_TOGGLE

User Login

Hallo Gast

Benutzername
Passwort
(Registrieren)
Die "Deggendorfer Gnad" und ihr antisemitischer Hintergrund



Ausflug des bfg zur Ausstellung „Die Deggendorfer Gnad“

 

Am 22. Juli machten die bfg-Ortsgruppen Augsburg und Regensburg eine gemeinsame Fahrt nach Deggendorf. Ziel war das dortige Stadtmuseum mit einer Ausstellung der „Deggendorfer Gnad“. Diese dokumentiert ein dunkles Kapitel bayerischer Geschichte. Eine gefährliche Mischung aus Rassismus und religiösem Aberglaube führte im 14. Jahrhundert zur Ausrottung der ortsansässigen Juden. Deren konfiszierter Besitz wurde zum Teil zum Bau der Deggendorfer Wallfahrtskirche verwendet. Die Gräuel an den Juden wurde nachträglich mit dem erfundenen Vorwurf der Hostienschändung gerechtfertigt (siehe unten). Diese verleumderische Legende begründete wiederum Deggendorfs Ruf als wunderträchtigen Wallfahrtsort – mit beträchtlichem wirtschaftlichem Erfolg. Dieses könnte man als die übliche Unaufgeklärtheit des Mittelalters abtun, wäre da nicht der Umstand, dass diese Wallfahrten mit ihrem antisemitischen Hintergrund noch bis 1992 betrieben wurden. Durch Schilderungen in Wallfahrtsbüchlein und Theaterspiele wurde die verleumderi-

sche, diskriminierende Geschichte bis in die Gegenwart transportiert. Erst aufgrund einer Dissertation von Manfred Eder über die wahren Begebenheiten wurde der Wallfahrtsbetrieb eingestellt.

  Der bfg trat die Fahrt mit der Eisenbahn an. Bei hochsommerlichen Temperaturen weit über 30 Grad ging die Reise durch die liebliche Landschaft nach Deggendorf. Vor und nach dem Besuch des Stadtmuseums lockten die zahlreichen Restaurants und Cafés rund um den Stadtplatz mit seinen schönen alten Bürgerhäusern, dem Rathaus und eben der Wallfahrtskirche zum Heiligen Grab. Angesichts des herrlichen Wetters und des Ambientes des mittelalterlichen Stadtkerns fällt es dem Besucher schwer zu glauben, dass sich eben auf diesem Platz einst blutige Ausschreitungen zugetragen haben.

Die Geschichte der Deggendorfer Gnad



Im Jahre 1338, ein Tag nach Michaelis (also am 30. September) fielen Bürger der Stadt Deggendorf unter Führung des herzoglichen Richters Conrad des Freibergers über die Juden her, erschlugen sie und zündeten ihre Häuser an. Die Gründe für diese Ausschreitungen waren finanzieller Art. An diesem Tage sollten nämlich die Bürger ihre Schulden zurück bezahlen. Die Juden, denen die Ausübung eines Handwerks sowie die Landwirtschaft verboten war, lebten vom Handel und Geldverleih. Die Bürger verloren jedoch ihre Ernte wegen einer Heuschreckenplage und waren daher kaum in der Lage ihre Kredite zu begleichen. Der Herzog war nicht über den Mord an "seinen" Juden informiert worden. Trotzdem sprach er am 14. Oktober 1338 die Deggendorfer Bürger von aller Schuld frei; alles was sie offen oder heimlich von den Juden geraubt hatten, durften sie behalten; alle Geldschulden bei den Juden wurden ihnen erlassen.

Ermordung der Deggendorfer Juden vor dem Rathaus

Das Rathaus heute

  Dieser Freibrief für eine schändliche Tat löste in ganz Niederbayern Pogrome aus: Schon am 6. Oktober töteten die Straubinger ihre Juden - auch sie gingen straffrei aus. Das Ausmaß des Hasses macht der Untertext eines Bildes des Deggendorfer Judenmordes deutlich: „Die Juden werden von denen Christen aus rechtmäßigem Gott gefälligen Eifer ermordet und ausgereutet. Gott gebe das von diesem Höllengeschmeiß unser Vaterland jederzeit befreyet bleibe.“

Die Deggendorfer hatten nun keine Schulden mehr. So konnten sie darangehen, eine große Kirche innerhalb des Stadtbezirks errichten, die bekannte Kirche zum Heiligen Grab St. Peter und Paul, volkstümlich auch als "Grabkirche" bezeichnet.

  Erst seit dem 15. Jahrhundert wurde der Deggendorfer Judenmord nachträglich mit der Legende gerechtfertigt, man hätte sich nur für eine jüdischen Hostienschändung gerächt. Die versuchten, so die Legende, die Hostien auf verschiedene Art zu zerstören: Sie wurden mit Dorn und Schuhahlen gestochen, in den Backofen geworfen, mit Hammer und Amboss bearbeitet und in den Brunnen geworfen. Doch alle Versuche schlugen angeblich fehl. Zum „Beweis“ und zur Verehrung bewahrten sie die Hostien in einem Kult-Gefäß auf. Allerdings wurden diese immer mal wieder stillschweigend durch neue Exemplare ersetzt.

Die Hostien werden mit Ahlen gestochen

...  werden in den Backofen geschoben

...werden auf dem Amboss geschlagen

  Dieses „Hostienwunder“ erwies sich als ideale Story für ein lukratives, Jahrhunderte andauerndes Wallfahrtsgeschäft. Im Mittelpunkt stand das Gefäß mit den angeblich unzerstörbaren Hostien. In der Grabkirche wurden Holzfiguren aufgestellt, die zeigen, wie die Juden mit Hammer und Amboss versuchen, die „Wunderhostien“ zu zerstören. Die Attraktivität Deggendorfs als Wallfahrtsort wurde noch dadurch gesteigert, dass den Wallfahrern während der alljährlichen „Gnad-Woche“ ein vollkommener Sündenerlass in Aussicht gestellt wurde. Der wirtschaftliche Nutzen dieses Spektakels kann gar nicht überschätzt werden. Es wurde für die Deggendorfer zur Haupteinnahmequelle. Während der Blütezeit kamen durchschnittlich 40.000 Pilger in der Gnad-Woche, 1737 kamen über 140 000 und noch im 19. Jahrhundert übertraf ihre Zahl die Einwohnerzahl um ein Vielfaches. Die Einträglichkeit dieses Geschäftes belegt das so genannte Bierbüchl des Deggendorfer Brauers Franz Michael Wurzer, das sich im Stadtarchiv befindet. Das Buch hält von 1759 bis 1829 lückenlos alle Einnahmen fest, die der Brauer Wurzer und seine Nachfahren während der „Gnad“ erzielten.

  Bis sage und schreibe 1992 wurden diese Wallfahrten mit dem antisemitischen Hintergrund betrieben. Erst die Dissertation von Manfred Eder wies die Haltlosigkeit jüdischer Hostienschändung nach legte das Verbrechen an den Deggendorfer Juden dar. Das war der Anlass, die Wallfahrten endlich einzustellen.



(1068 mal gelesen) Druckversion
[ zurück zu Aktuelles ]