Verleihung des 2. Ludwig-Feuerbach-Preises des
Bundes für Geistesfreiheit Augsburg
am 29. 10. 2004 im Augsburger Zeughaus an
Prof. Dr. Franz Buggle
Begrüßungsansprache
von Dr. Gerhard Czermak
Sehr geehrter Herr Prof. Buggle, sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde im Namen des Bundes für
Geistesfreiheit Augsburg, K. d. ö. R., heiße ich Sie herzlich zur
Verleihung des 2. Ludwig-Feuerbach-Preises willkommen. Der erste Preisträger
dieses vom bfg Augsburg alle 2-3 Jahre verliehenen Preises war im Jahr
2001 Karlheinz Deschner. Er erhielt die Auszeichnung für seine
Erforschung und Beschreibung der Kirchengeschichte aus nichtkirchlicher
Sicht. Ich freue mich, heute auch auswärtige Gäste begrüßen zu können,
an ihrer Spitze Herrn Adi Meister, 1. Vors. des bfg Bayern. Weiter begrüße
ich die Vertreter verschiedener Ortsgemeinschaften des Bundes für
Geistesfreiheit, nämlich von München, [Regensburg], Fürth, Neuburg a.
d. Donau und Schweinfurt. Die seit heuer bestehende
Giordano-Bruno-Stiftung, die mit erheblicher wissenschaftlicher Unterstützung
einen evolutionären Humanismus fördert, hat eine Grußadresse gesandt.
Der Vorsitzende der Nürnberger Ludwig-Feuerbach-Gesellschaft hat mich
gebeten, Grüße und Glückwünsche zu überbringen. Beide Institutionen
haben übrigens interessante Webseiten. Es freut uns, dass wir Dr. Kurt
Schobert, den Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Humanes
Sterben, als Laudator gewinnen konnten. Mit der DGHS verbindet uns der
Gedanke der Selbstbestimmung des Menschen, der auch in der heutigen
Bundesrepublik leider noch keineswegs selbstverständlich ist. Ich danke
nicht nur unseren Freunden und Sympathisanten, sondern auch etwaigen
solchen Interessenten für ihr Kommen, die dem bfg kritisch gegenüberstehen.
Dabei setze ich freilich voraus, dass sie nichtreligiöse Menschen nicht
als Feinde, sondern als Andersdenkende betrachten, denen grundsätzlich
mit menschlichem Respekt und gedanklicher Offenheit zu begegnen ist:
auch das leider keine Selbstverständlichkeit. Dabei bezeichnen sich in
Deutschland nach allen seriösen Umfragen mehr Menschen als nichtreligiös
denn als religiös. Der Presse danke ich, dass sie heute – im
Gegensatz zur eingeladenen Stadt Augsburg – diesem Umstand Rechnung trägt,
denn auch in Augsburg gehört eine sehr große Minderheit keiner
Religionsgemeinschaft an. Wenn ich jemand vergessen habe, sehen Sie es
mir bitte nach. Allen nochmals ein herzliches Willkommen! Ludwig Feuerbach, dem zu Ehren
dieser Preis verliehen wird, wurde in diesem Jahr selber des öfteren
geehrt. Seines 200. Geburtstages im Jahr 1804 in Landshut wurde in
Festakten gedacht, sogar durch die Stadt Nürnberg. Ehrungen erfolgten
auch an zum Teil neu errichteten Denkmälern, vor allem in Nürnberg,
Erlangen und Ansbach. Es wurden wissenschaftliche Symposien veranstaltet
und die Universitätsbibliothek München zeigte eine
Feuerbach-Ausstellung. Die Bundespost brachte eine Sondermarke heraus
und sogar der Bayerische Rundfunk sendete einen Essay. Die breite Öffentlichkeit
außerhalb Frankens wurde freilich kaum informiert, und das offizielle
Bayern verhielt sich still. Selbst in den Ethiklehrplänen findet sich
– im Gegensatz zu christlichen Gelehrten –kaum ein Hinweis auf
diesen weltbekannten religionskritischen Philosophen. Ludwig Feuerbach, Spross einer
berühmten Familie, war wahrscheinlich der bedeutendste, sicher aber der
wirkmächtigste Philosoph aus Bayern. Schon 1676 hat einer der
Feuerbachs eine Dissertation über den Hexenwahn geschrieben: eine aufklärerische
Tat. Der auch heute in Bayern hoch angesehene Paul Johann Anselm Ritter
von Feuerbach, der Vater Ludwigs, gilt als Begründer einer modernen
Strafrechtstheorie und kritisierte den Naturrechtsgedanken. Ein sehr
kritischer Kopf also, der seiner Zeit weit voraus war, sich aber im
damals fortschrittlichen Bayern voll integrierte. Seine fünf Söhne
erbten des Vaters Geist. Ludwig, der ursprünglich evangelischer
Geistlicher werden wollte, wandte sich mit dem Wechsel des Studienorts
von Heidelberg nach Berlin von der Theologie ab und mit Hegel der
Philosophie zu. Er bezeichnete die Theologie als „verwelkte schöne
Blume, eine abgestreifte Puppenhülle“. „Nicht glauben, sondern
denken!“ wurde seine Parole. Nach Abschluss seiner Promotion 1828 mit
dem Titel „Über die eine universelle Vernunft“ wurde er 1929, mit
24 Jahren, Privatdozent in Erlangen. Dort lehrte er bis 1831 über
Philosophie, darunter Metaphysik. Da wurde seine akademische Laufbahn
abrupt gestoppt. Seine pantheistische Schrift „Gedanken über Tod und
Unsterblichkeit“ erschien 1830 in Nürnberg zwar anonym, die
Verfasserschaft Feuerbachs wurde aber bald bekannt. Ähnlich wie Kant und Hegel
verneinte er die theologische oder philosophische Begründbarkeit des
Jenseits- und Auferstehungsglaubens, ging aber weiter. Er nannte sie
"Wunschdenken". Der christliche Gottesglaube knechte die menschliche
Natur zugunsten eines fiktiven Jenseits. Kirche und Staat konnten solche
Rede eines – wenn auch schon damals renommierten – Philosophen nicht
ertragen. In Bayern wurde die Schrift sofort verboten, die Bewerbung
des Verfassers um eine Professur an der Erlanger Universität dreimal
kommentarlos abgelehnt. Theologiestudenten war der Besuch von Feuerbachs
Vorlesungen verboten. Nach weiteren Jahren kritischer Dozententätigkeit
zog Feuerbach sich auch aus Überzeugung nach Bruckberg bei Ansbach als
Privatgelehrter zurück: Eine Universität, wo, schrieb er einmal „außer
dem Kartoffelbau der Brotwissenschaften nur die fromme Schafszucht im
Flor ist“, sei kein Ort für ihn. 1841 erschien Feuerbachs Hauptwerk
„Wesen des Christentums“, das ihm bleibenden Nachruhm bescherte.
Theologen wie der Jesuit Karl-Heinz Weger begreifen Feuerbach als große
Herausforderung. „Die entscheidenden Kategorien moderner
Religionskritik“, schreibt er, „sind von Feuerbach geprägt“. Ich
will versuchen, in aller Kürze wesentliche Gedanken Feuerbachs hierzu
vorzutragen. Feuerbach
ersetzt bekanntlich die Theologie durch Anthropologie. „Der Mensch
schuf Gott nach seinem Bilde“ ist einer seiner bekanntesten Sätze.
„Der Wunsch ist die Urerscheinung der Götter“, sagt er an anderer
Stelle. Gott sei nichts anderes als das menschliche Wesen, gereinigt von
dem, was Menschen als Schranke oder Übel erscheint. Er schreibt: „Wie
der Mensch denkt, wie er gesinnt ist, so ist sein Gott.“ Der
Gottesbegriff ist eine Projektion des Menschen, so dass Religion zur
Entzweiung des Menschen mit sich selbst führt. Die These „Gott“
erklärt nach F. nichts, behindert aber Wissenschaft und Aufklärung und
führt zu Intoleranz. Die Gott zugeschriebenen Eigenschaften Liebe,
Gerechtigkeit und Weisheit gehen keineswegs mit dem Wegfall der
Projektion Gott verloren. Zwar wird jetzt der Mensch zum Maß aller
Dinge, aber aus Gottesfreunden sollen Menschenfreunde, aus Betern
Arbeiter, aus Kandidaten des Jenseits Studenten des Diesseits, aus
Christen ganze Menschen werden. Moral trägt dabei ihre Begründung in
sich selbst und ist nicht theologisch begründbar. Wörtlich: „Wo die
Moral auf die Theologie, das Recht auf göttliche Einsetzung gegründet
wird, da kann man die unmoralischsten, unrechtlichsten, schändlichsten
Dinge rechtfertigen und begründen.“ Für Feuerbach ist der Mensch
aber nicht primär denkendes, sondern sinnliches Wesen mit Leiblichkeit,
Herz und Gemüt. F. erstrebt die Einheit von Kopf und Herz, Ich und Du
und räumt, obwohl ein glasklarer Denker, der Liebe den Vorrang vor dem
Denken ein. Hinter
vielen Zeichen selbstloser christlicher Hingabe sieht Feuerbach
Egoismus. Für ihn sind die Allerweltschristen die wahren Atheisten,
diejenigen, die so leben, als ob Gott nicht existierte und für die der
Segen Gottes nur ein blauer Dunst ist, in den der gläubige Unglaube
seinen praktischen Unglauben hüllt. Kierkegaard hat es auch so gesehen.
Demgegenüber haben Theologen Feuerbach oft als einen frommen Atheisten
zu vereinnahmen versucht. Aber Feuerbach hat dem Unglauben eine rational
unangreifbare anthropologische Grundlage gegeben. Sein Einfluss auf die
Geisteswelt des 19. Jh., auch die des Auslands, war enorm. Der
konsequente Atheismus des Demokraten und Humanisten Feuerbach stellt, so
Hans Küng, eine bleibende Herausforderung an jeden Gottesglauben dar. Zusammenfassend kann man die
Position Feuerbachs vielleicht so formulieren: Man darf das Denken nicht
vom sinnlich Gegebenen abschneiden, denn das spekulative Denken ist
unfruchtbar. Der isolierte Begriff des Seins ist ein „pures
Gespenst“. Zur sinnlich erfahrbaren Welt gehören das Ich und das Du
als Basis für Ethik. Theologische Gedankengebäude sind nur gedankliche
Vorstellungen, aber nicht die Sache selbst. Die feuerbach’sche
Verneinung des Jenseits mündet in die Forderung, unser Leben durch
Menschenliebe und kulturelle Arbeit zu verbessern. Auf dem
Feuerbachdenkmal am Rechenberg in Nürnberg steht daher zu Recht das
Diktum Feuerbachs: „Tue das Gute um des Menschen willen.“ Darin
zeigt sich, dass das zerstörerische Element zwar notwendiger Kern jeder
Religionskritik, aber nicht Selbstzweck ist, sondern Basis für eine –
wie auch immer zu verstehende – Humanität. Und gerade so ist es auch
mit der fundamentalen Kritik am biblischen Glauben, die Prof. Buggle,
neuer Preisträger des Ludwig-Feuerbach-Preises, nach intensiven
Forschungen vorgetragen hat. Ich
danke für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche uns allen einen
interessanten Abend. Unmittelbar im Anschluss wird der 1. Vors. des bfg Augsburg, Herr Gerhard Rampp, Gedanken zum Thema „Ludwig Feuerbach und Augsburg“ entwickeln. Folgen wird eine klassische Zwischenmusik, vorgetragen von Dominik Zimmermann, bei dem ich mich schon jetzt herzlich für die musikalische Bereicherung der Veranstaltung bedanke. Die Laudatio hält, wie erwähnt, Dr. Schobert, und die Preisverleihung wird Herr Dietmar Michalke, 2. Vors. des bfg Bayern, vornehmen. Danach dürfen wir uns auf die Ansprache von Prof. Buggle freuen. Ich hoffe, dass viele von Ihnen zum anschließenden kleinen Stehempfang bei uns bleiben. |