Galilei: Lettera a Cristina di Lorena / Brief an Christine von Lothringen (1615)
Die erste Unabhängigkeitserklärung der Wissenschaft
Italienisch-deutsch
Übersetzt von Thomas Steinhauser
Herausgegeben und kommentiert von Michael Titzmann und Thomas Steinhauser
Passau: Karl Stutz Verlag April 2008

Kontext:
1543: Des Copernicus De revolutionibus orbium coelestium erscheint und hat trotz seines Widerspruchs zur Bibel kaum Folgen, bis Anfang des 17. Jhdt.´s Kepler und Galilei, wie auch andere Zeitgenossen das neue Weltmodell offensiv vertreten.

1615: Die Inquisition eröffnet in Rom ein Verfahren gegen Copernicus und Galilei. In dieser Krise verfasst Galilei die Lettera.

1616: Das kopernikanische Weltmodell wird als theologisch und physikalisch falsch verurteilt: Galilei wird verboten, es auf irgend eine Weise zu vertreten.

1633: Galilei wird verurteilt, weil er das Verbot übertreten hat, und muß seinen „Irrtümern“ „abschwören“.

Text:
Galileis Traktat vertritt mit bewundernswürdiger Unerschrockenheit – erst 1600 hat man Giordano Bruno verbrannt – die Emanzipation der neuen - von Galilei wesentlich mit initiierten – Naturwissenschaft gegen theologische und philosophische Autoritätsansprüche. Ihm zufolge können theologische Bibelinterpretationen niemals wissenschaftliche Hypothesen widerlegen, wohl aber durch solche widerlegt werden. In dieser Unabhängigkeitserklärung der Wissenschaften verteidigt er die Freiheit des Denkens und der Wissenschaft gegen die Theologie.

Aktualität:
Hier, wo sich ein fundamentaler Einschnitt in der europäischen Denkgeschichte, die Entstehung neuzeitlicher Wissenschaft, anbahnt, beginnt auch der Konflikt von Theologie und Wissenschaft; in seinem Gefolge wird die europäische Aufklärung des 18. Jhdt.´s neben anderen Menschenrechten auch das der Denkfreiheit gegen die Kirchen durchsetzen. Trotz gelegentlicher Leugnungen ist dieser Konflikt auch heute noch nicht ausgestanden: Die Evolutionstheorie ist noch immer, nicht nur bei amerikanischen und islamischen Fundamentalisten („Kreationismus“, „intelligent design“), ein unbewältigtes Problem; die Neurobiologie hält weitere Probleme bereit; auch die derzeitige naturwissenschaftliche Kosmologie kollidiert zweifellos mit biblischen usw. Vorstellungen.

Übersetzung:
Galileis Lettera liegt hier erstmals in einer vollständigen deutschen Übersetzung vor, die Th. Steinhauser vorgenommen und mit einem umfänglichen erläuternden Anmerkungsapparat versehen hat.

Kommentar:
Th. Steinhauser stellt die Umstände und Bedingungen dar, unter denen Galileis Lettera entstanden ist. M. Titzmann interpretiert diese im denk- und mentalitätsgeschichtlichen Kontext von Christentum, antiker Naturphilosophie, Renaissance, Genese der neuen Naturwissenschaft, mit einem Ausblick auf die gegenwärtigen Konflikte von Thjeologie und Wissenschaft.

Herausgeber:
Th. Steinhauser ist wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität Regensburg, M. Titzmann ist Professor an der Universität Passau.