Ausflug des bfg zur Ausstellung „Die Deggendorfer Gnad“
Die Geschichte der Deggendorfer Gnad
Dieser
Freibrief für eine schändliche Tat löste in ganz Niederbayern Pogrome
aus: Schon am 6. Oktober töteten die Straubinger ihre Juden - auch sie
gingen straffrei aus. Das Ausmaß des Hasses macht der Untertext eines
Bildes des Deggendorfer Judenmordes deutlich: „Die Juden werden von
denen Christen aus rechtmäßigem Gott gefälligen Eifer ermordet und
ausgereutet. Gott gebe das von diesem Höllengeschmeiß unser Vaterland
jederzeit befreyet bleibe.“ Die Deggendorfer hatten nun keine Schulden mehr. So
konnten sie darangehen, eine große Kirche innerhalb des Stadtbezirks
errichten, die bekannte Kirche zum Heiligen Grab St. Peter und Paul,
volkstümlich auch als "Grabkirche" bezeichnet. Erst
seit dem 15. Jahrhundert wurde der Deggendorfer Judenmord nachträglich
mit der Legende gerechtfertigt, man hätte sich nur für eine jüdischen
Hostienschändung gerächt. Die versuchten, so die Legende, die Hostien
auf verschiedene Art zu zerstören: Sie wurden mit Dorn und Schuhahlen
gestochen, in den Backofen geworfen, mit Hammer und Amboss bearbeitet
und in den Brunnen geworfen. Doch alle Versuche schlugen angeblich fehl.
Zum „Beweis“ und zur Verehrung bewahrten sie die Hostien in einem Kult-Gefäß
auf. Allerdings wurden diese immer mal wieder stillschweigend durch neue
Exemplare ersetzt.
Dieses
„Hostienwunder“ erwies sich als ideale Story für ein lukratives,
Jahrhunderte andauerndes Wallfahrtsgeschäft. Im Mittelpunkt stand das
Gefäß mit den angeblich unzerstörbaren Hostien. In der Grabkirche
wurden Holzfiguren aufgestellt, die zeigen, wie die Juden mit Hammer und
Amboss versuchen, die „Wunderhostien“ zu zerstören. Die Attraktivität
Deggendorfs als Wallfahrtsort wurde noch dadurch gesteigert, dass den
Wallfahrern während der alljährlichen „Gnad-Woche“ ein
vollkommener Sündenerlass in Aussicht gestellt wurde. Der
wirtschaftliche Nutzen dieses Spektakels kann gar nicht überschätzt
werden. Es wurde für die Deggendorfer zur Haupteinnahmequelle. Während
der Blütezeit kamen durchschnittlich 40.000 Pilger in der Gnad-Woche,
1737 kamen über 140 000 und noch im 19. Jahrhundert übertraf ihre Zahl
die Einwohnerzahl um ein Vielfaches. Die Einträglichkeit dieses Geschäftes
belegt das so genannte Bierbüchl des Deggendorfer Brauers Franz Michael
Wurzer, das sich im Stadtarchiv befindet. Das Buch hält von 1759 bis
1829 lückenlos alle Einnahmen fest, die der Brauer Wurzer und seine
Nachfahren während der „Gnad“ erzielten. Bis
sage und schreibe 1992 wurden diese Wallfahrten mit dem antisemitischen
Hintergrund betrieben. Erst die Dissertation von Manfred Eder wies die
Haltlosigkeit jüdischer Hostienschändung nach legte das Verbrechen an
den Deggendorfer Juden dar. Das war der Anlass, die Wallfahrten endlich
einzustellen. |