Interview mit Dr.
Konrad Riggenmann, Lehrer an einer bayerischen Hauptschule, der nicht länger
unter dem Schulkreuz arbeiten muss
Diesseits: „Du hast vor sechs Jahren gegen den Freistaat Bayern geklagt, damit das Kreuz aus deinem Klassenzimmer entfernt wird. Was hast du eigentlich gegen das Schulkreuz?“
Riggenmann: „Es geht mir erstens um mein Grundrecht auf Freiheit der Weltanschauung und somit grundsätzlich auch um ein Grundrecht aller Lehrkräfte in Bayern. Dann geht es zweitens um Pädagogik: Das Schulkreuz ist schädlich für die Entwicklung des Kindes. Und drittens geht es um ein Gesetz, das Kruzifixe in alle Klassen hineinbefiehlt.“
Diesseits: „Das Bayerische Verwaltungsgericht hat entschieden: das Kreuz in deiner Klasse muss weg. Doch handle es sich nicht um eine Grundsatzentscheidung, sondern nur um eine Entscheidung zu einem atypischen Einzelfall.“
Riggenmann: „Jedes Urteil ist zuerst einmal ein Einzelfallurteil. Doch wird diese Einzelfallentscheidung ihre Auswirkung haben auf die künftige Rechtsprechung. Jeder Lehrer kann sich jetzt auf dieses Urteil berufen.“
Diesseits: „Wenn Gewissensgründe und dahinter die Menschenrechte schwerwiegender sind als beamtenrechtliche Vorschriften, könnte es da nicht passieren, dass die Behörde in ähnlichen Fällen das Gewissen prüfen möchte und vielleicht sogar Ausschüsse einsetzen wird, ähnlich wie die früheren Gewissensprüfungsausschüsse für Kriegsdienstverweigerer?“
Riggenmann: „Das ist die Gefahr. Was hier in München stattgefunden hat, war eine Gewissensprüfung.“
Diesseits: „Jetzt bist du ja wieder im Schuldienst tätig, nachdem du zeitweise ausgesetzt hattest. Hatte dies mit dem Prozess zu tun?“
Riggenmann: „Selbstverständlich. Ich hätte mich nie beurlauben lassen, wenn ich nicht gezwungen worden wäre, unter diesem Kreuz zu unterrichten. Zum Zeitpunkt meiner Beurlaubung waren bereits drei Jahre vergangen, in denen ich gegen meinen Willen weiterhin unter dem Kreuz arbeiten musste. Dann ließ ich mich ohne Bezüge beurlauben und lebte drei Jahre von meinen Ersparnissen. Meine Hoffnung war, dass ich noch im Oktober des ersten Urlaubsjahres einen Verhandlungstermin bekommen würde. Doch im zweiten Jahr der Beurlaubung kam das Gericht zum Schluss, ich sei überhaupt nicht mehr `rechtsschutzbedürftig´, solange ich beurlaubt bin. Das war natürlich ein Hammer. Denn alle Ersparnisse gehen einmal zuende. So riet mir die Rechtsanwältin, wieder in den Schuldienst zu gehen, um einen Verhandlungstermin zu bekommen...“
Diesseits: „Habe ich dich richtig verstanden? Der Prozess wurde nur deshalb wieder aufgenommen, weil du zurück in den Schuldienst gegangen bist?“
Riggenmann: „Genau. Die hätten das einfach im Sand verlaufen lassen. Das Schönste kam noch: Das Gericht sagte im Jahr 2000, wenn ich bei der Wiedereinstellung in eine neue Schule käme, müsse ich das ganze Verfahren wieder von vorne beginnen, weil sich der Fall nun auf eine andere Schule bezöge. Das Kultusministerium hat diesen Ball sehr dankbar aufgenommen und über Anweisung an das Schulamt bewirkt, dass zunächst geplant wurde, mich aus Pfaffenhofen wegzuversetzen.“
Diesseits: „Im Verlauf des Prozesses gab es auch persönliche Attacken. Möchtest du darüber etwas sagen?“
Riggenmann: „So viele persönliche Angriffe waren es eigentlich gar nicht. Hier in der Umgebung war es eigentlich recht ruhig. Wenn überhaupt, dann kamen die Angriffe von außerhalb, sowohl aus der bigotten als auch aus der grundsätzlich rechtsgerichteten Ecke.“
Diesseits: „In deiner Schule wurden zwischenzeitlich sogenannte `Softkreuze´ aufgehängt. Das sind kreisrunde Scheiben, im Zentrum ein etwas überdimensioniertes Kreuz, welches die Scheibe in vier Viertel teilt, ohne Leiche, aber mit einem Schmetterling in der Mitte, der nicht angenagelt, sondern lediglich angeklebt ist. Was hältst du denn davon?“
Riggenmann: „Ich habe dazu auch in der Verhandlung Stellung genommen und gesagt, das überschreite eigentlich schon die Grenzen zur Blasphemie, denn beispielsweise wurde einmal ein Aktionskünstler wegen Gotteslästerung verklagt, weil er ein Schwein am Kruzifix abgebildet hatte. Dabei ist das Schwein ein vergleichsweise hochintelligentes Tier, das evolutionär wesentlich über dem Schmetterling steht. Ich empfand es als Verhöhnung, dass man mir, dem Weichling, der die im Kruzifix mit Corpus ausgedrückte Gewalt nicht erträgt, ein scheinbar moderateres und weicheres Kreuz hineinhängt, wie es der Rektor gesagt hat.“
Diesseits: „Wird da nicht das Kreuz zeitgeistig instrumentalisiert? Vielleicht wäre uns ja viel erspart geblieben, hätten die Christen über 2000 Jahre hinweg einen sanften Schmetterling und nicht einen gefolterten Leichnam glorifiziert...“
Riggenmann: „Das Ganze zeigt, wie schwer die Christen sich mit ihrem eigenen `Firmenzeichen´ tun. Man fühlt sich unwohl mit der Gewaltdarstellung. Doch die Kirche ist fixiert an das Kruzifix. Sie kann es nicht entfernen aus ihrer Geschichte. Die christliche Ideologie dreht sich nun mal um den Kreuzestod Jesu, um diese Erlösung durch Hinrichtung.“
Diesseits: „Dennoch macht es offenbar keine Probleme, einen gefolterten Menschen durch einen schmucken Schmetterling zu ersetzen...“
Riggenmann: „Es kommt eben immer darauf an, wie man es sehen soll. Wenn die richtigen Leute sagen, dass es richtig ist, das Kreuz so zu sehen, dann muss man das eben so sehen.“
Diesseits: „Wie soll es weitergehen? Was planst du?“
Riggenmann: „Ich plane jetzt erst einmal, mein Buch herauszubringen. Das Buch heißt „Kruzifix und Holocaust. Über die erfolgreichste Gewaltdarstellung der Weltgeschichte“. Es wird Ende Februar 2002 im Espresso Verlag Berlin erscheinen. In diesem Buch stelle ich den Zusammenhang zwischen Kreuzestodsideologie und Auschwitz dar. Meine Verlegerin meint, dieses Buch wird einen Sturm der Entrüstung hervorrufen. Ich hoffe das.“
Die Fragen stellte Dr. Wolfgang Proske.