprechstunde" angeboten werden, in der auch eine humanistische Lebensberatung erfolgen kann. Während der Sprechzeiten ist das Büro für jedermann geöffnet und wir erhoffen uns einen regen Zuspruch.

Möge das neu gestaltete Büro stets seinen Zweck erfüllen, die Tradition der Verbreitung freigeistiger Werte zu vermitteln.

 

Katholische Bistümer leiden unter massiver Finanznot
Kündigungen möglich
Schließung von Gotteshäusern ist nicht ausgeschlossen

Aus: Nürnberger Nachrichten, 19.9.03
FREISING (dpa) - Die katholischen Bischöfe in Bayern schließen betriebsbedingte Kündigungen in ihren Bistümern inzwischen nicht mehr aus.

Wir haben es nicht in der Hand, wie die finanzielle Situation sich weiter entwickeln wird", sagte der Vorsitzende der Bayerischen Bischofskonferenz, der Münchener Kardinal Friedrich Wetter, bei der Herbstvollversammlung der sieben bayerischen Oberhirten in Freising. Bisher hätten betriebsbedingte Kündigungen von kirchlichen Mitarbeitern noch vermieden werden können. Dafür aber lasse sich auf Dauer aber leider keine Garantie geben.

Der Kardinal kündigte diözesanübergreifende Kooperationen etwa bei den Bistumszeitungen an. Auf diese Weise könne man den bereits eingeschlagenen Sparkurs der Kirche vorantreiben. Die Zusammenarbeit über die Diözesen hinweg erlaube eine Konzentration der Kräfte auf das Wesentliche.

Wetter hält auch die Schließung von Kirchen für nicht mehr ausgeschlossen. Viele Nachkriegsgebäude stünden vor teuren Generalsanierungen, die die Diözesanhaushalte stark belasten.

Zuschüsse an kirchliche Verbände und Bildungshäuser sollen nach den Worten des Erzbischofs auf den Prüfstand kommen. Die Bistümer rechnen allein durch das Vorziehen der dritten Stufe der Steuerreform mit einem Minus bei den Einnahmen von mindestens zehn Prozent. Zudem mindert eine zuletzt überdurchschnittlich hohe Zahl von Kirchenaustritten die Steuereinnahmen. Bei jeder frei werdenden Planstelle solle daher eine Neubesetzung geprüft werden. Ohne Beispiele zu nennen, kündigte Wetter an, einzelne kirchliche Aufgaben notfalls ganz einzustellen.

Mangel an Lehrern
Der Kardinal beklagte einen Lehrermangel an katholischen Schulen in Bayern. Die Staatsregierung dürfe die kirchlichen Schulen nicht im Stich lassen. Vom Staat erwarten die Bischöfe in dieser Frage eine "faire Partnerschaft". Wetter forderte, verbeamtete Lehrer an staatlichen Schulen auch längerfristig an kirchliche Schulen zu beurlauben.

 

Katholikentag in Ulm:
Alle zahlen mit!

Wussten Sie, dass von den geschätzten 6,9 Millionen Euro Gesamtkosten für den Katholikentag vom 16.-20. Juni 2004 in Ulm gut die Hälfte vom Steuerzahler beglichen wird? Auch wenn Sie zu den zwei Dritteln in Ulm gehören, die evangelisch, konfessionsfrei oder andersgläubig sind, tragen Sie über Zuschüsse von "mehr als 1,5 Millionen Euro" durch das Land Baden-Württemberg, 1 Million Euro durch die Stadt Ulm sowie eine weitere Million durch den Bund zum Gelingen dieser Veranstaltung bei. (SWP, 15.7.2003)

Gleichzeitig sind die Haushaltslagen von Bund, Land und Kommune dramatisch angespannt. In Ulm bringt die anhaltende Rezession mit gleichzeitigen Steuerausfällen die Stadt an den Rand ihrer Handlungsfähigkeit. Mindestens zehn Millionen Euro, wahrscheinlich mehr, sollen 2003 und 2004 eingespart werden. Ulm muss froh sein, wenn es seine gesetzlichen Pflichten weiterhin erfüllen und bei Investitionen begonnene oder lange beschlossene Projekte überhaupt ncoh abwickeln kann. Kämmerer Gunter Czisch: "Mit dem einfachen Sparen hat es ein Ende. Wir müssen Standards reduzieren oder Aufgaben ganz weglassen." (SWP, 6.9.2003) Für die Bürger der Stadt Ulm bedeutet das zum Beispiel:
- höhere Kindergarten- und Kinderkrippengebühren: Zum 1. September 2003 stiegen die Kindergartengebühren um bis zu 154 %.

- erhöhte Ausgaben für die Schülerbeförderung: nach Senkung des Zuschusses für Monatskarten zahlen Eltern effektiv monatlich pro Kind 24,50 Euro.

- Absenkung der Ermäßigung bei mehreren Kindern in der Musikschule.
- drohende weitere Kürzung der Öffnungszeiten für die Stadtbibliothek

- Kürzung der städtischen Zuschüsse an Vereine: die Stadt denkt an eine pauschale Senkung um jeweils 10 Prozent.

- drohende Kürzungen beim Ulmer Zelt und beim Roxy.

- 50 der insgesamt 1500 Stellen bei der Stadtverwaltung werden bis Ende 2004 gestrichen; die anfallenden Aufgaben werden den verbleibenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zusätzlich übertragen.

- Schließung von öffentlichen Toilettenhäuschen. ("Die ganzen Gebüsche sind verkackt, mit Papier und allem drum und dran", sagt etwa die Platzwartin der Minigolfanlage in der Friedrichsau.) Dafür immer öfter Aufstellen von kostenpflichtigen Toiletten einer privaten Firma.

Wir bezweifeln, dass die Stadt in dieser Situation ihre Prioritäten richtig setzt. Der städtische Millionenzuschuss an den Katholikentag ist unverantwortlich und eine Verschwendung von ohnehin knappen Mitteln. Hier wird eine weitläufig verschachtelte Religionsgemeinschaft subventioniert, die mit einem geschätzten Gesamtvermögen von etwa 365 Milliarden Euro im Rücken (vgl. Carsten Frank: Finanzen und Vermögen der Kirchen in Deutschland, Aschaffenburg 2002, S. 412) ohnehin reichste Organisation der Bundesrepublik Deutschland ist. Eine Kirche, die - zusätzlich zur Kirchensteuer, die jährlich acht bis neun Mrd. Euro ausmacht ohnehin jährlich bereits knapp 20 Mrd. Euro vom Staat erhält (MIZ 3/02, S. 23)


Vorstehender Artikel wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt von den
Freidenkerinnen & Freidenkern
Ulm/Neu-Ulm e. V.
(http://www.freidenker.telebus.de)

 

Zweierlei Maß

Für helle Empörung sorgte vor kurzem der Bundesvorsitzende der Jungen Union mit seinem Vorschlag, die gesetzliche Krankenversicherung solle bei über 85-Jährigen nicht mehr für künstliche Hüftgelenke aufkommen, weil sich das nicht mehr lohne und unverhältnismäßige Kosten verursache.

Keine Frage, der Vorschlag ist schon im Grundsatz sowohl menschenunwürdig als auch sachlich unsinnig. Die Krankenversicherung beruht auf einer Solidargemeinschaft, bei der das Lebensalter ebenso wenig eine Rolle spielen darf wie das Geschlecht, die Herkunft oder die weltanschauliche Ausrichtung. Und was wird dann ein 86-Jähriger tun, der 50 Jahre lang Versicherungsbeiträge eingezahlt hat, die Krankenkasse aber bisher kaum in Anspruch nehmen musste? Er wird klagen und Recht bekommen.

Trotzdem ist dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Jugendorganisation bis zu einem gewissen Grade Unrecht widerfahren, hat er doch nur nachgeplappert, was ihm ein katholischer Professor (ausgerechnet für Sozialethik!) und Berater der Bischofskonferenz vorgemacht hat (vgl. die letzte Freigeistige Rundschau). Dieser Kleriker ging sogar wesentlich weiter, denn er verlangte viel massivere Leistungskürzungen als der Jungpolitiker - und das nicht erst ab 85, sondern schon ab 75 Lebensjahren. Dennoch bekam dieser Prof. Wiemayer weit weniger öffentliche Kritik ab, und seine kirchlichen Funktionen durfte er alle behalten. Sogar der vorab informierte Vorsitzende der Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, wartete erst mal zwei Tage lang die Reaktionen ab, ehe er sich verhalten distanzierte und auf diese Weise seinen Berater, den er offensichtlich als „Versuchsballon“ vorgeschickt hatte, aus der öffentlichen Schusslinie nahm.

Das nenne ich die Anwendung von zweierlei Maß. Auf den relativ harmloseren CDU-Junior prügelt man ein, den katholischen Repräsentanten lässt man hingegen ungeschoren.

Ähnliches zeigte sich bei zwei anderen aktuellen Vorfällen. Da fordert der Vatikan katholische Parlamentarier auf, gegen die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften zu stimmen oder sie gar wieder zu Fall zu bringen. Kritik löste vereinzelt die Einstellung der katholischen Kirche zu Homosexuellen aus, aber die ist bekannt und auch nicht das Hauptproblem, denn wer als Schwuler oder Lesbe noch Mitglied dieser Organisation bleibt, ist selber schuld. Der eigentliche Skandal blieb indes weithin unbeachtet: das Ansinnen, ein demokratischer Staat müsse seine für alle Menschen geltenden Gesetze den Normen einer bestimmten Religionsgemeinschaft anpassen. Das ist ein totalitärer Denkansatz und passt zu einem katholischen oder islamischen Gottesstaat, aber nicht zu einer Demokratie.

Das gleiche Muster läuft derzeit in Südwestdeutschland ab. Da will ein Bestattungsunternehmer sogenannte „Friedwälder“ einrichten für Menschen, die nicht auf einem normalen Friedhof bestattet sein wollen. Eine Familie oder Freunde können einen bestimmten Baum für 99 Jahre mieten, in dessen Wurzelwerk einmal ihre Asche in einer biologisch abbaubaren Urne beigesetzt werden soll. Dies ist vor allem für Menschen interessant, die sich entweder als Teil des biologischen Kreislaufs begreifen oder aber keine Nachkommen haben, die ein Grab pflegen könnten. Auch der sonst sehr konservative Verband der Waldbesitzer steht dieser Idee (wenn auch aus eigennützigen Gründen) aufgeschlossen gegenüber - nicht aber die katholische Kirche. Der Rottenburger Bischof Fürst wettert gegen eine angeblich „neuheidnische Naturvergötzung“ und hat ein solches Projekt in seiner Diözese vorläufig verhindert: „Die Natur ist da zum Gott gemacht, der den Menschen aus sich heraus entlässt und wieder zurücknimmt. Dieses Recycling in die Natur zurück hat eher etwas Heidnisches; das ist eine eher asiatische Vorstellung vom Menschen, wo die Bedeutung des Einzelnen nicht so groß ist, wie das in der abendländischen Kultur der Fall ist.“ (Report, 15.9.03)

Schon diese Betrachtung ist einseitig. Aber selbst wenn man sie teilte: Hat die katholische Kirche das Monopol auf abendländische Kultur? Und gibt es nicht auch andere als christliche Denkrichtungen? Ist Heidentum gar kulturlos? Der Bischof mag seinen eigenen Leuten diese Form der Bestattung verbieten. Alle anderen sollte er aber nicht bevormunden. Und die von der Kirche in ihren Friedhöfen angebotene Alternative, ein anonymes Gräberfeld rund um ein Steinkreuz herum, ist für Nichtgläubige eine Zumutung.

Nicht nur die „neutrale“ Gesellschaft bewertet Aussagen aus kirchlicher Quelle nachsichtiger und ehrfurchtsvoller als die gleichen, wenn sie aus weltlichem Munde stammen. Auch die Kirchenvertreter tun andere weltanschauliche Auffassungen nur allzu oft als nachrangig ab - teils aus Gedankenlosigkeit, oder aus Machtbewusstsein. Wenn nicht wir darauf hinweisen, tut es niemand für uns und die vielen Konfessionsfreien.

 

Die folgenden Artikel sind nicht in der gedruckten Version der Freigeistigen Rundschau enthalten, da sie nach Redaktionsschluss eingegangen sind.

Evangelische Kirche stabilisiert sich, katholische rutscht ab

„Zahl der Kirchenaustritte nimmt ab“, meldete die katholische Nachrichten Agentur im Juli 2003 erfreut. Bei näherem Hinsehen trifft dies jedoch nur für die evangelische Kirche zu, die in 2001 mit 172.000 Austritten (davon 15.500 in Bayern) die wenigsten seit 1989 aufweist und 2002 nochmals mit rund 7000 Austritten weniger rechnet. Allerdings schrumpften die Protestanden dennoch um über 150.000 Mitglieder. Überdies sank die Quote der Gottesdienstbesucher auf ganze 3,9%.

Trüber sieht es für die katholische Kirche aus. Hier wird für 2002 ein deutlicher Zuwachs der Austritte erwartet, und abzüglich der (bei den Protestanten höheren) Zahl an Eintritten haben die Katholiken im vergangenen Jahr erstmals netto mehr Mitglieder verloren als die Protestanten. Allein in Bayern traten 2002 rund 33.400 Katholiken aus, 16 % mehr als im Vorjahr.

In anderen Regionen sieht es ähnlich aus, nur mit veränderten Schwerpunkten. So stiegen im Landkreis Südliche Weinstraße (Rheinland-Pfalz) 2002 die evangelischen Austritte um 51 %, die katholischen hingegen „nur“ um 11 %.

Ende 2001 waren 80,9 % der bayerischen und 64,0 % der deutschen Einwohner Mitglied einer der beiden großen Kirchen, 0,9 bzw. 0,5 Prozentpunkte weniger als ein Jahr zuvor.

(KNA, 24.7.03; Mitteilungen der Statistikämter der beiden Kirchen; Rheinpfalz, 4.2.03)

 

Neuer Säkularisierungsschub

Das weit verbreitete Vorurteil, nur die Kirchenbindung gehe zurück, aber die Religiosität bleibe konstant, wurde durch eine kombinierte Studie von McKinsey, t-online, dem Stern und dem ZDF Ende 2002 gründlich widerlegt.

Aus den Aussagen von immerhin 356.000 Befragten ergab sich, dass der Anteil der dezidiert Nichtreligiösen weit höher ist, als dies den formalen Kirchenmitgliedszahlen zufolge zu erwarten wäre. Bundesweit bezeichneten sich nur 39 % als „religiös“, aber fast gleich viele, nämlich 36%, als nicht religiös, darunter 12% als eindeutig „atheistisch“. Dabei ist aber „religiös“ noch lange nicht mit „christlich“ gleichzusetzen, sondern umfasst auch Präferenzen für Esoterik, Buddhismus oder andere Alternativen.

Auch die Kirchen kamen nicht gut weg: Nur 11 % vertrauen der katholischen, 17 % der evangelischen. Damit lagen beide unter insgesamt 17 Institutionen auf den letzten Plätzen.

Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) bemerkte zwar zu Recht, dass nur teilnehmen konnte, wer einen Internetanschluss hat, räumte aber ein: „Im Kern dürften die Ergebnisse dennoch einen allgemein vorhandenen Trend widerspiegeln“.

(Materialdienst der EZW, 6/2003, S. 235)

 

Nur ein Drittel will Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach

„Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, meinte schon der britische Staatsmann Churchill. Daher macht auch die evangelische Kirche ihre Statistiken selbst.

Ihre Zeitschrift Chrismon, als kostenlose Monatsbeilage der Süddeutschen und einigen weiteren Zeitungen beigefügt, gab eine Umfrage über den Religionsunterricht (RU) in Auftrag. Nur 23 % der Befragten wünschten den RU als „Nebenfach wie Kunst oder Chemie“, weitere 10 % sogar als „Hauptfach wie Deutsch oder Mathe“. Zusammen wollten also 33 % den RU als ordentliches Lehrfach, wie er in fast allen Bundesländern Realität ist (zwar mit Abmeldemöglichkeit, was aber nichts ändert, solange eine Ersatzpflicht besteht). 41% der 1006 Befragten plädierten für einen regulären RU, dessen Teilnahme aber freiwillig sein soll - was logischerweise nur heißen kann, dass dann auch keine Ersatzpflicht besteht.

Diese drei Gruppe zählte der evangelische Auftraggeber zusammen und schloss daraus, 74 % befürworteten den RU als Regelfach an Schulen. Tatsächlich sind aber genau zwei Drittel für einen freiwilligen RU - wenn überhaupt. Denn 12 % wollen nur freiwillige Religions-AGs (=Arbeitsgruppen) statt dem herkömmlichen RU, weitere 6 % wollen solche AGs „nur auf ausdrücklichen Wunsch“ der Schüler, und 7 % wollen den RU „ganz von öffentlichen Schulen fernhalten“. (Quelle: Chrismon, 8/03; genauere Angaben bei: www.chrismon.de)

 

Landtagswahl: Mehr Konfessionslose votieren für CSU als für SPD

Das Debakel der SPD machte nicht einmal bei den Konfessionslosen halt. Noch 1994 hatte die SPD mit 43 zu 25 % die Nase vorn, vier Jahre später mit 41 zu 26. Jetzt lag die CSU auch bei der Gruppe der konfessionell nicht Gebundenen - die mit 19 % ebenso groß ist wie der SPD-Stimmenanteil bei der Wahl - erstmals vorn, doch fehlen vorläufig genauere Zahlen. (dpa, 22.9. und Augsburger Allgemeine, 23.9.)

Anm. FGR: Auf den ersten Blick scheint dieses Ergebnis in Widerspruch zur Säkularisierung der Gesellschaft zu stehen. Die Erklärung liegt vor allem in der Wahlenthaltung früherer SPD- oder Grünen-Wähler, die ohne den Versuch, eine 2/3-Mehrheit zu verhindern, noch stärker ausgefallen wäre.

Immerhin drei von sieben Wahlberechtigten waren diesmal mit keiner Partei zufrieden. Bezogen auf alle, die zur Wahl hätten gehen dürfen, sank selbst die CSU um 2,1 auf 34,8 %. Die SPD schrumpfte von 20,0 auf 11,2, nur die Grünen nahmen von 4 auf 4,4 % zu. Vor allem Jüngere, Gebildetere, sozial Engagierte und Konfessionslose - eine Kombination, die übrigens oft zusammentrifft - fühlen sich von keiner Partei mehr vertreten. Gerade die SPD hat ja auch alles getan, um Konfessionsfreie abzuschrecken, wenngleich sich der rot-grüne Sozialabbau in Berlin sicher noch fataler auswirkte.

Eine gute Nachricht ist daher der beabsichtigte Rücktritt des SPD-Landesvorsitzenden. Ein katholischer Religionslehrer, der seine Abneigung gegen den bfg nie verhohlen hat, wird bei Religiösen kaum Stimmen holen (die wählen nämlich trotzdem CSU), die anderen aber verprellen. Da ist die CSU schon cleverer: Sie beschwört zwar generell die „christlichen Grundwerte“, geht aber spürbar auf Distanz zur Amtskirche, wo es ihr opportun erscheint. Und sie kann es sich auch leisten, die finanziellen Privilegien der Kirchen zu stutzen, ohne dass man ihr Antiklerikalismus vorwerfen kann..

Unbegründet ist auch die Befürchtung einzelner bfg-Mitglieder, die CSU könnte mit ihrer 2/3-Mehrheit nun die Möglichektien des bfg beschneiden, indem sie jenen Passus aus der Bayerischen Verfassung streicht, der die rechtliche Gleichstellung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften garantiert. Erstens ist diese Absicherung auch im Grundgesetz enthalten, so dass sich der Status des bfg auch dann nicht prinzipiell ändern würde. Und zweitens wird die CSU, die ja stets ein besseres Gespür für soziologische Veränderungen bewiesen hat als die SPD, kaum so dumm sein, diese auch künftig wachsende Wählergruppe gegen sich aufzubringen. Noch 1995 bei der Schulkreuz-Debatte konnte sie sich das leisten, inzwischen würde ihr das mehr schaden als nutzen, zumal sie im Blick auf den Islam inzwischen selbst für die weltanschaulich neutrale Schule plädiert.

Dennoch ist eine 2/3-Mehrheit im Landtag für die Demokratie schlecht, weil zu ihr eine starke Opposition gehört. Nur ist daran nicht die CSU schuld. Das muss die SPD durch eine glaubwürdigere, sozialere und weltoffenere Politik schon selbst besorgen.

 

bfg begrüßt Beschluss des BVG im Kopftuchstreit

Stärkung der staatlichen Neutralitätspflicht

Das Bundesverfassungsgericht findet mit seinem Beschluss, der Klage einer muslimischen Lehrerin gegen das Kopftuchverbot an staatlichen Schulen zwar stattzugeben, die künftige gesetzliche Klärung aber den Ländern zu überlassen, die Zustimmung des Bundes für Geistesfreiheit.

Das höchste deutsche Gericht stellte in der Begründung nämlich einige Grundsätze klar. Demnach hat das Grundrecht auf Religionsfreiheit Vorrang vor fast allen vorgebrachten Einwänden (z.B. Beamtenpflichten, Symbol der Frauenunterdrückung, Befürchtung einer missionierenden Wirkung). Einzig die Pflicht zur Einhaltung der weltanschaulichen Neutralität im staatlichen Schulwesen ist ein gewichtiges und gleichrangiges Gegenargument. Das BVG machte aber deutlich, dass die Länderparlamente diese Neutralitätspflicht bei allen Religionen gleichermaßen anzuwenden haben. Speziell die bayerische Staatsregierung wird sich dann schwer tun, ein Gesetz zu konstruieren, das einerseits religiöse Symbole an der Schulwand staatlich vorschreibt, andererseits aber am Körper einer in der Schule tätigen Person verbietet. Die Realisierung dieser „Quadratur des Kreises“ den Parlamenten aufzubürden und damit eine öffentliche Diskussion herbeizuführen, war ein geschickter Schachzug des höchsten Gerichts, quasi eine späte Revanche für die CSU-Schelte nach dem Schulkreuzbeschluss 1995.

Gerhard Rampp


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