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Stellungnahme
zum Entwurf des Rahmenlehrplanes für das Unterrichtsfach Ethik in Berlin
vom 15.10.2005 (Sekundarstufe I)
Der bfg Bayern hält das
geplante Unterrichtfach Ethik in Berlin für eine gelungene Konstruktion.
Da es für Angehörige aller Weltanschauungsgemeinschaften gleichermaßen
verpflichtend ist, bietet dieses Fach erstmals einen wirklich integrativen
Unterricht der Erziehung zu demokratischen Werten. Damit hat dieser Ansatz
Vorbildfunktion für andere Bundesländer, deren Ethikunterrichte unter
dem an Verbandsinteressen orientierten Aspekt der
Kompensationsverpflichtung für „Religionsflüchtlinge“ geschaffen
wurden.
Eigentlich genügt das vorliegende Berliner Konzept bereits dem
integrativen Anspruch. Es werden schwerpunktmäßig Methoden aus der
Philosophie vermittelt, mit denen ethische Fragestellungen auf rationale,
nachvollziehbare Weise untersucht und beantwortet werden. Dabei dienen
Grund- und Menschenrechte als unverzichtbare Basis.
Allerdings haben wir es in
Berlin mit einer ungewöhnlich heterogenen Weltanschauungslandschaft zu
tun. 60% der Berliner Bürger sind zwar konfessionsfrei (Statistisches
Landesamts 2005). Aber die restlichen 40% verteilen sich auf über 350
verschiedene Religionsgemeinschaften (Religion in Berlin – Ein Handbuch,
Grübel, Rademacher). Darunter sind eben auch solche, die ihre Normen und
anderen Aussagen als geoffenbarte, absolute Wahrheiten empfinden. Diese
gelten als durch den Menschen nicht hinterfragbar und stehen nicht selten
im Gegensatz zu Lebens- und Rechtsauffassungen der übrigen Gesellschaft.
Abweichungen von diesen geoffenbarten Normen werden von ihren Anhängern
nicht geduldet und härteste Strafen als gerechtfertigt angesehen. Im
Mittelalter waren das Ketzerverbrennungen. Heute kommen immerhin noch
Ehrenmorde vor. Da eine argumentative Aufarbeitung ausgeschlossen wird,
bilden sich Bruchkanten in der Gesellschaft, die entlang kultureller und
religiöser Grenzen verlaufen. Diese Problematik kann der geplante
Ethikunterricht in Berlin nicht ausklammern, will man es nicht zulassen,
dass sich diese Konflikte auf der Straße oder hinter verschlossenen Türen
von Parallelgesellschaften entladen.
Eine Beschränkung auf die
Philosophie unter weitgehender Ausklammerung der Religionen ist daher
nicht ratsam. Wer an geoffenbarte Werte glaubt, wird sich nicht von der
Stringenz der ethischen Lehren von Aristoteles, Mill und Bentham,
d’Holbach oder Hume beeinflussen lassen.
Wie kann also der
Ethikunterricht in Berlin integrativ gestaltet werden?
Vor einer ähnlichen Frage
stand Mahatma Gandhi, als er das Indische Volk trotz unterschiedlicher,
rivalisierender Religionen einen wollte. Er wählte „die Liebe zur
Wahrheit“ als verbindendes Prinzip, mit dem er ein Stück weit Konsens
herstellen konnte. Darin liegt auch für Berlin ein möglicher Weg. Die
meisten Anhänger von Religionen werden einräumen, dass zumindest Teile
ihrer „heiligen Schriften“ von Menschen verfasst oder zumindest
ausformuliert wurden. Mit den in den Religionswissenschaften, aber auch
geschichtlichem Quellenstudium bekannten Methoden der Textanalyse können
nun die Aussagen heraus gearbeitet werden, die durch historische Umstände,
noch unvollständiges menschliches Wissen, psychische Eigenschaften oder
durch gesellschaftliche und herrschaftliche Interessen heraus entstanden
sind und daher eindeutig weltlicher Natur sind. Diese Textteile kann man
nun angesichts ihrer menschlichen Herkunft -
mit Liebe zur Wahrheit - entdogmatisieren und einer an modernen
demokratischen und menschenrechtlichen Maßstäben orientierten Bewertung
unterziehen. Dabei muss man nicht alle 350 in Berlin vertretenen
Religionen behandeln. Es reicht, symptomatische Eigenschaften heraus zu
arbeiten und typische Wesensmerkmale von Religionen aufzuzeigen. Diese
sind:
- Anthropomorphismus
und menschliche Projektion
In den Religionen werden gemäß der Kulturstufe ihrer Entstehungszeit
ungeklärte Phänomäne auf das Wirken personaler Überwesen zurückgeführt.
Diese stellen häufig das Idealbild des Menschen selbst dar. Das fiel
nicht erst Feuerbach und Freud, sondern auch schon Xenophanes vor 2500
Jahren auf (Die Afrikaner
behaupten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker
meinen, sie seien blauäugig und blond.).
- Entstehungsgeschichte
von Religionen
Religionen sind nicht etwa, wie wenn sie offenbart wären, aus dem
Nichts entstanden. Wer verschiedene Religionen aus dem gleichen oder
benachbarten Kulturgebieten vergleicht, der stellt fest, dass viele
Motive, Geschichten, Gleichnisse und Bilder aus älteren Religionen
einfach übernommen wurden. Bekanntestes Beispiel ist die christliche
Weihnachtsgeschichte, die fast wörtlich der Mithras-Religion entlehnt
wurde. Zahlreiche weitere Beispiele findet man in den Schriften von
Karlheinz Deschner.
- Gesellschaftliche
Rolle der Religionen
Oft wurden Religionen so erdacht, dass sie bestimmten
gesellschaftlichen Interessen dienen. So ergaben z.B. archäologische
Untersuchungen von Israel Finkelstein und Neil Silberman, dass die jüdische
Tora und der damit eingeführte Monotheismus eine Abgrenzung zu mächtigen
Nachbarvölkern und eine Stärkung der nationalen Identität bewirken
sollte. Zahlreiche Potentaten wie Pharaonen, Alexander der Große und
Römische Herrscher gaben sich als Abkömmlinge von Göttern aus, um
ihren Machtanspruch abzusichern. Ein ähnliches Prinzip ist das
Gottesgnadentum der Kaiser in unserem Kulturraum. Andererseits wurden
Repressionen religiös gerechtfertigt, etwa Sklaverei, die Unterdrückung
der Frau aber auch fremder Völker – insbesondere andersgläubiger.
Die Selbstaufopferung im Diesseits mit entsprechender Belohnung im
Jenseits ist ein immer wiederkehrendes Konstrukt, das schon Bertrand
Russell als kriegstreibend kritisierte.
- Widersprüche
zu Logik, Naturgesetzen und wissenschaftlichen Erkenntnissen
Nahezu alle Religionen sind recht alt und auf einer Kulturstufe
geschrieben worden, als die Menschen vergleichsweise wenig über die
Natur wussten. So stimmen gerade in Schöpfungsgeschichten Zeitpunkt,
Zeitrahmen und Abläufe nicht. Aber auch inkonsistente Schilderungen
gleicher Ereignisse oder sich einander ausschließende moralische
Normen zeigen die Autorenschaft verschiedener Menschen auf und
widerlegen den Charakter einer göttlichen Offenbarung.
Das Separieren solcher offenkundig
menschlichen Texte und deren Entdogmatisierung geben den Weg frei für ein
Klima, in dem interkulturelle Dialoge möglich sind.
Natürlich darf sich der Ethikunterricht nicht auf Religionen beschränken.
Angesichts von 60% konfessionsfreien Berlinern ist eine gebührende
Darstellung atheistischen und weltlich-humanistischen Gedankengutes
geboten, das ja nicht ein höheres Wesen sondern das Wohl der Menschen in
den Mittelpunkt stellt. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit gehören dazu
folgende Epochen und Denker (ausführlich sh. www.schulfach-ethik.de):
- Vorsokratiker,
die antike Aufklärung
Der bereits genannte Xenophanes sowie Demokrit sind früheste Denker
einer materialistischen Sicht der Natur. Epikur zeigte mit dem
Theodizee-Problem den logischen Widerspruch in bestimmten
Gottesvorstellungen auf und entwarf eine Ethik, die dem Menschen
Lebensfreude geben und Angst nehmen sollte. Lukrez knüpfte an diese
Denker an und schuf mit de rerum
natura ein naturphilosophisches Gesamtwerk mit erstaunlich
rationalen Analysen mythischer Vorstellungen.
- Französischer
Materialismus und Aufklärung
Ganz besonders zu nennen wäre Paul Thiry d’Holbach, der statt einer
geoffenbarten eine empirisch überprüfbare Ethik forderte, die sich
an der gesellschaftlichen Nützlichkeit orientiert. Die Erziehung zu
Staatsbürgern war sein besonderes Anliegen. Seine Beschreibung der
Natur ist bereits konsequent materialistisch. Ferner gehören Diderot,
Claude Adrien Helvétius und La Mettrie unbedingt dazu. Aus dem
englischen Sprachraum wäre David Hume zu nennen. Wegen seiner
Arbeiten über Ethik darf natürlich Kant nicht fehlen. In dieser
Epoche entstanden auch die Kerngedanken der modernen Demokratie und
der Menschenrechte.
- Weltlicher
Humanismus und Naturalismus der Neuzeit
Zu den bedeutendsten atheistischen Denkern dieser Zeit gehört Ludwig
Feuerbach, der Gott als die Projektion des menschlichen Verstandes,
Willens und Herzens interpretiert. Diesen Gedanken entwickelte Sigmund
Freud mit seinem Psychoanalytischen Atheismus weiter.
Mit den Arbeiten Charles Darwins entwickelte sich eine biologische
Erklärung der Entstehung des Menschen und des Lebens überhaupt.
Weitere wesentliche Impulse kamen von Ernst Haeckel und Alexander
Oparin. Heute ist wohl der bekannteste Verfechter der biologischen
Evolution Richard Dawkins, von dem eine Reihe allgemein verständlicher
Bücher verfasst wurden, die sich für die Sekundarstufe I eignen.
Die Physik lieferte mit der inzwischen minutiös verifizierten
Urknall-Theorie eine wissenschaftliche Erklärung der Entstehung des
Universums. Unter den zahlreichen Autoren und Forschern ist besonders
der Nobelpreisträger Steven Weinberg hervor zu heben.
Auf dem Gebiet der Religions- und Kirchengeschichte entstanden
spektakuläre Arbeiten von Otto von Corvin und in unserer Zeit vor
allem von Karlheinz Deschner.
- Außereuropäische
Strömungen
Als atheistische Richtungen außerhalb Europas könnten etwa die
indische Câravâcas- und Sâmkhya-Philosophie behandelt werden.
All dieses geschilderte Gedankengut kann gut
auf Alltagssituationen und -probleme übertragen werden. Mit der
naturwissenschaftlichen Entstehungsgeschichte unserer Welt kann man an
bereits vorhandene Kenntnisse Jugendlicher anknüpfen und diese vervollständigen.
Nachprüfbares Wissen verbunden mit Humanität ist ein wirksames Mittel,
religiöse und kulturelle Abgrenzungen zu überwinden. Wo jedoch
Desintegration ihre Ursachen in sozialen Problemen hat, kann ein
Ethikunterricht nur bedingt Abhilfe schaffen. Das ist in erster Linie eine
politische Aufgabe.
für den Bund für Geistesfreiheit Bayern
gez. Dietmar Michalke
stellv. Vorsitzender
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